Forum bei Thomas Mann
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Thema: Spannend, geistreich, eindrucksvoll: Videos zu Thomas Mann
 
Wulf Rehder
Düsseldorfer Vorträge
Erstellt am 16.05.2012 07:56
Vor kurzem bin ich auf eine Reihe von Videos auf der Seite sevenload.com gestossen, die sicher ein weites Publikum interessieren wird. Unter der Adresse http://en.sevenload.com/users/treeckva/videos finden sich 14 Vorträge, die im Rahmen der Thomas Mann Gesellschaft Düsseldorf gehalten wurden. Die Themen sind weitgestreut: von Felix Krulls ars armandi ist die Rede, von TMs Rezeption des romantischen Liedes, von TMs Verhältnis zu Heinrich Heine, von TM und Mickey Mouse.

Ganz besonders anregend waren jedoch folgende drei Video-Vorträge. Inge Jens las aus ihren Erinnerungen an Begegnungen mit Katia und Golo Mann. Reinhard Mehrings Vortrag handelte von Thomas Manns letztem Werkplan, einer Komödie (oder Novelle?) über Martin Luther. Besonders elegant und cool der Vortrag von Sascha Kirchner über die „Lebensfreundschaft“ zwischen Bruno Frank und TM. Es war dies nicht nur eine persönliche Freundschaft, auch in ihren Werken gibt es Parallelen und Überschneidungen. Frank Frank bewunderte TM zeitlebens, während dieser, wie Sascha Kirchner feststellt, seine Freundschaft zu Frank vor allem darauf gründete, wie loyal und hilfsbereit sich der Freund erwies. Noch in seiner Eulogie zum Tod Franks lobt TM gleich zu Anfang, dass seine „unbedingte Liebe und Treue, […] unerschütterliche Freundschaft und Hingebung eine Zierde meines Lebens waren“. Kirchner nennt dies mit schüchternem Lächeln, fast so als bitte er um Verzeihung, eine „unbezähmbare Eitelkeit“ des Nobelpreisträgers, wofür ihn Hans Rudolf Vaget in seiner Rezension bei http://www.iaslonline.de/ ernsthaft rüffelt (der Leser/Hörer möge selbst entscheiden, ob mit Recht).

Einige dieser Vorträge sind auch im Band I der Düsseldorfer Beiträge zur Thomas Mann-Forschung enthalten, siehe http://www.thomasmann-duesseldorf.de/schriftenreihe/.
 
Wulf Rehder
Berichtigung und Ergänzung
Erstellt am 21.05.2012 10:02
Man braucht nicht Ovids Liebeskunst zu kennen, um zu merken, dass sich bei einem der oben genannten Vortragsthemen ein verfälschender Buchstabe, der Buchstabe „r“, in den Titel hineingeschlichen hat: es muss natürlich „ars amandi“ heissen. Was nicht ausschliesst, dass die Verliebten sich mit Toleranz, Charm und Humor wappnen, also auch eine „ars armandi“ zur Verfügung haben, um eventuelle Scharmützel friedlich zu bestehen.

Bei dieser Gelegenheit sollte ich noch auf eine weitere Video-Aufzeichnung hinweisen: Professor Dr. Herbert Antons Vortrag „Thomas Mann und Schiller. Ästhetik der Existenz“. Dies ist ein faszinierender Ausflug in die Geistesgeschichte, bei dem Professor Anton und seine Zuhörer unterwegs nicht nur mehrmals bei Schiller einkehren, sondern auch Foucault, Hadot und Wittgenstein besuchen:

http://www.thomasmann-duesseldorf.de/aktuelles/veranstaltung/article/14-herbert-anton-thomas-mann-und-schiller/

Wie seine bekannten Vorlesungen vor grossem Publikum an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, ist auch diese Darbietung ein akrobatischer Hochseilakt, ohne Netz, nämlich ohne Manuskript. Stattdessen liegt irgendwo unter der Lampe eine dicke alte Aktentasche, voll mit Büchern, aus denen der Professor bei Bedarf, wenn Denken und Reden zur Erde zurueckkehren und eine Textstütze brauchen, wie aus einem Zauberhut das genau richtige Zitat herausfischt.