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Thema: Zu Essays, politischen Schriften und Tagebüchern
Ruprecht Wimmer
Tagebücher
Erstellt am 28.02.2005 16:06
In den ersten Stunden des 20. September 1942 erfolgte der achte Luftangriff
auf München. Er dauerte rund zwei Stunden und richtete vor allem in den
Vorstädten erhebliche Zerstörungen an. Ich war damals gerade zwei Tage alt
und lag mit meiner Mutter in einer heute nicht mehr existierenden Klinik in
der Schwabinger Kaulbachstraße - ein paar hundert Meter entfernt von der
Wohnung, in der Thomas Mann einen großen Teil seiner Buddenbrooks
geschrieben hatte. Meine Mutter erzählte wiederholt von der Katastrophe.
Ihre, oder vielmehr unsere, Lage muß prekär gewesen sein: Es gab in der
ganzen Klinik keinen Arzt; die Babys hatte man in den Luftschutzkeller
gebracht, und in den Etagen kümmerten sich einige Hebammen um die
Wöchnerinnen. Es waren wohl helle, an sich freundliche Krankenzimmer, denn
die jungen Frauen konnten durch die großen Fenster das Inferno gut
beobachten: die “Christbäume”, welche die Stadt in taghelles Licht tauchten,
dann die Feuerblitze der Detonationen... Und niemand konnte wissen, wo die
nächste Bombe einschlagen würde.
Jahrzehnte später – ich war schon promovierter Germanist und neben anderem
auch mit Thomas Mann beschäftigt, dem seit den letzten Gymnasialjahren meine ganze Liebe und Bewunderung galt - kamen mir die Tagebücher der Kriegsjahre in die Hände, in denen der Exilierte über die militärischen Ereignisse auf dem alten Kontinent genau Buch führte. Und da bekam ich unter dem 20. IX. 1942 zu lesen: “Bombardierung Münchens mit 200 Flugzeugen und größten
Kalibern. Die Explosionen bis in die Schweiz hörbar, die Erde viele Meilen
weit erschüttert. Der alberne Platz hat es geschichtlich verdient.” Es gibt
sicher mildernde Umstände für diesen Ausbruch persönlichster Gereiztheit,
den Protest der Wagnerstadt München, die Umstände der Emigration - sie mögen vielleicht dazu beigetragen haben, dass ich Thomas Mann trotz allem weiter die Treue hielt.
 
Thomas Notthoff
Betrachtungen eines Unpolitischen
Erstellt am 18.04.2005 10:13
Wieso? „Geärgert über die Betrachtungen eines Unpolitischen?“ Weshalb nur geärgert?
Ich gestehe, die Betrachtungen erst kürzlich gelesen zu haben, erst nach der vorherigen Lektüre der Romane, Erzählungen und der größeren Essays.
Die Forschung hat sicherlich am wenigsten Grund sich hier zu ärgern: parallel gelesen mit den erhaltenen Tagebüchern der Jahre 1918-1921 bilden die Betrachtungen ja - nach der ganz frühen Tagebuchnotiz von 1904/05 zur Novelle über den „syphilitischen Künstler“ - Ausgangspunkt und Experimentierfeld des noch zu schreibenden Faustus-Romans.
Die verspätete Durchsicht der Betrachtungen war in meinem Fall Teil des Wiederauffindens eines - uns heute ferngerückten - politischen Denkens. Denn, so schreibt Mann 1921 in seinem Kommentar zu der französischen Reaktion auf die Betrachtungen, „dies Buch war eine Revolte gegen die ,Versklavung des Geistes’ durch die Politik, - nichts weiter.“ Und damit, so ließe sich ergänzen, eine in hohem Grade politische Stellungnahme.
Bringt man die an einigen Stellen auftretenden chauvinistischen Ausfälle in Abzug - die bei Mann freilich immer noch eine Spur verfeinerter und, ja, selbstzweifelnder ausfallen, als bei seinen Zeitgenossen - so lassen sich hier in ihrer Überzeugtheit erfrischende Äußerungen finden. Im Zusammenhang mit kulturpolitischen Positionen bei Ernst Robert Curtius sowie den späten verfassungspolitischen Schriften Max Webers - im Kontext der genannten Autoren also lassen sich die Betrachtungen als provokante Gegenprobe zu den uns wohlbekannten politisch-rhetorischen Ideen und Werten neu lesen. Und auf einmal gewinnt die in der Zeit unmittelbar nach 1945 noch so befremdlich und anstößig wirkende Feindschaft der Betrachtungen gegen bedingunglos übergeordnete Ideale eine ganz merkwürdig alt-liberale und humane Bedeutung.
Ich habe dieses Buch auch in zufälliger Nachbarschaft zu einem Interview mit dem tschechischen Präsidenten Václav Klaus gelesen und somit nicht den unpolitischen Fehler Hans Castorps begangen, der es ja verabsäumt hat, die Presse zu lesen. Die sanfte, aber bestimmte Auflehnung Klaus’ gegen die Uniformierung Europas und damit gegen die - inhaltlich ganz belanglose - europäische Verfassung als tyrannisierendes Symbol dieser Uniformierung - dieses Entgegentreten ist Nachfolge der gesunden politischen Haltung der Betrachtungen, die von einem kooperierenden, aber individuell ganz unterschiedlichen Europa träumt.
 
Claudia Dechant
Betrachtungen eines Unpolitischen
Erstellt am 18.04.2005 15:03
Wer ein demokratisches und humnistisches Weltbild vertritt und zu dem frankophil ist, fühlt sich durch die "Betrachtungen eines Unpolitischen" Angriffen ausgesetzt. Mann wird in diesem Essay zum Antagonisten des Lesers. Wer es als Qual empfand, die "Gedanken im Kriege" zu lesen, wird mit den Betrachtungen kein leichtes Spiel haben.
Das 600-seitige Werk stimmt den Leser u.a. mit der Glorifizierung des Krieges als Bildungserlebnis für den einfachen Bürger ein. Durch das Buch hindurch ist die Ausstrahlung seiner aristokratischen Überheblichkeit ein fester Dorn im Auge der/ des Lesenden. Mann wird in seinem politischen Schaffen erst ab der Rede "Von deutscher Republik"; erträglich. Zuvor ist das Herzattacken-Risiko einfach zu hoch.
 
Horst Blüm
Betrachtungen eines Unpolitischen
Erstellt am 08.12.2006 12:40
Im letzten Jahr habe ich die Essays aus dem Dunstkreis des ersten Weltkriegs gelesen.
Die Sprache und geistige Verfassung dieser Texte haben mich abgeschreckt. Aber im Gesamtzusammenhang gesehen werden die Texte wieder etwas leichter verdaulich.
In vielen Veröffentlichungen wurde erwähnt, dass die "Betrachtungen eines Unpolitischen" schwer zu lesen seien. Diesen Eindruck kann ich nicht bestätigen; ich habe sie zwar nicht mit dem gleichen Genuss gelesen wie die Romane, aber sie waren zu lesbar.
Aktuell versuche ich Spuren des "Zauberberg" in den Betrachtugen zu finden und umgekehrt auch; hier habe ich noch erhebliche Schwierigkeiten.

Horst Blüm
 
Armin Ziegler
Thomas Mann und die "Weiße Rose"
Erstellt am 05.06.2007 15:03
Es gibt eine sehr bekannte Verbindung zwischen Thomas Mann und der "Weiße Rose": sein Nachruf "Ihr seid nicht umsonst gestorben" in seiner BBC-Sendung "Deutsche Hörer!" vom 27. Juni 1943. Weitere Einflüsse sind weitgehend unbekannt. Und doch übte er über seine Radio-Sendungen im Krieg einen Einfluss auf die Flugblätter und die Handlungen der "Weiße Rose" aus, denn die wurden von Hans Scholl und Alexander Schmorell abgehört.
Ich habe in meiner Arbeit "Thomas Mann und die 'Weiße Rose'" (Bayer Verlag, Crailsheim, 12,90 €, ISBN 978-3-929233-64-3) den Einfluss seiner monatlichen Sendung "Deutsche Hörer!" untersucht. Die Texte seiner Sendungen und ihre Daten sind erhalten. Das ermöglichte Vergleiche mit den Flugblättern der "Weiße Rose" und die Untersuchung, ob es argumentative und sprachliche Übereinstimmungen gibt.

Besonders der Vergleich der Texte der Sendungen von Thomas Mann zwischen November 1941 und Juli 1942 mit den ersten vier im Juni/Juli 1942 erschienenen Flugblätter der "Weiße Rose" zeigt sowohl die argumentative Übereinstimmung der Aussagen als auch den sprachlichen Widerhall der Wortgewalt von Thomas Mann. Die Beurteilung der Kriegslage im Kreis der "Weiße Rose" war von seinen Sendungen wesentlich bestimmt.
Das Abhören der Sendungen "Deutsche Hörer!" von Thomas Mann ist ein Teil der Geschichte der "Weiße Rose".
 
Bastian Nitzschke
Tagebücher
Erstellt am 14.03.2008 18:58
Zurzeit lese ich die Tagebücher von Thomas Mann.
Ich kann diese nur jedem, der sich für Thomas Mann interessiert, bestens empfehlen. Gerade abends oder während der Reise im Zug oder Flugzeug lassen sich die einzelnen Tagesabschnitte wunderbar lesen.
Ich bin begeistert von der Sprache und der Komik, die aus so manchem Satz hervorkommt.
Ich wohne derzeit in Zürich und es ist für ein ständiges Entdecken der Geschäfte, Plätze und Cafés, welche Thomas Mann in seinen Tagebüchern erwähnt.
Des Weiteren äußert sich Thomas Mann fast jeden Tag über seinen tragischen Gesundheitszustand.
Nun folgt noch eine sinngemäße Wiedergabe einer wie ich finde komischen Tagebuchpassage über sein schlimmes Darmleiden:
NACH TAGELANGER DARMTRÄGHEIT HEUTE NUN ENTLEERUNG. DANACH UNBEHAGEN.
 
Rainer Hempen
Thomas Mann, Tagebücher
Erstellt am 13.06.2008 20:50
Ich habe mich schon lange für Thomas Mann interessiert, seit meiner Buchhändler-Ausbildungszeit, aber erst in den letzten Jahren bin ich dazu gekommen, mir die Tagebücher anzuschauen und bin immer wieder fasziniert, wie jede Kleinigkeit, jede noch so winzige Banalität dort vermerkt ist. Und auch die unterdrückten erotischen "Begehrnisse" sind ja dort, teilweise in rückblickender Form verzeichnet. Das er es immer wieder geschafft hat, diese Begehrlichkeiten zu unterdrücken, zeugt ja von Selbstdisziplin. Aber wenn man sich die Romane und Erzählungen genau anschaut, wird man merken, wo sich die homoerotischen Leidenschaften niedergeschlagen haben.
Ich kann diesen Tagebüchern jederzeit wieder was Neues abgewinnen.