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Thema: Eine Freudsche Fehlleistung Thomas Manns?
 
Wulf Rehder
Hunger und Liebe
Erstellt am 20.02.2012 05:50
Im September 1894 schreibt Thomas Mann in einem Brief an seinen Vertrauten Otto Grautoff: „Hunger ist ein stärkerer Drang als Poesie. Am Magen und noch einem Gliede hängt nach Schiller die ganze moralische Welt“. Schiller? Das macht doch stutzig. Was steckt hinter dem Gliede?

Thomas Mann hatte sich ein Distichon aus Hardens Zeitschrift „Apostata“ notiert:

Was die Herren da schwatzen! Der Magen und was noch thut Alles,
An zwei Gliedern nur hängt die moralische Welt.

Nicht nur war Schiller als Autor angegeben, sondern unmittelbar vor dem Distichon hatte Harden aus Schillers „Weltweisen“ zitiert (übrigens ist auch Freud oft auf dieses Schillergedicht zurückgekommen):

Einstweilen, bis den Bau der Welt
Philosophie zusammenhält,
Erhält sie das Getriebe
Durch Hunger und durch Liebe.

Mit „sie“ ist hier „Natur“ gemeint, womit also die beiden Glieder aus dem Distichon als Hunger und Liebe identifiziert sind, ohne jeden anatomischen Hintergedanken. Harden bezog sich kritisch auf die Enzyklika „Rerum Novarum“ von Papst Leo XIII. Für jenes Distichon ist Schiller jedoch nicht verantwortlich, obwohl auch er gerne die „moralische Welt“ erwähnt. Tatsächlich taucht es schon in Wilhelm Traugott Krugs kuriosem Büchlein Distichen. Epigrammatische Stachelnüsse von 1806 auf. Wahrscheinlich hat Krug das Distichon gedrechselt. Für den darin ausgedrückten Gedanken verweist er auf Friedrich Buchholz längst vergessene: „Darstellung eines neuen Gravitazionsgesetzes für die moralische Welt“ von 1802. Darin stellt der Autor unter der Überschrift „Von den Lebens- und Entwicklungsorganen“ zwei Organe vor: 1. Magen, und 2. Geschlechtstheile. Vom „Gliede“ oder gar „zwey Gliedern“ ist aber nirgends die Rede.
 
hans r. vaget
Eine Freudsche Fehlleistung TMs?
Erstellt am 21.02.2012 15:40
Die Frage, ob er's von Schiller, von Harden, von Krug oder von Buchholz hatte, ist nebensaechlich. Eigentlich bezeichnend und interessant ist jedoch seine Reaktion auf das Distichon. Dass er dabei an sein Glied denken musste, kann man sehr wohl als Freudsche Fehlleistung bezeichnen. Er fuehlte sich ja durchgehend von den Hunden im Souterrain geplagt.
 
Wulf Rehder
Hundegebell
Erstellt am 23.02.2012 09:39
Zugegeben, man hört bei jeder Äusserung Thomas Manns über Sexualität jene Hunde im Untergeschoss bellen. Aber auch bei TM galt schon: Hunde, die bellen, beissen nicht, vor allem, wenn man aus dem Hundegebell Novellen und Romane sublimieren kann. Doch wir sollten auch den Kommentar von Professor Eckhard Heftrich beachten, der mit erhobenem Zeigefinger schrieb:

„Seit der Veröffentlichung der Briefe an Grautoff ist der [...] Satz: »Du hast Zeit, und der Trieb zur Ruhe und Selbstzufriedenheit wird die Hunde im Souterrain schon an die Kette legen«, zu einem Klischee geworden, das gerne zur Entlarvung jener von Thomas Mann trotz aller Sublimierungsergebnisse doch fragwürdigen Verdrängung des Sexuellen herangezogen wird. Auch wenn man nicht hoffen darf, solcher Schlichtheit mit einem philologischen Hinweis aufzuhelfen, sei doch wieder einmal daran erinnert, dass es sich bei der Bemerkung vom 17.2.1896 gegenüber Grautoff um eine Anspielung auf Nietzsche handelt. Sie geht auf jenen Text zurück, der die geistige Grundlage für die um dieselbe Zeit zu datierende Novelle „Der kleine Herr Friedemann“ bildet: Die Abhandlung, »Was bedeuten asketische Ideale?« [in] ZUR GENEALOGIE DER MORAL“.

(Aus „Geträumte Taten. Über Thomas Mann, Bd. 3“, Seite 543)

Die oben zitierte Briefstelle „Am Magen und noch einem Gliede hängt nach Schiller die ganze moralische Welt“ stammt dagegen aus der Zeit der Erzählung „Gefallen“, die TM als 19-Jähriger schrieb. Dort wird von einem 19-oder 20-Jährigen erzählt, der „noch keine Schlacht verloren und kein Weib berührt“ habe: weil er zu beidem noch keine Gelegenheit gehabt habe. Die Hunde hatten gerade erst zu knurren begonnen.
 
Jan Haag
Die knurrenden Hunde
Erstellt am 05.03.2012 15:08
Die knurrenden Hunde verlassen ja nicht nur diesen Mann bis ins fortgeschrittene Alter nicht wirklich. Der eine Mann findets erfreulich und genießt - der andere - um den es hier geht - beschwerlich. Selbst nicht fähig zu geniessen, schreibt er über des alten Goethe Lust.
"Lotte in Weimar", Das siebente Kapitel: "Wie, in gewaltigem Zustande? In hohen Prachten? Brav, Alter! So sollst du, muntrer Greis, dich nicht betrüben..." Ein Mann und Dichter vom Bodensee hat das Thema auch noch einmal interpretiert. "Ein liebender Mann" heißt das Werk von einem der dieser Tage 85 Jahre alt wird und der die Hunde ganz gerne einmal von der Kette gelassen hat. Wozu brauchen wir da noch Papa Freud?