Handschriften
Jeder Autor hat eine eigene Handschrift, seine besondere Art Texte zu verfassen. Wir laden Sie ein, anhand von acht Beispielen kennenzulernen wie der Schriftsteller Thomas Mann sein Handwerk pflegte. Wenn Sie die schmalen Balken anklicken, finden Sie in ganzer Größe Beispiele für Konzepte, Skizzen, Materialblätter, Reinschriften und verworfene Blätter. Die folgenden Texte sollen kurz die Geschichte dieser einzigartigen Dokumente erzählen. Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen beim Entdecken von Thomas Manns Schreibwerkstatt und stellen Ihnen die Transkription ausgewählter Seiten zur Verfügung. Mit ein wenig Übung können auch Sie Manns Handschrift entziffern und zu einem neuen Verständnis seiner Texte kommen. Viel Spaß dabei!
Erste Seite Buddenbrooks
Kurzkommentar: Das Originalmanuskript zu Thomas Manns Buddenbrooks ist leider verschollen. Diese Seite gehört zu den wenigen ,ausgeschiedenen Blättern', die einer früheren Entwicklungsstufe angehören. Mann schrieb sie erneut für die Reinschrift ab, weil er auf ihnen viel geändert hat - nur dadurch ist diese Seite erhalten. So findet sich das durchgestrichene Platen-Motto beispielsweise nicht im endgültigen Text, weil es Mann als zu persönlich schien.Das auf Oktober 1897 datierte Blatt befindet sich im Thomas-Mann-Archiv (zu Transskription und Einordnung GKFA 1.2, S. 499f.)
Exzerpt Anna Karenina
Kurzkommentar: Wie spaziert jemand durch prächtige Weizenfelder? Dies wollte Thomas Mann Leo Tolstoi abschauen und fasste eine charakteristische Szene aus Anna Karenina zusammen. Obwohl er sie so in seinem Motive-Arsenal vorstrukturiert hatte, verwertete er diese Passage nicht in seinen Buddenbrooks (vgl. Notizbücher I, S. 85 sowie GKFA 1.2, S. 39).
Buddenbrooks-Stammbaum
Kurzkommentar: In seinem Brief vom 29. Mai 1897 ermutigte der Verleger Samuel Fischer seinen jungen Autor, doch ruhig ein umfangreicheres Projekt in Aussicht zu nehmen. Anhand dieser Aufstellung wird klar, dass Mann von Anfang an einen großen Generationenroman projektierte. Dass es sich um ein Dokument der frühen Arbeitsphase handelt erkennt man auch daran, dass beispielsweise der Name Buddenbrook noch nicht die endgültige Gestalt hatte und noch Buttenbroocks buchstabiert wurde (vgl. GKFA 1.2, S. 460f.)
Erste Seite Dr. Faustus
Kurzkommentar: Genau am 23. Mai 1943 am Vormittag hat Mann laut Tagebuch diese erste Seite seines Faustus-Romans niedergeschrieben. Das Original wurde aus einer Ausstellung gestohlen und gilt seitdem als verschollen. Anhand dieser Seite kann man erkennen, wie Thomas Mann arbeitete: Insbesondere Adjektive und Attribute wurden ausgetauscht odergestrichen und Umstellungen vorgenommen. Zusammen mit Einfügungen und dem ,Ausprobieren' von Nomen sind dies typische Korrekturspuren Thomas Manns.
Tagebucheintrag vom 11.2.1934
Kurzkommentar: Für Thomas Mann war der 11. Februar ein in zweierlei Hinsicht besonderer Tag: Es war sein und Katias Hochzeitstag, aber auch der Tag der "ahnungslosen Abreise von München". In diesem langen Tagebucheintrag schaut Mann auf diese Reise ohne Wiederkehr zurück: auf den Wagner-Vortrag, den Aufenthalt in Südfrankreich, die Schrifttumspolitik der Nationalsozialisten. Aber auch solche zeitgeschichtlich spannenden Briefe enthalten die für Manns Tagebücher typischen Wendungen wie "Nach dem Abendessen etwas übel", "sehr müde und schlafbedürftig". Nur die Erregung durch die "Götterdämmerung" konnte seine "hitzige Übermüdung" hemmen.
Erste Seite Der Erwählte
Kurzkommentar: Dafür, dass Thomas Mann die ersten Sätze stark durchkomponiert hat und zahlreiche rhetorische Figuren in dichter Folge zum Einsatz kommen, ist diese Seite ein Musterbeispiel an Schönschrift und Accouratesse. Dieses sehrbewusste und konzentrierte Schreiben war ein Kennzeichen Thomas Manns, der eine Seite nur dann neu schreiben musste, wenn ihm die Korrekturen zu bunt wurden.
Unterschriftenprobe Felix Krull
Kurzkommentar: An dieser Seite erkennt man, dass bei Thomas Mann so gut wie nichts Zufall oder pure Erfindung ist. Insbesondere die Namen seiner Charaktere sind genau ausgewählt - wie hier aus einer Liste von Adelsnamen. Als Mann sich für den Marquis de Venosta entschieden hatte, tat er es seinem Helden nach und übte fleißig die geschwungene Unterschrift. Im Roman heißt es: "Hand und Feder sehr schräg nach links gestellt, malte er seine Unterschrift hin und schob sie mir zu. Schon umgekehrt wäre sie sehr drollig anzusehen gewesen. Sie verschmähte den Schnörkel am Schluss, fing vielmehr gleich damit an. Das zeichnerische aufgeplusterte L setzte seine untere Schleife weit rechtshin fort, ließ sie am Bogen zurückkehren und das Initial selbst von vorn durchstreichen, um dann, eingeschlossen vom vorgebildeten Oval, in enger und links geneigter Steilschrift als -ouis Marquis de Venosta weiterzulaufen." (Die Seite befindet sich in den Arbeitsnotizen zum Krull-Roman im Thomas-Mann-Archiv Zürich)
Tristan
Kurzkommentar: "Das ist echt! Eine Burleske, die ,Tristan' heißt!", schrieb Thomas Mann am 13. Februar 1901 an seinen Bruder Heinrich (GKFA 21, S. 155). Um diese Zeit arbeitete er bereits mit Hochdruck an der Novelle, der der mittelalterliche Held, wohl aber auch Richard Wagners Motiv ‚Tristan-Akkord' seinen Namen gegeben hat. Die sauber abgeschriebene Seite ist nur noch im Faksimile erhalten, eigentlich war das Manuskript zur Publikation in einer Zeitschrift gedacht - zusammen mit weiteren fünf Novellen erschien der Erzählungsband dann im Jahr 1903 bei S. Fischer (vgl. GKFA 2.2, S. 216).