Forum bei Thomas Mann
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Thema: Beim Lesen von Hermann Kurzkes „Betrachtungen eines Unpolitischen“
 
Wulf Rehder
Teil 1. Skorpion oder harmloses Ungetüm?
Erstellt am 03.05.2012 10:25
Ein aufmerksamer Besucher des Forums könnte hier schon stutzen, weil er sich bei diesem barock auftretenden Thema von ferne an Goethes Gedicht „Bei Betrachtung von Schillers Schädel“ erinnert:

Im ernsten Beinhaus wars, wo ich beschaute,
Wie Schädel Schädeln angeordnet paßten;
Die alte Zeit gedacht ich, die ergraute.

Und so weiter. Dieser ansonsten anachronistische Verweis hat hier seinen eigenen Hintersinn. Das heimelige „Beim Lesen ...“ soll andeuten, dass ich nur meinen eigenen Eindruck von Kurzkes Lesart der „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (BU) mitteilen, aber keinesfalls ein fachmännisches oder gar objektives Urteil fällen kann. Das ist das eine.

Zweitens: Ein Leser des Gedichts spürt gleich, dass es weniger um den Schädel selbst geht als vielmehr um seine Wirkung auf Goethes Gemüt: „Wie bin ich wert, dich in der Hand zu halten?“ Diese vielleicht nicht ganz ehrliche Bescheidenheit Goethes wird pikanter dadurch, dass jener Knochen, der auf blauem Samt gebettet im poetischen Schummerlicht auf Goethes Schreibtisch lag, höchstwahrscheinlich gar nicht Schillers Schädel war.

Seit vielen Jahren hat Hermann Kurzke in Aufsätzen, in seiner Thomas-Mann-Biographie und nun im GKFA-Kommentar eine neue Interpretation zu Thomas Manns Riesen-Essay vorgelegt, die viel Beachtung aber wenig Widerspruch gefunden hat. „Alles über Thomas Mann wissen heisst vieles verzeihen“ – damit zieht Kurzke den Stachel aus Thomas Manns giftigem Essay und macht so aus einem Skorpion ein interessantes, aber letztlich harmloses Ungetüm. In diesem „thread“ möchte ich skizzieren, dass eine unsentimentale Lektüre der BU, unter prosaisch hellem Tageslicht, einer verführerischen Wirkung von TMs Sprachkunst auf unser Gemüt entgegenwirken kann.

Fortsetzung folgt.
 
Wulf Rehder
Teil 2. Worum es geht
Erstellt am 04.05.2012 09:53
Ein Tweet wie #Buddenbrooks: „Kaufmannsfamilie aus HL geht über 4 Generationen durch wachsende ästhetische Verfeinerung zugrunde“ kann notfalls als Klappentext für Thomas Manns ersten Roman gelten. Der Leser bekommt einen Eindruck, worum es geht. Wenn wir aber in Anlehnung an Edo Reents tweeten #BetrachtungenUnpol: „Ziel: eine verstockt-wortlose, an Zivilisiertheit angeblich nicht interessierte Nation zu verteidigen vs die Entente, vor allem Frankreich“, dann sind wir mit diesen 138 Zeichen nicht klüger als wie zuvor.

Anfangs motiviert durch die verbreitete Begeisterung für den Krieg, Heimsuchung und Befreiung zugleich, geht es TM zunächst um die Frage, was eigentlich „deutsch“ sei, und seit dem drittel Kapitel darum, die tiefe deutsche Seele, Innerlichkeit und Irrationalität wahren Deutschtums, die einzigartige deutsche Kultur gegen die oberflächlich rationalen Einflüsse, gegen die dumme Demokratie und die „Zivilisation“ Frankreichs zu verteidigen. Als er im Januar 1916 den Aufsatz „Zola“ seines Bruders Heinrich, des „Zivilisationsliteraten“ par excellence, liest und sich angegriffen fühlt, baut Thomas ein persönliches Feindbild von „Politik“ und „Demokratie“ auf, das er in einer grossangelegten Gegenoffensive über die nächsten 550 Seiten zu zerstören sucht.

Dabei kommt es zu Äusserungen, die als reaktionär, peinlich, taktlos bezeichnet worden sind. Mit gewissem Recht, gibt Kurzke zu; aber das seien nur Meinungen, hohle Rhetorik, man brauche die anti-demokratischen Tiraden nicht so ernst zu nehmen. Denn im Grunde handele es sich dabei nur um Literatur, um ein Rollenspiel, ein Schattenboxen mit dem Bruder. Das wahre „Sein und der Stil“ seien dagegen „internationalistisch, intellektualistisch, literarisch, demokratisch“.

Fortsetzung folgt.
 
Wulf Rehder
Teil 3. Eindrucksvolle Synthese
Erstellt am 04.05.2012 09:55
Kurzkes Methode ist, wie die der GKFA überhaupt, gründlich und erfinderisch. Zur Erschliessung der Quellen gräbt er durch mehrere Schichten nach dem Ursprung von Zitaten und Gedankensplittern, die TM von Dichtern und Denkern der Vergangenheit in sein Manuskript übernommen hat. Themen, bei TM unter manchmal verwirrenden und missverständlichen Kapitelüberschriften, werden erläutert: „Einkehr“, „Von der Tugend“, „Ästhetizistische Politik“ heissen drei der rätselhaften Kapitel. Es wird sorgfältig referiert, welche Wirkung der Text zu verschiedenen Zeiten hatte und welche späteren Straten – Bewertungen, Erkentnisse, Missverständnisse – sich seit der Veröffentlichung 1918 dem Werk von aussen überlagert haben. Im 500-seitigen Stellenkommentar erklärt Kurzke, aus dem Werk selbst und gestützt auf sein enormes Wissen von Thomas-Manniana, schwer verständliche Textstellen und intertextuale Beziehungen – es bleiben keine Fragen offen.

Diese materialorientierte Arbeit, die mit Erfindungsgeist und detektivischem Gespür Biographie, Philologie und Historie zu einer eindrucksvollen Synthese bringt, legt ein positivistisches Fundament, auf dem Kurzke nun eine „Generalrevision“ der bisherigen Interpretationen der BU anbieten kann. Beispielsweise werde oft übersehen, dass der „Unpolitische“ nicht ein desinteressierter Politikmuffel ist, sondern der Ästhet, der (deutsche) Künstler. Und Deutschtum gegen Frankreich, das bedeute „Kultur, Seele, Freiheit, Kunst“ versus „Zivilisation, Gesellschaft, Stimmrecht, Literatur.“

In einem kurzen Nachwort resümiert Kurzke in lyrisch inspirierter Sprache, in den BU komme zwar „viel Erschreckendes, Befremdliches und Erstaunliches“ vor, jedoch sei das nicht nur „interessant“, sondern es „verdient Dank“: „Ab und zu muss ja auch die Demokratie auf den Teststand. Wenn sie gefestigt wird, wird das Feuer der antidemokratischen Ansichten sie nicht beschädigen, sondern härten und läutern“.

Fortsetzung folgt.
 
Wulf Rehder
Teil 4. Geistesverwandtschaft?
Erstellt am 04.05.2012 09:56
Golo Manns schreibt in einem Brief vom 30. IX. 1975 an den Soziologen Raymond Aron: „Die »Betrachtungen« haben mit Hitler eines, wenn auch nur eines, gemeinsam: beide hätten sie nicht passieren dürfen.“

Wörtlich genommen, ist „eines, wenn auch nur eines“ nicht richtig. TM benutzt in den Betrachtungen oft denselben aufgeblähten Begriffsapparat, der zehn Jahre später auch Hitlers „Mein Kampf“ beherrscht. Dazu gehören „Seele“ („Deutschlands Seele“ bei TM; „Volksseele“ bei Hitler), „Deutschtum“ und „undeutsch“ (bei TM auch „widerdeutsch“ und „deutschfeindlich“ wie in „der politische Geist, widerdeutsch als Geist, ist mit logischer Notwendigkeit deutschfeindlich als Politik.“), „Abgrund“ (bei TM z.B.: „Diese Geister »undeutsch« zu nennen, - davor werde ich mich hüten. Der Begriff »deutsch« ist ein Abgrund, bodenlos“; bei Hitler: Kunst und Kultur sind erkrankt, verfallen: „Alles schien hier den Höhepunkt schon überschritten zu haben und dem Abgrunde zuzueilen.“)

Ist der folgende Text von TM oder von Hitler?

„Wer der Jugend Seele kennt, der wird verstehen können, daß gerade sie am freudigsten die Ohren für einen solchen Kampfruf öffnet. In hunderterlei Formen pflegt sie diesen Kampf dann zu führen, auf ihre Art und mit ihren Waffen. Sie lehnt es ab, undeutsche Lieder zu singen, schwärmt um so mehr für deutsche Heldengröße, je mehr man versucht, sie dieser zu entfremden; sammelt an vom Munde abgesparten Hellern zu Kampfschatz der Großen; sie ist unglaublich hellhörig dem undeutschen Lehrer gegenüber und widerhaarig zugleich; trägt die verbotenen Abzeichen des eigenen Volkstums und ist glücklich, dafür bestraft oder gar geschlagen zu werden.“

Hitler.

Fortsetzung folgt.
 
Wulf Rehder
Teil 5. Hass auf Demokratie und Parlament
Erstellt am 04.05.2012 09:57
GoloMann fügt dem Satz aus obigem Brief an Raymond Aron die Bemerkung hinzu: „Dass die »Betrachtungen« ein im allerhöchsten Grade intelligentes und kultiviertes Buch sind, macht die Sache nicht besser, eher schlimmer, scheint mir.“

Trotz all dieser Intelligenz ist eines der Schlüsselwörter in den BU – Hass. TM hasst „aus Herzensgrund“ den „Brandrhetor Mazzini“ und den „Hanswurst d’Annunzio“. Demokratiehasser aus der Vergangenheit werden als Kronzeugen zitiert: Nietzsche und vor allem Wagner: „Warum hasste er die »Demokratie«? Weil er die Politik selbst hasste.“ In Wagners Mund bedeuteten, schreibt TM, „die Worte »fremdartig«, »übersetzt«, »undeutsch« [...] eine Verurteilung, ja Hass.“ Mehr als 40mal Hass in den BU.

Genauso oft bei Hitler. Er hasst an der „westlichen Demokratie“ (für ihn eine „widerlich-lächerliche Phrase“ und „Vorläufer des Sozialismus“) vor allem das Geschwätz der Parlamentarier: „Ich hege heute noch die Überzeugung, daß der letzte Fuhrknecht dem Vaterlande noch immer mehr an wertvollen Diensten geleistet hat als selbst der erste, sagen wir »Parlamentarier«. Ich haßte diese Schwätzer niemals mehr als gerade in der Zeit, da jeder wahrhaftige Kerl, der etwas zu sagen hatte, dies dem Feinde in das Gesicht schrie oder sonst zweckmäßig sein Mundwerk zu Hause ließ und schweigend irgendwo seine Pflicht tat. Ja, ich haßte damals alle diese »Politiker«, und wäre es auf mich angekommen, so würde sofort ein parlamentarisches Schipperbataillon gebildet worden sein; dann hätten sie unter sich nach Herzenslust und Bedürfnis zu schwätzen vermocht, ohne die anständige und ehrliche Menschheit zu ärgern oder gar zu schädigen.“

Fortsetzung folgt.
 
Wulf Rehder
Teil 6. Die Chinesen haben recht!
Erstellt am 04.05.2012 09:59
Im Kapitel „Politik“ nennt TM die Demokratie eine Herrschaft „der Majorität über die Minorität, der wahrscheinlich Dummen über die wahrscheinlich Klugen“, und setzt dagegen das heldenhafte Genie des „grossen Mannes“, dem (nach Nietzsche) das dressierte menschliche Herdentier gehorchen müsse. Sarkastisch fährt TM fort:

„Der grosse Mann ist abzuschaffen [...]: dazu helfe uns die demokratische Republik!“ Denn, wie Nietzsche, nach einem angeblichen chinesischen Sprichwort, geschrieben habe: „Der grosse Mensch ist ein öffentliches Unglück!“

Natürlich nicht! Ironie-Alarm! Denn „Der Literat weiss nur zu gut, dass Deutschland ganz eigentlich das Land des grossen Mannes ist [...] Der Wunsch aber, den grossen Mann loszuwerden, ist so alt wie das Wunschbild der Zivilisation selbst. [...] Nur unter einem Führer, der Züge des Grossen Mannes von deutschem Schlage trägt, wird der »Volksstaat« einen erträglichen Anblick bieten und etwas anderes sein, als die Humbug-Demokratie, die wir nicht »meinen«“.

Man vergleiche damit dieses Zitat aus „Mein Kampf“:

„Wer Führer sein will, trägt bei höchster unumschränkter Autorität auch die letzte und schwerste Verantwortung. Wer dazu nicht fähig oder für das Ertragen der Folgen seines Tuns zu feige ist, taugt nicht zum Führer. Nur der Held ist dazu berufen. Der Fortschritt und die Kultur der Menschheit sind nicht ein Produkt der Majorität, sondern beruhen ausschließlich auf der Genialität und der Tatkraft der Persönlichkeit.“

In „Lotte in Weimar“ wiederholt Goethe den Chinesenspruch. Die Tischrunde lacht überlaut. Nur Lotte „sass gerade aufgerichtet“. Sollte das Gelächter etwas „Böses“ zudecken? Sie hatte Angst, jemand würde aufspringen und rufen: „Die Chinesen haben recht!“

Fortsetzung folgt.
 
Wulf Rehder
Teil 7. Ästhetizistisches Theater?
Erstellt am 04.05.2012 10:02
In der mit verführerischer Eleganz und kecker Rhetorik geschriebenen Vorrede scheint TM vorsorglich Öl auf die Sturmwellen zu giessen, die den Leser auf den kommenden Seiten überschwemmen werden. Einschränkend heisst es, die „Betrachtungen“ seien zwar kein „Kunstwerk“, aber immerhin ein „Schreib- und Schichtwerk“, „Werk eines Künstlertums“, „beinahe eine Dichtung“.

In seinem Kommentar lässt Kurzke sich auf diese Koketterie ein. Die BU seien „pur ästhetizistisch“, voller Meinungen, die aber nicht zählten: „Der Ironiker hat keine Meinung“. Abstand und Ironie werden geschaffen durch Zitate, „fremde Zungen“. Deshalb sei die enorme Zitatenanhäufung in den BU eine „Kunst“.

Der Kommentator wagt sich weiter vor: „So haben die Betrachtungen, wenn man sie richtig liest, eine spröde Eleganz, die noch die schlimmsten Stellen erträglich macht, weil sie als Rollenspiel erscheinen. Sie sind rhetorisch, nicht wahrhaftig, sind ironisch, nicht pathetisch.“

Damit erhebt sich die peinliche Frage, ob „Mein Kampf“, wäre der Stil nicht so holperig und die Rhetorik nicht so plump, mit gutgewählten Zitaten (Goethe und Schiller werden nur beiläufig erwähnt) „erträglich“ gewesen wäre. Der „sittliche und moralische Anspruch“ auf Grund und Boden war damals auch erst Rollenspiel.

TM spricht von „Galeerenarbeit“, von „Zeitdienst“ und „Gedankendienst“ am Schreibtisch, den er Deutschland geleistet habe, auch er ein „Kriegsbeschädigter“. Die BU waren sein „theoretisches Hauptwerk“. Nur: Für ein theoretisches Werk braucht es mehr als polemisches Denken in Antithesen, und auch der vollmundige Einsatz elegantester Sprachkunst kann die Logik nicht ersetzen.

Die BU waren nicht nur ästhetizistisches Theater. TM wollte ernstgenommen werden.

Fortsetzung folgt.
 
Wulf Rehder
Teil 8. Haben Dichterworte Konsequenzen?
Erstellt am 04.05.2012 10:04
Die BU wollen ernstgenommen werden. In einem Brief an Amann schrieb TM: „Ich arbeite zwei Stunden wenigstens regelmässig an meiner Abhandlung, die mir sehr wichtig ist.“ Auch später hat er die BU nie verleugnet. Er hat zwar wiederholt seine Meinungen geändert, aber nie seine Gesinnungen.

Wir müssen ernsthaft auf den Prüfstand stellen, was TM gesagt hat. Man braucht sich nicht auf eine billige politische Korrektheit zu berufen, wenn man feststellt, dass die BU ein anstössiges Buch waren und immer noch sind. Weder sind seine Gedanken nur „abstrus“, „verkrampfter Unsinn“, „Selbstüberhebung“, wie frühere Interpreten behauptet haben, noch sollte man sie jetzt unter Denkmalschutz stellen und mit einer literarischen Aura umgeben, um nur in dem Deutungsüberschuss des Dichterischen die wahre Qualität der BU zu sehen.

In provokativer Absicht habe ich TMs BU-Vokabular in die Nähe von „Mein Kampf“ gerückt. Könnte im Text, oder gar im grossen TM, mit Lotte zu reden, „etwas Böses“ zugedeckt werden? Böse Gedanken hat TM lebenslang gehabt (Beispiele: Versenkung der Lusitania, Bestrafung deutscher Städte durch alliierte Bomber, Blindheit gegenüber Speziallager Nr. 2 Buchenwald, Briefwechsel mit Paul Olberg, grässlicher Tagebucheintrag über Theodor Lessings Ermordung 1933, Hass auf den „Juden Kerr“ im Tagebuch vom 10.4.1933). Haben Worte Konsequenzen?

The words of a dead man
Are modified in the guts of the living.

heisst es in Audens “In Memory of W. B. Yeats”.

Freilich hatte TM keinen Tatendrang, kein Welt-Änderungs-Programm, keinen politischen Einfluss, und deshalb trifft letztlich auf seine „Dichtung“ BU Audens melancholisches Diktum zu:

Poetry makes nothing happen.
 
Wulf Rehder
Teil 9. Einige Literaturhinweise
Erstellt am 07.05.2012 09:35
Der Lektüre lag zugrunde die Grosse Kommentierte Frankfurter Ausgabe der „Betrachtungen eines Unpolitischen“ mit dem Kommentarband von Hermann Kurzke.

Frühere Fassungen der Kurzke-Interpretation findet man in seinem Buch „Thomas Mann. Epoche – Werk – Wirkung“ (3. Auflage, 1997), seinem Beitrag zu BU im „Thomas Mann Handbuch“ (3. Auflage, 2005) und in seiner Biographie „Tomas Mann. Das Leben als Kunstwerk“ (4. Auflage, 2005).

Akademischer ausgerichtet ist Kurzkes Aufsatz „Nietzsche in den ‚Betrachtungen eines Unpolitischen’“ in: Festschrift für Eckhard Heftrich, „Wagner, Nietzsche, Thomas Mann“, ed. Heinz Gockel (1993). Siehe auch ders.: „Die Quellen der ‚Betrachtungen eines Unpolitischen’“ in TMS VII.

Zwei der Hauptquellen für TM waren Ernst Bertrams „Nietzsche. Versuch einer Mythologie“ (1918, TM kannte Teile vor der Veröffentlichung) und Emil Hammachers „Hauptfragen der modernen Kultur“ (1914). Bertrams Stil ist heute schwer verdaulich, was er z.B. über Nietzsches Verhältnis zur Musik (Wagners) und über „grosse Menschen“ sagt, hat TM übernommen. Hammacher war Zitatenlieferant für politische Theorie. Bertram und Hammacher stehen als Google-Books gratis im Internet.

Wer an Zeitungs-Rezensionen des Kurzke-Kommentars interessiert ist, wird einige leicht er-googeln können: Gustav Seibt, Süddeutsche Zeitung; Thomas Assheuer, DIE ZEIT;
Edo Reents, FAZ; Volker Weidermann, FAZ (diese beiden FAZ-Artikel sind ansatzweise kritisch); Wolfgang Schneider, TAZ.

Originell in diesem Kontext sind auch Hans Dieter Heimendahls Dissertation „Kritik und Verklärung. Studien zur Lebensphilosophie Thomas Manns“ (1995, Kapitel I), Reinhard Mehrings „Thomas Mann. Künstler und Philosoph“ (2001; angesichts des notorischen „höheren Abschreibens“ TMs ein mutiges Buch) und Barbara Besslichs „Faszination des Verfalls. Thomas Mann und Oswald Spengler“ (2002), ein glasklares, jargonfreies Lesevergnügen.
 
Jan Haag
Nur ein Gedanke (1)
Erstellt am 18.05.2012 09:21
Goethe in einem Brief vom 9. Juni 1814: “...ein poetisches Werk weiß ich auszuführen und zu verantworten, aber die Lebenswerke haben mir nie recht gelingen wollen.” Ist es Thomas Mann nicht ebenso ergangen? Sind die BU nicht ein erstes umfangreiches Geständnis, eine Bestätigung für dieses Misslingen? Thomas Mann hat immer wieder deutlich darauf hingewiesen, dass dem Künstler die profane Existenz gar nicht gelingen kann? Doch Künstler hin, Blauäugige her - wer kann schon von sich behaupten sein Leben sei ohne Scheitern verlaufen? In Kürze noch ein Gedanke zu Hitler, bzw. NS-Zeit und ThM.
 
Jan Haag
Nur ein Gedanke (2)
Erstellt am 21.05.2012 17:28
Wir Heutigen haben das große Privileg die Ereignisse, die geschichtlichen Abläufe, von ihrem Ende her überblicken und beurteilen zu können.
Zum 100. Todestages Goethes am 22. März 1932 versammelte sich in Weimar alles was Rang und Namen hatte. Mann und Hesse waren dabei, Ricarda Huch und Gerhart Hauptmann. Im Saale forderte der Präsident der Goethegesellschaft, Julius Petersen, die Zeitrechung umzustellen und nicht mehr nach Christi Geburt, sondern nach Goethes Tod zu messen. Im Saale wurde Goethe gepriesen und einmal mehr auf tausend Sockel gehoben; draußen in Weimars Straßen, wohl auch vorbei an Schillers Wohnhaus, marschierten mit ausgestrecktem Arm, selbstsichere braune Kameraden. Ihre neue Zeit sollte schon im Jahr drauf beginnen. Nicht jeder der im Saale feierte wusste zu diesem Zeitpunkt so genau zu welchem Lager er sich zählte. Thomas Mann wusste es schon bald weil er persönlich sehr betroffen war. Hitler hat dann ja alles vereinnahmt: Goethe, Wagner, die deutsche Sprache und halb Europa. Wir wissen vom Ende. Als Thomas Mann an den BU arbeitete war das 20. Jahrhundert noch jung und er hatte Mühe sich von seinen Wurzeln im 19. Jahrhundert zu befreien. Er war sicher nicht Hitlers ghostwriter.