Forum bei Thomas Mann
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Thema: Fasching auf dem Zauberberg
 
Wulf Rehder
Ein Vorschlag
Erstellt am 21.02.2012 05:34
Jeden Dezember wird in der Mengstrasse 4 in Lübeck mehrmals „Weihnachten bei den Buddenbrooks“ vorgelesen. Heute, Dienstag d. 21. Februar, zwischen Rosenmontag und Aschermittwoch, soll hier der Vorschlag gemacht werden, jedes Jahr zur Karnevalszeit aus dem Kapitel „Walpurgisnacht“ einen Leseabend unter dem Titel „Fasching auf dem Zauberberg“ zu gestalten, mit „scherzhaften Blasinstrumenten, schnarrend und tutend“, wie es im Buche steht.

Vielleicht darf man sogar behaupten, der Fasching auf dem Zauberberg beschreibe ein für Thomas Mann (sein Leben und Werk) wichtigeres Fest als Weihnachten mit Plumcake und „O Tannenbaum“.

Man erinnert sich: Hans Castorp will, und zwar mit geschlossenen Augen, Schweinchen malen. Er, „totenbleich“, leiht sich von Clawdia Chauchat ein Schreibgerät: „Hast du nicht vielleicht einen Bleistift?“. Daraufhin wird er, wie Odysseus von Kirke, von Clawdia bezirzt, die zum Fasching ein dunkelgoldbraunes Seidenkleid trägt, bei dem die Arme ... “Wir sagen von den Armen hier nichts mehr. Sie waren nackt bis zu den Schultern hinauf“.

Hans Castorp sinkt auf die Knie und spricht auf französich, das er von Rechts wegen gar nicht beherrscht, über den Tod und die Liebe.

„Und sie setzte ihm die Papiermütze auf.
»Adieu, mon prince Carnaval! Vous aurez une mauvaise ligne de fièvre ce soir, je vous le prédis. «
Damit glitt sie vom Stuhl, glitt über den Teppich zur Tür, in deren Rahmen sie zögerte, halb rückwärts gewandt, einen ihrer nackten Arme erhoben, die Hand an der Türangel. Über die Schultern sagte sie leise:
»N’oubliez pas de me rendre mon crayon. «
Und trat hinaus.“
 
Wulf Rehder
Nachklänge der Walpurgisnacht auf dem Zauberberg
Erstellt am 22.02.2012 02:52
Auch wenn der Leser keine Einzelheiten über das »... me rendre mon crayon« im Zimmer #7 des Sanatoriums Berghof erfährt, hallt das Echo der Walpurgisnacht durch die nachfolgenden vierhundert Seiten des Romans.

Vor dem Vetter hat Hans Castorp ein schlechtes Gewissen: „Sein Gewissen sagte ihm, Joachim müsse in dem, worüber sie nicht sprachen, wovon Joachim aber zweifellos wußte, etwas wie Verrat, Desertion und Treulosigkeit sehen, und zwar in Hinsicht auf ein Paar runder brauner Augen, eine schwach begründete Lachlust und ein Apfelsinenparfüm, deren Einwirkungen er täglich fünfmal ausgesetzt war, vor denen er aber streng und anständig seine Augen auf den Teller niederschlug ...“ Die Rede ist von Marusja.

Auch „waltete zwischen Hans Castorp und dem Italiener [Settembrini] eine Entfremdung, die auf das schlechte Gewissen des einen sowie auf die tiefe pädagogische Verstimmung des anderen zurückzuführen war und dahin wirkte, dass sie einander mieden und wochenlang kein Wort zwischen ihnen gewechselt wurde.“

Settembrinis Verstimmung wird von seinem Antipoden Naphta geteilt: „die Mißstimmung des Erziehers gegen die Frau als störendes und ablenkendes Element, diese stille und ursprüngliche Gegnerschaft, die sie vereinigte, weil ihre pädagogisch verdichtete Zwietracht sich darin aufhob.“

Hans erinnert sich Jahre später: „Der Abend, an dem ich gewisse pädagogische Fesseln, von denen schon kurz die Rede war, abstreifte und mich ihr näherte - unter einem Vorwand, der mir von früher her nahelag - , war ein maskierter Abend, ein Faschingsabend, ein unverantwortlicher Abend, ein Abend des Du, in dessen Verlauf das Du auf traumhafte und unverantwortliche Weise vollen Sinn gewann.“
 
Ulrich Gehner
Fasching auf dem Zauberberg
Erstellt am 12.05.2012 23:11
Das ist eine sehr schöne Idee! Besser, als Fasching überhaupt. Man müsste nur dafür sorgen, dass auch so geheimnisvolle Persönlichkeiten wie Clawdie Chauchat zugegen sind, damit die Veranstaltung auch wirklich prickelt. Ich wäre dabei, und würde auch locker von Hamburg nach Lübeck reisen!