Forum bei Thomas Mann
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Thema: Erinnern und Vergessen
 
Wulf Rehder
Der raunende Beschwörer des Imperfekts
Erstellt am 06.03.2012 09:52
Geschichte und Geschichten spielen sich beide „in der Zeit“ ab, aber in verschiedener Weise. Dieses Thema behandelte Thomas Mann essayistisch im Abschnitt „Strandspaziergang“ zu Anfang des siebenten Kapitels des Zauberberg. Er war nicht der erste, oder originellste, Schriftsteller, der über den Unterschied von Erzählzeit und erzählter Zeit nachdachte. Doch er gab dieser Gegenüberstellung neue, sprechende Namen: die historische ist die „musikalisch-reale“ Zeit, die erzählte die „imaginäre“ oder „inhaltliche“ Zeit, die im Zusammenhang mit der Erzähltechnik im Zauberberg auch „variable Geschwindigkeit“ heissen könnte. Denn dort lesen wir anfangs lange Kapitel über kurze Geschehnisse: die Ankunft Hans Castorps, seine familiäre Vergangenheit, erste Begegnungen mit den Tischgenossen und Settembrini, und später Kapitel, die über lange Zeiträume gehen, so dass es scheint, als werde nun beschleunigt erzählt. Geschichte und Geschichten dienen beide der Erinnerung – an Ereignisse, Gedanken, Erfahrungen der Vergangenheit. Der Bewahrer dieser Erinnerung ist der „raunende Beschwörer des Imperfekts“.

Erinnert wird vor allem an Verderben, Schuld und Unglück. Das dramatischste Beispiel ist Doktor Faustus. Thomas Mann kannte Nietzsches Wort, dass das grössere Glück im Vergessen liegt:

«Bei dem kleinsten aber und bei dem größten Glücke ist es immer Eines, wodurch Glück zum Glücke wird: das Vergessen-können oder, gelehrter ausgedrückt, das Vermögen, während seiner Dauer unhistorisch zu empfinden.»

Deshalb sei es „möglich, fast ohne Erinnerung zu leben, ja glücklich zu leben, wie das Thier zeigt: es ist aber ganz und gar unmöglich, ohne Vergessen überhaupt zu leben.»

Aus: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. (1874)

Fortsetzung folgt.
 
Wulf Rehder
Tony erinnert sich und Hanno vergisst
Erstellt am 13.03.2012 05:13
Am Anfang: Tony, achtjährig, rezitiert den Katechismus:

„»Ich glaube, daß mich Gott [...] geschaffen hat samt allen Kreaturen«, und schnurrte nun, glückstrahlend und unaufhaltsam, den ganzen Artikel daher ...“

„»Dazu Kleider und Schuhe [...] Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker und Vieh …« Bei diesen Worten aber brach der alte M. Johann Buddenbrook einfach in Gelächter aus,“ weil sich Tonys Gedächtnis mit kleinmädchenhafter Phantasie gepaart hatte.

Zur Feier des hundertjährigen Firmenjubiläum will Hanno ein Gedicht vortragen, Uhlands ›Schäfers Sonntagslied‹:

„»Das ist der Tag des Herrn«, sagte er ganz leise, und desto stärker klang die Stimme seines Vaters, der ihn unterbrach: »Einen Vortrag beginnt man mit einer Verbeugung, mein Sohn!«

»Ich bin allein auf weiter Flur«, sagte er noch, und dann war es endgültig aus.“

Hanno hatte die Strophen vergessen.

Am Ende, sechs Monate nach Hannos Tod: Zehn Frauen in Gerda Buddenbrooks Zimmer.

„Man blickte sich nicht an [...]. Und dann rief man sich jene letzte Episode ins Gedächtnis zurück … den Besuch dieses kleinen, abgerissenen Grafen [...]. Hanno hatte gelächelt, als er seine Stimme vernahm, obgleich er sonst niemanden mehr erkannte, und Kai hatte ihm unaufhörlich beide Hände geküßt.“

Das Familienalbum, in dem Hanno unter seinem Namen einen waagerechten Schlussstrich gezogen hatte, ist auf Tony übergegangen. Sie versichert der Runde: »[S]olange ich am Leben bin, wollen wir hier zusammenhalten, wir paar Leute, die wir übrigbleiben … Einmal in der Woche kommt ihr zu mir zum Essen … Und dann lesen wir in den Familienpapieren.«

Fortsetzung folgt.
 
Wulf Rehder
Nostalgischer Besuch in Weimar
Erstellt am 14.03.2012 00:43
„Lotte in Weimar“ erzählt eine Geschichte, die historisch ist: Charlotte Kestner, geb. Buff, besucht im Jahr 1816 den 67-jährigen Goethe, 44 Jahre nachdem sie, keusch verliebt in den coolen Dichter und verlobt mit Kestner, das literarische Vorbild der Lotte im Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ wurde.

„Es ist ein eigen Ding [...] um die Erinnerung,“ sinniert Goethes Sohn August in seinem Gespräch mit Charlotte. Sie ergänzt: „Der Erinnerung zu leben ist eine Sache des Alters und des Feierabends nach vollbrachtem Tagwerk.“

Charlottes Tagwerk war ihre Familie. Goethe dagegen zelebriert noch immer sein Leben und Werk in steifer Würde, er ist Seine Excellenz, die Charlottes Besuch am liebsten vergessen will: „Konnt’ sie sich’s nicht verkneifen, die Alte, und mir’s nicht ersparen?“

Wir fühlen für Charlotte und nehmen ihr den ein wenig peinlichen „Schulmädelstreich“ nicht übel, Goethe an seine tolle Werther-Zeit dadurch zu erinnern, an ihrem weissen Kleid eine der blassroten Schleifen wegzulassen, die Werther-Goethe bei ihrem ersten Treffen bemerkte und später als Erinnerungspfand empfing.

Aus geringem Anlass, dem sentimentalen Besuch, entsteht eine ungewöhnlich interessante intellektuelle Komödie: als Gegenentwurf zu dem glatten Klassiker ein manchmal grotesker, sehr menschlicher Goethe. Er ist der geschichtliche Weimarer von 1816, gewinnt aber Relief erst in der Phantasie des Autors, der sich gern in Goethe spiegelte, diese Eitelkeit aber erträglich macht, indem er in Goethes erinnerter Gestalt auch sich selbst ironisiert und „Grösse“ durch Charlottes praktische, aber einfühlsame, ja scharfsichtige Psychologie erfrischend entzaubert.

(Empfehlung: Lies die GKFA-Ausgabe und den erstklassigen Kommentarband von Werner Frizen.)

Fortsetzung folgt.
 
Wulf Rehder
Tief ist der Brunnen der Vergangenheit
Erstellt am 15.03.2012 03:51
Nirgends hat Thomas Mann eindringlicher über Erinnerungen geschrieben als im „Höllenfahrt“-Vorspiel zu den Joseph-Romanen, und nie war er schwerer verständlich.

Auch wenn hier Joseph der lernwillige Schüler ist, der mit Hilfe seines Lehrers Eliezer aus dem „Brunnen der Vergangenheit“ schöpft, geht es doch nicht eigentlich ums Memorieren, sondern um die Erinnerung der Menschheit an Ur-sprünge, die weniger in konkret erlebter Historie liegen, sondern in abstrakten, gleichsam zeitlosen Mythen, die immer wiederholt werden: die Schöpfungsgeschichte, der Sündenfall, die Sintflut, der Turmbau zu Babel. Und dies sind nur die biblischen Versionen – in anderen Kulturen gibt es lokale Entsprechungen:

„So gibt es Anfänge bedingter Art, welche den Ur-Beginn der besonderen Überlieferung einer bestimmten Gemeinschaft, Volkheit oder Glaubensfamilie praktisch-tatsächlich bilden, so dass die Erinnerung, wenn auch wohl belehrt darüber, dass die Brunnenteufe damit keineswegs ernstlich als ausgepeilt gelten kann, sich bei solchem Ur denn auch national beruhigen und zum persönlich-geschichtlichen Stillstande kommen mag.“

Aber wer erzählt, wandert auch, wie der Mond: „Schon längst sind wir unterwegs und haben die Station, wo wir flüchtig verweilten, schon weit zurückgelassen, sie schon vergessen, uns schon mit der Welt, der wir entgegenblicken, die uns entgegenblickt, nach Reisendenart von weitem in Beziehung gesetzt [...].“

Damit nicht genug. Im Joseph-Roman wird nicht nur der Bibel nacherzählt und neu-erzählt (variierte Schöpfungsmythen), sondern zum Autor TM und den Figuren (Jakob, Joseph, usw.) gesellt sich noch der Erzähler als Mispieler und Kommentator: „Thomas Manns Anspruch ist es, nicht nur die Geschichte, sondern auch ihr Erzähltwerden zu erzählen“ (Hermann Kurzke: „Mondwanderungen“).

Fortsetzung folgt.
 
Wulf Rehder
Selbstvergessenheit I
Erstellt am 23.03.2012 07:56
Wenn Hans-Georg Gadamer in seinem Beitrag zu Reich-Ranickis „Was halten Sie von Thomas Mann“ Thomas Manns „Zieselierkunst“ erwähnt, der es aber an der nötigen „Selbstvergessenheit“ fehle, wie sie etwa die grossen Romanciers wie Tolstoi und Dostojewski auszeichne, muss man wohl zunächst zustimmen, jedenfalls, wenn man das mit zäher Ausdauer geschaffene Werk und den selbst-bewussten, sich stets bedeckt haltenden Autor von aussen ansieht.

Seine innerhalb des Werks lebenden Figuren aber kennen das Selbstvergessen sehr gut. In „Tonio Kröger“ verfolgt Tonios früher Schwarm, Inge Holm, „mit einem selbstvergessenen Lächeln Herrn Knaaks Bewegungen“ beim Tanzunterricht. Tonios eigenes Gefühl, als er erwachsen ist und zurückblickt, ist melancholischer: „Er genoss ein tiefes Vergessen, ein erlöstes Schweben über Raum und Zeit, und nur zuweilen war es, als würde sein Herz von einem Weh durchzuckt, einem kurzen, stechenden Gefühl von Sehnsucht oder Reue, das nach Namen und Herkunft zu fragen er zu träge und versunken war.“

Harmloser, unbeschwerter, die Umwelt vergessend, leben der (echte) Marquis de Venosta und Zaza miteinander. Felix Krull sieht, dass Venosta „bis zur Selbstvergessenheit und zur völligen Gleichgültigkeit gegen alle Beobachtung verliebt in sie war, behext von dem Anblick ihres appetitlichen Décolletés, ihrem Geplauder, den kleinen Zaubereien ihrer schwarzen Augen.“

Mit seinen erfundenen Geschichten kann Felix König Dom Carlos I. die lästige Politik vergessen machen. „Der König hielt sich die Seiten vor Lachen, – und wirklich, es ist eine herzinnige Freude, einen gekrönten Mann der Sorge, mit einer wühlerischen Partei im Lande, so selbstvergessener Belustigung hingegeben zu sehen.“

Fortsetzung folgt.
 
Wulf Rehder
Selbstvergessenheit II
Erstellt am 23.03.2012 07:58
Den befreienden Schritt von der Selbstgewissheit zur Selbstvergessenheit hat Thomas Mann nie gemacht, aber in seinen Tagebüchern privat erprobt und sonst seinen Figuren überlassen. Aschenbach will anfangs ganz bewusst seiner Arbeit entfliehen und sich zum Vergessen zwingen: „Fluchtdrang war sie, daß er es sich eingestand, diese Sehnsucht ins Ferne und Neue, diese Begierde nach Befreiung, Entbürdung und Vergessen, – der Drang hinweg vom Werke, von der Alltagsstätte eines starren, kalten und leidenschaftlichen Dienstes.“ Die überraschende Sehnsucht nach der Fremde wird mit Vernunftsgründen, mit Reiselust, abgetan: „Ein Gefühl, so lebhaft, so neu oder doch so längst entwöhnt und verlernt, dass er, die Hände auf dem Rücken und den Blick am Boden, gefesselt stehen blieb, um die Empfindung auf wesen und Ziel zu prüfen. Es war Reiselust, nichts weiter.“

Doch nachdem er Tadzio gesehen hat, gibt sein appolinisches Vergessenwollen dem dionysischen Selbstvergessen nach. Verzweifelt wehrt er sich: „Groß war seine Abscheu, groß seine Furcht, redlich sein Wille, bis zuletzt das Seine zu schützen gegen den Fremden, den Feind des gefassten und würdigen Geistes.“ Es nützt ihm nichts: der „Feind“ wird siegen: „Als Aschenbach seine Arbeit verwahrte und vom Strande aufbrach, fühlte er sich erschöpft, ja zerrüttet, und ihm war, als ob sein Gewissen wie nach einer Ausschweifung Klage führe.“ Bevor er stirbt, ergibt er sich dem Selbstvergessen:

„Und zurückgelehnt, mit hängenden Armen, überwältigt und mehrfach von Schauern überlaufen, flüsterte er die stehende Formel der Sehnsucht, – unmöglich hier, absurd, verworfen, lächerlich und heilig doch, ehrwürdig auch hier noch:
»Ich liebe dich!«”

Fortsetzung folgt.
 
Wulf Rehder
Selbstvergessenheit III
Erstellt am 27.03.2012 03:31
Während Thomas Mann die Korrekturbögen für sein „ketzerisches Buch“, die „Betrachtungen eines Unpolitischen“, las, schrieb er, um „erst einmal wieder das Handgelenk zu üben“, die Idylle „Herr und Hund“.

Wieder ist es „das Wasser“ (wie woanders das mystische Meer, die Ostsee), das den Erzähler zu folgendem Geständnis veranlasst:

„Für meine Person bekenne ich gern, dass die Anschauung des Wassers in jederlei Erscheinungsform und Gestalt mir die weitaus unmittelbarste und eindringlichste Art des Naturgenusses bedeutet, ja, dass wahre Versunkenheit, wahres Selbstvergessen, die rechte Hinlösung des eigenen beschränkten Seins in das allgemeine mir nur in dieser Anschauung gewährt ist.“

Obwohl hier von Unmittelbarkeit, Versunkenheit, wahrem Selbstvergessen des Erzählers die Rede ist, merkt der Leser noch die „Zieselierkunst“ des bewusst komponierenden Autors.

Der jüngere Thomas Mann lässt die lyrischen Zügel ausnahmsweise einmall schiessen, wenn er in den „Buddenbrooks“ zwar nicht ausdrücklich über „Selbstvergessenheit“, aber immerhin über die „grüne und blaue Unendlichkeit“ des Meeres rhapsodiert:

„[D]er Vormittag am Strande, während droben die Kurkapelle ihr Morgenprogramm erledigte, dieses Liegen und Ruhen zu Füssen des Sitzkorbes, dieses zärtliche und träumerische Spielen mit dem weichen Sande, der nicht beschmutzt, dieses mühe- und schmerzlose Schweifen und Sichverlieren der Augen über die grüne und blaue Unendlichkeit hin, von welcher, frei und ohne Hindernis, mit sanftem Sausen ein starker, frisch, wild und herrlich duftender Hauch daherkam, der die Ohren umhüllte und einen angenehmen Schwindel hervorrief, eine gedämpfte Betäubung, in der das Bewusstsein von Zeit und Raum und allem Begrenzten still selig unterging ...“

Fortsetzung folgt.
 
Wulf Rehder
Bücher über: Erinnern, Vergessen, Selbstvergessen
Erstellt am 28.03.2012 02:06
Sigmund Freud: Psychopathologie des Alltagslebens - Über Versprechen, Vergessen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum.

Ricoeur: Gedächtnis, Geschichte, Vergessen. (aus dem Französischen: La Mémoire, l'Histoire, l'Oubli.)

Reinhard Baumgart: Selbstvergessenheit - Thomas Mann. Franz Kafka. Bertold Brecht.

Harald Weinrich: Lethe - Kunst und Kritik des Vergessens. Siehe auch sein Buch: Tempus: Besprochene und erzählte Welt.

Freuds bekanntes Buch verlässt sich oft auf seine persönlichen Erfahrungen mit „psychischen Fehlleistungen“ und Freuds nachträglich angebotene theoretische „Erklärung“ ist recht dünn und vorhersehbar (unterbewusstes Verdrängen). Ricoeurs Buch ist schwierig zu lesen, handelt mehr vom historischen als vom individuellen Vergessen. Baumgart ist anregend, aber leider essayistisch kurz.

Harald Weinrich gehört zu den wenigen Gelehrten, die die Dreieinigkeit professoraler Tüchtigkeit vollendet beherrschen: (1) er schürft tief in den Quellen, (2) er ist theoretisch originell, (3) er schreibt wie ein musikalischer Schriftsteller (ihm wurde 1977 der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa verliehen).