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Thema: Goethe-Zitat in "Abschied von Emil Oprecht"
 
Carl-Ulrich Griebe
"Abschied von Emil Oprecht"
Erstellt am 01.06.2019 21:27
In obigem Zeitungsartikel vom Oktober 1952 erwähnt Thomas Mann folgendes Goethe-Zitat:
"Den Lebenswürdigen soll der Tod ereilen -
O, wie verwirrt solch ein Verlust die Welt!"
Wo hatte er diesen Zweizeiler gefunden, spricht aus ihm vielleicht der Schmerz über den Verlust Schiller?
Im voraus herzlichen Dank
 
Wulf Rehder
Goethe und Schiller, Thomas Mann und Oprecht
Erstellt am 04.06.2019 11:49
In seiner Trauerrede für seinen Freund Emil Oprecht am 13. 10. 1952 sah Thomas Mann sich in der Rolle, die im Jahr 1805 Goethe gegenüber Schiller eingenommen hatte. Schiller starb am 9. Mai 1805. Der zweite Vers von Goethes „Epilog zu Schillers Glocke“ lautet:

Da hör ich schreckhaft mitternächtges Läuten,
Das dumpf und schwer die Trauertöne schwellt.
Ists möglich? Soll es unsern Freund bedeuten,
An den sich jeder Wunsch geklammert hält?
Den Lebenswürdgen soll der Tod erbeuten?
Ach! wie verwirrt solch ein Verlust die Welt!
Ach! was zerstört ein solcher Riß den Seinen!
Nun weint die Welt, und sollten wir nicht weinen?

Das ganze Gedicht wurde während einer Gedächtnisfeier für Schiller am 10. August 1805 im Lauchstädter Theater von der Schauspielerin Amalie Becker vorgetragen. Der Fama nach hat Goethe während einer Probe Amalie Becker mit Tränen in den Augen beim Arm ergriffen und zu ihr gesagt: „Ich kann, ich kann den Menschen nicht vergessen.“ Hierzu siehe Wulf Segebrecht: “Was Schillers Glocke geschlagen hat.” Hanser Verlag, München 2005, und eine Rezension dieses Buches hier: https://literaturkritik.de/id/8062 . Abgedruckt ist Thomas Manns „Abschied von Emil Oprecht“ in GW X, 526-528.

Wulf Rehder