Beiträge zum Thema
Autor
Thema: Zu Thomas Manns Leben und Schreiben
Hella Streicher
Thomas Mann und die Nachgeborenen
Erstellt am 14.03.2005 19:21
Auf TM trifft zu, was Lessing einst geschrieben hat: Wer wird nicht einen Klopstock loben? / Doch wird ihn jeder lesen? Nein. / Wir wollen weniger erhoben / Und fleißiger gelesen sein.

Zwar werden seine Romane und Erzählungen gekauft; doch die allermeisten nach 1945 geborenen Leserinnen und Leser empfinden sie als langweilig: was heute nicht zuletzt daran liegt, daß selbst Abiturienten oder Akademiker zu bequem oder nicht mehr in der Lage sind, sich auf längere Werke oder auch nur auf sog. Schachtelsätze zu konzentrieren. Nicht zuletzt die Literaturverlage und Teile der Literaturkritik leisten dieser Entwicklung Vorschub, indem sie seit Jahren den Eindruck erwecken, als sei Spannung das wichtigste Kriterium für Literatur. TMs Werke aber sind weder spannend noch unterhaltsam im Sinne dessen, was die Anhänger des Creative Writing lehren und fordern. Sie setzen einen Lesertypus voraus, der mehr ist als ein Kind von Massemedien & Coke. Sollen TMs Werke also nicht nur gekauft, sondern auch von Jüngeren freiwillig und mit Vergnügen gelesen werden, so müßte der Literatur- und Medien-, aber auch der Bildungsbetrieb sein eigenes Verhältnis zur Kunst und zur Sprache reflektieren und korrigieren.

Wie wenig sich sogar unsere Berufsintellektuellen mit Person und Werk TMs auseinandersetzen, zeigt die Rezeption bzw. Nicht-Rezeption eines seiner kürzesten, aber inhaltlich bedeutendsten Essays: Bruder Hitler, der zumindest in der öffentlichen Debatte um den Nationalsozialismus nur selten erwähnt wird. Wie wichtig wäre es nicht nur um der Vergangenheit, sondern auch um der Gegenwart und Zukunft willen, sich mit diesem Aufsatz (und mit dem Roman Doktor Faustus) eingehend zu beschäftigen! Doch der Gedanke, daß in uns allen ein "Bruder Hitler" und die Versuchung steckt, mit dem Teufel der Macht zu paktieren, d.h. eine Disposition zum Wahnhaften und absolut Bösen, scheint noch immer so tabu zu sein wie Thomas Manns christlich-abendländischer und aufgeklärter Humanismus und dessen politischer Ausdruck: sein wenn auch leider zu spätes Bekenntnis zu einem demokratischen Sozialismus.

Das Fazit hat Marcel Reich-Ranicki bereits 1973 in seinem Aufsatz Thomas Mann und der Alltag gezogen: "Nichts, was Thomas Mann geschrieben hat, darf uns gleichgültig sein."


Hella Streicher

Bremen, den 14. März 2005
 
Anja Wessel
Begegnungen mit Thomas Mann
Erstellt am 30.04.2005 18:55
Einen Teilaspekt greife ich zu unserem Thema heraus: die Möglichkeit, Thomas Mann auf andere Weise als die klassische - über Bücher - zu begegnen.

Zum einen das Fernsehen, hierbei denke ich an den wunderbar gestalteten dreiteiligen Fernsehfilm von Heinrich Breloer, der Thomas Mann und seine Familie sehr lebendig und aufgrund der guten Recherche auch sehr authentisch wiedergibt.

Desweiteren gibt es in den letzten Jahren natürlich das Internet. Auch hier ist eine Vielzahl von Quellen zu nennen, von Verlagsseiten über die Seiten interessierter Leser zu den hervorragend gestalteteten Seiten des Buddenbrookhauses in Lübeck.

Auch außerhalb des Internets sind die mit ihm verbundenen Örtlichkeiten eine faszinerende Möglichkeit, auf den Spuren von Thomas Mann zu wandeln.

Allen voran natürlich seine Heimatstadt Lübeck, die in Thomas Manns Augen durchaus zu den „besseren Herkünften“ zu zählen ist.
Die heutige Dauerausstellung im Buddenbrookhaus – dem Haus aus dem bekannten Roman und in Wirklichkeit damals Wohnsitz seiner Großeltern - ist sehr umfassend und anschaulich präsentiert und gibt einen sehr beeindruckenden Einblick in das Werk Thomas und Heinrich Manns sowie seiner ganzen Familie.

Ein Erlebnis ist ebenfalls das Thomas-Mann-Archiv in Zürich, wo sich auch das Original-Arbeitszimmer von Thomas Mann mit seiner umfangreichen Bibliothek aus seinem Kilchberger Haus befindet. Die freundlichen Mitarbeiter wissen die eine oder andere zusätzliche Information zu geben.

Erst vor einigen Tagen habe ich zudem eine Lesung besucht, bei der ein Schauspieler einen kleinen Querschnitt aus den Werken Thomas Manns vortrug. Hierbei wurde ich einmal mehr auch auf die sehr humoristischen Züge Thomas Manns aufmerksam, die einen Vergleich mit Wilhelm Busch zurecht nahelegen.

Von der Lesung bleib mir vor allem die Musterungsszene aus dem Roman Felix Krull in Erinnerung, in der Krull den Arzt mit seinen geschauspielerten Leiden fast zur Verzweiflung bringt, aber den Erfolg der Ausmusterung am Ende für sich verbuchen kann.

Der in der Lesung Vortragende konnte den Text sehr gut mit Gestik, wechselnder Betonung und Stimmlage untermalen und gab so einen guten Eindruck von der Intention des Autors.

Ich schließe diese kleine Aufzählung mit der Erwähnung der in den letzten Jahren so beliebt gewordenen Hörbücher, die neben den hervorragenden Lesungen von Gert Westphal auch solche mit der Originalstimme Thomas Manns wie die Erzählung „Das Eisenbahnunglück“ bieten.
 
Frank Kade
Faszination
Erstellt am 01.05.2005 19:28
Bis heute ist es mir nicht gelungen, eine Erklärung auf die Frage zu finden, weshalb mich das Leben und Werk - der gesamte Mensch - "Thomas Mann" so sehr fasziniert. Mit allen Widersprüchen und aller Schlüssigkeit seiner Persönlichkeit ... allen Augenscheinlichkeiten und dem Verborgenen, welches den Mythos so nachhaltig nährt.
Vielleicht liegt darin der Grund: seine Subtilität und Zwiespältigkeit ... seine Kultur der Formwahrung und seine (politische) Weitsicht und Klugheit?

In meinem Unterfangen, ihn - den Zauberer - kennenzulernen, bin ich noch nicht einmal über den Austausch der ersten Höflichkeiten hinweg vorangekommen. Aber die dabei an den Tag gelegte Langsamkeit hat den Reiz nicht im Geringsten geschmälert, ganz im Gegenteil!
Meine Neugier treibt mich voran, Wort für Wort; Satz für Satz; Seite für Seite ... und die dabei empfundene Faszination bremst mich parallel dazu aus. Macht mir bewußt, wie wertvoll es ist, zu zelebrieren - nicht zu konsumieren.

Mit Würde möchte ich ihn lesen und verstehen. Gute Lektüre kann verzaubern und hält der Analyse stand. Seine Texte vermögen gleichsam beides!

Und ich hoffe, auf meine Frage nie eine abschließende Antwort zu finden ...
 
Anna Jefferys
Ein Mann, der in seinen Werken wirklich lebt
Erstellt am 21.10.2005 21:52
Obwohl ich Italienerin bin, kann ich mich als einen der größten Fans von Thomas Mann bezeichnen. Er hat mich mit allen seinen Büchern fasziniert... Es gibt keine Aspekte, die mich mehr als ein anderer bestürzt, weil alle Themen mich sehr viel begeistern: Leben und Kunst, die Ironie, die Art des Schreibens... was kann man mehr sagen... er ist der echte Kunstler, weil er das Kunstler-Sein richtig verstanden hat! Die Dichotomie, die in Tonio Kroger dargestellt wird, ist wunderbar, und man kann verstehen, dass er über sich spricht... aber er offenbart das deutig nicht, mit einem Stil, den niemand, niemand wiederholen kann!! Tonio Kroger, sein beliebter Charakter... "die Kunst ist keine Beruf, sondern eine Flucht", die Trennung von der Menscheit ist unentberhlich, um Kunstler zu sein... wer empfindet hier kein heimisches Gefühl, diese Worter zu horen?? Dank, vielen Dank Thomas Mann, dass du existiert hast!
 
Beate Nowack
Tagebücher
Erstellt am 16.01.2006 11:48
Seit einigen Wochen lese ich die Tagebücher des Th. Mann (1933-1955) - ein wahres Vergnügen, welches aber auch wie seine Romane zur höchsten Aufmerksamkeit auffordert.
Ich kann diese Lektüre nur wärmstens empfehlen, gibt sie nicht nur Einblick in den Charakter des Autors, sondern auch Einblicke in die der Familienstruktur der Manns sowie in die politischen Geschehnisse seiner Zeit.
Aber so wie bei seinen Romanen habe ich das Gefühl, Nicht alles zu verstehen und sie mehrmals lesen zu müssen. Aber das machen ja gute Bücher aus: sie erzählen ein Leben lang!!!
 
Lydia Steffen-Perlick
Familiengeheimnisse
Erstellt am 31.05.2006 19:42
Parallel zu den Erzählungen und Romanen von Thomas Mann möchte ich das Buch von Marianne Krüll mit dem Titel "Im Netz der Zauberer" eine andere Geschichte der Familie Mann wärmstens empfehlen. Sie hat mit einer außerordentlichen Sensibilität, Intuition und größtem analytischen Sachverstand die Familiengeschichte über vier Generationen aufgearbeitet und dabei Großes geleistet. Die Romane und Erzählungen bekommen ein "wahres" Gesicht und fordern zur Reflexion und Analyse der eigenen Familiengeschichte auf. Unter diesem Gesichtspunkt ist das gesammelte Werk von Thomas Mann , die Werke von seinem Sohn Klaus Mann und seinem Bruder Heinrich Mann ein kostbarer Schatz. Es fordert zu einer Auseinandersetzung auf höchstem Niveau auf.
In die heutige Moderne transportiert, ist diese Literatur eine sehr wertvolle Unterstützung für systemisches Denken.
 
Henning Rühl
Buddenbrooks
Erstellt am 26.06.2007 20:31
Ich habe mich mit dem Werk Thomas Mann zu Beginn nur so befasst, als dass ich mir zwei seiner Hauptwerke, Buddenbrooks und Der Zauberberg, gekauft habe. Danach auch noch seine Erzählungen.
Die Familie Mann hat mich zudem auch noch sehr interessiert, ich habe Werke von Klaus Mann und Golo Mann gelesen, danach auch Biographien über die beiden Brüder.
Der Vater stand jedoch noch aus, so dass ich seine Buddenbrooks angefangen habe und von der Art und Weise der Erzählung sehr beeindruckt war. Es gehört seitdem zu meinen Lieblingsbüchern. Die Hansestadt Lübeck, die norddeutsche Atmosphäre und Sprechweise, die Personen und Ereignisse waren von der ersten Seite an fesselnd. Danach las ich die Biographie über Thomas Mann von Hermann Kurzke, die mir einiges über die Familie Mann, das Werk Thomas Manns und den Autor selber natürlich berichten konnte. Die Familie Mann, ausgehend von Thomas Mann, wurde zunehmend interessanter und ich habe mir mehr und mehr angelesen von und über diese Schriftstellerfamilie.
Es ist beeindruckend etwas über das Zeremoniell des Schreibens zu erfahren und danach auch die Werke zu lesen, die doch sehr autobiographisch geprägt sind. Es macht es nur umso interesanter für mich, mehr und mehr von dieser Familie und natürlich von Thomas Mann zu erfahren.
 
Stefan Lücke
Theodor Lessing und Thomas Mann
Erstellt am 31.07.2007 18:32
Ich lese z.Zt. einige Essays des (leider fast vergessenen) deutschen Philosophen Theodor Lessing. In einem 1926 verfassten Text schreibt er im Prager Tagblatt unter dem Titel "Gerichtstag über mich selbst":

"...Wirklich wehgetan und meine äußere Extistenz fast vernichtet hat aber nur eine Feindschaft, die an versteckter Bösartigkeit und verhohlener Giftigkeit nicht ihres gleichen hatte: die des schon damals berühmten Schriftstellers Thomas Mann...Was er mir in zähester Geltungswilligkeit aus hier nicht darzulegenden Momenten angetan hat, durch sorgsam vergiftete, mich öffentlich infam machende Artikel...das halte ich für das menschlich Unschönste, was ich vom Leben erfuhr...dass Thomas Mann von mir schreib: Die Atemluft dieses Menschen ekelt mich...".

Um welche Vorfälle geht es hier? Was veranlasste Thomas Mann, Theodor Lessing, diesen Prediger der Humanität, so zu verunglimpfen?
 
Ann-Katrin Clever
Referat
Erstellt am 11.02.2008 15:56
Hallo erstmal,

also ich musst vor kurzem für meinen Deutsch-LK ein Referat über Thomas Mann vorbereiten und bin dabei auf viele interessante Dinge gestoße, nicht zuletzt auch auf dieser Seite.
Und ich muss sagen ich hätte nicht gedacht, dass mich ein Autor so faszinieren kann, aber das Leben von Mann ist wirklich sehr vielseitig und spannend, was auch seine Werke wieder geben.
Ich mein jeder durchschnitts Abiturien kennt den Namen Thomas Mann und auch grob etwas mit ihm anzufangen, aber bis zu meienm Referat hatte ich kaum eine Ahnung wie vielschichtig dieser Mann wirklich war und wodurch seine Werke alles beeinflusst worden sind! Ich finde es sehr spannen, dass ein Autor seine eigenen Erlebnisse und tiefsten Wünsche in seinen Werken thematisiert und sich von so bedeutenden Menschen wie Nietzsche und Schopenhauer oder auch Goethe leiten lässt. Mann hat ganze Generationen mit seinen Büchern erreicht und ich denke nicht, dass Mann in der heutigen Jugend so unbekannt ist, weil die Schüler keine Lust mehr haben zu lesen, sondern vielmehr weil ihnen die Zeit fehlt, so ist es auch im Unterricht! Man muss viel zu viel Stoff durch bringen, als das man jedes interessante Werk lesen kann, dabei gehen nun einemal nicht nur Werke von Mann leider zu oft unter.
Ich denke auch nicht das es Manns Schreibstil liegt, denn mir persönlich gefällt es wie beiläufig es scheint, dass er das alles schreibt und erzählt.
Also ich kann jedem nur empfehlen Werke von Thomas Mann zu lesen.

LG,
Ann-Katrin
 
Christel Walther
Warum die Hemmschwellen?
Erstellt am 12.03.2008 22:48
Zum Beitrag von Frau Clever:

Auch als Nichtabiturientin faszinieren mich die Bücher von Thomas Mann. Ich bin zwar erst nach meiner Schulzeit an seine Werke herangekommen, aber es lohnt sich immer. Die Entdeckungsreise geht noch weiter. Thomas Mann wäre jemand, den ich gerne einmal kennengelernt hätte, auch wenn es nicht ganz einfach gewesen wäre. Schade, dass sich viele nicht an seine Bücher herantrauen, weil sie sich für zu ungebildet halten. Tat sächlich muss man ein gewisses Interesse an Sprache, Musik, Geschichte...mitbringen. Nebenbei lernt man beim Lesen auf diesen Gebieten eine Menge. Im Moment warten neben dem "Zauberberg" und "Der Erwählte" noch "Joseph und seine Brüer" darauf, "gelesen zu werden. Ich habe schon etwas darin gelesen und kann nur sagen: Menschlicher hat niemand einen biblischen Stoff erzählt. Vielleicht sollte das Fach "Literatur" wieder eingeführt werden, nicht nur an Gymnasien.
 
Armin Zastrow
Schonungslos, aber mit Respekt und Herz geschrieben
Erstellt am 01.05.2008 21:46
Versuch einer Rezension zu „49 Fragen und Antworten zu Thomas Mann“ von Thomas Klugkist, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 2003

Teil I

Nein – eine Laudatio ist es nicht, Thomas Klugkists Buch über einen der größten, wenn nicht den größten, deutschsprachigen Schriftsteller der Moderne. Auch keine Biographie, auch keine literaturwissenschaftliche Abhandlung. Aber ein überaus spannendes, informatives, lehrreiches und kurzweilig zu lesendes Buch für alle, die mehr von Thomas Mann wissen wollen, als das, was sich in seinen Werken wiederspiegelt oder was man ohnehin so über ihn weiß oder wissen sollte. Vor allem aber ist es ein überaus ehrliches Buch - soweit man das beurteilen kann, wenn man den Meister nicht persönlich kennt oder gekannt hat.

Eines vorweg: Man darf sich von dem ansprechenden Titelbild des Taschenbuchs (Thomas Mann im Gespräch mit einem vielleicht 12-jährigen Jungen, der, vom Alter her, auch sein eigener Enkel sein könnte) nicht täuschen lassen. Das vermittelt zwar die eine inhaltliche Seite des Buches, die menschliche. Es sollte aber nicht dazu verleiten anzunehmen, es gehe um den „Märchenonkel Thomas Mann“, oder, hier werde etwas so leicht und verständlich erklärt, dass es auch ein 12-jähriges Kind verstehen könne. Weit gefehlt! Es handelt sich um ein überaus anspruchsvolles Buch, das neben biographischen Betrachtungen (eigene Persönlichkeit und Psychogramm, Ehe und Familie, Freunde, Beziehung zu Lesern und Kritikern ...) und äußeren Aspekten seines Arbeitsstils (Quelle der Ideen, Umfang der Werke, Einordnen des Lesens, Recherchierens und Schreibens in den Tagesablauf…) vor allem den “geistigen“ Thomas Mann behandelt: Seine Rolle in der Literaturlandschaft des frühen und späteren 20. Jahrhunderts, Einflüsse anderer Autoren auf sein Werk, sein Verhältnis zu anderen Schriftstellern, aber auch allgemein zur Kunst, speziell zur Musik, aber auch zur Philosophie und zur Politik, sei es in der Weimarer Republik, im „Dritten Reich“, in der Emigration, im Nachkriegseuropa.

Nein, das Buch ist keineswegs „leichte Kost“, besonders, wenn man in den Geisteswissenschaften nicht so zuhause ist wie der Autor. Immerhin: Die vielen thematisch abgegrenzten und geschlossenen und auch von der Länge her recht überschaubaren und in beliebiger Reihenfolge lesbaren Kapitel erleichtern die Lektüre, auch der erfrischende Stil des Autors, der es – Gott sei Dank - vermieden hat, Thomas Mann in Form und Ausdruck zu kopieren
 
Armin Zastrow
Schonungslos, aber mit Respekt und Herz geschrieben
Erstellt am 01.05.2008 21:48
Versuch einer Rezension zu „49 Fragen und Antworten zu Thomas Mann“ von Thomas Klugkist, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 2003

Teil II

Kürzlich übergab ich das Buch unserem 19-jährigen Sohn, der es – selbst gerade mit der Vorbereitung auf‘s Abitur beschäftigt - für ein Deutschreferat brauchte. Ja, dachte ich, mit diesem Buch und zwei oder drei kürzeren Werken von Thomas Mann wäre ich schon damals, als ich in dem Alter war, bestens vorbereitet auf die Deutschprüfung gewesen, wenn es denn um Thomas Mann gegangen wäre. Und ich würde jetzt, nach der Lektüre des Buches, gleich noch Schopenhauer und Nietzsche als Nebenthemen wählen, soviel Information habe ich über diese beiden großen deutschen Philosophen in unterschiedlichen Kapiteln des Buches gefunden, Männern, die die Geisteswelt nachhaltig beeinflusst haben, von denen ich aber zuvor so gut wie gar nichts wusste.

Wie würde Thomas Mann wohl heute über das Buch denken, wie Katja, Erika, oder Klaus?

Ich denke, zumindest Thomas Mann selbst könnte mit dem Buch leben, ja sogar gut leben. Schließlich hat er selbst, posthum, der Veröffentlichung seiner doch recht offenen und ehrlichen Tagebuchaufzeichnungen zugestimmt, wenn auch erst 20 Jahre nach seinem Tode. Und dieses Buch ist ein aufrichtiges Buch, in gewisser Hinsicht schonungslos, aber nicht ohne Respekt und vor allem nicht ohne Herz geschrieben. Von einem, der Thomas Mann kennt. Und von einem, dem Thomas Mann etwas, wenn nicht viel, bedeutet. Und es trägt ganz sicher dazu bei, etwas umzusetzen, was Thomas Mann zu Lebzeiten nie vergönnte war, und was ihm wohl auch nach seinem Tode nicht ohne weiteres gelungen wäre, nämlich die Distanz zu den Lesern zu überwinden. Die ihm zwar Hochachtung und Beifall zollten und auch heute noch entgegenbringen, ihm aber nie wirklich nahe gekommen sind.
 
Armin Zastrow
Schonungslos, aber mit Respekt und Herz geschrieben
Erstellt am 01.05.2008 21:51
Versuch einer Rezension zu „49 Fragen und Antworten zu Thomas Mann“ von Thomas Klugkist, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 2003

Teil III

Ich werde das Buch sicher ein zweites und ein drittes Mal lesen. Und es wird mir nicht langweilig werden, weil ich immer wieder etwas neues entdecken werde. Schließlich weiß ich jetzt, wer Gustav von Aschenbach ist, Gabriele Klöterjahn, Clawdia Chauchat oder Ludovico Settembrini. Und bald wird mir auch Adrian Leverkühn bekannt sein, genauso wie Thomas und Christian Buddenbrook und die vielen anderen. In diesem Zusammenhang finde ich auch die Erklärungen zu Manns Protagonisten und Nebendarstellern im Anhang des Buches sehr hilfreich.

Recht hat er, Thomas Klugkist. Wenn er in seinen Schlussworten schreibt:

„Man muss Thomas Mann nicht lieben. Wahrscheinlich wäre es sogar unnatürlich und verdächtig, wenn einen da nicht irgendwann der Ekel vor der Vollendung, die Wut auf die anmaßende Pose, der Widerwille gegen die verklemmte Spreizung oder gegen seine Rücksichtslosigkeit ankäme. Man muss Thomas Mann nicht einmal heilig halten. Auch das ließe in den allermeisten Fällen den Rückschluss auf eine schwierige Seelenlage zu. Doch man muss ihm auch nichts neiden. Schon gar nicht seinen Ruhm. Denn, abgesehen von den Freuden des Ausdrucks und dem äußerlichen Komfort: Viel mehr hat er am Ende nicht gehabt. Was ihm eine bloße Entschädigung gewährte, öffnet seinen Lesern ganze Schatzkammern voll lebenssteigerndem Überfluss.“ (zitiert aus Thomas Klugkist, 49 Fragen
und Antworten zu Thomas Mann).

Und spätestens hier wird Thomas Klugkists Buch dann doch so etwas wie eine Laudatio ...
 
Barbara Geiger
Begegnung
Erstellt am 15.07.2008 10:37
Begegnet bin ich den Werken Thomas Manns nicht auf direktem Wege, sondern ich verdanke es dem verliebten Professor Unrat, also dem bekannen Roman seines Bruders Heinrich Mann, dass ich neugierig wurde und Königliche Hoheit bestellte. Nicht nur, weil es auf der Lektüreliste der Neueren Germanistik war, sondern auch weil ich die Buddenbrocks unbefangenlesen konnte. Niemand würde mit mir danach über den Inhalt, Aufbau Form oder ähnliches reden. Mir konnten sziokulturelle, historische oder biographische Aspekte egal sein.Die letzteren waren es aber im Nachhinein, die den größten Eindruck auf mich machten. Klaus Manns Prophezeiung, dass die Familie als "Gesamtkunstwerk" im späteren Fokus der Betrachtungen stehen würde hat sich ohne das großartige und wertvolle Werk seines Vaters schmälern zu wollen bewahrheitet. Auch mich hat die gesamte Familie mehr beeinflusst als ein einzelnes Werk, sowie geholfen die Schriftsteller in ihren Geschichten wiederzufinden. Es ist schwer zu sagen, was einen packt, wenn man sich näher mit der Familie beschäftigt. Für jemanden, der die Welt aus einer ganz anderen Perspektive erlebt und in einer anderen Zeit aufgewachsen ist, sticht eine saber ganz besonders hervor. Das Außergewöhnliche ist es wohl, dass die Familie Mann so von den meisten Familien unterscheidet. Ganz natürlich ergibt sich diese Tatsache, wenn man sich die Konstellation dieser Ehe zwischen Katia Mann und dem Schriftsteller anschaut. Vor allem der Film und die Dokumentation machen deutlich, dass es für die Kinder der Manns keineswegs immer ein Segen war in solch einer Familie aufzuwachsen. Ob aber Glück oder Unglück ihr Leben war so scheint es mir von außen betrachtet immer voll von Visionen, Austausch mit anderen Menschen, so voll von Inspiration. Vielleicht auch bedingt durch die turbulenten Zeiten, die sie durchzustehen hatten, für mich aber sind die Manns mit Abstand die interessanteste literaturgeschichtllich wichtige Familie. Zu Lebzeiten mag er kühl und distanziert gewirkt haben, heute aber machen ihn seine Tagebücher, Geheimnisse und Zweifel zu einem schriftsteller, der menschlich wirkt. Ihn bewegte, was viele bewegt. Das ist vielleicht das Geheimnis seines Erfolge und das seiner Lieben.