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Thema: Zu Erzählungen
Dirk von Petersdorff
Tonio Kröger
Erstellt am 17.01.2005 15:41
„Toni Kröger“ war das erste Buch Thomas Manns, das ich gelesen habe, und vielleicht hat diese Erzählung deshalb bis heute einen Zauber behalten, denn die erste Begegnung vergisst man nicht leicht, an ihr hängt eine besondere Erinnerung. Ja, ich muss zugeben, dass mir der „Tonio Kröger“ noch heute am liebsten ist. Sicher gibt es bedeutendere Werke, die ästhetisch raffinierter, intellektuell anregender sind, aber Zuneigungen richten sich nicht nach solchen Qualitäten. Im „Toni Kröger“ wiederum sind es die ersten Kapitel, die ich immer wieder lese, die in der norddeutschen Heimat Tonios spielen, in seiner Vater- und Mutterstadt. Dort, wo die Gespräche mit Lisaweta beginnen, wo von der Kunst geredet wird, lese ich zwar weiter, freue mich aber schon auf das Ende, wo Tonio wieder ans Meer zurückkehrt. Am schönsten aber ist es, wenn Toni und Hans Hansen über die Wälle der Stadt nach Hause gehen, wenn vom Wind die Rede ist, von der Kleidung der Jungen („kurze Seemanns-Überjacke“, „grauer Gurt-Paletot“), und wenn man dann ihrem Gespräch zuhört, das zwischen den Reitstunden Hans Hansens und Schillers „Don Carlos“ hin und her geht, den Tonio gelesen hat: „Da ist zum Beispiel die Stelle, wo der König geweint hat, weil er von dem Marquis betrogen ist.“ Ich glaube auch, dass Thomas Mann nie mehr so direkt gesprochen hat; es scheint so, als ob er gar nicht überlegen müsse, wie eine Empfindung auszudrücken sei. Er sagt es einfach: „Die Sache war die, daß Tonio Hans Hansen liebte und schon Vieles um ihn gelitten hatte.“ Auch dort, wo er Tonios Zwiespalt schildert, wenn der Vater ihn wegen seiner Träumereien tadelt, die Mutter diese Züge Tonios aber lächelnd hinnimmt, wird dies so frei, so ohne Umwege erzählt. Ebenso wie ich den „Tonio Kröger“ am liebsten mag, glaube ich auch, dass Autoren am wahrsten sprechen, wenn sie sich nicht nur etwas ausdenken, wenn die Kunst aus dem Leben hervorgeht, einen realen Boden besitzt: „Ja, wir gehen nun also über die Wälle!“ sagte er mit bewegter Stimme. „Über den Mühlenwall und den Holstenwall, und so bringe ich dich nach Hause, Hans.“
 
Gregor Hens
Der kleine Herr Friedemann
Erstellt am 17.01.2005 16:16
Was ich zum Kleinen Herrn Friedemann zu sagen hätte, ist gar nicht so interessant. Aber meine Studenten in Ohio, Germanistikstudenten im fünften Semester, deren Reaktion auf den Text war wirklich bemerkenswert. Was ist mit der Amme passiert?, wollten sie wissen. „Die Amme hatte die Schuld.“ So beginnt schließlich die Erzählung, und wir erfahren, dass die Amme mit einem Alkohol- beziehungsweise Spiritusproblem kämpft und den kleinen Friedemann vom Wickeltisch hat fallen lassen, ein Sturz, von dem er sich nie mehr ganz erholt. Vielleicht taucht die Amme wieder auf in Gestalt der Frau von Rinnlingen, der Neuen in der Stadt? Scheint sie nicht äußerst nüchtern?, gebe ich zu bedenken. Sie ist, rufen die Studenten, eine dominatrix (so das schöne englische Wort)! Das ist keine Frau für Ammenmärchen, sie kommt angefahren im gelben Jagdwagen, sie steuert selbst, der Kutscher sitzt mit verschränkten Armen dahinter, wirkt gekränkt. Frau von Rinnlingen hat feuerrotes Haar, ein weißes Gesicht, eng aneinanderliegende Augen, Raubtieraugen, Katzenaugen. Sie raucht, das Wort burschikos kommt zum Einsatz (und muss von mir erklärt werden). Sie hat tatsächlich eine Peitsche in der Hand, als Friedemann sie zum ersten Mal erblickt. Schauderhaft. Wunderbar. Friedemann ist sofort verliebt. Vielleicht hätte Mann ganz allgemein schreiben sollen: „Die Frauen hatten die Schuld.“ Meint ihr das, wirklich? Na ja, Friedemanns Vater ist tot, er ist seit frühester Kindheit umgeben von Frauen, kriegt aber keine. Das ist ein hartes Los. Eine Frage noch (hatten meine Studenten): Ist es eigentlich möglich, sich so ins Jenseits zu befördern? Indem man an einen kleinen, friedlichen Bach heranrobbt, das Gesicht ins Wasser hält und wartet, dass man erstickt? Kann man den Überlebensinstinkt auf diese Weise ausschalten? Kann man eine solche Willenskraft aufbringen? In Amerika ist so etwas nicht möglich, nein, meinen die Studenten. Aber den Deutschen, nun ja, denen ist schon Einiges zuzutrauen.
 
Genya Müller
Das Eisenbahnunglück
Erstellt am 11.05.2005 16:39
"Wollen Sie diese alten Schwarten haben?"
Bei den "alten Schwarten" handelte es sich um zwei sehr gut erhaltene Bände "Deutsche Erzähler der Gegenwart", 1928. Natürlich gab ich gern einen Platz in meiner Bibliothek, um so mehr als ich mit einem Blick ins Inhaltsverzeichnis las, dass ein von mir besonders geschätzter Schriftsteller seinen Beitrag zu dieser Sammlung mit einer Erzählung geleistet hat, die mir bis dato unbekannt war: Thomas Mann "Das Eisenbahnunglück".
Mit meinen neuen Errungenschaften zuhause angekommen, führte ich mir sofort die kleine Thomas-Mann-Erzählung zu Gemüte und freute mich bereits auf der ersten Seite über die lobenden Worte, die der Autor über meine Heimatstadt, in welche seine Reise zum Zeitpunkt der Erzählung aus München ihn führte, gefunden hatte: "Auch ist Dresden ja schön (besonders der Zwinger), und nachher wollte ich auf zehn, vierzehn Tage zum 'Weißen Hirsch' hinauf, um mich ein wenig zu pflegen...".
Welch eine Lust, mit Thomas Mann gemeinsam die Aufregungen - das "Fieber" - der Reisevorbereitungen zu erleben, das "Treiben auf dem Perron" zu beobachten und den edlen Herrn "in Gamaschen und gelbem Herbstpaletot, einen Hund an der Leine" kennen zu lernen!
So plastisch geschrieben, erlebte ich den "abscheulich krachenden Stoß" mit, verursacht durch eine defekte Weiche und einen daraus resultierenden Auffahrunfall bei Regensburg, stand gedanklich ebenso verwirrt und ratlos zwischen den Schienensträngen mit der Nachricht, dass Räumungsarbeiten vorgenommen werden - "Räumungsarbeiten mit (seinem) Manuskript... Zerstört also, zerfetzt, zerquetscht, wahrscheinlich", sein ganzer "in Jahren zusammengetragener, erworbener, erhorchter, erschlichener, erlittener Hamsterschatz von Material", von dem keine Abschrift existierte.
Welche Erleichterung später festzustellen, dass den Koffern doch nichts fehlte! Das Manuskript gerettet!
Doch welches Manuskript? An welchem Werk hatte er zu jener Zeit gearbeitet?
Lange habe ich danach gegründelt, aber keine Antwort darauf gefunden. Erst im Kommentarband der GKFA "Frühe Erzählungen" erhielt ich Aufschluss: Das Manuskript als Pointe.
Ob mit großem Roman oder kleiner Erzählung, mit Rede oder Essay - für mich ist Thomas Mann ein Verzauberer, dessen Umgang mit der deutschen Sprache, dessen Fähigkeit der großen sprachlichen Malerei mich immer wieder aufs Neue fasziniert.
 
Sabine Haftenberger
Mario und der Zauberer
Erstellt am 21.05.2005 16:22
Ich habe gestern erstmalig "Mario und der Zauberer" gelesen und war trotz aller innewohnender Tragik so erheitert wie schon lange nicht mehr über die "Zwiebel", über Cipolla, der peitscheknallend sein Publikum bis zu letzter Virtuosität im Griff behält - bis es eben knallt und dies mit Recht, so meine ich. Herrlich auch die Schilderung ortsansässiger Arroganz bei strahlender Hitze, die jeden wirklichen Genuß exsessiv verödet. Mir selbst übrigens erdrückend und deprimierend wohlbekannt von meiner Hochzeitsreise nach Sizilien. Noch einmal zurück zum "Forzatore Cipolla", der lediglich einen "Leibesschaden" zu beklagen hat, also eine denkbar zynische Reduzierung auf körperliche Mängel, so auch die Tabak- und Alkoholsucht, die immer wieder neuen Schwung gibt, im Geiste dies hervorzuzaubern, was der Körper eben doch vielleicht glücklicherweise versagt hat. Doch Cipolla setzt seiner Vergeistigung, mit der er ja sein Leben meistert und das seiner Mitmenschen durch Suggestion im Griff behält, durchaus keine Grenzen. Ach, hätte er nicht den Zeigefinger zum Haken gekrümmt und Mario in Versuchung geführt zum Eingeständnis seiner Liebe auf offener Bühne, nur, daß er genötigt war, IHN zu küssen, den gigantischen "Forzatore" statt der Geliebten! Welch' ein Verrat der Mannesehre, da blieb schlichtweg der Schuß als Er-Lösung. Ach, Tomas, hab' Dank, daß du nicht vorzeitig die Bühne deines Lebens verlassen hast - die Kinder haben es genossen so wie auch ich!
 
Sabine Haftenberger
Gerächt
Erstellt am 24.05.2005 11:41
Das Lesen der novellistischen Studie "Gerächt" hat sehr zwiespältige Gefühle in mir wachgerufen. Mich trifft doch sehr die erbarmungslose Offenheit, der sich der Erzähler uncharmanterweise gegenüber Dunja bedient. Ihr aufgeklärter Geist ist ihm willkommen in seinen persönlichen Turbulenzen, aber eine körperliche Spannung zwischen Mann und Frau wird ihm gerade hier so unerträglich, daß er sich im Schutz von intellektueller Abgeklärtheit zu plumper Beleidigung hinreißen läßt. Als er dann aber im Gegenzug zu hören bekommt, daß sie kein blaustrümpfig unbeschriebenes Blatt mehr ist, geht er in seinem Hang zu Demütigung so weit, sie nun gleich selbst zu begehren. Sie ist ja doch nicht reiner als die Anderen, wozu noch zurückschrecken, ist sie ja auch nur ein Weib aus Leib und Lust! Und das alles für einen Bankbeamten, der in den Augen seiner Überheblichkeit doch lediglich eine Beleidigung des guten Geschmacks darstellt! Plötzlich schreckt nun auch die Häßlicheit nicht mehr, der "Triumph des Geites" scheint wie weggeblasen - aber warum nur? Warum läßt er sich nicht mit Takt und Fingerspitzengefühl retten, solange es beiden Spaß macht? Es gibt doch nichts Schöneres, als sich mit einem Mann, der nichts fordert als gegenseitiges Vetrauen, tiefsinnig über die Liebe zu unterhalten! Oder gibt es so etwas gar nicht? Unser Held versagt dabei kläglich, und ich leide mit Dunja. Vielleicht war das Hellgrün ihrer Augen ja doch nur der ganz alltägliche Reiz einer auffällig schönen Dame!
 
Rolf-Dieter Venzlaff M.A.
tonio kröger
Erstellt am 31.05.2005 15:27
als lübecker, zumal als schüler des katharineums, kreisten meine gedanken - kaum dass ich in der pubertät war - um die blonden, hellen und leichtfertigen, denen ganz offensichtlich ein besseres schicksal als mir grüblerischem vergönnt war.

wie froh war ich, als ich eines tages den "tonio kröger" in die hand bekam. "sehnsucht war darin und schwermütiger neid, ein ganz klein wenig verachtung und eine ganze keusche seligkeit."

soll ich erwähnen, dass rolf thiele unter uns die darsteller seines geplanten films suchte? manchmal, wenn ich irgendwo auf einem fernsehkanal den film "tonio kröger" finde, schauen mich meine freunde an - so wie wir mit 16 waren. sie alle spielten in der berühmten "tanzstunden-szene" mit und mein damalig bester freund, mit dem ich immer mit dem fahrrad zur schule fuhr, war sogar ... aber lassen wir das. es ist zu lange her.

übrigens hasste thomas mann die fahrradfahrer ... vor allem, wenn sie ihm, den schal übermütig im wind flatternd, auf dem friedhof begegneten.

oder war das nur eine andere geschichte?

den "tonio kröger" habe ich geliebt - und tue es noch heute. wenn auch mein schönstes leseerlebnis "königliche hoheit" war - viel später erst und heiterer im gemüt.

in münchen - auch dorthin folgte ich thomas manns spuren, besuchte ich alle seminare über thomas mann, schrieb klausuren über ihn und wenn ich aus dem studium "nach hause" - nach lübeck - fuhr, war ich fast so wehmütig und amüsiert wie tonio kröger.

 
Sabine Haftenberger
Die Betrogene
Erstellt am 02.06.2005 16:48
Diese Erzählung ist für mich eine der schönsten, die ich kenne. Vor etwa zwanzig Jahren las ich sie zum ersten Mal, habe sie nie vergessen und vor kurzem wiederentdeckt. Zunächst einmal finde ich diese Einlassung Thomas Manns in die intime weibliche Welt wunderbar! Mit wieviel Feingefühl gelingt ihm das als Mann, sich mit solch mutiger Raffinesse an Unaussprechliches anzunähern. Dazu wählte er wohl mit Bedacht eine eng-vertraute Mutter-Tochter-Beziehung, in der sich die Intimität der Thematik entwickelt. Für mich ist es wirklich faszinierend, wie Thomas Mann das eindeutige Symptom einer Krankheit als Veräußerung einer für die Außenstehenden eher beargwöhnten Verliebtheit einsetzt. Nennt nicht auch Dr. Krokowski im "Zauberberg" dieses Phänomen beim Namen? Nun, Rosalie glaubt diesem trügerichen Zauber. "Es ist mir wiedergekehrt", so ihr tiefer innerer Jubel, wie gern möchte ich mich mit ihr freuen und der positiven Deutung der Symbolik Glauben schenken. Doch hier verströmt Mutter Natur letztendlich ihre Zweideutigkeit: Das Symptom der todbringenden Krankheit wird triumphierend fehlgedeutet als Zeichen der Verjüngung und erneuter Befähigung zu körperlicher Leidenschaft und führt dann in der Tat zum Liebestod. Doch liegt nicht Verlockung darin, wie diese (natur)liebende Frau mit sich und ihrer Zuneigung zu einem wesentlich jüngeren Mann umgeht und sich damit letztendlich einen leidenschaftlichen Lebensabschied bereitet? Wieviele Vorurteile gibt es auch heute noch, gerade wenn eine ältere Dame ihr Begehren einem jüngeren Mann zuwendet? Ich bin wirklich begeistert von der Offenheit, die Thomas Mann uns in dieser vielschichtigen Erzählung geschenkt hat!
 
Sabine Haftenberger
Wälsungenblut
Erstellt am 20.06.2005 20:47
Heute habe ich seit langem wieder einmal "Wälsungenblut" gelesen. Der zutiefst sinnlichen Atmosphäre dieser Erzählung ist in mehrfacher Hinsicht kaum zu widerstehen. Der geistige Luxus wächst über sich selbst hinaus und zieht mich so sehr in den Bann, daß ich Siegmund und Sieglinde am liebsten nicht mehr aus der Hand legen möchte. Da ist das faszinierende Thema der Geschwisterliebe, der Liebe zum eigenen Spiegelbild zur Vollendung höchster Sinnlichkeit. Wunderbar auch die Konfrontation in der Opernaufführung eben mit diesem Motiv, die noch kurz vor der Hochzeit mit von Beckerath dazu führt, daß nun alle mühsam gezügelten Schranken endgültig fallen! Beim Lesen verliere ich mich so sehr in die Intensität der Opernhandlung, daß es mir schwerfällt zu unterscheiden, welche "Welt" die tragende ist: Die auf der Bühne dargestellte oder die exklusive Zweisamkeit des Zwillingspaares. Beide versinken atmosphärisch ineinander, worin der gefährliche Zauber liegt, Phantasie und Wirklichkeit nicht mehr zu unterscheiden und das Unwirkliche wahr werden zu lassen. Der "Zauberer" hat wieder einmal ganze Arbeit geleistet! Interessant finde ich, in welchem "Überfluß" sich Wohlstand und kulturelle Fülle im Hause Aarenhold ausbreiten, z.B. die beunruhigende Auswahl an Büchern und Zeitschriften, die es eigentlich unmöglich macht, sich auf Wesentliches zu konzentrieren, und den gedanklichen Blick schnell abschweifen läßt . Es scheint, als ob die Bücher "gebunden" werden müssen im Sinne einer Verbarrikadierung (vgl. "Aber die Bücher wurden gebunden ff.) Ich erinnere mich an meine Zeit als Heranwachsende, in der mir nur wenige Romane zur Verfügung standen, so aber immerhin die "Buddenbrooks"! Daraus erschloß sich mir eine geistige Welt, die ich nie mehr missen möchte. Ich las dann zwar immer dasselbe, aber wenigstens das für mich Richtige! Es liegt wohl bei den Aarenholds eine besondere Form von Reizüberflutung vor, die eben zu gewissen Eigenarten der Beteiligten führt und damit sicher auch zu Thematiken unserer Gegenwart. Thomas Mann ist also auch in seinen raffiniertesten Erzählungen für mich keineswegs überholt!
 
Sabine Haftenberger
Tristan
Erstellt am 24.06.2005 09:58
"Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, ist dem Tode schon anheimgegeben, ...". Diese Zeile von v. Platen ging mir beim Lesen von "Tristan" durch den Kopf wie ein Leimotiv. Eine wunderbare Erzählung! Schon der erste Satz ist die freundliche Einladung zu einem Abenteuer, das seinesgleichen sucht. Thomas Mann schafft es, die Wagnersche Musik in Worten erklingen zu lassen, und dies begeistert mich besonders. "Tristan und Isolde" ist auch für mich eine Vollendung des musikalisch Möglichen, und so fühle ich mich hier als Wagner-Freundin sehr zu Hause. Aber dies ist nur ein Aspekt. Die Entrücktheit beim Lesen ist einzigartig. Die Figur der Gabriele nimmt dermaßen Gestalt an, daß mir Klöterjahn als wahre Beleidigung dieser hochbegabten Zartheit erscheint. Dem Schreiben Spinells, der dies wohlbemerkt mit der Post verschickt, möchte ich mich nahtlos anschließen, ganz gleich, ob Klöterjahn das Herz nun auf dem rechten Fleck hat oder nicht! Ich sehe in dieser Erzählung auch, daß Thomas Mann sich mit der Mutterschaft und ihren möglichen Auswirkungen befaßt. Dies begegnet mir schon in Pastorin Höhlenrauch, die über neunzehn Kindern begreiflicherweise den Verstand verloren hat. Sicher, Gabriele hat sich wohl freiwillig zu Mann und Kind entschlossen, doch was wußte sie wohl damals über sich? Wie wenig ernst nahm sie ihr musikalisches Talent, das sie mit ihrem Vater teilte! In ihrer Bereitschaft, Klöterjahn zu ehelichen, hat sie sich wohl für das Leben entschieden, aber eben nur scheinbar gelingt dieser Kompromiß. Eigentlich mißlingt er vollkommen zu ihren Ungunsten, denn den animalischen Lebenstrieb des Babys hat sie schon längst mit eigener Lebenskraft bezahlt, was wiederum dazu führt, ihr das Musizieren völlig zu verbieten. Eine solche Unterdrückung von Begabung und Leidenschaft zugunsten von einengenden Mutterpflichten mag auch in unseren Zeiten noch erwähnenswert sein, besonders wenn diese nicht unbedingt zum Gelderwerb führen und damit in der Familie nicht positiv gefördert werden. So könnte ich mich mit Gabriele freuen, daß sie die Banalität ihres Daseins verlassen darf und in wagnerianischer Vollendung den geeigneten Gefährten trifft, der genau wie sie "zu keinem Dienst auf Erden taugen wird" (v. Platen), uns womöglich aber an Schönheit, Erkenntnis und Klarheit so bereichert, daß wir die Erde mit allen Unwegsamkeiten einmal vergessen dürfen!
 
Sabine Haftenberger
Der Weg zum Friedhof
Erstellt am 01.07.2005 10:16
Vom Leben geschlagen und vor die Hunde gekommen, so ist die (Lebens-)situation Gottlob Piepsams einzuchätzen. Ich fage mich wohl zurecht, welchen Hohn allein schon der Vorname für diese Kreatur bedeuten muß. Eher könnte es zutreffen, daß der beklagenswerte Mann überhaupt nie "Piep" gesagt hat, so, als ob es zu mühsam gewesen wäre. Nun, das Leben entlockt so manches, besonders, wenn es zuschlägt. Piepsam explodiert ja förmlich auf seinem Trauerpfad, wenn dies auch wiederum nicht gerade ins Leben führt, aber doch immerhin! Diese Erzählung gefällt mir nicht wirklich, aber sie beschäftigt. Piepam bleibt mir unsympathisch, erweckt mir kein echtes Mitleid. Letztendlich hat ER sich doch dem sanften Rauschen des Lebens in den Weg gestellt, wie sollte es da nicht klingeln! Immerhin verlangsamt es sogar das Tempo, hat also keineswegs die Absicht, den Trauerkloß ohne Vorwarnung zu überrollen. Was also ist denn schon dieser Radfahrer? Da gibt es doch ganz andere Lebendigkeiten! Mir schwebt da z.B. eine ausgelassen-angeheiterte Hochzeitsgesellschaft vor, die Piepsams Trauermarsch kreuzt, etwas angesäuselt quasi von Piepsams Suchtmittel, aber dies eben vor momentanem Glück und nicht aus Lebensüberdruß. Piepsam würde dann vollständig außer Kontrolle sich in Brautschleier und Rückenausschnitt des Kleides verkrallen, so daß beides in meiner Vorstellung zerreißt, und schließlich der bräutliche BH-Verschluß zum Vorschein kommt mit entsprechender Größenangabe - einer Nummer ganz anderer Qualität, die Piepsam zur Anzeige bringen könnte ... . Ich hege den leisen Verdacht, daß Thomas Mann gewisse Probleme mit lebensfrohen Radfahrern hatte, schade eigentlich! Nun ist der Weg zum Friedhof für Piepsam nicht gerade einfach, letztendlich besucht er ja doch sein eigenes Grab, und haftet nicht vielen Friedhofsbesuchen so ein Gefühl an? Vielleicht liegt ja eine schaurige Romantik darin? An dieser Erzählung ist nichts so originell, daß es mich von einem Wunsch nach Abstand ablenken könnte. Wahrscheinlich fahre ich einfach zu gern Fahrrad!
 
Dennis Ulbrich
Der Zauberberg - Satz für Satz mit einem Entzücken aufgenommen
Erstellt am 11.12.2005 22:26
Wenn ich an meine Leseerfahrungen denke, ist es ganz und gar unvermeidlich, dass mir sofort und mehr oder weniger augenblicklich Thomas Mann einfällt. Es ist, als wären in meinem unbewussten Denken Mann und hochergreifender Lesegenuss eine urtiefe Verbindung eingegangen: Stille im Haus, alleine, der Morgen bricht herein und ich sitzend, stehend, liegend, noch oftmals Genüsse des Verstehens mit Änderungen der Position verbindend, einen jungen Mann auf seinen Grenzen des Aufnehmens intellektuellster Gedankengänge begleitend. Ja, wenn nicht mehr als das: Das ist kein Lesen an sich, als empirische Aktion, das ist Mitfühlen, Mitleiden, ein stetes Verwundert-Sein. Und jedesmal, wenn ein Dialog, ein Kapitel beendet ist, das hochfreudige innere Aufjubeln, wieder Welten eines Wissen aufgenommen zu haben, auf eine kurze Formel gebracht: Entzücken über diese morbide, kluge, hermetische und ach so besondere Atmosphäre auf diesem alles umfassenden, mikrokosmosähnlichen Zauberg.
Manchmal das Gefühl, diesen manchmal so weltfremden Autor, dessen Leben alleine tausendseitige Biografien füllt, mit einer Art von Liebe aufzunehmen, ein Werk von ihm im Regal zu sehen - das ist Kunst, Stolz, Leben. Lesen und feststellen: Vielleicht hast du dank dieses Menschen eine Ahnung vom Leben, vom Menschen und von allem ein bisschen.
 
Dr. Franz Conca
Thomas Manns "Gesetz" als echte Huldigung der Zivilisation
Erstellt am 16.03.2006 16:13
“Die Huldigung der Künste”: so ist eben das letzte, zu Lebenszeiten (1804) glücklicherweise noch vollständig verfasstes Werk des unsterblichen deutschen Dichters Friedrich Schiller (1759-1805) betitelt. Abgesehen natürlich von den besonderen historischen Umständen und Zusammenhängen, die die unglaublich rasche Verfassung des oben angeführten Stückes eigentlich veranlassten, ist es denn auch kaum von der Hand zu weisen (viel besser wäre es vielleicht, schlichtweg von einer authentischen „Binsenweisheit“ zu reden), dass für den großen Weimarer Klassiker der Kunst eine in jeder Epoche der Weltgeschichte gültige, exemplarisch erziehende Rolle überhaupt zugeschrieben wird. Der Kunst - und dem Künstler selbstverständlich, wobei sich der letztere als ein Bildhauer der ethischen, dazu noch unsterblichen Werte einer Nation, aller Völker präsentiert („Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben, bewahret sie!“, so in seinem philosophischen Gedicht „Die Künstler“) . Eben dasselbe gilt in besonderem Maße für den Bildhauer Moses, der alttestamentarische Held der sprachlich opulenten, groß angelegten Erzählung aus dem Jahre 1994, ein höchst gelungenes Nachspiel zur Joseph-Tetralogie. Die göttliche Sendung, der Auszug aus Ägypten, die Tafel des Gesetztes, alles wird absolut einwandfrei harmonisch ineinander geschmolzen; fast könnte man behaupten, der Text sei die ehrliche Botschaft einer hervorragenden Persönlichkeit aus den Tiefen des amerikanischen Exils zu seiner alten, von den Gräueltaten des damals zu Ende neigenden Zweiten Weltkrieges Europa, indem er damit scharf betonte, aus den uralten Quellen der Menschheit sei zuletzt möglich, die Keimen eines neuen Zivilisationsprozesses zu schöpfen und somit eine allgemeine „Erlösung der Völker“ in Gang zu setzen.
 
Rahel Jakobson
Gladius Dei
Erstellt am 14.05.2006 18:18
Leicht irritiert musste ich feststellen, dass bisweilen sich niemand zu der kleinen Erzählung "Gladius Dei" geäußert hat.

Dieses oft und lange Zeit fehl interpretierte Stück ist keine Feier der Stadt München - im Gegenteil, sie ist Kritik an Ästhetizismus, Dogmatik und wesentlich um Th. Manns Kunstbegriff verstehen zu können. - meines Wissens nach ist der darin vorkommende Künstlercharakter Hieronymus, höchstens noch beim Dr. Faustus so deutlich gezeichnet: zum einen die Ablehnung gegenüber amoralischem Kunstgenuss; zum andern die eigene Abhängigkeit von Leben, dem man sich zu entziehen - oder besser: zu emanzipieren braucht.

Ich selbst habe diese Erzählung erst recht spät gelesen, und was mir vielleicht verstehen half: nach dem Dr. Faustus.
Die Geschwindigkeit dieser Lektüre und die emotionale Verstrickung zwischen Th. Manns eigenem Zynismus und der ernsthaften Liebe zum "Wahren" haben mich gleich mitgerissen. Einmal lesen reichte da nicht. Gleich darauf noch mal, und nochmal, und nach einer weile wieder.
Im gegensatz zu zum Beispiel Tonio, Buddenbrooks, Zauberberg, das Gesetz oder anderen Erzählungen Thomas Manns, kann man / bzw. konte ich hier drin immer wieder neu Lesen.
Gut, die Dogmatik der Unbefeckten Empfängniss hat Th. Mann, als Protestant, wohn nicht so richtig verstanden, aber geht es darum? -- ich denke kaum.
Aller wärmstens will ich dieses kleine Meisterwerk jedem ans Herz legen.
"Hüllt die Welt in Schönheit ein, und verleiht jedem Dinge den Adel des Stils"
 
H.-P.Haack, Leipzig
Der Tod in Venedig
Erstellt am 16.07.2006 09:07


Die „Tragödie einer Entwürdigung“ hatte Th. Mann den“ Tod in Venedig“ im „Lebensabriss“ genannt. Sprachlich erreichen Entschiedenheit und persönliche Prägnanz des Tonfalls hier eine Vollendung, die von Th. Mann nicht wieder überboten worden ist. Die mythologische Tiefenperspektive, die Unterteilung in 5 Kapitel analog den 5 Akten der griechischen Tragödie, der zeitweilig antikisierende Sprachrhythmus (eingangs des 4. Kapitels) geben der Novelle das Gepräge von Klassizität. Es dürfte sich hier um die beste deutsche Prosa handeln, die im 20ten Jahrhundert geschrieben worden ist.

Literaturgeschichtlich ist „Der Tod in Venedig“, entstanden am Vorabend des 1. Weltkrieges, zugleich Höhe- und Endpunkt der Décadance - Literatur des zu Ende gegangenen 19. Jahrhunderts. In „Der Zauberberg“(1924) distanziert sich Th. Mann im Schneekapitel von der „Sympathie mit dem Tode“. Der zutiefst religiöse Roman „Doktor Faustus“ mit dem Décadence-Motiv ´Genialisierung durch Krankheit´ lässt auf Gnade und Erlösung hoffen als ein „Licht in der Nacht“. Diese Werke überwinden die Décadence. Eine Wiederaufnahme der Décadence in „Die Betrogene“ ist vom Lesepublikum nicht oder nur halbherzig akzeptiert worden.

Frei von Todesgeruch und depravierter Romantik sind die Josephs- Erzählungen und der Schelmenroman „Felix Krull“. Auch „Das Wunderkind“ - ein heiteres Nachspiel auf die melancholische Künstlernovelle „Tonio Kröger“ - ist hier zu nennen.

H.-P.Haack, Leipzig
www.haack-leipzig.de
 
Kolja Dreger
Das Eisenbahnunglück
Erstellt am 15.09.2006 10:43
Thomas Mann: Das Eisenbahnunglück

In der Kurzgeschichte geht es um ein wahrscheinlich reales Erlebnis aus dem Leben Thomas Manns. Die Erzählung weist gesellschaftskritische Züge auf und ist an die Zeit vor dem ersten Weltkrieg gebunden. In der Erzählung geht es zwar um ein Eisenbahnunglück, doch der eigentliche Sinn der Erzählung ist die Charakterisierung der Gesellschaft und des Zeitgeistes zur Zeit des Deutschen Kaiserreiches vor dem Ersten Weltkrieg. Alle Anspielungen sind indirekt, dezent und dosiert gehalten. Vor allem seine eigene Zunft kritisiert Thomas Mann mit Ironie und leichtem Spott. Die anderen Kritikpunkte werden alle als Personen dargestellt, zum Beispiel einen Schaffner als Vaterland. Vielleicht steht auch die Eisenbahn für das gesamte Deutsche Kaiserreich und ihren Verlauf in der Zeit von 1905-1914.
Die Geschichte könnte als Vorausahnung des Schicksals gedacht sein.
Der Zug fährt erst gemütlich und dann plötzlich nach einer Ruhephase passiert der Crash. Das würde ungefähr der politischen Situation von Europa und vor allem Deutschland in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg entsprechen. Das der Ich-Erzähler danach in einem unbequemen Zug weiterreisen muss könnte für eine ungemütliche Zeit nach dem Krieg stehen. Allerdings ist es unwahrscheinlich, dass Thomas Mann dies alles zum Zeitpunkt als er die Erzählung schrieb, schon gewusst hatte. Aber immerhin besteht die Möglichkeit, dass die Erzählung politisch aufzufassen ist. Eine weitere Möglichkeit ist, dass die Erzählung als Lehrstück dient um zu zeigen, wie man eine Erzählung schreibt. Erst leitet man die Erzählung mit der Vorstellung der Charaktere ein, damit sich der Leser mit ihnen identifizieren kann.
Darauf sollte man den Haupterzählstrang anfangen (Der Zug), wenn dieser endet (Unglück), dann fängt man eine neuen Erzählstrang an (Der nächste Zug nach Dresden). Die ganze Geschichte könnte eigentlich zweideutig geschrieben sein oder als eine wahre Begebenheit mit Gesellschaftlichem Hintergrund gemeint sein.

Von Kolja Dreger
 
M.Tasser
Das Eisenbahnunglück
Erstellt am 15.09.2006 10:45
Thomas Mann: Das Eisenbahnunglück


Als ich von meinem Lehrer das Textblatt von Thomas Manns „Eisenbahnunglück“(1909) in die Hand gedrückt bekam, war ich in etwa genauso begeistert, wie bei den anderen 10 Kurzgeschichten, die wir zuvor besprochen hatten. Doch als ich die Erzählung gelesen hatte, und wir sie in der Klasse mehr und mehr in ihre Bestandteile zerlegten, meinte ich zu erkennen, wie genau Thomas Mann jeden einzelnen Absatz auf die anderen abgestimmt hatte, wie perfektionistisch er vorgegangen war. Nachdem uns unser Lehrer dann noch vor Augen führte, welche Absicht eventuell hinter diesem kleinen Stück Text stand, nämlich eine Anleitung zum Schreiben von Geschichten, war ich erstaunt. Als ich verstand, wie ironisch Thomas Mann erst sich beschrieb, und dann mehrere Personen (z.B. den Herrn mit dem Hund = Kaiser Wilhelm II.), bzw. Gegenstände(sein Koffer = die Literatur) metaphorisch mit der Wirklichkeit verband, war ich fasziniert. Ebenfalls halte ich es für beachtlich, dass man die Erzählung zum Zeitpunkt des Bahnunglücks praktisch spiegeln kann, und zu jeder Begebenheit ein Gegenstück findet. Ich hatte zwar schon seit längerem vor die Buddenbrooks zu lesen, doch haben mich diese Erzählung und ihre Analyse dazu veranlasst zuhause sofort in den Buchladen zu laufen und mir ein Exemplar dieses Buches zu sichern. Auch der für Thomas Mann typische Charakterisierungsstil, nämlich seine Art Personen indirekt zu beschreiben, war auffallend und ließ mir die Möglichkeit eine eigene Meinung der Personen zu bilden.
 
Frederik Zwilling
Eisenbahnunglück
Erstellt am 15.09.2006 10:46
Thomas Mann „Das Eisenbahnunglück“

Die Erzählung handelt von einem Eisenbahnunglück. Allerdings ist die Geschichte das langweiligste der ganzen Erzählung, denn wenn man etwas genauer und zwischen den Zeilen liest, fallen einem viel spannendere Sachen auf.
Zum Beispiel ist da der Stil, in dem Thomas Mann Personen Charakterisiert. Er sagt nicht „Der Hund war hübsch.“, sondern „Ich sah nie ein hübscheres Hündchen.“. Also werden Dinge bei ihm immer indirekt und nicht direkt beschrieben. Das führt dazu, dass die Erzählung besonders fließt und sich der Leser ein eigenes Bild machen kann .
Des Weiteren gibt es eine Art Achse in der Mitte der Geschichte. „In diesem Augenblick geschieht das Eisenbahnunglück. Ich weiß es wie heute“ Dieser Satz fungiert als Achse. Das hört sich zuerst relativ unwahrscheinlich an aber viele Beispiele zeigen es:
Am Anfang der Geschichte wird eine Rahmenhandlung erzählt, genau wie am Ende.
Vor dem Unglück wird besonders auf den Mann eingegangen, wie auch danach. Am Anfang wird Ironie gehäuft, wie am Ende. Der Schaffner tritt vor und nach dem Unglück auf.
Was ich nicht wie andere Leute zwischen den Zeilen finden kann, ist dass das Eisenbahnunglück eigentlich eine Anleitung zum Schreiben eines literarischen Textes sein soll. Es kommt zwar ein Manuskript vor und es ist am Anfang geschrieben, dass der Erzähler etwas erzählen soll und dann mit einem Erlebnis von ihm anfängt, aber das kann genauso gut nicht von Thomas Mann beachtet worden sein. Denn Illuminati ist ja auch keine Anleitung zum Lösen von Rätseln.
Außerdem fällt noch der Herr mit dem Hund auf. Dieser wird erst besonders ironisch beschrieben und zeigt später nur noch negative Seiten. Ich möchte Thomas Mann nichts unterstellen, aber ich glaube, dass der Herr Kaiser Wilhelm den zweiten darstellt. Außerdem weist auch die Ironie im Text darauf hin „Man ist nicht umsonst ein Untertan Wilhelms II.“ oder „Der Staat, unser Vater, gewann wieder Haltung und Ansehen.“

Von Frederik Zwilling, Schüler am Aloisiuskolleg in Bonn 22.8.06
 
Sebastian Silberling
Thomas Mann "Das Eisenbahnunglück"
Erstellt am 15.09.2006 10:47
In der Geschichte „Das Eisenbahnunglück“ von Thomas Mann geht es um ein
Eisenbahnunglück vor dem 1. Weltkrieg, in das der Ich-Erzähler mit
eingebunden ist und es dadurch detailliert beschreiben kann. Der Anfang ist
eher schleppend und die Geschichte kommt nicht so recht in Gang. Dies ist auch
erst einmal nur die Rahmenhandlung, die von Thomas Mann mit sehr viel Ironie
versehen ist.
Die Geschichte ist in der Mitte aufgeteilt, dieses Mittel was Thomas Mann dort
benutzt ist meiner Meinung nach genial, denn so kommt dem Leser alles ein
bisschen bekannt vor. Am Anfang der Erzählung steht die Rahmenhandlung genau
wie am Ende. Und sie ist am Anfang genau wie am Ende mit einer Häufung von
Ironie versehen. Der „Spiegel“ kann außerdem noch verdeutlichen wie alles
vor dem Unglück abgelaufen ist und wie danach. Wie sich die Personen verhalten
und wie sich der Ich-Erzähler verhält.
Der besondere Stil von Thomas Mann ist es Sachen sehr ausschweifend zu
umschreiben und die Wortwahl peinlich genau zu bestimmen. Das macht ihn meiner
Meinung nach zu einem guten Künstler und „Das Eisenbahnunglück“ zu einem
sehr gelungenen Stück.
Thomas Mann lässt ein wenig durchklingen, dass er mit der Situation im
Deutschen Reich unter Kaiser Wilhelm II nicht zufrieden ist. Und, dass seiner
Meinung nach Deutschland nicht von der Nachrüstung der Züge abhängig ist im
Falle eines Krieges, was einige Jahre später der Fall war, damit man nicht so
leicht anfällig ist wie dieses Zugunglück zeigt. Denn im Falle eines
Unglücks ist Deutschland nicht in der Lage Verpflegung und Rüstung in die
Kriegsgebiete zu transportieren, wenn man sich nur auf den Bahnverkehr
versteift.
Ein weiteres gutes Charakteristikum für Thomas Mann ist wie genau er die
Personen beschreibt, die in seinen Geschichten vorkommen, damit sich der Leser
ein besseres Bild von ihnen machen kann und sich so mit ihnen in Verbindung
bringen und sich mit ihrem Charakter identifizieren kann.



 
Felix Wachholz
Thomas Mann "Das Eisenbahnunglück"
Erstellt am 15.09.2006 10:47
Die Geschichte spiegelt mit ziemlicher Deutlichkeit das schlechte Verhältnis zwischen Armen und Reichen kurz vor dem 1. Weltkrieg wider. Das wird vor allem durch die genaue Charakterisierung der einzelnen Personen klar, die alle eine Rolle in diesem „Staatssystem“ einnehmen. Sogar der Ich-Erzähler selbst wird von sich selber charakterisiert. Er redet mit stark ironischem Ton und sein Koffer ist für ihn sein ein und alles. Vor, sowie nach dem Unglück ist sehr lange Zeit von diesem Koffer die Rede. Dadurch wird deutlich, dass der Ich-Erzähler die Rolle des Normalbürgers einnimmt, da er kleine Sorgen hat. Der Mann mit dem Hund hingegen soll den Kaiser darstellen, der pickfein angezogen ist und dem alles egal ist bis auf sein kleines Schoßhündchen, für das er es sogar für nötig hält sich nicht an die Regeln im Zug halten zu müssen. Die verunsicherte alte Frau spiegelt einen der Armen wider, die von dem Schaffner – welcher den Staat darstellt - gar nicht wirklich wahrgenommen wird und so schnell wie möglich „abserviert“ wird. Das Besondere am Aufbau der Erzählung ist die Auflistung der einzelnen Personen, welche vor allem mit dem ironischem Satz:“ Ich soll was erzählen? Was soll ich den erzählen?“ eingeleitet wird. Zumal ist die Geschichte so aufgebaut, dass beim Zugunglück quasi gespiegelt wird. Beispiel: Vor dem Unglück wird die Frau erwähnt, nach dem Unglück wird sie erwähnt. Vor dem Unglück macht sich der Erzähler Sorgen um seinen Koffer, nach der Erzählung macht sich der Erzähler Sorgen um seinen Koffer usw. Dadurch wird deutlich gemacht, dass das Unglück ein zentrales Ereignis ist. Vom Erzählstil her fällt das Einsetzen der verschiedenen Tempora, die ebenso wie die Ereignisse gespiegelt werden, auf. Am Anfang der Erzählung wird Präsens eingesetzt und am Ende genauso. Der Rest ist alles Imperfekt, bis auf das Unglück, was wieder ein Zeichen für das Zentrale ist.
 
Felix Kompalik
Thomas Mann „Das Eisenbahnunglück“
Erstellt am 15.09.2006 10:47

Das eigentliche Thema der Erzählung ist nicht das Eisenbahnunglück, sondern es geht um den Staat und die gesellschaftliche Veränderung. Nach dem Unglück gibt es keine verschiedenen Klassen mehr, sondern alle Menschen sind gleich und sitzen in einer Klasse, im Zug und in der Gesellschaft.

Thomas Mann verwendet am Anfang der Erzählung, beim Unglück und am Ende der Erzählung das Präsens. Dadurch hat der Leser den Eindruck, mitten im Geschehen zu sein. Viele Aspekte, die vor dem Unglück beschrieben werden, werden nach dem Unglück noch einmal aufgegriffen. Nimmt man das Unglück als den Höhepunkt und die Mitte der Erzählung an dem eine Veränderung stattfindet, dann kann man sagen, dass diese Aspekte an dem Höhepunkt gespiegelt werden und dadurch unter zwei verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet werden.

Der Ich-Erzähler ist ein selbstbewußter und von sich überzeugter Mann. Er ist ängstlich, was das Reisen betrifft, ordnungsliebend und ein Perfektionist. Sein Manuskript ist sein Leben, sein Werk, sein Ein und Alles. Ohne sein Manuskript wäre er nicht er.
Der Herr mit dem Hund steht für den Reichtum und fährt in der ersten Klasse. Nach dem Unglück sitzt er bei den anderen Menschen. Das paßt ihm nicht so recht.
Der Zugführer könnte Wilhelm der Zweite sein (wie auch schon in den ersten Zeilen angedeutet mit „Man ist nicht umsonst ein Untertan Wilhelm des Zweiten“). Er führt den Zug sozusagen in das Unglück, in den Krieg.

Thomas Mann charakterisiert Personen nie direkt, sondern immer indirekt. So muß der Leser genauer hinschauen und sich anstrengen (denken), um den Text richtig zu verstehen.



 
Cornelius Haentjes
Das Eisenbahnunglück
Erstellt am 15.09.2006 10:47
Diese Geschichte von Thomas Mann handelt von einem neurotischen Schriftsteller, der auf seiner Fahrt mit dem Nachtzug von München nach Dresden in ein Eisenbahnunglück verwickelt wird. Die Erzählung ist so aufgebaut, dass das Eisenbahnunglück den Mittel- und Höhepunkt der Geschichte bildet und auch als Spiegel fungiert. Vor dem Unglück wird der Schaffner erwähnt und nach dem Unglück auch. Vor und nach dem Unglück geht der Erzähler besonders auf den Mann mit dem Hund ein und man bemerkt eine Häufung von Ironie. Außerdem wird die Geschichte an Anfang und Ende von einem Rahmen umfasst. Man kann in der Erzählung auch eine Anleitung zum Schreiben einer Geschichte entdecken wobei die beiden Züge die verschiedenen Erzählstränge bilden. Der Ich- Erzähler ist ein Schriftsteller, der in seinem Reisekoffer sein Manuskript und damit sein Lebenswerk transportiert. Infolgedessen ist sein Koffer für ihn das Wichtigste überhaupt. Der Herr mit dem Hund, auf den der Erzähler besonders genau eingeht, steht für den damaligen Staat und das „perfekte“ Staatswesen. Vor dem Unglück lässt der Erzähler ihn in einem sehr positiven Licht erscheinen, nach dem Unglück wird das Erscheinungsbild jedoch wieder ein wenig abgewertet. Das besondere am Erzählstil Thomas Manns ist, dass er das Staatswesen und die Gesellschaft, besonders durch die gehäufte Ironie kritisiert. Besonders in Sätzen wie z.B.;“… und der Saat, unser Vater, gewann wieder an Haltung und Ansehen.“ wird Das deutlich.

 
Titus B.
Das Eisenbahnunglück
Erstellt am 15.09.2006 10:48
Thomas Mann, Das Eisenbahnunglück

In der Ich-Erzählung „Das Eisenbahnunglück“ von Thomas Mann geht es darum, wie der Ich-Erzähler auf Anfrage von einem Eisenbahnunglück berichtet, dass ihm vor wenigen Jahren auf der Zugfahrt von München nach Dresden widerfahren sei.
Beim Aufbau der Erzählung bilden sowohl der erste als auch letzte Absatz einen äußeren Erzählrahmen im Präsens. Es ist besonders auffallend, dass die Erzählung spiegelbildlich gestaltet ist. Dabei ist der Moment des Eisenbahnunglücks (im Präsens) als die Achse anzusehen. Alle Geschehnisse vorher lassen sich auf denen von nachher abbilden.
Obwohl es um ein Eisenbahnunglück zu gehen scheint, lässt sich die Erzählung auf verschiedene Weise interpretieren. Vor allem aufgrund des Schaffners als die Personifizierung des Staates lässt, wirkt die Erzählung wie die metaphorische Darstellung eines gesellschaftskritischen politischen Textes.
Thomas Manns „Eisenbahnunglück“ kann jedoch auch als literarischen Text über die Entstehung von Literatur gedeutet werden, besonders wegen der Rolle des Koffers, um den sich der Ich-Erzähler immer wieder sorgt.
Der Ich-Erzähler selbst wird von Thomas Mann ausschließlich indirekt charakterisiert. Er wird als ein verschiedenseitiger, recht bekannter Schriftsteller aus München beschrieben, einerseits egozentrisch, unbelastbar und sehr von sich selbst überzeugt, andererseits aber auch (selbst)ironisch fast spöttisch und gesellschaftskritisch. Außerdem ist der Erzähler zumindest was Reisen angeht sehr auf Komfort bedacht und liebt es sich selbst zu repräsentieren.
Besonders hervorgehoben wird vom Ich-Erzähler das Auftreten eines Mannes mit Hund. Dieser wird als edel gekleideter Mensch mit willensstarkem und verachtungsvollem Ausdruck. In diesem Mann wird beim Eisenbahnunglück die Reaktion der Masse beschrieben.
Das Besondere am Erzählstil, mit dem Thomas Mann diesen Text schreibt, ist die vielfältige Verwendung von Symbolen und Leitmotiven, weshalb sich die Erzählung auch so verschieden interpretieren lässt. Der Autor charakterisiert die vorkommenden Personen meist nur indirekt, was dem Leser eine gewisse Freiheit im Zusammenhang mit seinem Meinungsbild über die verschiedenen Personen schenkt. Der Text ist durchgehend besonders zum Ende hin mit sehr viel Ironie versehen, die zeitweise schon an Sarkasmus grenzt.
 
Alexander Lagrèze
Das Eisenbahnunglück
Erstellt am 15.09.2006 10:48

Thomas Mann, „Das Eisenbahnunglück“:

In der Erzählung „Das Eisenbahnunglück“ von Thomas Mann geht es vordergründig um die Schilderung eines Eisenbahnunglücks. Eigentlich will Thomas Mann jedoch Kritik an der Gesellschaft der damaligen Zeit üben. Er moniert die statusorientierte Denkweise der Menschen.
Thomas Mann hat die Erzählung in einer besonderen Weise aufgebaut. Die Elemente der Erzählung sind spiegelbildlich angeordnet. Auf die einzelnen Passagen, die vor dem Unglück erzählt werden, wird nach diesem noch ein Mal eingegangen (z.B. Herr mit Hund; „die alte Frau“).
Der Ich-Erzähler, der Thomas Mann darstellen soll, ist ein Schriftsteller aus München, der wieder einmal eine Kunst- und Virtuosenfahrt nach Dresden unternimmt. Er ist ein perfektionistischer und selbstbewusster jedoch oft auch selbstironischer Mann. Er ist einerseits ordnungsliebend und ängstlich, andererseits jedoch auch egozentrisch und von sich selbst überzeugt („mein bedeutsames Schicksal“, S. 410). Sein Koffer, in dem sich sein unersetzbares Manuskript („mein Kunstgespinst, ... , mein Stolz und Mühsal, das Beste von mir.“, S. 416) befindet, begleitet den Ich-Erzähler durch die gesamte Erzählung. Er ist verzweifelt, als ihm klar wird, dass sein unwiederbringliches Werk wohl zerstört sein wird. Er erkennt schnell, „dass er von vorn beginnen würde“. Als er am Ende jedoch seinen unversehrten Koffer in der Händen hält, ist er erleichtert.
Der Herr mit dem Hund steht für die Gesellschaft, die Thomas Mann in seiner Erzählung kritisiert. Das selbstverliebte, arrogante und herablassende Verhalten missfällt ihm. So bezeichnet er ihn ironisch als einen Herrn, an dem er sich nicht satt sehen könne.
Die anderen Personen sollen sowohl den Staat (Schaffner) als auch wieder die Gesellschaft (alte Frau) der damaligen Zeit verkörpern.
Die Szene im Abteil des Zuges nach Hof, zeigt, wie Menschen der Oberschicht versuchen, die alten Sitten und Verhaltensregeln, in denen Status eine große Rolle spielt, aufrecht zu erhalten.
Thomas Manns Erzählstil ist in sofern ein besonderer, als dass es ihm gelingt, indirekt Menschen zu charakterisieren und Kritik an der Gesellschaft zu üben.


 
N. Bessenbach
Das Eisenbahnunglück
Erstellt am 15.09.2006 10:48
Beitrag zu Thomas Mann „Das Eisenbahnunglück“

Beantwortung der Fragen !
In der Erzählung „Das Eisenbahnunglück“ von Thomas Mann, verfasst im Jahre 1910 , geht es um ein Eisenbahnunglück, welches Thomas Mann selbst erlebt.
Durch diese Erzählung kritisiert er zu dieser Zeit metaphorisch die Regierung/Staat und zeigt gleichzeitig wie man eine Erzählung optimal aufbaut und erzählt.
Das ganz Besondere am Aufbau dieser Erzählung ist die äußere Rahmenhandlung, diese ist im Präsenz und hat so eine spannende Wirkung.
Der Koffer spielt für Thomas Mann eine sehr wichtige Rolle, da in diesem sein literarisches Lebenswerk steckt. Dieser Erzählstrang zeigt, was für ein fanatischer Schriftsteller Tomas Mann ist, denn er ist selbst während des Unglückes mit seinen Gedanken meistens bei seinem Koffer.
Der Herr mit dem Hund in der Erzählung symbolisiert den zurzeit regierenden Kaiser Wilhelm II. Dies zeigt sich dadurch, dass der Herr einen Hund mit sich führt und von Thomas Mann als ein äußerst eingebilderter, arroganter, dekadenter Mensch dargestellt wird. Dadurch spiegelt sich auf eine getarnte Weise die Meinung über Kaiser Wilhelm II. von Thomas Mann wider.
Weitere vorkommende Personen haben auch die Funktion metaphorisch den Staat zu kritisieren.
So steht die verwirrte Frau für die Reichen im ersten Weltkrieg und soll ausdrücken, dass auch diese keine Privilegien haben.
Der Schaffner steht für den Staat. Thomas Mann kritisiert auch durch diesen den Staat, da der Schaffner als eine unverschämte und unkompetente Person beschrieben wird.
Das Besondere am Erzählstil ist, dass Thomas Mann in seiner Erzählung ironisch seine Person und andere charakterisiert. So inszeniert und stilisiert er sich als Künstler und wirkt dabei intelligent und kreativ. Auch der Aufbau der Erzählung ist gut durchdacht.
Des weiteren kritisiert er geschickt den Staat durch metaphorisches Schreiben. So haben in dieser Erzählung verschiede Personen die Funktion die Regierung/Teile der Regierung zu symbolisieren.
In dieser Erzählung prophezeit er den ersten Weltkrieg und behält letzt endlich auch Recht.

Niklas Bessenbach
 
Matteo Ponzetta
Das Eisenbahnunglück
Erstellt am 15.09.2006 10:48
Das Eisenbahnunglück- Thomas Mann

In der Kurzgeschichte „ Das Eisenbahnunglück“ von Thomas Mann geht es um einen Ich- Erzähler, der als Schriftsteller auf dem Weg von München nach Dresden in ein Eisenbahnunglück verwickelt ist. Der Autor leitet die Erzählung mit einer Rahmengeschichte im Präsens ein, das während der Geschichte immer wieder neu aufgegriffen wird. Eine Spannungskurve zeigt, dass Thomas Mann den Mittel- und Schwerpunkt in das Unglück legt. Der Ich- Erzähler tritt, obwohl ihn ängstliche und nervöse Züge sowie Neurotik prägen, doch sehr selbstbewusst und egozentrisch auf, was ihn während der Geschichte sehr undurchsichtig erscheinen lässt. Die Nervosität und Zwangsneurotik drückt der Ich- Erzähler besonders mit der Sorge um seinen Koffer aus, in dem sein Manuskript enthalten ist. Der Koffer spielt eine wesentliche Rolle, da das in ihm enthaltene Manuskript sein Lebenswerk ist; meist konzentrieren sich seine Gedanken mehr auf das Wohl des Koffers und dessen Inhalt als auf das seine. Das Besondere an Thomas Manns Erzählart ist eine Metaphorik, die sich durch die gesamte Erzählung hindurch zieht, so kann man sie von einem gesellschaftskritischen und politischen Standpunkt betrachten. Ein Herr mit Hund nimmt vordergründig zunächst eine Art Heldenrolle ein und wird vom Ich- Erzähler bewundert. Er tritt arrogant und selbstsicher auf sowie rücksichtslos und machtbesessen doch entwickelt er sich nach dem Unfall zu einer ängstlichen und seine eigene Rettung suchende Person die durchaus fähig ist sich unterzuordnen. Metaphorisch betrachtet könnte dieser Mann Kaiser Wilhelm im Bezug zum ersten Weltkrieg repräsentieren und die gesamte Geschichte das Kaiserreich, was nach und nach zugrunde geht. Eine alte Dame, die immer glaubt, sich in der falschen Klasse zu befinden, vertritt möglicherweise die Stellung der Bürger, die völlig unbeteiligt und verwirrt dem Krieg folgen oder auch eine Klassengesellschaft, die nach dem Ende der Kaiserzeit abgeschafft wurde. Insgesamt ist dieses Werk eine gesellschaftskritische Erzählung, die möglicherweise eine Anspielung auf den ersten Weltkrieg und dem Kaiserreich enthält.

Matteo Ponzetta
 
Jörn Hitz
Tho,as Mann-Das Eisenbahnunglück
Erstellt am 15.09.2006 10:48
„Das Eisenbahnunglück“ ist eine Erzählung, die eine große Gesellschaftskritik enthalten.
Man sieht zum Beispiel, dass der Mann mit dem Hund der als sehr vornehm und adelig beschrieben wird, die alte Frau, die vom Schaffner in die Schranken gewiesen wird, weil sie anstatt in die dritte Klasse in die zweite einsteigen will, und auch alle anderen Zugfahrgäste am Ende gleich gestellt sind.
Der Mann mit dem Hund verkörpert den Adel und die reiche Schichten.
Die alte Frau stellt die niederen Schichten dar, die von den oberen gemaßregelt werden.
Der Schaffner soll zusammen mit dem anderen Zugpersonal zusammen, den Staat verkörpern den sie leiten.
Der Zug ist der Staat, der von seinen Führern an die Wand gefahren wird.
In diesem Text legt Mann in literarischer Form seine politische Meinung leicht versteckt dar.
Thomas Mann benutzt einen Ich-Erzähler, um seine Meinung kund zu tun.
Thomas Manns Erzählstil ist ein besonderer, da er am Anfang der Erzählung erst einmal behauptet nichts zu erzählen zu haben.
Außerdem sagt er am Anfang, als er sich entschlossen hat doch etwas zu erzählen, erst einmal die welche Empfindungen er vor dem Antritt der Reise hat.
Die Erzählung ist in einen Rahmen eingebunden und dieser Rahmen wird in der Mitte noch einmal aufgegriffen, er wirkt wie ein Spiegel.
Sein indirekter Schreibstil ist sehr auffällig, da er nichts direkt aussagt und somit mir den Eindruck vermittelt, manchmal wie ein unbeteiligter daneben steht und ihn das Geschehen uninteressiert schildert..
Auf mich macht er den Eindruck, als ob ihn die Geschichte an sich nicht interessiert , aber das, das was er im Verborgenen erzählt, ihm wirklich am Herzen liegt.
 
Maximilian Rast (Aloisiuskolleg 10a)
Das Eisenbahnunglück
Erstellt am 15.09.2006 10:49
In der Erzählung ,,Das Eisenbahnunglück'' geht es um einen Schriftsteller de sich mittels Nachtzug auf eine Reise nach Dresden antretet. Nach einer kurzen Fahrt kommt es zu dem Unglück, welches dem Werk seinen Titel gibt.
Thomas Mann erzählt die Geschichte aus der Ich-Position, wodurch man denken kann, dass es sich hierbei um eine Autobiographie handelt. Die Tatsache dass, Thomas Mann wirklich in München gelebt hat und auch öfters eine Literatur und Virtuosenfahrt nach Dresden unternommen hat, verstärken diesen Verdacht. Auch in dem Hotel, welches in der Erzählung genannt wird, soll Thomas Mann öfters übernachtet haben.
Meiner Ansicht nach handelt es sich bei der Erzählung um eine versteckte Anspielung an die politischen Probleme des deutschen Reiches um 1910. Dies merkt man daran, dass der Schaffner zum Beispiel als Staat bezeichnet wird. Dies ist eine Metapher, da auch kein Reich ohne ein Staat (Volk) leben kann, weil dieser ja erst die ,,Bewegung’’ bringt. Genauso wie der Schaffner auch Bewegung in Den Zug bringt in einen Zug. Auch in der Bemerkung ,, man ist nicht umsonst ein Untertan von Wilhelm dem 2.’’ steckt viel Ironie. Der häufig in der Erzählung erwähnte Mann mit Hund soll hierbei die Rolle des Kaisers übernehmen. Nach außen hin zeigt er sich als majestätischer und erhabener Mann aber als es zum Unglück kommt weiß dieser nicht was er machen soll und gerät in Panik. Dies soll zeigen, dass auch der Kaiser nicht weiß, was in einer Notsituation zu tun ist (Was sich später vor dem Beginn des 1. Weltkrieges bewahrheitet). Die Tatsche das nach dem Unglück der Hund nicht mehr da ist, soll meiner Ansicht nach zeigen, dass die Regierung in einer solchen Situation seinen Stolz oder sein Ansehen verlieren kann. Die Besonderheiten am Aufbau der Erzählung ist zunächst, dass ein äußerer und ein innerer Rahmen vorhanden sind. Die Erzählung startet im äußeren Rahmen wo ein Mann sagt, dass er nun eine Geschichte über ein Eisenbahnunglück erzählen will. Dann fängt erst die richtige Erzählung an, wobei der Ich-Erzähler zunächst durch indirekte Bemerkungen als Perfektionist, ängstlich, egozentrisch, selbstbewusst, gesellschaftskritisch charakterisiert wird. Zudem kann man die beiden verschiedenen Zugfahrten als zwei verschiedene Erzählstränge sehen. Denn der erste startet mit nach Fahrt nach Dresden wird dann aber durch das Unglück gestoppt und ein Zweiter begingt mit der fahrt nach Hof. Meiner Meinung nach eine sehr gelungene Erzählung Thomas Manns.
 
Yannik
Das Eisenbahnunglück
Erstellt am 15.09.2006 10:49
Thomas Mann „Das Eisenbahnunglück“

Diese Geschichte sollte dem Namen nach eigentlich über ein Eisenbahnunglück
handeln was jedoch nur eine Nebenrolle spielt. Vielmehr kann man andere Sachen
zwischen den Zeilen lesen wie zum Beispiel eine Anleitung zum Schreiben
literarischer Texte.
Das erkennt man zum Beispiel daran, dass Thomas Mann ein Schema erstellt das
relativ einfach zu erkennen ist. Der Mittelpunkt des Schemas ist das
Eisenbahnunglück. Dieses dient dem Grundschema sozusagen als Spiegel. Das
Grundschema besteht aus der Rahmengeschichte, in der viel Ironie vorkommt, den
Personen die vorkommen und vor allem dem Koffer. Damit gibt er anderen
Schriftstellern einen Tipp wie man eine Handlung aufbauen kann. Dadurch bekommt
die langweilige Handlung eine gewisse Spannung. Aber man kann noch anderes
zwischen den Zeilen lesen. Da findet man nämlich auch die für Thomas Mann
typische Gesellschaftskritik. Da ist zum Beispiel der Mann mit Hund der für
die Kaiserzeit stehen soll. Das beweist der Hund (Kaiser Wilhelm hatte fast
immer einen Lieblingshund) und das Aussehen des Mannes. Auch die Frau, die die
ganze Zeit nach der ersten Klasse fragt steht für die Gesellschaftskritik.

 
Johannes C. Fritzen
Das Eisenbahnunglück
Erstellt am 15.09.2006 10:49
Die Erzählung "Das Eisenbahnunglück" wurde 1909 von Thomas Mann verfasst.
Sie handelt von einem Ich- Erzähler, der von München nach Dresden fährt. Auf der Fahrt wird er in ein Eisenbahnunglück verwickelt.
Thomas Mann kritisiert mit seiner Erzählung das damalige dt. Kaiserreich, indem er auf einzelne Personen stärker eingeht. Er vergleicht z.B. den Zugkontrolleur, der Herr über die Passagiere ist, so wie der Kaiser über seine Untertanen. Des Weiteren geht Thomas M. auf einen Mann ein, der sehr gut gekleidet ist und seiner Artikulation nach aus gutem Hause kommt. Diese Person soll Kaiser Wilhelm II. Verkörpern.
Diese Ansicht kommt einem wenn man das Entstehungsdatum mit einbezieht, denn Thomas Mann schrieb diese Erzählung im Jahre 1909.
Anhand der Erzählung kann man Thomas Mann teilweise charakterisieren. Er ist eine sehr aufmerksame Person, da er auf dem Bahnhof einzelne Leute „im vorbeigehen“ charakterisiert und ihnen gewisse Rollen in der Erzählung zu kommen lässt, wie z.B. dem Kontrolleur und dem Mann in Weiß mit Hund. Seine Erzählung „Das Eisenbahnunglück“ hat einen sehr besonderen Aufbau und zwar dient das eigentliche Unglück als Achse und viele Elemente aus dem Erzählungsteil vor dem Unglück werden „gespiegelt“. Zum Beispiel ist er nach dem Unglück wieder auf seinen Koffer fixiert, wie am Anfang der Erzählung als er seinen Koffer am Bahnsteig in München auf dem Kofferwagen entdeckt. Diese besondere Aufmerksamkeit gegenüber dem Koffer ist dadurch bedingt, dass sich in dem Koffer sein Manuskript befindet.
Somit kommt dem Koffer eine besondere Rolle zu. Da ein Künstler ohne Kunstwerk kein Künstler ist. Und so ist es auch bei den Schriftstellern, ohne Text kein Buch, keine Erzählung oder Ähnliches.
Thomas Manns Erzählung hat einen sehr besonderen Aufbau, und zwar dient dass Eisenbahnunglück, der Höhepunkt und Mittelpunkt der Erzählung, als ein Spiegel oder Achse. Denn Thomas Mann berichtet vor dem Unglück vom Bahnsteig in München und von dem in Weiß gekleideten Mann Mit seinem Hund, so auch nach dem Unglück als Thomas Mann wieder von einem Bahnsteig, aber diesmal von dem in Hof, berichtet und er berichtet wieder von dem Mann doch diesmal fehlt der Hund.

Dieser Text ist das Produkt einer Deutschstunde und einer Hausaufgabe am Aloisiuskolleg Bonn/ Bad Godesberg.
 
Julian Flink
Thomas Mann "Das Eisenbahnunglück"
Erstellt am 15.09.2006 10:49
Meine Meinung:

In der Erzählung von Thomas Mann „Das Eisenbahnunglück“ schildert ein Ich-Erzähler ein Eisenbahnunglück, welches er selbst erlebt hat. Die Geschichte ist in die Zeit um den Ersten Weltkrieg und die Kaiserzeit einzuordnen.
Es gibt einige Besonderheiten beim Aufbau der Erzählung:
Die Stelle, an dem das Eisenbahnunglück passiert, wird als eine Art Achse, welche die Geschichte von dieser Stelle an spiegelt, verwendet. So verwendet Thomas Mann sowohl bei der Rahmenhandlung ganz am Anfang, als auch am Ende der Geschichte Ironie. Auch die anderen Passagen vor dem Unglück wiederholen sich noch einmal nach dem Unfall.
Außerdem werden die Person, die in den einzelnen Abschnitten beschrieben werden, am Ende noch einmal aufgegriffen.
So auch ein reicher Mann mit Hund, der sehr genau vor und nach dem Unglück von dem Ich-Erzähler beschrieben wird. Diesen Mann kann man auch als Kaiser Willhelm II. interpretieren, da auch mehrere Textstellen mit Ironie darauf hinweisen, wie z.B. „Man ist nicht umsonst ein Untertan Wilhelms II.“ Man kann eigentlich fast alles in dieser Erzählung als irgendetwas interpretieren. So kann z.B. der Zug als den Staat darstellen, der mit Kaiser Wilhelm in sein Unglück fährt.
Der Ich Erzähler beschreibt aber nicht nur die anderen Personen im Zug, sondern auch sich selbst und seine eigenen Gefühle. So beschreibt er auch, wie aufgewühlt, nervös und ängstlich er vor der Abreise des Zuges war. Auch seinen eigenen Koffer beschreibt er sehr genau, indem er ihn die ganze Geschichte hindurch immer wieder aufgreift und beschreibt, was mit dem Koffer genau passiert. So auch nach dem Unglück:
Er fragt erst einen jungen Mann außerhalb des Zuges und begann dann selbst mit der Suche.
Und dann, als der Ich-Erzähler dann endlich herausfindet, dass sein Koffer unbeschadet sei, beschreibt er, wie glücklich und erleichtert er gewesen ist.
Also im Großen und Ganzen finde ich diese Erzählung für ziemlich gut.

Von Julian Flink, Schüler am Aloisiuskolleg in Bonn
 
Alexander Wünsche
Das Eisenbahnunglück
Erstellt am 15.09.2006 10:50
Die Geschichte "Das Eisenbahnunglück" von Thomas Mann handelt von einem Schriftsteller, der in der Ich-Person von einem Eisenbahnunglück erzählt, das er selbst miterlebt hat. In der Geschichte wird jedoch nicht das Zugunglück, bei dem niemand ernsthaft verletzt wird, selbst, sondern die Charakterisierung mehrerer Personen und der Aufenthalt vor und nach dem Zugunglück im Zug in den Vordergrund gerückt.
Die gesamte Geschichte hat einen besonderen Aufbau. Sie wirkt wie ein Spiegel, d.h., einige Dinge, die vor dem Zugunglück auftauchen, tauchen auch nach dem Unglück wieder auf, wie z.B. die Rahmenhandlung, diverse Personen oder auch Symbole (s. Unten).
In der Erzählung werden, wie bereits erwähnt, mehrere Personen charakterisiert. Der Ich-Erzähler ist ein nervöser und ängstlicher Mensch, wie an mehreren Textstellen deutlich wird. Er ist fast schon etwas neurotisch, was sich besonders darin zeigt, dass er fürchterliche Angst um seinen Koffer hat, in dem sich all seine Werke befinden. Der Koffer ist für ihn praktisch sein Ein und Alles, und er würde alles tun, dass nichts mit ihm geschieht. Daneben ist der Ich-Erzähler aber auch recht intelligent und selbstbewusst.
Neben dem Ich-Erzähler wird eine weitere wichtige Figur charakterisiert, nämlich ein Mann mit einem Hund. Dieser Mann wirkt sehr majestätisch. Er steht für den Kaiser der damaligen Zeit, da er einfach genau so auftritt wie er. Das Bild des Kaisers, das der Ich-Erzähler dem Leser vermittelt, wirkt jedoch sehr spöttisch und ironisch. Thomas Mann möchte damit die Gesellschaft in der Realität kritisieren, wie auch an anderen Personen und Symbolen deutlich wird.
Die anderen im Text vorkommenden Personen stehen nämlich für die Untertanen des Kaisers, die zwar vom Kaiser missachtet werden, letztendlich jedoch das Unglück besser überstehen als der Kaiser selbst. Am besten übersteht jedoch das Gepäck im Zug das Unglück, es steht nämlich hier für die Kunst und Literatur. Somit ist die gesamte Geschichte eine Art Symbol für die Geschichte der Gesellschaft. Daneben könnte es aber auch eine Metapher für das Schreiben von Literatur sein, da die Fahrweise des Zuges sehr daran erinnert.
Thomas Mann verwendet auch in dieser Geschichte seinen für ihn üblichen Erzählstil: Seine Charakterisierungen erfolgen immer indirekt, er hat oft eine sehr ironische Haltung und verwendet häufig Symbole. Dies macht ihn zu einer der bedeutendsten Erzählern deutscher Sprache im 20. Jahrhundert.


 
Stefan Conzen
Das Eisenbahnunglück
Erstellt am 15.09.2006 10:51
Das oberflächliche Thema der Erzählung „Das Eisenbahnunglück“ von Thomas Mann ist ein Eisenbahnunglück aus der Sicht eines Schriftstellers, der von München nach Dresden reist. Aus der Geschichte kann man jedoch auch einige Gesellschaftskritik herauslesen. Das Eisenbahnunglück könnte der Krieg sein, in den das Deutsche Kaiserreich hineinsteuert, denn einer der Schaffner personifiziert eindeutig den „Staat, unseren Vater, die Autorität und die Sicherheit“(S.410). Thomas Mann beschreibt den Schaffner als streng und rau, aber auch als zuverlässig. Die Frau, die zwei Mal in der Erzählung auftaucht und nie ihren Platz findet, könnte das deutsche Volk personifizieren. Sie lässt sich nämlich immer vom Schaffner leiten und weiß nie selber, wo sie hingehört.
Der Herr mit dem Hund soll eine Gesellschaftsgruppe vertreten, die sich für etwas besseres hält, egoistisch ist und unangenehm zu Mitmenschen ist. Wie es die Ironie der Erzählung will, hat dieser Mann am Schluss nicht mehr sein eigenes Abteil, sondern muss sich mit anderen eines teilen. Dies könnte aussagen, dass nach dem möglichen Krieg die Klassenunterschiede nebensächlich sind und soll eine Lehre für die Oberschicht sein.
Die Erzählung ist in zwei Teile aufgebaut (vor/nach dem Unglück). Viele Ereignisse spiegeln sich an dem Unglück, sie kommen zweimal vor, z.B. die Erwähnung des Koffers. Das Unglück selber kommt plötzlich und unerwartet und genau da wechselt Thomas Mann wieder kurz in die Rahmengeschichte, die im Präsens geschrieben ist.
Der Ich-Erzähler ist ein Schriftsteller, der selbstbewusst ist und sich gerne in den Vordergrund stellt, wobei immer ein wenig Ironie bei ihm mitschwingt. Er ist intelligent und kreativ und stellt sich als Künstler dar. Hier muss auch sein Koffer erwähnt werden, in dem sein wichtiges Manuskript sich befindet. Er nennt es „das wunderliche und komplizierte Werk seines kleinen Scharfsinnes und Fleißes“, es ist sein Ein und Alles. Er ist allerdings ein nervöser und zwanghafter Mensch, der eine Neurose gegenüber Zugfahrten hat.
Thomas Manns Erzählstil zeichnet sich dadurch aus, dass er viele nebensächliche Dinge haarklein beschreibt. Außerdem charakterisiert er Personen meist indirekt, indem er ihre Gedanken und Taten genau beschreibt. Seine Erzählung ist gut durchdacht, besonders der Aufbau und die einzelnen Personen.
Am Anfang sagt der Ich-Erzähler, er kenne keine geeignete Geschichte und erzählt dann doch, was die Geschichte wohl aufwerten soll.
 
Niclas Altmannsperger
"Das Eisenbahnunglück"
Erstellt am 15.09.2006 10:51
Thomas Mann, „Das Eisenbahnunglück“


Bei der Erzählung „Das Eisenbahnunglück“ von Thomas Mann handelt es sich um einen Vergleich zwischen Arm und Reich während der Kaiserzeit. Der Erzähler selbst, der ein wenig Angst vor dem Reisen hat, stellt sich als einen Mann der Mittelschicht dar, da er während der Zugfahrt ständig um seinen Koffer bangt, in dem sein Besitz liegt und er keine anderen Sorgen hat. Nach dem Zugunglück ist für ihn die größte Angst, dass seinem Koffer durch die Räumarbeiten etwas zustoßen könnte – die Menschen sind ihm erst mal egal. Der Herr mit dem Hund allerdings stellt die gehobene Schicht dar, weil er sich rücksichtslos den anderen Menschen gegenüber verhält und sich noch nicht einmal genötigt sieht, sich an die Regeln im Zug zu halten, da er, obwohl es verboten ist, sein Schoßhündchen mit ins Abteil nimmt. Dann ist da noch die alte Dame, die die ärmere Schicht verkörpert. Sie wird von einem Schaffner, welcher den Staat oder den Kaiser verkörpert, der zwar hart ist, aber immerhin für Sicherheit sorgt, zurechtgewiesen als sie in ein falsches Abteil einsteigen will. In der Mitte der Geschichte könnte man eine Spiegelachse ziehen, zum Beispiel kommen die alte Dame und der Herr mit dem Hund am Anfang als auch am Ende der Erzählung vor. Genauso gibt es am Anfang und am Ende eine Rahmenhandlung. Wenn man die Erzählung liest, fällt einem vielleicht auf, dass sie im Großen und Ganzen ziemlich langweilig ist. Man könnte dies jedoch als einen besonderen Erzählstil deuten, nämlich so, dass die Erzählung genauso langweilig und monoton wie das gleichmäßige Fahren der Zugwaggons ist. Blendet man diese langweilige Erzählweise aber aus, ist es erstaunlich, wie viel man aus dieser Geschichte herausziehen kann.

Niclas Altmannsperger
 
Maximilan Wübken
Das Eisenbahnunglück
Erstellt am 15.09.2006 10:51
In der Kurzgeschichte das Eisenbahnunglück von Thomas Mann handelt es sich um eine Zugfahrt von München nach Dresden, in der es neben vieler genauen Personenbeschreibungen auch um ein Zugunglück (Unglück auch im wörtlichen Sinne gemeint) geht. Thomas Mann beschreibt sich und seine Ängste im Stil eines Ich – Erzählers leicht ironisch wie ich finde und sehr prägnant. Thomas Manns Erzählstil ist sehr genau definiert: indirekte Charakterisierungen von ihm selbst und anderen, aber auch teilweise mit sehr vielen zusammenhängenden und simplen Sätzen, die jedem ermöglichen beim ersten lesen den Sinn zu treffen.. Auch legt er schon Beschriebenes (z. B. Trubel auf dem Bahnhof) nach dem Unglück wieder da, was der ganze Erzählung ihren Rahmen gibt. Aber auch soll es dem Leser ermöglicht sein sich einen leichteren Eindruck von den Mitreisenden zu schaffen. Das einzige was Thomas Mann mit sich hat ist sein Koffer, der im Laufe der Geschichte eine immer wichtigere Rolle bekommt. Denn der Koffer symbolisiert seinen einzigen Besitz vor und nach dem Unglück.
Da die ganze Erzählung aus dem Jahre 1911 stammt, also kurz vor dem Untergang des deutschen Kaiserreiches unter der Herrschaft von Kaiser Willhelm, dem II , lässt sich daraus folglich schließen, dass im Zusammenhang mit dieser Geschichte Thomas Mann auf einen baldigen Untergang des Reiches spekuliert. Anzeichen dafür ist zum Beispiel die bündige und genaue Massen Beschreibung am Bahnsteig in München und nach dem Unglück am Ersatzbahnhof Hof, die, würde man die einzelnen Passagen miteinender Verbinden, eine Spiegelfunktion aufwiesen. Auch versucht Thomas Mann seine persönliche Meinung anhand von Beobachtungen dem Leser nahe zubringen, indem er sich in der Geschichte nicht außen vor lässt, sondern gleich wie alle anderen auch sich unter der Menschenmasse befindet.


 
Benedikt Ballensiefen
Das Eisenbahnunglück
Erstellt am 15.09.2006 10:52
Thomas Mann „Das Eisenbahnunglück“


Das Eisenbahnunglück handelt von einem Schriftsteller, der als Ich-Erzähler auftritt. Er wird auf eine Virtuosenfahrt nach Dresden eingeladen. Auf seiner Fahrt nach Dresden lernt er einen Mann mit Hund und eine alte Dame kennen. Das Eisenbahnunglück geschieht an einem Abend, doch passieren tut niemandem etwas. So wird die Reise zuerst nach Hof dann nach Dresden fortgesetzt, wobei er wieder den Mann mit dem Hund und die alte Dame trifft.

Das Eisenbahnunglück tritt als ein Spiegel auf. Vielen Personen und Sachen werden sowohl vor dem Unglück als auch nach dem Unglück erwähnt. So treten der Mann mit dem Hund, die alte Dame und das Manuskript des Ich-Erzählers vor und nach dem Unglück auf.
Die Fahrt ist ein Beispiel für die Probleme eines Autors. Erst beginnt die Erzählung gut (Abfahrt), doch dann gerät sie ins stocken (Unglück). Man erfindet einen neuen Erzählstrang (Fortsetzung der Fahrt) und die Geschichte geht zu Ende.
Der Ich-Erzähler ist ein angesehener Schriftsteller, der aus München stammt. Er wirkt perfektionistisch und ordnungsliebend, aber auch egozentrisch und überzeugt von sich. Dabei steht er der Gesellschaft sehr kritisch gegenüber. Das Manuskript, dass er mit auf die Fahrt nimmt, um es in Dresden den Kunstvirtuosen vorzulegen, ist seine heiligst Sache. Als es beim Unglück, so wie es zuerst scheint, zerstört wird, ist für ihn seine Zukunft als Schriftsteller beendet.
Der Mann mit dem Hund soll Kaiser Wilhelm II darstellen. Zu Beginn der Erzählung wird er von Thomas Mann ironisch dargestellt, also gut. In Wirklichkeit ist er aber rücksichtslos und machtbesessen.
Die alte Dame ist eine Dame die sich für etwas Besseres hält. So besteht sie selbst nach dem Unglück mit einem Wagon erster Klasse nach Hof gebracht zu werden. Sie steht für die Zweiklassengesellschaft im Kaiserreich von Wilhelm dem zweiten.
Eine kurzer Einleitungssatz und ein Schlusswort des Ich-Erzählers beschließen die Erzählung. Da auch Thomas Mann solche Virtuosenfahrten gemacht hat, könnte es eine Autobiographie von ihm sein. So erwähnt der Ich-Erzähler auch nicht seinen Namen.
Die beiden Einleitungssätze sowie das Unglück sind im Präsens geschrieben, der Rest der Erzählung im Imperfekt. So haben die drei Stellen wohl eine besondere Bedeutung, worauf der Leser aufmerksam gemacht werden soll.
 
Philipp Vehrenberg
"Das Eisenbahnunglück"
Erstellt am 15.09.2006 10:53
Thomas Mann: „Das Eisenbahnunglück“

Über den Text (die Fragen):

Die Erzählung „das Eisenbahnunglück“ von Thomas Mann ist eine in eine Geschichte verpackte Gesellschaftskritik. Sie kann auch als Metapher für einen zugrunde gehenden Staat bzw. Gesellschaft (um 1910) gesehen werden. Anfangs selbstsicher, streng, würdevoll und herablassend (~vor dem Zugunglück), dann später panisch, ängstlich und am Bode zerstört (~während und nach dem Zugunglück). Somit geht Thomas Mann unwissend auf den einige Jahre später folgenden 1.Weltkrieg ein.
Der Text wird von einer Rahmenhandlung umfasst, welche vollkommen im Präsens geschrieben ist, die eigentliche Geschichte dagegen im Imperfekt.
Wenn man den Aufbau der Geschichte näher betrachtet, wird man bemerken, dass er symmetrisch ist. Der Ich- Erzähler ist offensichtlich ein relativ angesehener Schriftsteller aus München, der eine (zu) hohe Meinung von sich selbst hat, außerdem ist er ordnungsliebend, perfektionistisch, egozentrisch, intelligent und kreativ. Doch er ist auch nicht sehr belastbar, etwas neurotisch, ängstlich, nervös, zwanghaft, selbstironisch und spöttisch. Besonders Angst hat er um seinen Koffer, in dem sein "Schriftstück", sein "Konvolut", sei "Lebenswerk" liegt, ohne welches er nicht vollkommen wäre.
Der Herr mit dem Hund steht für den Adel, den Kaiser und die höher stehenden Bevölkerungsschichten (~Metapher). Der Hund selbst soll die besonderen Rechte und Privilegien des Adels darstellen (~ nimmt den Hund mit in das Abteil).
Der Schaffner symbolisiert den Staat, der anfangs herrisch herumkommandiert und nachher völlig aufgelöst durch die Gegend rennt. Die alte Frau, die unbedingt in die erste Klasse möchte, steht für die hochnäsige, wohlhabende Bevölkerungsschicht.
Der Fahrkartenkondukteur u.a. sollen die Beamten darstellen und die aufgeregten Frauen und Männer beim Unglück die Bevölkerung.
Das Besondere am Erzählstil Thomas Mann`s ist das ständige Beschreiben und Interpretieren anderer Personen und die übertrieben komplizierte, ausgeschmückte,
auffallend spöttische und (selbst)ironische Sprachweise.



 
Jan Struck
Das Eisenbahnunglück
Erstellt am 15.09.2006 10:54
Thomas Mann „Das Eisenbahnunglück“


Die Erzählung „das Eisenbahnunglück“ handelt von einer Zugfahrt von München nach Dresden, bei der der Zug entgleist. Dies wird aus der Ich- Perspektive eines Schriftstellers heraus geschildert, bei dem es Autobiographische Bezüge zu Thomas Mann gibt.
Der Ich-Erzähler stellt sich als einen relativ angesehenen Schriftsteller aus München dar. Er ist ein intelligenter und kreativer Künstler, der aber teils auch neurotisch oder ängstlich, zum Beispiel vor der Zugfahrt, wirkt.
Eine wichtige Rolle für Thomas Mann spielt sein Koffer, den er bei der Reise mit sich führt. In dem Koffer sind die Notizen eines für ihn sehr bedeutenden Schriftstücks enthalten, um das er nach dem Unglück sehr besorgt ist, dass es zerstört wurde. Und er kann sich erst wieder beruhigen bis der Koffer wieder bei ihm ist, was seine Perfektion zeigt.
Das besondere des Erzählstils und der Charakterisierung von ihm selber und den anderen Personen, die in der Erzählung vorkommen, ist, dass er alles indirekt vorstellt, zum Beispiel den Herrn mit dem Hund. Der Herr steht für das deutsche Kaiserreich und dessen Untergang. Auf dem Bahnhof beschreibt Thomas Mann ihn als einen ernsten Herrn, der ein erhabenes Aussehen besitzt und wie er anderen Leuten Befehle erteilt. Während der Zugfahrt vor dem Unglück behandelt er den Zugschaffner als eine Seiner nicht werten Person und setzt ihn auf das Niveau eines Tieres herab, indem er ihn als einen „Affenschwanz“ bezeichnet und ihn mit seinem Reisepass bewirft. Da der Schaffner ein farbiger Mensch ist hat dieses Verhalten ebenfalls einen rassistischen Hintergrund.
Nach dem Unglück trifft Thomas Mann ihn wieder und der Mann sieht heruntergekommen aus.
Außerdem fehlt von seinem Hund, den er immer mit sich geführt hat jede Spur, was bedeutet, dass er alles verloren hat.
Die Geschichte hatte nicht nur eine besonderen Erzählstil, sondern auch einen besonderen Aufbau. Der Text ist in zwei Hälften gegliedert, welche in der Mitte der Erzählung, beim Eisenbahnunglück, gespiegelt werden. Jedes Vorkommnis oder Auftreten einer Person kommt zweimal vor. Nämlich einmal vor und einmal nach dem Unglück. Dies soll die Entwicklung der Gesellschaft darstellen. Vor dem Unglück beschreibt Thomas Mann die Gesellschaft während des deutschen Kaiserreiches und danach die Gesellschaft nach dessen Untergang.


 
Julius W. Hörr
Das Eisenbahnunglück
Erstellt am 29.09.2006 10:40
Wenn sich der Leser die Geschichte durchliest, ohne tiefer über Einzelheiten nachzudenken, so fällt ihm nicht auf, um was es sich dabei handelt oder was Thomas Mann damit bezwecken möchte. Mit der Eisenbahn wird der Staat (das Dt. Reich) symbolisiert und das Unglück eine ihm und dem Staad bevorstehende Katastrophe (der 1.Weltkrieg).
Die Geschichte ist auch als Prozess/Vorgang des Schreibens einer Geschichte zu sehen: es ist daran zu erkennen, dass, wenn man eine Spannungskurve der Geschichte betrachtet, man feststellt, dass sie bis zum Unglück steigt und danach wieder sinkt. Beim Schreiben einer eigenen Geschichte ist es fast dasselbe: man fängt an zu schreiben, hat eine gute Idee, doch plötzlich ist alles anders als gedacht, findet keine Lösung o. ä. und muss sich etwas Neues ausdenken, was damit zum Ende der ganzen Geschichte führt.
Das besondere an ihr ist, dass die erste Hälfte der Erzählung zu der zweiten symmetrisch ist. D.h., dass einzelne Geschehen und Personen in der 1. Hälfte vor dem Eisenbahnunglück kurz auftauchen und beschrieben werden, danach abermals auftauchen, um zu zeigen wie sich diejenigen Personen verändert haben, was das Unglück angeht. Thomas Mann als Ich-Erzähler verändert sich dagegen nicht. Er ist und bleibt von sich selbst überzeugt, besitzt aber dennoch eine gewisse Art von Selbstironie.
In der Kurzgeschichte stellt er sich als einen „Künstler“ aus München da: egozentrisch aber trotzdem ängstlich und nervös. Sein Koffer ist sein Ein und Alles: er symbolisiert sein Hab und Gut, er ist sein Leben, denn in ihm befinden sich alle seine Konzepte und Vorlagen seiner Geschichten, Vorträge und Berichte. Auch der Koffer wird vor dem Eisenbahnunglück erwähnt und er überlegt ob sein Koffer bei der Bahngesellschaft gut aufgehoben ist und nach der Entgleisung des Zuges überlegt der Ich-Erzähler, was mit seinem Koffer passieren sein könnte und findet ihn nicht; große Ratlosigkeit macht sich in ihm breit, bis er ihn wieder findet. Das ist auch eine der oben erwähnten Symmetrien in der Geschichte.
Das Besondere an Thomas Manns Schreibstil ist, dass er, nicht wie es viele andere Schriftsteller tun, nur wirklich für den Lesers Wichtiges aufschreibt, sondern seine ganzen Gedanken während des Schreibens eines Textes den Leser wissen lässt, so erfährt er schneller und vor allem besser auf was der Schriftsteller/Schreiber hinaus möchte.
Denn ohne einen besonderen Schreibstil ist ein Schriftsteller keine Seltenheit.
 
Heike Grond
Lesebegegnung
Erstellt am 06.11.2006 21:28
Meine beinahe erste und intensivste Lesebegegnung mit Thomas Mann war, als ich als 16-Jährige Schülerin "Tonio Kröger" las. Ich las es für mich, es stand nicht auf dem Lehrplan. Meine romantische, sehnsuchtsvolle Mädchenseele war hingerissen von dem Buch! Ich konnte Tonios Gefühle so gut nachvollziehen (bildete ich mir ein). Alle fanden Thomas Mann langweilig, ich nicht - ich meinte ja schliesslich zu verstehen, worum es ging. Mittlerweile liebe ich die Erzählungen von Thomas Mann, ich geniesse die sprachliche Dichte, den Humor - einfach jeden Satz. Und ich liebe es auch, über ihn zu lesen. Aber kein Lesegenuss übertrifft die Begegnung mit Tonio Kröger vor 30 Jahren.
 
Daniel Petzsch
Mein Erlebniss mit Thomas Mann
Erstellt am 15.12.2006 14:40
Eines Tages viel mir die Erzählung "Der Kleiderschrank" aus dem Kleiderschrank auf den Kopf....daraufhin musste ich ins Krankenhaus....dort lernte ich eine hübsche, wünderschöne und gottgleiche Krankenschwester kennen.
Wir verliebten uns sofort.....die Sprichwörtliche "Liebe auf den ersten Blick".....ein Jahr später heirateten wir und verbrachten unsere Hochzeitsnacht im besagten KLeiderschrank
....Thomas Mann hat also mein Leben verändert
 
Philipp Oser
Tonio Kröger
Erstellt am 18.12.2006 12:09
Es war im März des Jahres 2006, als ich zu einem Vorstellungsgespräch nach Bonn eingeladen wurde. Beworben hatte ich mich für eine Stelle als Zivildienstleistender am dortigen Goethe-Institut.
Aus Sparsamkeit und Pragmatismus war ich natürlich bestrebt gewesen, die Reisekosten minimal zu halten und nutzte den Spartarif, der auf bestimmte Verbindungen reduziert ist. Mit dem Gespräch ging es jedoch unverhofft zügig und statt der erwarteten Uhrzeit von 14 Uhr stand ich bereits um 12 Uhr wieder in der kalten Bahnhofshalle. Eine neue Verbindung kam nicht in Frage und so schlenderte ich in den kleinen Buchladen. Dort griff ich zu der kleinen Taschenbuchausgabe des "Tonio Kröger".
Im Stehen - alle Sitzplätze in der Halle waren belegt - und frierend vertiefte ich mich sofort in eine der schönsten Erzählungen, die ich in meinem Leben bisher lesen durfte. Was eine Sprache, was eine Klarheit der Geschichte, was eine rührende Ehrlichkeit der Gedanken! Ich fand viele meiner eigenen Jugendprobleme wunderbar wiedergegeben, mit einer Sensibilität, die mich selbst bei Thomas Mann noch positiv überraschte.
Diese zwei Stunden bis Erreichen meines Zuges waren unverhofft glücklich. Wenige Tage später erhielt ich die Absage. Bereut habe ich meine Fahr nach Bonn trotzdem zu keinem Zeitpunkt. Ich hatte wieder einmal erfahren, was das Leben wirklich lebenswert macht. Dem "Tonio Kröger" habe ich einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal eingeräumt.
 
ChristelWalt her
Eine Neuentdeckung
Erstellt am 28.05.2007 20:58
Ende der 9. Klasse bekamen wir eine Liste mit 10 Büchern, die wir zu Hause lesen sollten. Von einigen davon sollten wir eine Inhaltsgabe schreiben und abgeben. Fast ein Jahr lang hatten wir Zeit. Leider haben wir unsere Inhaltsangaben nie wiedergesehen und besprochen. Unsere Deutschlehrerin hatte wohl bemerkt, dass die meisten einfach die Klappentexte abeschrieben hatten. In der ganzen Zeit wurde auch nicht einmal über diese Bücher gesprochen. Eins dieser Bücher war "Tonio Kröger". Ich habe es gelesen und hatte viele Fragen, die leider unbeantwortet blieben. So verblieb das Buch erst einmal im Regal. Ich hatte wohl Ausschnitte aus dem Mehrteiler "Buddenbrooks" gesehen, leider nie vollständig. Später habe ich mich nicht mehr an Thomas Mann herangetraut. Dann sah ich Jahre später Ausschnitte aus dem Dreiteiler "Die Manns". Vor zwei Jahren hatte ich das Glück, Armin Mueller-Stahl mit seiner Lesung "Rollenspiel" zu erleben. Vor der Lesung wurde er noch mit dem Bremer Hansepreis ausgezeichnet. Der Laudator hielt eine Ansprache, in der er sehr auf Thomas Mann einging. Das hat ihm mir doch sehr nahe gebracht. Später habe ich den Dreiteiler vollständig gesehen und mir das Buch dazu geholt. Als dann in der Buchhandlung der Band mit den Erzählungen erschien, habe ich gleich zugegriffen. Schön, dass hier alle Erzählungen zusammengefasst sind. Sie sind abwechslungsreich geschrieben. Mal heiter, mal ernst, mal traurig. Die Erzählungen "Der kleine Herr Friedemann" und "Die Betrogene" treiben mir jedesmal die Tränen in die Augen. "Das Gesetz" zeigt, wie humorvoll man die biblischen Geschichten erzählen kann. Die Erzählungen sind eine kleine Schatzkiste, aus der man immer wieder etwas Neues holen kann.
 
Matthias Westerweg
Der Tod in Venedig
Erstellt am 17.06.2007 00:11
Thomas Mann war mir bis zur zwölften Klasse eher als Name eines bedeutenden Schriftstellers geläufig, gelesen hatte ich bis dahin noch nichts von ihm. Doch das sollte sich mit der ersten Deutschstunde nach den Sommerferien ändern: "Wir werden den Tod in Venedig von Thomas Mann lesen", sagte unsere Lehrerin. Der Tod in Venedig - Der Titel kam mir merkwürdig vor, doch zunächst beschäftigten wir uns mit Thomas Mann selbst, seinem Leben, seinem Denken und seinen wichtigsten Werken. Das war auch gut so, sonst hätten wir wohl die vielen versteckten Details im Tod in Venedig wohl niemals entdecken können. Das machte für mich persönlich auch den Reiz beim Lesen der Novelle aus, auch wenn ich einige Stellen mehrmals lesen musste, um sie zu verstehen. Von da ab wollte ich mehr über diesen Schriftsteller wissen und lesen und kam so zum Zauberberg, der mich immer noch fesselt. Manchmal fragen Leute mich, was ich gerne lese, wenn ich dann antworte: "Thomas Mann" werde ich manchmal belächelt, weil viele mit seinem Stil nicht zurecht kommen, ihn langweilig finden und schnell das Buch zur Seite legen. Für mich macht aber gerade das die Bücher von Thomas Mann lesenswert. Nicht einfach nur schnell durchlesen, sondern bei jedem Satz anzuhalten und sich selbst zu fragen: "Was meint er eigentlich damit?" Das ist es was für mich Thomas Mann zu einem der größten Schriftsteller macht, dem Tod in Venedig sei dank!
 
Nikolaus Langendorf
Tagebuchnotiz Thomas Manns vom 16. 1. 1949
Erstellt am 01.07.2007 18:48
Thomas Mann liebte während der Kalifornien-Jahre sehr die Radiosendungen Jack Bennys, eines frühen Comedian-Stars des amerikanischen Rundfunks, dessen Beiträge allsonntäglich im Hause Mann für Heiterkeit sorgten. Unvergesslich bleibt mir dabei eine Tagebuchnotiz vom 16. 1. 1949, die, lakonisch und nicht weiter spektakulär, einen plötzlichen Blick hinter die Fassade des Medienbetriebs wagt: "Abends das Benny-Programm; erheiternd. Die Tyrannei der Popularität, unter der diese Leute stehen (Polls). Erstaunlich, daß sie unter dem Angstdruck ihre gute Laune bewahren."
Wann immer ich heute im Fernsehen einen mehr oder minder "erheiternden" Spaßmacher sehe, kommt mir diese Tagebuchreflexion in den Sinn, werden mir die "Tyrannei der Popularität" und der "Angstdruck" bewusst, die den Spaß heute wie damals grundieren. Mehr noch: Geht man zu weit, wenn man Thomas Manns so knappe wie prägnante Notiz als Bestimmung jedweden Humors begreift, die den "Angstdruck" nicht zu beseitigen, sondern nur momentweise außer Kraft zu setzen vermag - und eben deshalb "erstaunlich" genannt werden muss?
 
Jasmina Bindner
Tonio Kröger
Erstellt am 07.10.2007 21:33
Freiwillig bin ich nicht zu Thomas Mann gekommen. Für die Schule sollten wir Tonio Kröger lesen. Was ich las, berührte mich. Ich habe in der Novelle nur zu gut meine eigenen Gedanken wiedergefunden. Das hin und hergerissen sein zwischen Künstler- und Bürgertum, zwischen anders sein und allen gefallen, das ist kein alter Hut, das ist noch heute aktuell.
Es ist bewundernswert, wie es Thomas Mann schafft, immer die passenden Worte zu finden. Es ist beeindruckend, welche Entwicklung dieser Mann in seinem Leben durchgemacht hat. Er ist großartig, und Tonio habe ich tief ins Herz geschlossen. Die Schullektüre ist längst zum Gerngelesenen geworden.
 
Danny Kießling
Der Beginn mit "Tod in Venedig"
Erstellt am 18.10.2007 21:33
Als ich anfing, die erste Seite zu lesen, wurde mir schnell klar, dass es sich hier nicht um eine schnell verständliche Erzählweise handelt. Es hatte mich jedoch gereizt, weiter zu lesen und mich dem Inhalt nach und nach ein Stückchen zu nähern. Ich glaube, es war fast eine Stunde, die ich alleine mit der ersten Seite verbrachte. Es war eine Seite, die mir ehrlich gesagt schon den geistigen Rest gegeben hatte. Einige Zeit später allerdings entdeckte ich die innere Neugier wieder und widmete mich erneut der ersten Seite und dem forlaufenden Text. Immer mehr merkte ich, dass es sich nicht einfach nur um einen schnell abgehandelten Inhalt handelt, sondern dass ein tiefgründiger Bezug zwischen Erzählweise und verschachteltem Inhalt besteht. - Der Duden und das Synonymwörterbuch waren zu der Zeit mein größter Freund.
Unwissend über das Leben Thomas Manns und seiner Art zu Schreiben, widmete ich mich der Analyse des Inhaltes, was sich zunächst als nicht allzu schwer herausstellte, weil ich in diesem Werk gefesselt war und einfach nicht mehr raus wollte. Ich nahm Thomas Mann ernst; in allen Situationen. Ich schuf mir ein Bild von einem grandiosen Schriftsteller, der es versteht, seine Leser zu fesseln. Irgendwie neugierig zog es mich zu einer kurzen Lebensgeschichte Thomas Manns, welche ich im Internet fand. Mit dem neu erworbenen Wissen versuchte ich mein Glück bei dem "Tod in Venedig" erneut. - Und ich musste feststellen, dass sich alleine aus dem biographischen Hintergrund heraus ein völlig neues Bild entwckelte. Ich wusste, wieso ich Thomas Mann damals sehr ernst nahm. Mann kann sagen, er beschrieb so manchen Moment seiner eigenen Erfahrungen im Leben. Der Bezug zur griech. Mythe und das verschachteln einzelner Tatsachen wurde für mich erst jetzt vollständig begründet. Er gibt sich seinem Leben hin, indem er Bücher schreibt und man als Leser denkt, ein Wegbegleiter von Thomas Mann zu sein.

Durch all diese Eindrücke und neuen Textgewohnheiten erlangte ich ein völlig neues Textverständnis und auch ein größeres Interesse an Werken von Thomas Mann, welche derzeit den größten Bestand meiner Büchersammlung einnehmen. Am liebsten würde ich allen (künftigen) Lesern gerne viel mehr über meine ersten Erfahrungen berichten, jedoch möchte ich nicht zu sehr Details aus dem o.g. Werk verraten.
 
Gijis Zandbergen
Erzählungen
Erstellt am 19.10.2007 00:16
Bis jetzt habe ich nur die Bücher von Thomas Mann gelesen, die auf Holländisch übersetzt waren, wie Buddenbrooks oder Der Zauberberg. Die Namen sind auch verbunden an einer Feriën, wovon ich weiter nicht viel mehr weiss, als dass meine Frau und ich in Italiën oder Frankreich waren. Ich weiss aber noch genau, welche Titel von Thomas Mann ich dort gelesen habe.
Seit ich weiss, dass ich für meine Arbeit nächtstes Jahr vielleicht zwei Monate in Deutschland verbleiben soll, habe ich angefangen, mich zu üben Deutsch zu lesen und zu hören. Das Sprechen kommt hoffentlich noch. Das Hören versuche ich via iPod, worauf ich deutschsprachige Podcasts downloade, und das Lesen geht aber mittels der Sämmtlichen Erzählungen von Thomas Mann besonders gut, weil es schwierig genug ist um es nicht auf einem Mal zu verstehen, aber doch nicht zu schwierig ist um es zur Seite zu legen. Der Folge ist, dass ich Tonio Kröger, Der Tod in Venedig u.s.w. dreimal pro Alinea lese. Zuerst auf Deutsch, dann eine Übersetzung und schliesslich laut sprechend wieder auf Deutsch. So darf ich es nicht auf meine Feriën machen, weil ich dann nicht alleine bin, aber ich möchte Mitleser von dieser Internetsite gerne hinweisen auf die Schönheit Manns Sprache und sagen, wie nett es ist ihn langsam zu lesen, vielleicht so langsam als er es selber geschrieben hat.
Gijs Zandbergen,
Dunantstraat 120,
2131 RT Hoofddorp,
Niederlände.
 
Carina S.
Tonio Kröger...
Erstellt am 31.10.2007 22:00
Ich war sehr fasziniert von dieser Erzählung und habe mich und mein Leben in vielen seiner Gedanken und Gefühle wiedergefunden. Thomas Manns Art sich auszudrücken ist einfach unglaublich, da er immer die richtigen Worte findet und seine Leser in den Bann zieht.
Ich habe mich sehr lange mit dem Buch befasst und bin auch an die Orte gegangen, an denen er des öfteren verweilte, obwohl durch den Krieg leider viele Gebäude zerstört wurden.

Diesen Ausflug, den wir von der Schule aus gemacht haben, fand ich sehr informativ und interessant. Er hat mich dazu animiert auch noch mehr seiner Werke zu lesen und durch das Videomaterial (den Film 'Tonio Kröger' , was ich endlich zu Gesicht bekam, wurde es noch ein wenig anschaulicher für mich.
Nach 'Tonio Kröger' wusste ich aber, dass Thomas Mann meinen Geschmack voll und ganz getroffen hat und ich weitere Werke von ihm lesen werde.

 
Theresia Reinhold
Schwere Stunde
Erstellt am 28.11.2007 17:49
Wenngleich "Schwere Stunde" nur neun Seiten kurz ist und genau die Zeitspanne umfasst, welche der Titel nennt, so ist es doch ein ergreifendes und zutiefst ehrlicher Text. Ich habe ihn erst vor kurzem gelesen und muss gestehen, dass mich noch Tage danach diese Stunde mitgenommen und beschäftigt hat. Wie immer war die Eloquenz und das Jonglierenmit Wörtern ein Genuss, aber selten habe ich es, selbst bei Thomas Mann erlebt, dass ein Text die menschliche Psyche so ergreifend nur mit bloßen Wortgebilden darstellt. Nach all dem was man im Laufe der Zeit per Geschichte oder Film über ihn mitbekommen hat, kann man ihn sich fast selbst als Protagonisten und Leidtragenden dieser Stunde betrachten. Die Dramaturgie ist unglaublich, wie es erst langsam beginnt in der Figur sich zu regen, zu denken, nachzudenken über sein Problem, nur damit sich dem Höhepunkt, der hineinkriechenden Kälte des Ofens in den Menschen genähert werden kann. Mann beschreibt die immer größer und tiefer, ja vorallem tiefer werdende Verzweiflung und die nagenden, auffressenden Zweifel so überzeugend, dass man bald an sich selbst erinnert wird, an die persönliche "Schwere Stunde" wenn man des Nachts allein in einem Zimmer sitzt, friert, aber nicht in der Lage ist gegen die persönliche Gehemmtheit oder Hemmung etwas zu unternehmen und einfach nur denkt, die Gedanken sich verselbstständigen und sich alsbald verflüchtigen, aber erst nachdem diese Emotionsgewalt ausgestanden ist, von der man nie sagen kann wie lange sie diesesmal dauert und warum sie einen gerade in diesem, doch eigentlich wichtigen oder zumindest normalen Moment heimsucht. Mann zeigt ein Leben auf, in der beschriebenen Stunde, welches noch nicht zerrütet und abgestumpft ist vom alltäglichen Sein, von der Grausamkeit der Welt und dem Fehlen der Liebe. Er zeigt die Seele eines Schriftstellers, der sein perönliches Fegefeuer durchlebt um dann wie ein Phönix aus der Asche emporzusteigen und weiter zu leben.
 
Conny Bähring
Meine Leseerfahrungen
Erstellt am 13.02.2008 22:15
Ich sitze gerade vor einem riesigen Berg an Büchern, auf deren Buchrücken immer ein Name steht: Thomas Mann. Für ein Seminar nächstes Semester muss ich eine Menge Bücher von ihm lesen, doch es ist nicht der übliche Druck, der dahinter steht, wie es sonst der Fall ist, wenn die notwendige Lektüre vorbereitet werden muss, es ist vielmehr, dass ich eine große Vorfreude verspüre mich, teilweise nochmals, in andere Welten versetzen zu lassen und vor dieser unglaublich präzisen Art Thomas Manns verzaubern zu lassen.
Das erste Werk, das ich gelesen habe, waren "Die Buddenbrooks". Es hat lange gedauert bis ich den Roman zuende gelesen habe, aber als ich ihn endlich beendet habe, habe ich mich gleich nochmal auf ihn gestürzt und jede Seite in mich aufgesogen wie schon beim ersten Mal. Ich war fasziniert von den vielen Kleinigkeiten, von den Details.
Es folgten "Der Tod in Venedig", die Erzählungen und "Der Zauberberg". Nachdem ich das gelesen habe, war ich sehr neugierig auf ein Seminar über Thomas Mann und wie es der Zufall wollte, wurde gerade in dem Semester ein solches angeboten.
Das Seminar hat mir zunächst etwas von dem Zauber Thomas Manns genommen. Es schien immer das Gleiche zu sein. Immer wieder die Décadence, der Verfall, der Tod, die Schatten um die Augen. Immer wieder wurde deutlich, dass Thomas Mann dem Bildungsbürgertum angehörte und er so gebildet war, dass jedes seiner Werke überall Verweise und Einflüsse von anderen birgt. Er sagte ja sogar von sich, dass er nur ein Kopist sei. Ich war an dem Punkt, dass es mich schon wirklich genervt hat, wenn die Hauptperson wieder als kränklich dargestellt wurde, wenn Apollinisches gegen Dionysisches stand, wenn alles dem Untergang entgegenging.
Andererseits ist da diese unglaubliche Faszination, weil alles so akribisch ist, so gut wie alles ist in sich geschlossen, alles ist bis in die kleinsten Ecken überdacht. Auch das unglaubliche Wissen, das Mann hatte. Es ist ein Horizont, den ich mir gar nicht vorstellen kann, auf den ich aber jedes Mal wieder stoße, wenn ich seine Werke lese. Und jedes Mal frage ich mich was ich nun schon wieder überlese und was auf dieser Seite wieder steht, das ich nicht verstehe, weil mir das Wissen dazu fehlt.
Ich kann für mich nur sagen, dass ich keinen Autor kenne, der das Wie so faszinierend schreiben kann. Er gehört definitiv zu meinen liebsten Favoriten und ich lese ihn immer wieder gern.
 
Christel Walther
Warum Hemmungen?
Erstellt am 12.03.2008 22:47
Zum Beitrag von Frau Clever:

Auch als Nichtabiturientin faszinieren mich die Bücher von Thomas Mann. Ich bin zwar erst nach meiner Schulzeit an seine Werke herangekommen, aber es lohnt sich immer. Die Entdeckungsreise geht noch weiter. Thomas Mann wäre jemand, den ich gerne einmal kennengelernt hätte, auch wenn es nicht ganz einfach gewesen wäre. Schade, dass sich viele nicht an seine Bücher herantrauen, weil sie sich für zu ungebildet halten. Tat sächlich muss man ein gewisses Interesse an Sprache, Musik, Geschichte...mitbringen. Nebenbei lernt man beim Lesen auf diesen Gebieten eine Menge. Im Moment warten neben dem "Zauberberg" und "Der Erwählte" noch "Joseph und seine Brüer" darauf, "gelesen zu werden. Ich habe schon etwas darin gelesen und kann nur sagen: Menschlicher hat niemand einen biblischen Stoff erzählt. Vielleicht sollte auch das Fach "Literatur" an den Schulen wieder eingeführt werden.
 
Dr. Armin Zastrow
Ein literarisches Requiem: Der Tod in Venedig I
Erstellt am 23.03.2008 17:04
Ein literarisches Requiem von unvergleichlicher sprachlicher Präzision, Tiefe und Schönheit: Der Tod in Venedig - Buch, Hörbuch und Film

„Der Tod in Venedig“ war das zweite Werk Thomas Manns, das ich mir zu Gemüte führte, nach einer frühen, schon 40 Jahre zurückliegenden Schullektüre von „Mario und der Zauberer“, und nachdem mein Interesse an Thomas Mann im Herbst letzten Jahres aktuell entfacht worden war durch eine spannende Lesung, über die ich ausführlich an anderer Stelle in diesem Forum berichtete (http://www.thomasmann.de/thomasmann/lesebegegnungen/begegnung/231270, dort: Zastrow I bis IV, Späte Begegnung).

Ich verzichte hier darauf, etwas vom Inhalt dieser Novelle wiederzugeben, auch werde ich nichts über die Vielfalt der Deutungsversuche schreiben. Der Text ist mit rund 80 Druckseiten wirklich kurz genug, so dass ihn jeder selbst lesen kann, und es wurde wahrhaftig genug darüber geschrieben. Inhaltliche Zusammenfassungen und viele Hintergrundinformationen und Interpretationen gibt es zudem im Internet zu lesen. Stattdessen werde ich versuchen, die Gedanken und Gefühle auszudrücken, die mich bei der Beschäftigung mit diesem Werk bewegt haben.

Schon beim zweiten Satz wurden mir zwei Dinge klar: Erstens würde es mir nicht leicht fallen, den Text zu verstehen, und zweitens würde ich mich nur schwer von ihm trennen können, bis er zuende gelesen war. Und beides stellte sich als richtig heraus. Und wenn gelegentlich über den „Tod in Venedig“ geschrieben wurde, auch Thomas Mann selbst habe die sprachliche Qualität dieser Novelle nie wieder übertroffen, so wäre es für mich, bei dem wenigen, was ich bisher von Thomas Mann gelesen habe und bei meiner eingeschränkten Literaturkenntnis insgesamt wohl vermessen zu sagen: Ja, so ist es! Aber immerhin habe ich nach der Lektüre das subjektive Gefühl gehabt, selten einen Text von dieser sprachlichen Vollkommenheit genossen zu haben.

Nachdem ich gerade die ersten Seiten gelesen hatte, kam unsere Tochter von der Stadtbibliothek mit einer älteren aber ausgezeichneten ungekürzten Hörbuchversion nach Hause, die ich mir sofort mit ins Auto nahm, um sie auf der Fahrt zum Arbeitsplatz und zurück zu hören. Thomas Mann gelesen von Gert Westphal: Ein literarischer Genuss, den ich nur weiterempfehlen kann! (Das gilt übrigen auch für andere Produktionen der gleichen Reihe, wie „Buddenbroos“ die meine Frau derzeit hört, und „Der Zauberberg“, der mich im Moment begleitet).

 
Dr. Armin Zastrow
Ein literarisches Requiem: Der Tod in Venedig II
Erstellt am 23.03.2008 17:07
Ich ertappte mich dabei, dass ich mehrfach grundlos mit dem Auto fuhr statt mit dem Fahrrad, nur um die Kassetten weiterzuhören, die im MC Player meines Autoradios steckten. Und ich begann, die unvergleichliche „Hochsprache“ Thomas Manns mit zunehmender Begeisterung zu hören, sie förmlich in mich aufzusaugen. Immer wieder stellte ich irritiert fest, dass ich nur noch der Sprache lauschte, aber nicht mehr der durch sie transportierten Handlung folgte. Das mag einerseits damit zusammenhängen, dass es wirklich eines hohen Maßes an Konzentration bedarf, um Thomas Mann zu hören und ihn dann auch noch zu verstehen, aber es war sicher auch - zumindest teilweise - darauf zurückzuführen, dass die Sprache an sich bereits einen Hochgenuss vermittelt, selbst dann, wenn man der Handlung nicht mehr folgt. So, wie man ein ausgesprochen schmackhaftes, festlich angerichtetes Dinner in stilvollem, Ambiente genießen kann, ohne sich über die Inhalte an Nährstoffen, Vitaminen und Spurenelementen im Klaren zu sein, oder ein Musikstück, ein Gemälde auf sich wirken lässt, auch wenn die Intention des Künstlers völlig im Dunkeln bleibt - einfach, weil es so formvollendet, so technisch perfekt und so voller Anmut und Ausstrahlung daherkommt, dass man sich diesem Einfluss nicht mehr entziehen kann.

Als wenige Tage später dann die DVD mit der Inszenierung des „Tod in Venedig“ von Altmeister Luchino Visconti (1971) im Wohnzimmer lag, konnte ich, konnten wie beide, meine Frau und ich, es kaum erwarten, nach der Lektüre der Novelle bzw. dem Genuss des Hörbuchs zu erfahren, wie es dem berühmten Regisseur wohl gelungen ist, dieses Werk filmerisch umzusetzen. Das schien mir bei einem Text wie diesem, bei dem sich so unendlich viel im Kopf und in der Seele abspielt, und dass sich so wenig auf vordergründige Handlung stützt, wie Manns „Tod in Venedig“ fast unmöglich! Und dennoch: Visconti ist es gelungen. Ob er – trotz der inhaltlichen Abweichungen, die er sich in künstlerischer Freiheit gegenüber der Originalversion erlaubt hat – noch die Intentionen des Autors in jeder Hinsicht und in vollem Umfang genau getroffen hat, mag dahingestellt bleiben. Dieser Film ist schon für sich allein genommen ein Kunstwerk, das seinesgleichen sucht!

 
Dr. Armin Zastrow
Ein literarisches Requiem: Der Tod in Venedig III
Erstellt am 23.03.2008 17:09
Schon wenn sich in der Eingangsszene im Nebel über dem Golf von Venedig der Dampfer der Lagune nähert, geheimnisvoll umrahmt von den melancholisch-schweren und doch gleichzeitig traumhaft schönen Sphärenklängen des „Adagietto“ aus Gustav Mahlers 5. Sinfonie, wird der Zuschauer in den Bann des Filmes hineingezogen, und er kann sich aus diesen in der Tiefe der Seele angelegten Fesseln bis zum Finale nicht mehr befreien. Von Aschenbach ist, anders als bei Mann, nicht Schriftsteller sondern Komponist. Auch erlaubt sich Visconti die eine oder andere Freiheit, was die Vorgeschichte des Protagonisten betrifft. Aber die Rückblenden, insbesondere die zu den vergangenen kontroversen Diskussionen über Kunst, Ästhetik, Eros und verwandte Themen zwischen dem Komponisten von Aschenbach und seinem Freund, dem Dirigenten, sind einfach genial zu nennen. Mit ihnen gelingt es dem Regisseur auf subtile Weise, die Innenwelt des von Aschenbach für den Zuschauer erlebbar zu machen.

Über den Inhalt dieser Novelle ist viel geschrieben worden, auch Thomas Mann selbst hat sich verschiedentlich dazu geäußert. Und sicher ist auch vieles davon richtig und nachvollziehbar. Für mich transportiert die Geschichte aber jenseits tiefenpsychologischer, soziokultureller und literaturwissenschaftlicher Interpretation auch die Aussage, dass allein der Anblick jugendlicher Schönheit und die Freude daran – und dass lange vor körperlichem sexuellem Begehren -dem alternden Künstler ein hohes Maß an schöpferischer Inspiration, aber auch an Kraft zum Leben ebenso wie an Geduld zum Leiden und Mut zum Sterben geben kann. Und das kann ich, ungeachtet der homoerotischen Neigungen des Autors und seines Protagonisten, als selbst 55 jähriger Mann und damit fast im gleichen Alter wie von Aschenbach, sehr gut nachempfinden. Auch wenn ich mir dabei statt des Hermesjünglings Tadzio lieber ein bildhübsches junges Mädchen vorstellen mag. Man möge mir diese höchstpersönliche Abweichung von der Authentizität der Novelle verzeihen…
 
Roland Effertz
Der kleine Herr Friedemann
Erstellt am 29.04.2008 10:26
Durch ein Missgeschick einer fremden Person als Missgestalt, Kleinwüchsiger
heranzuwachsen, in dieser harten, genormten Welt ,stellt diesen sensiblen,
intelligenten, kulturellen Menschen vor eine harte Probe. Von Frauen, durch
die gesellschaftliche Stellung der Familie, umgeben, findet er doch nur
platonisch Zuneigung zu diesen Geschöpfen.
Tragisch und irgendwie leicht wird dieses Desaster erzählt, wie der kleine
Herr Friedemann an Selbstzweifel nagend den schönen Frauen
Komlpimente macht, hohe Konversation betreibt und an seiner nicht
genormten Grösse scheitert.
Thomas Mann führt uns vor Augen wie borniert, selbstherrlich, eitel der
Mensch reagiert wenn etwas nicht seinem Bild entspricht und welche
desaströsen Auswirkungen es haben kann.
Herr Friedemann von der Ausweglosigkeit seines Tuns überzeugt,
zutiefst depressiv an diesem Abend nach dieser schmachvollen Abfuhr,
ertränkt sich auf ebenso komische Art wie der Mensch selbst.
Obwohl seines Handicaps lernt man diese Person kennen und lieben,
entwickelt Beschützerinstinkt und kann leider doch nur ohnmächtig
lesen wie diese Erzählung endet.

 
Roland Effertz
Leben und Schreiben
Erstellt am 20.05.2008 13:04
TM`s Romane und Erzählungen zählen zu den Standardwerken der deutschen Literatur, doch zugänglich sind diese nur einigen Lesern,
die sich auch dem Stil nähern und anfreunden können.
Ich finde es zwar schön, diese Bücher zu lesen, mal wieder ein gutes
Buch in Händen zu halten. Die endlosen Schachtelsätze, der Aufbau
der Handlung, die akribische Beschreibung der Person und der Umge-
bung, halten Viele davon ab TM zu lesen.
Er ist ein Vergnügen zweifelsohne, einer breiteteren Masse zugänglich
zu machen fällt schwieriger. Wie wäre es zum Beispiel, die neue Bibel-
übersetzung ( Volxbibel 2.0 ) macht es ja vor, jungen Leuten TM näher
zu bringen, neu zu "übersetzen" ??
TM im heutigen Deutsch. TM interessanter, rasanter, grooviger und cooler rüberzubringen??
Man darf keine Berührungsängste haben. Bestimmt werden die Original-
versionen gelesen werden, wer Lunte gerochen hat.
Ich persönlich fände es gut, TM mal anders zu lesen.
Er ist ein Lesevergnügen auf jeden Fall und ich freue mich, ihn zu lesen.

Sein Leben dagegen ist von Licht und Schatten erfüllt. Geschichte und Zeit, Privates und Öffentliches sind in seinem Leben stark verwoben.
Interessant die Entwicklung seiner Kinder und Enkel. Erschreckend die
suizidale Rate, die dominante Vaterposition, das bevorzugen einiger
Kinder, seine früher verschwiegene Neigung.
Diese Erlebnisse, diese Schmerzen , seine Kinder hat er in einigen Ro-
manen autobiographisch wiedergegeben.
Ich denke aufgrund dieser Vielschichtigkeit ist TM für junge Leute auf
jeden Fall ein Gewinn und muss unbedingt nähergebracht werden.


 
Anna Richter
Unordnung und frühes Leid
Erstellt am 20.05.2008 21:09
Sehr schwer wird einem das Herz, wenn man ließt wie schwer es dem kleinen Lorchen wird, als sie ins Bett geschickt wird, und ihren Tanzpartner mit der dicken Plaichinger zurück lassen muss. Da hat der junge Max Hergesell doch großes Leid angerichtet, mit seinem spaßeshalber veranstalteten Tanz. Eine Gefühlsverirrung des kleinen Lorchens will man meinen, kann es aber durchaus auch nicht meinen wollen und es als ganz verständlich und nachvollziehbar ansehen, dass das liebliche kleine Lorchen, so arg darunter leidet, von dem „Schwanenritter“ mit seinen hübschen schwarzen Augen, Grausamerweise, da es nun doch schon 8 Uhr geworden war, und „die Kleinen“ die Gesellschaft verlassen mussten, getrennt zu werden.
Und wie es dem Vater weh tut, sein Töchterchen schluchzend den Wunsch äußern zu hören, dass „der Max“ doch ihr Bruder sein sollte.“ Wo doch dem Vater selbst, sein Sohn Bert im Vergleich mit „dem Max“ „im allertrübsten Licht erscheinen will.“
Und so leidet man als Leser ganz ungemein mit Vater und Töchterchen, und hofft nur, dass es so kommen wird, wie der Vater es prophezeit. Dass nämlich am nächsten Tag schon, das geliebten Kindchen all seinen Kummer vergessen haben wird und sie ganz glücklich, wie vor der Verliebtheit, „Fünf-Herren-Spaziergang“ spielen werden. Wir wollen das Beste hoffen und „dem Max“, obwohl er ja ganz unschuldig ist, die Leviten lesen, falls das schöne Mädchen doch Schaden und Herzensleid davontragen sollte. So sehr fühlen wir mit ihr.
 
Melanie Schwager
Erzählungen im Sommer
Erstellt am 03.06.2008 23:53
Im Sommer 2005 durchlebte ich eine unglückliche Liebe, war versunken in diesem Leid, wollte aus dem Strudel herausfinden und wollte es wieder nicht. Ich verbrachte zwei Wochen allein in meinem Elternhaus auf dem Land, die Mutter war verreist, der Bruder ebenso. Meine Aufgabe bestand darin in diesen zwei Wochen im Haus für Ordnung zu sorgen; die Katze füttern, die Blumen gießen. Beim Stöbern in der elterlichen Bibliothek fiel mir ein abgegriffenes Taschenbuch mit den Erzählungen Thomas Manns in die Hände. Mein erste Berührung mit ihm, an dessen schriftstellerischem Thron ich bisher immer herumgeschlichen war. Ich versank sofort im „Tristan“, in „Tonio Kröger“ fand ich mein Herz schlagen, der „Bajazzo“ war ich gar selbst. Thomas Manns Erzählungen waren mir Trost und Balsam, weiteten mir mein vom Liebeskummer verkrampftes Herz und sprachen mir wie gute Freunde Mut zu. Über mir spannte sich der blaue Himmel, unter mir breiteten sich die sommerlichen Wiesen und Felder aus und dazwischen atmete ich die Erzählungen Thomas Manns. Ich genoss meine Einsamkeit wie selten zuvor und war mir so nah, wie lange nicht mehr. In diesen zwei Wochen im Sommer 2005 fand ich Zugang zum „Zauberer“, daher wird mir dieser Sommer auf ewig in schönster Erinnerung bleiben.
 
Marion Waletzki
Mario und der Zauberer
Erstellt am 10.06.2008 11:34
Nachdem ich nun sämtliche Erzähungen von Thomas Mann noch einmal gelesen habe, muss ich gestehen, dass ich das tragische Reiseerlebnis „Mario und der Zauberer“ für ein verkanntes Meisterstück halte. Allein schon der einleitende Teil, in dem die latent feindselige Atmosphäre in dem italienischen Badeort mit viel hintersinnigem Humor und psychologischem Scharfblick eindringlich geschildert wird, ist ein kleines Kunstwerk für sich. Dadurch, dass er den Leser in dieser Erzählung zwischendurch immer wieder direkt anspricht, gelingt es Thomas Mann meisterlich, die Stimmung in geradezu genialer atmosphärischer Dichte zu vermitteln. Zudem erschafft er durch seine eindringliche Art des Erzählens für den Leser die Illusion, unmittelbar „dabeizusein“ und es gelingt ihm, eine Spannung aufrechtzuerhalten, die sich bis zur letzten Zeile des dramatischen Geschehens erhält. In keiner anderen seiner Erzählungen fühlte ich mich Thomas Mann so nahe wie in dieser, geradeso als säße ich neben ihm, während vorne auf der Bühne der vermeintliche Zauberkünstler sich als sinistrer Hypnotiseur erweist, der seine demütigenden Manipulationen des Zuschauervolkes zu weit treibt. „Mario und der Zauberer“ ist für mich eine Thomas-Mann-Erzählung, die aus dem Rahmen fällt und gerade deshalb spezielle Aufmerksamkeit verdient hat. Eine Erzählung, die den Leser ganz besonders in den Bann zieht und die man immer wieder lesen und vorlesen könnte.

 
Marion Waletzki
Unordnung und frühes Leid
Erstellt am 01.07.2008 11:28
Anders als der düster klingende Titel vermuten lässt, handelt es sich hier um eine der heitersten und witzigsten Erzählungen Thomas Manns, die einen direkten Einblick in sein eigenes Familienleben mit Frau und Kindern im München des Jahres 1923 gewährt. Nebenbei wirft Thomas Mann hier auch ein Schlaglicht auf den Alltag ehemals wohlhabender Familien zur Zeit der Inflation, als Kleidungsstücke gewendet wurden und die Lebensmittelbeschaffung ein abenteuerliches Unterfangen war. Thomas Manns ältere Kinder Erika und Klaus finden sich hier (alias Ingrid und Bert) als junge Erwachsene eindrucksvoll verewigt, und man gewinnt eine äußerst lebendige Vorstellung von ihrem parodistischen Talent, wenn beschrieben wird, wie sie dieses an arglosen Münchner Straßenbahnfahrgästen ausprobieren.

Eine Sonderrolle allerdings hat Thomas Mann hier seiner jüngsten Lieblingstocher Elisabeth zugedacht. In der Erzählung wird sie verkörpert von der fünfjährigen und auch hier unverhohlen bevorzugten Eleonore, genannt Lorchen, deren tiefe Verzweiflung angesichts ihrer ebenso aussichtslosen wie heftig entflammten Leidenschaft der Erzählung ihren Titel gibt. Vermissen läßt der hochgeschätzte Autor hingegen die Erwähnung seiner beiden ungeliebten mittleren Kinder. Die Tatsache, dass ihre Existenz in dieser wunderbaren Familien-Momentaufnahme nicht einmal andeutungsweise zur Sprache kommt, erscheint mir ein wenig grausam gegenüber Monika und Golo, auch wenn die beiden zur Zeit der beschriebenen dramatischen Ereignisse vermutlich Internatsinsassen und somit schlicht und einfach nicht zugegen waren.

„Unordnung und frühes Leid“ ist eine meiner Lieblingserzählungen dieses Autors und auch für Thomas-Mann-Einsteiger besonders zu empfehlen, weil hier seine m.E. größte Stärke, nämlich die Fähigkeit, Personen und Situationen unnachahmlich treffend zu beschreiben, auf ebenso amüsante wie unterhaltsame Art und Weise zum Tragen kommt. Die Geschichte spielt sich an einem einzigen Tag ab, an dem die beiden „Großen“ einen Tanzabend im Elternhaus veranstalten, ein sogenanntes „Gänsehüpfen mit Heringssalat“. Hierbei werden dem Leser aufschlussreiche Erkenntniss über Thomas Manns Familiensituation in den „Münchner Jahren“ sowie sein Gebaren in Gesellschaft überhaupt zugespielt. Wirklich schade, dass Thomas Mann nicht einen ganzen Roman den kleinen und großen Katastrophen seines Familienlebens gewidmet hat!

Marion Waletzki
Starenring 9
85609 Aschheim bei München

1. Juli 2008
 
Inga
Enttäuschung
Erstellt am 20.05.2009 09:11
Eines der schönsten Werke von Thomas Mann ist für mich die Erzählung "Enttäuschung". "Dies ist es, so empfand ich, eine Feuersbrunst; nun erlebe ich sie! Schlimmer ist es nicht? Das ist das Ganze?" Dieses sich wiederholende Thema des diminutiven Empfindens von Katastrophen porträtiert wunderbar die Sensationslust unserer Zeit. Die Menschen kaufen sich Boulevardblätter, um über die Probleme anderer und geschehener Katastrophen im BILDe zu sein. Aber schon die Degradierung solcher Ereignisse als eine Art Circus im altrömischen Sinn, ein Spektaculum zur Belustigung des Volkes, bewirkt eine Diminution. Nach der Zeitungslektüre fragt sich der Leser: "War das Alles? Schlimmer ist es nicht? Das ist das Ganze?" Diese von Thomas Mann in "Enttäuschung" beschriebene Abstumpfung der Empfindung zeigt sich heute an vielen Stellen, z.B. im Kunstbetrieb. Keine Inszenierung - selbst klassischer Werke - ohne das Verspritzen diverser Körpersekrete auf der Bühne; Orgasmischer Kindstod in Cannes etc. Der Skandal von gestern wirkt am nächsten Tag nur noch enttäuschend. Thomas Mann karikiert diese im Grunde nicht zu befriedigende Sensationslust als eine ständige Täuschung für einen kurzen Moment, dem die sofortige Enttäuschung folgt. Eine sehr lesenswerte Kurzerzählung.
 
Marion Waletzki
Herr und Hund - Teil I des Eintrags
Erstellt am 06.06.2009 13:09
Nein, nein, diese Erzählung richtet sich nicht nur an Hundefreunde!
Vielmehr bietet sie jedem Leser die höchst gelungene Gelegenheit zur Auszeit von Hektik und Alltagsstress des Hier und Jetzt, um mit Thomas Mann eine Zeitreise ein knappes Jahrhundert zurück zu unternehmen, in eine Zeit, als ständige Erreichbarkeit nicht nur technisch umöglich war.

Diese Erzählung scheint mir die ideale Lektüre für Sprachästheten oder Sprachschaffende aller Art als Entspannungslektüre z.B. im Wellness-Urlaub zu sein, denn sie bietet eine hervorragende Möglichkeit, beim Lesen das Sprachgefühl zu schulen, das zu Zeiten des in allen Medien gegenwärtigen, flüchtigen Internet-Jargons mehr und mehr untergeht.

In „Herr und Hund“ lässt Thomas Mann den Leser quasi „mitspazieren“ durch die Münchner Isaranlagen um das Jahr 1920, als sein damaliges Wohnviertel sich in den Anfängen der Entstehung befand und an der Isar noch Lokomotivfabrik und Fährbetrieb existierten. Der Autor beschreibt mit viel Liebe zum Detail nicht nur seinen Lieblingshund Bauschan (übrigens eine Hühnerhund-Mischung, braun-getigert mit Schlappohren!), sondern vor allem auch seine alltäglich-vertraute Umgebung. Überdies teilt Thomas Mann dem Leser vermittels seines Blicks auf Hund und Natur in dieser Erzählung ungewohnt viel über seine persönlichen Lebensumstände wie Tages- und Arbeitsrhythmus mit.

 
Marion Waletzki
Herr und Hund - Teil II des Eintrags
Erstellt am 06.06.2009 13:11
Der Hund Bauschan ermöglicht uns obendrein mit seinem regelwidrigen Sprung durchs offene Fenster einen kurzen, kostbaren Blick in Thomas Manns Arbeitszimmer und auf seinen Schreibtisch. Und die sehr amüsant beschriebenen Episode, als der Hund eine Maus erbeutet, gibt dem Leser zudem die seltene Gelegenheit, an des Autors gemischten Gefühlen teilzuhaben, ebenso als der vierbeinige Freund später die Höhen und Tiefen von Krankheit und Genesung zu spüren bekommt.

Aus diesem Grund ist diese Erzählung für mich ein Juwel unter den Erzählungen. Zugegebenermaßen weist sie einige Längen auf, über die der Autor übrigens interessanterweise selbst erschrocken war. Aber kürzen wollte oder konnte er offensichtlich eben auch nicht, was aber den Reiz für Thomas-Mann-Begeisterte noch erhöht, denn der Leser erhält hier Einblick in mannigfache Einzelheiten, die dem Autor zu jener Zeit wichtig waren – zu wichtig zum Weglassen.

Auch wenn dem wirklichen Hund Bauschan nach Erscheinen dieser Erzählung kein sehr langes Leben mehr vergönnt war – Thomas Mann hat seinen Lieblingshund mit dieser herzerwärmend und in gewohnter Virtuosität erzählten Geschichte unsterblich gemacht. Die sympathischen, beinahe menschlichen Charaktereigenschaften lassen Bauschan derart liebenswert erscheinen, dass vielleicht so mancher Leser, dem die Spezies Hund bisher gleichgültig war, die mögliche spätere Anschaffung eines ähnlichen vierbeinigen Freundes zumindest nicht mehr kategorisch ausschließen wird.

 
Marion Waletzki
Herr und Hund - Teil II des Eintrags
Erstellt am 06.06.2009 13:11
Der Hund Bauschan ermöglicht uns obendrein mit seinem regelwidrigen Sprung durchs offene Fenster einen kurzen, kostbaren Blick in Thomas Manns Arbeitszimmer und auf seinen Schreibtisch. Und die sehr amüsant beschriebenen Episode, als der Hund eine Maus erbeutet, gibt dem Leser zudem die seltene Gelegenheit, an des Autors gemischten Gefühlen teilzuhaben, ebenso als der vierbeinige Freund später die Höhen und Tiefen von Krankheit und Genesung zu spüren bekommt.

Aus diesem Grund ist diese Erzählung für mich ein Juwel unter den Erzählungen. Zugegebenermaßen weist sie einige Längen auf, über die der Autor übrigens interessanterweise selbst erschrocken war. Aber kürzen wollte oder konnte er offensichtlich eben auch nicht, was aber den Reiz für Thomas-Mann-Begeisterte noch erhöht, denn der Leser erhält hier Einblick in mannigfache Einzelheiten, die dem Autor zu jener Zeit wichtig waren – zu wichtig zum Weglassen.

Auch wenn dem wirklichen Hund Bauschan nach Erscheinen dieser Erzählung kein sehr langes Leben mehr vergönnt war – Thomas Mann hat seinen Lieblingshund mit dieser herzerwärmend und in gewohnter Virtuosität erzählten Geschichte unsterblich gemacht. Die sympathischen, beinahe menschlichen Charaktereigenschaften lassen Bauschan derart liebenswert erscheinen, dass vielleicht so mancher Leser, dem die Spezies Hund bisher gleichgültig war, die mögliche spätere Anschaffung eines ähnlichen vierbeinigen Freundes zumindest nicht mehr kategorisch ausschließen wird.

 
J.W. Aarents
Wälsungenblut
Erstellt am 18.10.2009 22:45

Es war in der Mengstrasse, wo ich “Die Erzählungen” kaufte, wo die Manns ihre Geschäfte führten. Hat Thomas Mann auch seinen Grossvater und Ur-Grossvater im Gedanken gehabt oder nur das Werk Richard Wagners, als er die “Wälsungen” schrieb? Damals in Lübeck war ich auf der Suche nach die Manns, den Grosseltern.
Auf dem Weg zum Friedhof sagte die alte Dame die wir nach diesen Weg fragten: “Sind sie Mann-Schwärmer?” Diese unartige Frage hätte der Anlass zu einer Anzeige sein können. So weit ist es –gottlob- nicht gekommen, sonst wäre ich in eine Erzählung geraten, worüber ich jetzt nicht schreiben möchte!
Also zurück zur Geschichte der Zwillinge Siegmund und Sieglinde oder soll ich sagen Klaus und Katia? Nein! Dann wäre doch von Beckenrath Thomas Mann gewesen! Unmöglich: Beckenrath wurde in der ursprünglichen Fassung der Novelle von Siegmund als Hörnertrager angedeutet! Dennoch war es für Alfred Pringsheim deutlich dass sein Schwiegersohn – erst seit einigen Monaten!- beim Herausgeben der Novelle die Familie kompromittieren sollte. Da hatte er natürlich recht! Vieles ist darüber geschrieben und ungeschrieben!
Was mir eigentlich am meisten interessiert ist: was war der Anlass zur Entstehung dieser Erzählung?
Erstens natürlich die Passion Richard Wagners die Thomas Manns Leben durchzog (seine eigene Worte). Dann kann es sein, weil er durch seiner Heirat erstmals in seinem Leben mit Zwillingen konfrontiert wurde, dass auf diese Weise seine Gedanken zur Walküre entstanden und darauf die geniale Idee Siegmund und Sieglinde als Zuschauer der Walküre zu machen.
Das T.M. die Verhältnisse im ‘Palais’ in der Münchener Arcisstrasse vollbenutzt hat ist logisch, das Bärenfell in der Bibliothek war natürlich ein gefundenes Fressen!

Aber lesen Sie diese schöne Erzählung ohne diese Gedanken. Das gefällt mir am Besten!

J.W. Aarents
Groningen Niederlande