Forum bei Thomas Mann
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Thema: Wer ist der „zeitgenössische Denker“ in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“?
 
Wulf Rehder
1. Das Zitat
Erstellt am 11.05.2012 09:39
In der Vorrede zu den BU schreibt Thomas Mann:

Ein zeitgenössischer Denker hat gesagt: „Die Richtung aufzufinden, in der eine Kultur sich fortbewegt, ist nicht so schwer, und mit Geheul sich ihr anzuschliessen nicht so grossartig, als die Viertelsköpfe rings im Land es sich denken. Die eigentliche Bahn des Lebens zu erkennen, die Rücksprünge, Widersprüche, Spannungen des Lebens, die Gegengewichte, die es braucht, die Widerkräfte, die es neu spannen, wo es sich im Verbrauch seiner Kräfte schwächt, die Gegenspieler, ohne die das Drama des Lebens nicht vorwärts geht, - alles dies zu sehen nicht nur, sondern lebendig in sich selbst widereinander angehen zu fühlen, das macht den Menschen, der ganz Mensch ist in seiner Zeit.“

Wer ist dieser „zeitgenössische Denker“? Kurzke vermerkt in seinem Kommentar, dass Michael Freund auf Seite 183 seines Buchs „Georges Sorel“ behauptet, TM drücke mit den Worten „Es ist leichter, sich mit Geheul der Hauptrichtung anzuschliessen als Sprünge, Widersprüche, Gegengewichte zu erkennen“ den Grundgedanken von Sorels Buch „Les Illusions de progrès“ aus. Nach Kurzke geschieht dies zwar „sachlich mit einem gewissen Recht, aber ohne den Wortlaut nachzuweisen. So muss offenbleiben, wer der »zeitgenössische Denker« war, dessen Äusserung trotz grossen Suchaufwands nicht zu ermitteln war.“

Gibt es den „zeitgenössischen Denker“ wirklich, oder ist er Thommas Mann selbst? Sind die Worte des „zeitgenössischen Denkers“ ein anonymes Zitat oder eine als Zitat getarnte Aussage Thomas Manns, die er durch Verweis auf die Autorität eines „Denkers“ listig objektivieren und veredeln wollte?
 
Wulf Rehder
2. Drei Kandidaten
Erstellt am 14.05.2012 06:16
Es gibt Gründe zur Vermutung, das „Zitat“ stamme nicht von TM. Die Wörter Widerkräfte, Viertelsköpfe, Rücksprünge stehen nirgends sonst in seinem Werk. Der Halbsatz „ohne die das Drama des Lebens nicht vorwärts geht“ ist nicht sehr elegant. „Drama des Lebens“, „Spannungen des Lebens“, „Bahn des Lebens“ sind ziemlich plumpe Wiederholungen und klingen kitschig. Insgesamt erscheint das gesamte Zitat logisch schief. Es beginnt mit der „Richtung der Kultur“ (keine sehr glückliche Wendung) und den angriffslustigen „Viertelsköpfen“ und „Geheul“, um dann übergangslos bei hehren Gedanken über das „Leben“ zu landen – dass es schwierig, sogar ein „Drama“ sein müsse, damit der Mensch „ganz Mensch in seiner Zeit“ sein könne.

Insbesondere drei Kandidaten kommen als Quellen des fraglichen Zitats in Betracht: Paul Amann, Ernst Bertram (beide gehörten zu den wenigen, mit denen TM während der Abfassung der BU korrespondierte) und Emil Hammacher, aus dessen Buch „Hauptfragen der modernen Kultur“ TM schöpfte, meist ohne Quellenangabe. Alle drei dürfen als „zeitgenössische Denker“ gelten. Paul Amann schied für mich zuerst aus. Er half TM zwar grosszügig mit französischen Zitaten und Informationen über Romain Rolland, teilte aber die Überzeugungen der BU nicht, was TM wusste. Ernst Bertram ist der Autor des von TM hochgeschätzten Buches „Nietzsche. Versuch einer Mythologie“. Doch fand sich das Zitats nirgends in seinem Buch, von dem TM einige Teile schon vor der Veröffentlichung 1918 kannte. Auch unterscheidet sich sein an Stefan George angelehnter Stil von dem des Zitats, so dass auch Bertram weder als Zitatenautor noch als Gedankenanreger in Frage kommt.
 
Wulf Rehder
3. Auf der Fährte
Erstellt am 14.05.2012 06:18
Im Folgenden möchte ich argumentieren, dass TM das Zitat des „zeitgenössischen Denkers“ selbst formuliert hat, und zwar als zugespitzte Zusammenfassung von Ideen, die später in den BU erörtert werden. Diese Ideen hat TM im wesentlichen von Emil Hammacher übernommen, wie ein Textvergleich zwischen Passagen in den BU und in „Hauptfragen der modernen Kultur“ nahelegt.

Es sind Begriffe wie „Mensch“, „Leben“ und „Kultur“, Ausdrücke wie „Spannungen des Lebens“ und im unmittelbaren Anschluss an das Zitat in den BU gebrauchte Wörter wie „Problematik“, „Konflikte“, „Gegensätze“, die uns auf die Fährte bringen, wie dieses Zitat zustande gekommen sein könnte.

Der Mensch, „der ganz Mensch ist in seiner Zeit“ ist der kulturschaffende Mensch, nicht einer, der neuen Kulturrichtungen nachläuft. Im besten Fall ist dieser Mensch ein „genialer“ oder „grosser“ Mensch, mindestens eine Hammachersche „Persönlichkeit“, „die vorzüglichste Trägerin des Allgemeinen, des Überindividuellen, das in persönlichsten Leistungen und nur in solchen den grössten sachlichen Wert erzielt.“ Diese Bestimmung der Persönlichkeit übernimmt TM in den BU.

Das Zitat in den BU spricht von „Spannungen“. Hammacher ebenfalls: von den „Spannungen des modernen Kulturlebens,“ den „Spannungen zwischen Altem und Neuem für alle Kulturgebiete“, von der „Spannung des geistigen Lebens“ und „des religiösen Lebens“. Und wenn das Zitat hier vom „Leben“ spricht, ist wie bei Hammacher die Rede vom „geistige[n] Leben“, das auf Werturteile, auf Metaphysisches, auf das Universale und Allgemeine nicht verzichten kann. Zu diesem Leben gehören Pathos und Leidenschaft, die zu oft von „des Gedankens Blässe vernichtet“ werde. „Leben“ steht über der Wissenschaft.
 
Wulf Rehder
4. Der „zeitgenössische Denker“ = TM + Emil Hammacher
Erstellt am 14.05.2012 06:19
„Leben“ steht über der Wissenschaft, steht im Gegensatz zum Rationalismus und zur Gedankenwelt des Zivilisationsliteraten. Hammacher: „Kultur ist [...] autonome Geistigkeit, Wertwirklichkeit“, sie ist „gerichtet auf die Verwirklichung idealer Ziele, die in sich selbst ohne Rücksicht auf Nützlichkeit Bedeutung haben.“ Und:

„Die modernen Kulturprobleme erklären sich demnach zu einem Teile aus der inneren Spannung, der logischen Unverträglichkeit, die zwischen den neuen Errungenschaften und den überlieferten Lebenswerten stattfindet oder wenigstens als vorhanden geglaubt wird, samt ihren vielen konfliktreichen Wirkungen, zum anderen Teile sind sie von der Verständigung selbst, durch ihre blosse Tatsächlichkeit verursacht, ganz unabhängig davon, welche Normen von ihr gefunden werden, welche Inhalte sie aufweist.“ Dies nennt Hammacher „den Antagonismus zwischen Rationalismus und Leben.“

Am Anfang des Kapitels „Vom Glauben“ in den BU fasst TM mit dem Vokabular Hammachers zusammen, was er über den kulturellen Führungsanspruch der „Persönlichekeit“ sagen will und was im Zitat des zeitgenössischen Denkers wieder erscheint: Grosse Menschen entwickeln sich nur in Zeiten grosser Konflikte. Sie sind eben nicht die „Viertelsköpfe“, die immer „auf dem Laufenden“ sind und „hemmungslos und frisch-fromm-fröhlich“ (= „mit Geheul“) sich in „ein neues Meinen der Zeit“ stürzen, also jeder neuen Moderichtung folgen. Im Gegenteil: „Persönlichkeit, das einzig Interessante auf Erden, ist immer ein Produkt der Mischung und des Konfliktes: Zeiten, Gegensätze, Widersprüche prallen aufeinander, werden Geist, Leben, Gestalt. Persönlichkeit ist Sein, nicht Meinen.“

Hammacher wird, ohne Namensnennung, im Kapitel „Politik“ als „ein Gelehrter“ bezeichnet. Vielleicht sind die obigen Wortlaut-Übereinstimmungen hinreichend, ihn als den „zeitgenössischen Denker“ zu identifizieren, zumindestens in Personalunion mit TM.