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Thema: Zu mehreren verschiedenen Texten Thomas Manns
Schnitter
Thomas Mann und schwierig?
Erstellt am 12.04.2005 14:27
Wem erging es nicht ähnlich: im Deutschunterricht mussten wir "Mario und der Zauberer" lesen. Die langen Schachtelsätze vernebelten das Hirn und vom Inhalt erschloss sich fast nichts. Im Ergebnis blieb Thomas Mann zwar eine Berühmtheit, aber lesen? Das änderte sich erst, als jemand auf die historische Schallplatten-aufnahme (CD's gab es damals noch nicht) aufmerksam machte, in der Thomas Mann selbst die Musterungsszene aus seinem "Felix Krull" las. Mit dieser Stimme im Ohr verlor künftig fast jeder Text beim Lesen seine Schwierigkeit. Und so kamen zur Musterungsszene zwangsläufig weitere "Lieblingsstellen", wie eines der späten Kapitel aus "Lotte in Weimar": lange hat man auf den Herrn Geheimrat warten müssen – aber sein Munterwerden wird für immer ein "buchenswertes Ereignis" bleiben. Dankbar bin ich für die Kommentarbände der unlängst begonnenen Gesamtausgabe. Der Blick in die Werkstatt gehört jetzt immer mit zum Lesevergnügen - die Genauigkeit beispielsweise, mit der Veränderungen in der Kleidung, im Aussehen der handelnden Personen, bei der Wohnungseinrichtung usw. usw. notiert wurden, wenn sich, wie bei den "Buddenbrooks", die Handlung über mehrere Jahrzehnte erstreckt. Jetzt fasziniert auch die Handschrift. Kann man nicht mal "Tod in Venedig" als Faksimile veröffentlichen?
 
Koskator
Mannhaft in die Literatouristik eingestiegen (auf den Zauberberg gestiegen) - 1
Erstellt am 17.03.2006 16:49
Das hatte ich schon immer, mit Verlaub (es ist dies immerhin ein Thomas-Mann-Forum) saustark gefunden: allein und ohne Absicht an einem Ort verweilen, der normaler Weise von Menschen überfüllt war.
Und der wichtigste dieser Orte war nun einmal die Schule. Ich hatte da einen "bedenklichen Hang zum Dienstpersonal" entwickelt, wie Freud das in einer seiner berühmten Fallgeschichten ausdrückte, die sich ja nun neuerdings im Zuge der globalen Götzensturzbewegung als höchst zweifelhaft erwiesen, indem ich erstaunlich mühelos mit den Putzfrauen ins Gespräch kam, die nach Unterrichtsschluss in den Klassenräumen herum wuselten.
Manchmal war ich auch völlig allein in diesen Sälen der S(s)eligen (Lehrer). Und einer der mir liebsten Orte, in denen ich den "Klängen des Schweigens" lauschte (Simon & Garfunkel) und mich endlich zumindest in Andeutungen das Empfinden des Heimischseins anwehte, war das so genannte Literaturkabinett, und "so genanntes" deshalb, weil es sich eigentlich um einen ganz normalen Klassenraum handelte, der "nur" mit speziellen Lehrmitteln ausgestattet war, die deutlich werden ließen, dass es sich halt nicht um die Turnhalle oder den Chemiesaal handelte.
Besonders die gewaltige Wandtafel, die die gesamte Wand gegenüber der Tür ausfüllte, hatte es mir angetan. Es handelte sich dabei um ein Projekt, das üblicher Weise von einer zehnten Klasse kurz vor ihrem Schulabschluss als letzte gemeinsame Arbeit angefertigt worden war. Auf dieser Wandtafel war die Entwicklung der gesamten deutschen Literatur von ihren Anfängen bis in die Gegenwart dargestellt, und zwar überaus übersichtlich und einleuchtend.
Angesichts dieser Tafel, die ich mehrfach in der Woche erblickte, entwickelte ich zum erstem Mal so etwas wie Ehrfurcht vor dem angesammeltem Wissen der Menschheit und das Bedürfnis, es gründlich kennen lernen zu wollen. Sie wurde eine Art heimliche Ikone für mich, bei deren regelmäßiger stiller Anbetung ich überprüfen konnte, wie weit meine Kenntnisse inzwischen gediehen wären.
 
Koskator
Mannhaft in die Literatouristik eingestiegen (auf den Zauberberg gestiegen) - 2
Erstellt am 17.03.2006 16:51
An der Wand links von dieser Tafel befand sich ein Einbauschrank, der voll gestopft war mit Werken vor allem der Sekundärliteratur. Eines Nachmittags nun, als ich wieder einmal diese einsamen Momente in diesen normalerweise von hunderten Schülern erfüllten Räumen genoss, fand ich dort eine Monographie über Thomas Mann. Ich hatte diesen Namen noch nie gehört, oder konnte ihn, wenn ich ihn irgendwo aufgeschnappt hatte, jedenfalls nicht in das große Gebäude der Deutschen Literatur einordnen, wie es an dieser Wandtafel grundrissartig dargestellt war. Ich war überrascht feststellen zu müssen, dass es sich offenbar um einen "echten Großen" handelte, der, um im Bilde zu bleiben, einen der "Stützpfeiler" dieses Gebäudes darzustellen schien.
Natürlich hing dieses "nicht Kennen" mit der Tatsache zusammen, dass der Autor und Mann Mann "nicht typisch" war. Fast reflexartig nämlich holte ich nach diesem Zufallsfund- und griff in diesen Anbauschrank Erkundigungen über den Lübecker Wortsetzmeister ein. Und ebenso "natürlich" war der Tenor aller sich über diesen "Großen" äußernden Literaturwissenschaftler etwa derart lautend, dass es sich zwar um einen "bürgerlichen Humanisten" gehandelt, der aber den Weg zur kämpfenden Arbeiterklasse nicht gefunden hätte, usw. usw. usf. Und es erfolgte auffällig häufig der Hinweis auf den Bruder Heinrich, der sich zur kämpfenden Linken geschlagen und zudem als Quintessenz seines langen Schriftstellerlebens die DDR als seine Wahlheimat erwählt hätte. Schon an dieser Stelle fiel mir auf, dass dies vorbildlich Klassen bewusste Verhalten als Rechtfertigung herhalten musste dafür, dass Heinrich in der DDR offenbar höher gestellt wurde, während Kritiker aus dem nichtsozialistischem Ausland ebenso eindeutig Thomas als den wichtigeren und bedeutenderen Autoren empfanden.
Wir "behandelten" Thomas auch nicht im Unterricht (und ich bin heute noch geneigt, schnell hinzuzufügen: zum Glück!), während Heinrich sogar im Lesebuch vorkam und "Der Untertan" ausführlich betrachtet und analysiert wurde, so dass bei einem großen Teil der Schüler die übliche und möglicher Weise lebenslängliche Abneigung gegen das Werk erzeugt wurde; ein Phänomen, das sich, nebenbei eingeflochten, durch die Schulsysteme unterschiedlichster weltanschaulicher Ausrichtung hindurch zieht, was darauf hindeuten könnte, dass es sich eben um eine von der jeweiligen aktuellen politischen Färbung unabhängige Erscheinung handeln könnte; aber das, wie gesagt, nur am Rande.
 
Koskator
Mannhaft in die Literatouristik eingestiegen (auf den Zauberberg gestiegen) - 3
Erstellt am 17.03.2006 16:52
Nur in der neunten oder zehnten Klasse wurde eine Novelle von Thomas Mann vorgestellt, allerdings auch nur als Wahlpflichtlektüre, was hieß, dass diese Geschichte unter drei oder vier Angeboten aus der Rubrik "Bürgerliche Humanisten, die den Weg zur… usw. usf.", gewählt werden konnte. Es handelte sich um "Mario und der Zauberer", und es stellte sich schnell heraus, dass es, milde umschrieben, gern gesehen wurde, nicht nur diese Novelle herauszustellen als eindringliche Warnung vor dem aufkommendem Faschismus, sondern auch etwas in der Art "heraus zu arbeiten", dass nicht mehr viel gefehlt hätte, und Thomas Mann hätte sich um Aufnahme in die KPD beworben…
Ein Eberhard Hielscher, dessen Namen ich gleichfalls noch nie gehört hatte, führte nun in dieses Werk des "Großschriftstellers" auf eine Weise ein, wie ich es auch noch nicht erlebt hatte. Gleich auf der ersten Seite stellte er die authentische Episode dar, wie nach dem Tod des Lübecker Lyrikers Geibel (nie gehört, wie sollte es anders sein) eine alte Frau, ein vollkommen "ungebildetes" Marktweib, auf der Straße in echter Verzweiflung sich und den Passanten laut die Frage gestellt hätte, wer denn nun die Stelle kriegen, wer denn nun "der Dichter" werden würde…
Das gefiel mir, und ich blieb bei und in diesem Buch. Unzählige Male hatte ich im Deutschunterricht davon gehört und gelesen, dass die Vertreter des sozialistischen Realismus eine ganz neue Spezies von Schreibwerktätigen darstellten, die sich nicht nur durch Volksnähe, sondern auch quasi ganz natürliche Beliebtheit im Volk auszeichnen würden. Und nicht nur, dass sich das außerhalb des Unterrichts nicht nur für mich ganz anders darstellte: offenbar hatte es, wie diese von Hielscher kolportierte wahre Geschichte zeigte, derartige wirkliche Volksnähe an Stellen gegeben, wo ich sie nicht nur nicht vermutet, sondern auch gar nicht gesucht hätte.
Ich glaube, es war dies die Stelle, ab der ich für den sozialistischen Aufbau einigermaßen verloren war…
Denn schließlich tätigte ich endlich wieder einmal einen Glücksgriff: ich begann nämlich mit dem "Tonio Kröger"; ich weiß nicht, was passiert wäre, hätte ich versucht, zur Welt des Lübeckers Zugang zu finden, indem ich als erstes den "Zauberberg" oder den "Dr. Faustus" aufgeschlagen hätte.
 
Koskator
Mannhaft in die Literatouristik eingestiegen (auf den Zauberberg gestiegen) - 5
Erstellt am 17.03.2006 16:54
Und dann kannte ich das allzu gut, was in dieser Novelle beschrieben wurde, von der ich damals noch nicht wusste, dass sie Mann selbst des Öfteren als sein Lieblingswerk bezeichnet hatte: diese ewige Vergeblichkeit, das immer wieder erneute Verratenwerden, das sich Abmühen an den "falschen" Leuten, während man mit denen, die sich Einem zuwandten, nichts anzufangen wusste, ja, sie albern, dumm und lächerlich fand…
Es gab so viel, was mir bekannt, wenn nicht vertraut erschien in dieser Geschichte aus einer wahrlich anderen Welt. Als vermeintlicher Hochstapler festgehalten zu werden, schien eine der "leichtesten Übungen", die mich erwarten würden, wenn ich einst "nach draußen" gehen würde, in das "wirkliche" Leben (in den "Ernst des Lebens", wie insbesondere meine Eltern mit drohendem Unterton sinngemäß oder gar wörtlich zu formulieren pflegten, als würde ich "dann schon sehen", wenn es so weit wäre). Ich sollte einmal schon als Vorschulkind von einem halben Dutzend Gleichaltriger verprügelt werden, weil ich angeblich einem ihrer Spielkameraden ein Loch in den Kopf geworfen hatte, während in Wahrheit ich es gewesen war, der zu dem angegebenem Zeitpunkt einen Stein abbekommen hatte…
Aber da waren dann auch diese Formulierungen wie, dass Kröger schließlich, als er begriffen hätte, "welche Bewandtnis es mit ihm hatte", seiner Wege gegangen wäre. Dies war eine erfreuliche Aussicht, von der ich ganz selbstverständlich überzeugt war, dass sie auch mir zur Verfügung stehen würde, wenn es dann so weit sein würde, dass ich wie Tonio Kröger die Fäden löste, die mich mit meiner Heimatstadt verbanden… Und schließlich war ich mir sicher, dann auch so eine unbefangene, unkonventionelle, intelligente, begabte und brutal ehrliche Freundin zu haben wie Lisaweta Iwanowna, der ich würde "alles sagen" können.
Den "Zauberberg" las ich dann aber doch bald. Desgleichen den "Doktor Faustus" und die "Buddenbrooks" und fast alle Erzählungen des Lübecker Wortsetzmeisters. Ich verstand nicht, warum die Lektüre Thomas Manns von den meisten Leuten, mit denen ich darüber zu sprechen versuchte, wobei ich mich ohnehin schon vorsichtshalber auf Andeutungen beschränkte, als mühsam, langwierig, anstrengend oder gar langweilig empfunden zu werden schien.
 
Koskator
Mannhaft in die Literatouristik eingestiegen (auf den Zauberberg gestiegen) - 4
Erstellt am 17.03.2006 16:54
Den "Kröger" gab es in einer schönen Sonderausgabe, mit Schuber und Illustrationen eines bekannten Künstlers. Ich versuchte nun, mit diesem aus der Stadtbibliothek ausgeliehenem Bändchen "Stimmung zu erzeugen". Ich zog mich mit diesem Büchlein in eine etwa zehn Minuten Fußweg von unserem Wohnblock entfernte Landschaft zurück. Es war dies einer der unvermuteten Vorzüge unseres Wohngebietes: ich lief an den drei Wohnblöcken hinter unserem vorbei, überquerte eine Straße, und stand vor einem ausgedehntem Schrebergartengebiet. Darin eingebettet war ein ehemaliger Park oder dergleichen, der sich über mehrere Endmoränenhügel erstreckte, und der zwar völlig verwildert war, aber dennoch erkennen ließ, dass er einst künstlich angelegt worden war. Es musste sich um ein ehemaliges Gut oder dergleichen handeln.
Es gab dort einen Hang, der es mir besonders angetan hatte. Hier war der künstliche Charakter der Landschaft am deutlichsten zu erkennen. Es standen dort etwa zwei Dutzend in Reihen gepflanzter Obstbäume, die noch in jedem Jahr reichlich essbare Früchte trugen. Jedenfalls traf dies auf einen Birnbaum direkt am Wege zu und vor allem auf einen Kirschbaum, der etwa auf halber Höhe des sanft ansteigenden Hanges stand, und den außer mir kaum jemand zu kennen schien.
Dort legte ich mich ins Gras, das im Hochsommer fast brusthoch wuchs, und zelebrierte das Ritual der Lektüre. Ich hätte das in Worten nicht auszudrücken vermocht und auch gar nicht gewollt, aber was ich dort suchte, war bereits damals ein innerer und äußerer Freiraum jenseits des maschinenartig gleichförmig ablaufenden Alltags. Ich versuchte, etwas von dieser Atmosphäre zu erzeugen, in der das Spielerische, Ungeplante, "Unnütze" im Sinne von "nicht ab Rechenbarem" stattfinden konnte, und es gelang mir nicht recht. Zu groß waren die Schuldgefühle und der damals schon recht ausgeprägte Drang oder Zwang, mich selbst als Außenstehender zu betrachten, in dessen Vollzug ich mir selbst lächerlich vorkam. Mein Vater zumindest sprach immer wieder von Wert und Würde solcher "literarischen Ausflüge", aber er lebte das in Worten als anstrebenswert Dargestellte selbst nicht vor, so dass ich gegen das Empfinden ankämpfen musste, in einen leeren und "ungesicherten" Raum nicht nur zu gehen, sondern gar zu fallen, wenn ich mich in dieser Weise aus der "wirklichen" Welt zurück zog.
 
Koskator
Mannhaft in die Literatouristik eingestiegen (auf den Zauberberg gestiegen) - 6
Erstellt am 17.03.2006 16:55
Mit diesen berüchtigten "langen Sätzen", die angeblich das Verständnis des dargelegten Geschehens erschwerten, hatte ich überhaupt keine Probleme, vielmehr ich zum erstem Mal erlebte, was es hieß, Sprache in ihrer kunstvollsten Anwendung zu genießen wie eine Feinschmecker-Delikatesse. Zudem erzeugte diese "Langatmigkeit", mit der Mann in so oft ironisch oder gar abfällig kolportierter Manier etwa über eine halbe Seite hinweg eine Tapete beschrieb, bei mir wieder diese "atmosphärische Dichte", indem diese Ausführlichkeit und Intensität der Beschreibung es mir leicht machte, völlig in dieser anderen Welt zu "verschwinden".
Einen Höhepunkt dieser Entwicklung zu genau dem "einsamen Kenner", den Mann in mehreren Novellen mit ironischer Sympathie beschrieben hatte, war dann eben die Lektüre des "Zauberbergs". In den vertiefte oder "verlief" ich mich bei einer der wenigen Gelegenheiten, bei denen ich mit meinen Eltern zusammen in den Urlaub fuhr. Ich war damals etwa fünfzehn und schämte mich naturgemäß dieses "Mitgenommenwerdens". Diese Scham war aber nicht nur unangebracht, sondern überflüssig: es sah mich ja keiner. Meine Eltern hatten in einem Städtchen unweit unserer Heimatstadt einen mitten im Kiefernwald errichteten Bungalow gemietet, um dort nun "Urlaub zu machen". Aber was war das für ein "Urlaub"! Nicht nur, dass ich mich nicht an einen einzigen Ausflug zu irgendeiner historischen Sehenswürdigkeit oder dergleichen erinnern kann: meine Stiefmutter stand auch im "Urlaub" jeden Morgen gegen halb sieben Uhr auf, um erst einmal eine Stunde lang den Bungalow "sauber zu machen", was die übliche Folge zeitigte, dass man nach wenigen Tagen mit einiger Sicherheit auf dem Wohnzimmertisch ohne Bedenken eine chirurgische Operation hätte ausführen können…
Aber es war dies auch eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen man mich halbwegs gewähren ließ. Zwar musste ich mir auch wieder von denselben Eltern, die selbst nichts Handfestes auf die Reihe brachten, den Vorwurf gefallen lassen, ich würde nur "gammeln", aber erstens hatte ich mich längst daran gewöhnt, in dieser Weise die Funktion des Sündenbocks inne zu haben, und zweitens hatte ich das alles vergessen, wenn ich nur fünf Minuten im "Zauberberg" steckte.
 
Koskator
Mannhaft in die Literatouristik eingestiegen (auf den Zauberberg gestiegen) - 7
Erstellt am 17.03.2006 16:57
Es geschah mir dabei etwas sehr Eigenartiges, aber Angenehmes: nach diesen wenigen Minuten merkte ich, dass gar meine Atmung ruhiger und tiefer wurde und überhaupt eine innere Entspannung möglich war, wie ich sie noch nicht erlebt hatte. Erst einige Jahre später wurde mir klar, dass ich da einen Effekt erlebt hatte, der durch das Autogene Training erzeugt zu werden versuchte, das zu erlernen ich allerdings erhebliche Schwierigkeiten hatte. Es war dies eine gewiss nicht ganz "normale", wohl aber erfreuliche und den Künstler ehrende Wirkung von Kunst…
Es war wohl wieder diese Wirkung einer geschlossenen Welt, die da rüber kam, zumindest die Ahnung eines Empfindens von innerer und äußerer Sicherheit, die ich in meinem Alltag vergeblich suchte...

(Anmerkung: das ist NATÜRLICH eine Frechheit, was ich hier mache, aber es ist typisch für den deutschen Spießer, dass er von Zeit zu Zeit von so Anwandlungen überwältigt wird, Welle zu machen...)
 
Carola Moosbach
Faszination und Distanz
Erstellt am 16.06.2007 20:38
Ich bin keineswegs das, was man eine „Verehrerin“ nennt. So manches ist mir zu spröde, zu dünkelhaft, zu „erwählt“ am Werk Thomas Manns. Zum Beispiel die vielen „dienenden Frauen“, die Schweigestills, Nackedeys (!), Rosenstiels und wie sie alle heißen. Nicht zu vergessen die Schwestern des „kleinen Herrn Friedemann“ - hatten die keine Bedürfnisse, Sehnsüchte, unglückliche Verliebtheiten? Mit anderen Worten: Haben nur Männer ein Schicksal?

Andererseits: Thomas Manns letzte Erzählung heißt „Die Betrogene“ Noch wichtiger ist mir aber die Liebe zur Musik, die Liebe zum Meer, die ich mit diesem Autor teile. Beides wird unmittelbar spürbar in einer weit ausholenden, episch breit dahinfließenden Sprache, die selbst Musik ist und sein will – sprach Thomas Mann nicht davon, er schreibe „Partituren“? Und so werde ich denn bei jeder Lektüre aufs Neue hineingezogen in diese strömende, tief durchatmende Prosa, die mir vertrauter wird, je häufiger ich sie lese, die mich mit ihren Geschichten und Themen mal zu Tränen erheitert, mal zu Tränen rührt, mal immer noch befremdet.

Wie Thomas Mann über Musik schreibt, die ihm „für das Ganze“ steht im Doktor Faustus, wie er im Zauberberg von der regressiven „Sympathie mit dem Tode“, vom Vergehen der Zeit erzählt, ihrem langsamen, dann wieder rasend schnellem Dahinfließen, wie der kleine Hanno Buddenbrook das Meer erlebt als Zuflucht und Balsam für die Seele – das finde ich so, in dieser Qualität und Dichte, nur hier, im Werk Thomas Manns.
 
Zastrow
Späte Begegnung
Erstellt am 01.11.2007 12:09
Späte Begegnung mit Thomas Mann:

Leben und Werk des berühmten Schriftstellers in einer eindrucksvollen Präsentation im Literaturcafé des Freiburger Wallgrabentheaters (Sonntag, 28. Oktober 2007)

Von Thomas Mann kannte ich, obwohl selbst schon 55 Jahre alt, bis gestern eigentlich kaum mehr als den Namen – doch halt, ein wenig Berührung hatte es mit dem großen deutschen Schriftsteller schon gegeben, er ist mir sozusagen einige Male „über den Weg gelaufen“, ohne dass ich mich, aus eigenem Antrieb, mit seinem Leben und Werk beschäftigen hätte wollen.

Ich erinnere mich an meine Kindheit: Auf dem Bücherregal unseres Wohnzimmers stand eine Edelausgabe der „Buddenbrooks“, ich meine sogar, in mehreren Bänden. Diese zu lesen oder auch nur hineinzuschauen verbot mir - neben jugendlichem Desinteresse - allein schon der überwältigende Umfang dieses Werkes. Aber immerhin: Der Name Thomas Mann wurde erstmals in meinem Gedächtnis abgespeichert. Später lasen wir dann in der Schule „Mario und der Zauberer“, wobei ich mich heute, nach vielleicht 40 Jahren, weder an die Grundzüge der Handlung noch an Personen oder irgendwelche Einzelheiten erinnern kann.

Und dann: Thomas Mann als Hürde für deutsche Schüler? Schon vor Jahrzehnten haben Pädagogen bittere Klage über die mangelhaften sprachlichen Fähigkeiten deutscher Gymnasiasten geführt: Bei mehr als 2/3 aller Abiturienten reiche diese nicht mehr aus, um Texte von Thomas Mann lesen und verstehen zu können.

Eine weitere Beschäftigung mit Thomas Mann wurde dann im 125. Geburtsjahr (2000) und im 50.Todesjahr (2005) angestoßen: Damals gab es die eine oder andere interessante Dokumentation im Fernsehen. Auch das Studium unseres Sohnes in Zürich, wo Thomas Mann seine letzten Jahre durchlebte, weckten Assoziationen mit dem Schriftsteller, wenngleich es uns bislang nie gelungen ist, sein Haus dort zu besichtigen.

Schließlich las ich letztes Jahr in einem Buch von Hans Werner Richter über dessen erfolglose Bemühungen, auch Thomas Mann dazu zu bewegen, sich der „Gruppe 47“ anzuschließen, die in den beiden ersten Nachkriegsjahrzehnten in Deutschland Literaturgeschichte geschrieben hat.
 
Zastrow
Späte Begegnung Teil II
Erstellt am 01.11.2007 12:13
Die Veranstaltung „Thomas Mann“ in der Reihe „Literaturcafé“ des Freiburger Wallgrabentheaters in der Rathausgasse ist gut besucht. Nur wenige Wartende lassen sich noch eine Tasse Kaffee schmecken und ein Stück Kuchen, eigens aus dem nahen Colombi-Hotel herbeigeschafft. Schon 30 min vor Veranstaltungsbeginn drängen sich die meisten Leute vor der Treppe, die zum Theatersaal hinunterführt, jeder möchte einen möglichst guten der 96 nicht nummerierten Plätze ergattern, mit denen der kleine Theatersaal im Kellergewölbe des Freiburger Rathauses ausgestattet ist, Bänke mit Sitzpolstern, nach hinten ansteigend, wie es sich für einen ordentlichen Theatersaal gehört. Ein stilvolles Ambiente, das hier die Zuhörer einhüllt, und das wohl nur noch durch die sommerlichen Rathaushofspiele übertroffen wird, die von der kleinen Bühne und allen Fenstern, Treppen, Balkonen, Türmen und Erkern des mittelalterlichen Gebäudes aus anspruchsvolles 3D-Theater par excellence bie
ten. Wer einmal wirklich großes Theater, wie z.B. Shakespeares “Hamlet“ im Jahr 2006, im Rathaushof erlebt hat, der kann gar nicht anders, als ein Fan dieses weit über Freiburgs Grenzen hinaus renommierten Theaters zu werden.

Die Bühne liegt im Halbdunkel. Nur ein Foto des bereits älteren Thomas Mann im Posterformat, in der Mitte auf einer Staffelei stehend, ist hell erleuchtet. Während das Licht im Theatersaal erlischt, ertönt romantische Klaviermusik. Die beiden Lesenden, Holger Heddendorp und Patrick Blank, betreten die Bühne und setzen sich an ihre Lesepulte, beidseits links und rechts des Thomas Mann Konterfeis aufgestellt und inzwischen in Licht getaucht.

Während der linke Vortragende, Holger Heddendorp, Texte zur Biographie des Schriftstellers und überleitende Passagen liest, präsentiert der rechte, Patrick Blank, Ausschnitte aus seinem Werk: Einzelne Äußerungen, Tagebuchnotizen, Briefe, und Auszüge aus seinen Essays, Erzählungen, Novellen und Romanen.

Dabei werden, immer unterbrochen durch Abschnitte aus seiner Biographie, besonders eindrucksvolle Textpassagen aus folgenden Werken vorgelesen: Buddenbrooks;Der Tod in Venedig, Gedanken im Kriege, Betrachtungen eines Unpolitischen, Der Zauberberg, Doktor Faustus, Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull.
 
Zastrow
Späte Begegnung Teil III
Erstellt am 01.11.2007 12:14
Am Anfang ist nur das Publikum da. Und die beiden Vorleser. Am Ende aber ist Thomas Mann selbst unter uns, nebst seiner Frau Katja, seinem Bruder Heinrich und dem Maler Paul Ehrenberg. Und nach und nach treten sie alle aus dem Schwarz des Bühnenhintergrunds hervor: Christian „Krischan“ und Thomas Buddenbrook, Gustav von Aschenbach und Tadzio, Hans Castorp, Felix Krull und Mme Philibert, und Adrian Leverkühn, und selbst der Teufel macht es sich unter den Zuhörern gemütlich. Ja - die Badische Zeitung hat einfach Recht, wenn sie schreibt: Allein durch seine Sprache setzt Patrick Blank im Kopf der Zuhörer ein Kino in Gang…

Man meint fast, das aufgestellte Bildnis von Thomas Mann werde lebendig, als der Konsul Thomas Buddenbrook seinen Bruder „Krischan“ wie Patrick Blank es liest, zu sich ins Kontor zitiert und ihn wegen seiner „politischen Incorrectness“ in Lübecker Kaufmannskreisen richtiggehend fertigmacht - was in den Ohren von Christian Buddenbrook allerdings wirkungslos zu verhallen scheint. Zu unterschiedlich sind doch die beiden Charaktere! Ein spannender Einstieg in die „Buddenbrooks“, der Appetit auf mehr macht. Hat hier Thomas Mann sein über viele Jahre hin angespanntes Verhältnis zu seinem Bruder Heinrich verarbeitet? Obwohl es da ja um ganz andere Themen ging. Zum Beispiel um den Krieg im besonderen und um die Politik im allgemeinen. Interessant die „Gedanken im Kriege“, die mir ein bisher nicht gekanntes und auch nicht vermutetes Gesicht des jungen Thomas Mann zeigen. Hatte ich ihn mir doch immer Reihe in Reihe mit Kriegsgegnern und Widerstandskämpfern vorgestel
lt. Wenn er auch in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ schonungslos mit Bruder Heinrich und dessen Ansichten abrechnet, findet man schon im „Zauberberg“ eine völlig andere Auffassung vom Krieg und seinen Schrecken wieder, eindrucksvoll in Szene gesetzt bei der Beschreibung der Kriegserlebnisse des Protagonisten Hans Castorp und seiner Kameraden. Hier ist nichts mehr zu spüren vom deutschen Wesen, dass sich viel besser im Soldaten als im Priester verkörpern lässt, nein, hier zeigt der Krieg sein schmutziges, blutiges Gesicht voller Tränen und Verzweiflung.
 
Zastrow
Späte Begegnung Teil IV
Erstellt am 01.11.2007 12:15
Wer kann nicht mitfühlen, welche Zerrissenheit im Herzen und im Kopf eines Gustav von Aschenbach herrscht, bis er schließlich nur zu gerne den geplanten Abschied von Venedig – und von Tadzio - wieder aufgibt, umrahmt von Bildern dieser Stadt, wie sie keiner besser malen kann als Thomas Mann, und gelesen in Worten, wie sie keiner besser aussprechen kann als Patrick Blank im Wallgrabentheater Freiburg?

Kurzer Exkurs zum Bruch Thomas Manns mit der „deutschen Literaturlandschaft“ und zum Exil in den Staaten. Nein - gängeln lassen wollte sich Thomas Mann nicht. Ganz abgesehen davon, dass sich seine Einstellung seit dem Ersten Weltkrieg auch gründlich geändert hat. So wird er in den USA zum Widerstandskämpfer gegen die Nazis. Obwohl er doch, nach eigenem Bekunden, viel lieber Schriftsteller sei als Wanderprediger.

Wenn man liest, Thomas Mann habe sich gerne in der literarischen Nachfolge Fontanes und Goethes gesehen, dann muss man ihm, was Altmeister Goethe betrifft, wohl spätestens Recht geben, wenn man den Ausführungen des Teufels lauscht, wie sie besser wohl kaum geschrieben und vorgetragen werde können: Voller Geist, voller Witz, aber auch gespickt mit feinsinniger Ironie, schwarzem Humor und beißendem Zynismus. Ja, da wird der Leibhaftige tatsächlich personifiziert, professionell und mit schauspielerischer Qualität in Szene gesetzt, und es kann einem der kalte Schauer den Rücken herunterlaufen…

Ja und dann noch die Liftboyszene aus dem "Felix Krull". Die wird durch die sprachlichen und mimischen Fähigkeiten von Patrick Blank so lebendig, dass man sich - auch wenn das jetzt fast schon unanständig klingt - förmlich in das Bett zwischen Diane Philibert und ihren Hermes-Jüngling hineingezogen fühlt. Eine überzeugende Interpretation des Werkes und des Lebens eines ganz großen Schriftstellers!

Tosender Beifall beendet die Lesung, noch bevor sich Diane Philibert wieder richtig anziehen kann. Und man meint, Thomas Mann auf dem Poster verschmitzt schmunzeln zu sehen…

Benommen, wie nach einem fesselnden Film, steige ich die Stufen zum Ausgang hinauf. Auch meine Frau ist stark beeindruckt. Wie schrieb ich anfangs? Ich kenne Thomas Mann nicht? Ich kenne Thomas Mann! Ein großes Dankeschön an das Wallgrabentheater, das mir sein Leben und sein Werk in nur 100 Minuten nähergebracht hat!
 
Cornelia Seck
Tristan in Dakar
Erstellt am 02.01.2008 18:36
Ich hatte schon lange nichts mehr von Thomas Mann gelesen, obwohl ich mit 13 oder 14 eine glühende Bewunderung für ihn entwickelt hatte, und dies nach der Lektüre des "Zauberbergs", von dem ich sicher nur Bruchteile verstanden, dafür mich aber merkwürdigerweise extrem mit Hans Castorp identifiziert hatte. Ich träumte davon, eine berühmte Germanistin zu werden und mich nur noch mit den Werken Thomas Manns (mit fortschreitender Pubertät wurden es dann die Klaus Manns) zu beschäftigen.

Das Germanistikstudium brach ich dann ab und wurde nach einigen Umwegen Afrikanistin und als solche derzeit Lektorin - an der Abteilung für Germanistik, also doch - in Dakar/Senegal. Heute identifiziere ich mich eher mit Felix Krull.

Zum Weihnachtsfest waren in diesem Jahr gute Freunde aus Deutschland bei mir zu Besuch und legten mir unter den Weihnachtsbaum das DVD-Paket des Doku-Films "Die Manns - Ein Jahrhundertroman". Zwei Tage vor Silvester reisten die Freunde wieder ab und liessen mich nicht nur erschöpft in meinem normalerweise kinderlosen Haushalt zurück, sondern auch noch mit einer so dicken Erkältung, wie ich sie mir hier noch nie eingefangen hatte. Am nächsten Morgen kroch ich also mit meinem Bettzeug auf mein Sofa und legte die erste der drei DVDs ein. Ich sah mir, unfähig, etwas anderes zu tun, alle drei Teile hintereinander an sowie die gesamten Dokumentationen.

Am Ende war ich völlig im Thomas Mann-Rausch und hätte niemals etwas anderes tun können, als endlich mal wieder etwas von ihm zu lesen. Zum Glück stand im Lektorenhandapparat ein Erzählband, den mein Vorgänger wohl mal im Unterricht eingesetzt haben muss. Ich entschied mich darin für "Tristan", da ich mich an diese Erzählung kaum noch erinnern konnte. So las ich letztendlich zwar nichts über den pfeifenden Pneumothorax, an den mich mein Husten mit ganz viel Einbildungskraft erinnerte, aber immerhin über Frau Klöterjahns geschädigte Luftröhre. Ich las so begeistert wie vor 25 Jahren. Dennoch hatte meine Müdigkeit, als die Erzählung zu Ende war, "jenen Grad
erreicht, wo sie des Menschen Antlitz entstellt, ihm die Augen aus dem
Kopfe treibt und ihm einen leichenhaften und furchteinflößenden Ausdruck
verleiht." Und vom Minarett der nahegelegenen Moschee rief der Muezzin: "Habet Acht! Habet Acht! Schon weicht dem Tag die Nacht."
 
J. Velkova
Zuerst Buddenbrooks, nun Zauberberg
Erstellt am 15.05.2008 14:04
Das Werk "Die Buddenbrooks" gehört zu den wenigen Büchern, die ich gelesen und nicht vergessen habe. Thomas Mann, ein Autor, an den man sich heranwagen muss, beschreibt in einer klaren Sprache den Verfall einer Familie. Mir wurde durch die Beschreibung der Buddenbrooks und ihrer Hochs und Tief viel deutlicher als je zuvor bewußt, daß das minimale Familienleben (nur mit meiner Mutter und der Verwandtschaft im Ausland), welches ich erlebe, stark vergleichbar ist, mit einem Familienleben, wie das der Buddenbrooks. Ich kenne einige Familien aus meinem Bekanntenkreis, die immer gesichert, immer auf dem Standard ohne jegliche Ausreißer leben. Dieses Idealbild scheint mir jedoch trügerisch, denn jeden Moment kann sich das Leben komplett verändern, auch wenn man jegliche Risiken auszuschließen versucht. Die Buddenbrooks vermittelten mir das Gefühl, nicht allein in ewigen Veränderungen zu sein.
Nun habe ich mich nach einigen Jahren dazu entschieden, ein weiteres Werk von Thomas Mann zu lesen, "Der Zauberberg". Es gehört natürlich immer ein gewisser Elan dazu, sich einem klugen Werk mit etwa tausend Seiten zuzuwenden. Es fasziniert mich erneut, wie schnell es für mich möglich ist, mich mit dem Werk und dem Charakter Hans Castorp zu identifizieren, wobei ich doch kerngesund und nicht fernab der Heimat bin. Mir gefällt die Vielfalt der Tätigkeiten, denen Hans nachgeht. Endlich findet er die Zeit und die Möglichkeit sich mit Dingen zu beschäftigen, die während seines Ingenieurstudiums zu kurz kamen. Gerade dadurch, dass ich auch gerade mein Ingenieursstudium beendet habe, wird mir die Parallelität dieser Wissbegier deutlich. Nachdem man sich jahrelang im Prinzip mit einem Thema beschäftigt hat, durstet man danach, endlich neues, vollkommen anderes Wissen zu erlangen. Ein Schritt dabei ist die Lektüre des Zauberbergs.
 
Ingeborg Gollwitzer
aa
Erstellt am 22.08.2008 10:41
Ich konnte schon lesen, bevor ich schreiben konnte - nur bei komplizierten "Werken" musste ich mir vorlesen lassen - jedenfalls musste ich immer wissen, was diesem oder jenem Text zu entnehmen war. Dann habe ich wie ein ganz normaler Mensch selbst lesend fortgefahren, nämlich völlig ducheinander: Bücher, die ich vorfand, solche von denen gesprochen wurde und schließlich, Buchhandelslehriling geworden, die Bücher, die man lesen musste.
Vor wohl bald 40 Jähren änderte ich meine Lesestrategie: Wenn mir ein Autor mit irgendeinem Buch besonders großen Eindruck gemacht hatte las ich ihn in der Reihenfolge, wie es von ihm verfasst worden war: Bücher, Essays, Erzählungen, Tagebücher und Briefwechsel (soweit zu bekommen). Freilich, war das eine teure Sache, denn da ich alle auf diese Weise durchwanderten Bücher mit Unterlegungen und Unterstreichung und Randnotiven verzierte, musste ich sie mir kaufen. Aber je mehr sich bei dieser Lesemethode Autor an Autor reihte, umso mehr merkte ich, wieviel mehr ich von der Lektüre für mich selbst gewann. Las ich ein so erarbeitetes Buch Jahre später wieder einmal, erstaunte mich immer wieder, wenn ich an Unterlegungen und Randnotizen entdeckte, wie sehr auch ich selbst mich in den dazwischenliegenden Jahren verändert haben mußte.
Wo von ich aber hier hinsichtlich TH.M berichten wollte, begann etwa im Jahr 2000, als ich in einem verregneten Sommer den Zauberberg wieder einmal las. Der Roman ist ja, anders betrachtet, in Dialogen aufgebaut, die zwei oder mehr Patienten in der Klinik miteinander führen und die immer bestimmte Themen/Themengebiete abhandeln. Erstmal fiel mir auf, wie vertraut mir diese Themenauswahl aus meiner Jugendzeit war und aus den Büchern, die ich darüber zuhause vorgefunden und natürlich damals gelesen hatte. Und in mir keimte de Gedanke, da auf etwas Th.M-Typisches gestoßen zu sein, das ich aber (noch) nicht weiter zu erkennen vermochte.
 
Ingeborg Gollwitzer
bb
Erstellt am 22.08.2008 10:44
Im Jahre 2002 fiel mir das das Buch von Malte Herwig, "Bildungsbürger auf Abwegen - Naturwisenschaft im Werk Thomas Mann" in die Hände. Nun öffneten sich die Schleier, und das Geheimnis, das ich mir nicht hatte erklären können, entschlüsselte sich. Denn auf 394 Seiten hat Herwig präzise herausgearbeitet, was die Quellen bei Thomas Mann und besonders die beim Zauberberg waren. Es wurde mir klar, dass THM genau aus jenen Büchern und Themen geschöpft hatte, die beim Entstehen des Zauberbergs en Vogue waren, und die mir daher, dank eigener Lektüre auch so vertraut waren. Da st nicht nur Hans Castorps "humanistisches" Interesse am Menschen, nicht nur das seinerzeit viel besprochene "Erkenne Dich selbst," vom "Romantischen Todeszauber" zu lesen, fast, etwa oder leicht verändert zitiert aus den damals diesbezüglichen Werken. Z.B. auch das Röntgen und die Beschäftigung damit war ein großes Thema. "Innerhalb weniger Monate wurden hunderte wissenschaftliche und populärer Artikel veröffentlich und Experimente durchgeführt." (Herwig... "Die von ihm angefertigten Berichte über Sitzungen beim Parapsychologischen Institut..deuten auf ein unsicheres Schwanken des Verfassers zwischen Glauben und Skepsis hin. ... "Auch im Falle von Röntgenbildern konnte sich THM auf eine wirklichkeitstreue Vorlage verlassen: das `dünn gerahmte Plättchen', welches Castorp in einem gefütterten Briefumschlag mit sich herumträgt, ist eine Lungenaufnahme von Katia Mann, die in Davos angefertigt wurde. Wer nun meint, THM habe "bloß "abgeschrieben der irrt. Leider finde ich jetzt die Stelle nicht, wo Herwig einen der "Quellen-Lieferanten" zitiert, THM hätte seinen Text um beachtliche Grade besser geschrieben als er selbst.
Ich will hier nicht alle inzwischen gesammtelt Bücher zum Thema Thomas Mann sein seine Quellen zitieren. Aber in "Josef und Echnaton" von Adolf Grimme beschreibt dieser, dass THM, bevor er mit dem Josef begann (den zu schreiben auf Träume in THMs Kindheit zurückgeht ) und ursprünglich durch das 1863 erschienene Jugendbuch von Karl Oppels: "Das alte Wunderland der Pyramiden" geweckt wurde.
Außerdem: Alle großen Werke THMs wurden immer viel umfangreicher als usprünglich geplant, weil immer mehr Informationsmaterial hinzukam, das noch (oft ziemlich frei) eingearbeitet werden musste. .THM ist sich seiner Quellen durchaus bewußt und schreibt in einem Brief:"Die Quellen-Vorbilder und visuellen Anhalte, die mir bei meiner Arbeit dienen, vergesse oder verdränge ich merkwürdig schnell, sodass ich sehr bald beim besten Wissen keine Auskunft mehr darüber zu geben weiß" (nach Grimm, Josef und Echnation.). Und ironisch schreibt THM zu seinenJosef: ".. in Sachen des wunderlichen literarischen Unternehmens , von dem ich neulich eine Probe gab ... "
Wer nun meint. meine Verehrung THMs habe durch die vielerlei Hintergründe gelitten, der irrt. Im Gegnteil: Man liest sie mit noch größerer Hochachtung; es sind wahrhaft Texte eines Zauberers.
igo
Vielleicht, wenn ich mal wieder ein bissel Zeit habe, schreibe ich noch einige Entdeckungen, die neu fanatischer Leer bei THM machen kann.
Mit freundlichen Grüßen
Ingeborg Gollwitzer*
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