Forum bei Thomas Mann
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Thema: Das Lachen bei Thomas Mann
 
Wulf Rehder
Das nicht geheuere Lachen
Erstellt am 13.01.2012 09:42
Niemand hat bisher das Standardwerk über Thomas Manns Humor geschrieben. Baumgarts anregendes Buch über Thomas Manns Ironie ist 50 Jahre alt, Hamburgers Buch über seinen Humor beschränkt sich beinahe nur auf die Joseph-Bücher. Es hat einem streng-trockenen akademischen Ton und gibt kaum Beispiele. Von 1000 Seiten des Thomas-Mann-Handbuch sind dem Humor kaum neun Seiten gewidmet. Dabei hielt sich Thomas Mann für einen humoristischen Schriftsteller. Er wollte, dass seine Leser lachten.

Der aufmerksame Leser wird aber bald finden, dass es mit dem Lachen ein ganz eigenes Bewenden hat. Wenn gelacht wird, ist da irgendwo ein Problem verborgen.

Zum Beispiel wird in der Erzählung „Der kleine Herr Friedemann“ spöttisch, überlegen, ängstlich und auch freundlich gelächelt – bis am Ende zweimal in schneller Folge vom Lachen die Rede ist: Mit einem „kurzen, stolzen, verächtlichen Lachen“ packt Gerda von Rinnlingen den knienden Herrn Friedemann am Arm und schleudert ihn zu Boden. Friedemann schiebt sich nach vorn und lässt den Oberkörper ins Wasser fallen. Die letzten Worte lauten: „Bei dem Aufklatschen des Wassers waren die Grillen einen Augenblick verstummt. Nun setzte ihr Zirpen wieder ein, der Park rauschte leise auf, und durch die lange Allee herunter klang gedämpftes Lachen.”

In „Die Entstehung des Doktor Faustus“ schreibt Thomas Mann über seinen Leser Franz Werfel: „Auf dem Sofa liegend hörte er sich meine ersten drei Kapitel an, und ich vergesse nicht, wie betroffen, oder soll ich sagen: ahnungsvoll beunruhigt, er sich zeigte durch Adrians Lachen, in dem er augenscheinlich sofort etwas nicht Geheueres, Religiös-Dämonisches spürte.“

Fortsetzung folgt.
 
Wulf Rehder
Triumphgelächter der Hölle
Erstellt am 20.01.2012 09:30
Das „nicht Geheuere, Religiös-Dämonische“ in Adrians Lachen ist nicht verwandt mit dem freundschaftlichen Lachen, das er mit Schildknapp teilt, sondern nach TMs Regieanweisung in der „Entstehung des Doktor Faustus“ ein Motiv der Kälte. Zeitblom sieht es zunächst als Anzeichen von Genialität: „Seine Lachlust schien vielmehr eine Art von Zuflucht und eine leicht orgiastische, mir niemals ganz liebe und geheuere Auflösung der Lebensstrenge, die das Erzeugnis ausserordentlicher Gaben ist.“

Im Teufelsgespräch lachen beide, Leverkühn und der Teufel, kalt, spöttisch, aber auch werbend: Es geht um den Vertrag, der 24 Jahre Genialität garantiert. Der Teufel lacht „geübt“, „hoch und gicksend“, „wie gekitzelt“. Bei der Vertragsbedingung, die den armen Echo das Leben kosten wird, heisst es:

Er: “Du darfst nicht lieben.“
Ich (muss wahrlich lachen): „Nicht lieben! Armer Teufel!“

Das Lachen wird zum Pandämonium in Adrians später Musik. Zeitblom schreibt:

„Ich schreibe es in ergriffener Abwehr nieder, [...] die Erinnerung an das Pandämonium des Lachens, das Höllengelächter, das, kurz, aber grässlich, den Abschluss des ersten Teils der ‚Apocalypsis’ bildet.“

Und:

„Immer habe ich Adrians Neigung zum Lachen gefürchtet, [....] - und dieselbe Furcht, dieselbe scheue und sorgende Unbeholfenheit empfinde ich bei diesem durch fünfzig Takte hinfegenden, mit dem Gekicher einer Einzelstimme beginnenden und rapide um sich greifenden, Chor und Orchester erfassenden, unter rhythmischen Umstürzen und Konterkarierungen zum Tutti-Fortissimo grauenhaft anschwellenden, überbordenden, sardonischen Gaudium Gehennas, dieser aus Johlen, Kläffen, Kreischen, Meckern, Röhren, Heulen und Wiehern schauderhaft gemischten Salve von Hohn- und Triumphgelächter der Hölle.“

Fortsetzung folgt.
 
Wulf Rehder
Zähnebleckendes Lachen im „Tod in Venedig“
Erstellt am 27.01.2012 05:17
Ein teuflisches Lachen deutet sich schon im „Tod in Venedig“ an. Die rothaarige „nicht ganz gewöhnliche Erscheinung“ am Friedhof, der Aschenbach auf seinem Spaziergang gewahr wird, „grimassierte“: „seine Lippen schienen zu kurz, sie waren völlig von den Zähnen zurückgezogen, dergestalt, dass diese, bis zum Zahnfleisch blossgelegt, weiss und lang dazwischen hervorbleckten.“

Der Zahlmeister auf dem Dampfer nach Venedig ist eine Verkörperung der mythischen Charon-Figur, des Fährmanns, der gegen einen Obulus die Toten über den Fluss Acheron zum Eingang des Hades bringt. Als Aschenbach sein Fahrgeld bezahlt, grimassiert auch dieser „ziegenbärtige[...] Mann von der Physiognomie eines altmodischen Zirkusdirektors“.

An Bord wird Aschenbach Zeuge des peinlichen Auftritts eines übermodisch aufgemachten, geschminkten alten Gecken mit Perücke und Strohhut, eines falschen Jünglings, „sein gelbes und vollständiges Gebiss, das er lachend zeigte, ein billiger Ersatz“.

Auch der Gondoliere, ein weiterer Charon, der Aschenbach zum Lido rudert, trägt einen Strohhut „verwegen schief auf dem Kopfe“. Er hat rötliche Brauen und „ein paarmal zog er vor Anstrengung die Lippen zurück und entblösste seine weissen Zähne“. Am Ende braucht Aschenbach keinen Obulus zu entrichten, denn dieser Charon ist illegal, er hat keine Konzession.

Dem Höllengelächter im „Doktor Faustus“ am nächsten kommt der „Bariton-Buffo“ mit seiner „bemerkenswerte[n] komische[n] Energie“. Er hat rote Haare unter seinem Filzhut, ein stumpfnäsiges Gesicht, und „ein Lächeln tückischer Unterwürfigkeit entblösste seine starken Zähne“. Im Schlusslied mit Lach-Refrain bricht der Spassmacher in ein Hohngelächter aus, er schluchzt, heult, ein unbändiges Lachen platzt ihm heraus, und zum Abschied zeigt er allen frech die Zunge.

Forsetzung folgt.
 
Wulf Rehder
Das Lachen auf dem Zauberberg
Erstellt am 03.02.2012 09:50
Nach Aschenbachs Tragödie sollte eine leichtere Novelle folgen, ein Satyrspiel und humoristisches Gegenstück zu „Der Tod in Venedig“. Aus diesem Plan entstand „Der Zauberberg“. Wenn Leverkühn im „Doktor Faustus“ ein kaltes Höllengelächter entgegenschallt und für Aschenbach das siechende Venedig mit seinem Karbolgeruch und Hohngelächter zum Purgatorium wurde, ähneln das Sanatorium „Berghof“ eher dem dantischen Limbo, in dem die Entscheidung zwischen Leben und Tod noch nicht gefallen ist.

Wer die Geissendörfer Verfilmung gesehen hat, weiss, dass im Berghof wenig gelacht wird, und wenn, dann als Krankheitssymptom oder wenn die aufgeheizte Stimmung sich in ein „homerisches Gelächter“ entlädt.

Da ist das unkontrollierbare Kiechern der hochbrüstigen Marusja, die sich vor lauter Peinlichkeit ihr Tüchlein mit dem Apfelsinengeruch vor den Mund presst, während Joachim, wortlos in sie verliebt, den Blick abwendet. Es sind die Frauen am Tisch, mehr als die Männer, die sich ein Lachen erlauben.

Gelächter ist kein Freudensausdruck. „Die unanständigste und ekelhafteste Lache“ wird beim Pleurachoc hörbar, einem geradezu „höllischen Abenteuer“, den der „liebe Gott Ihnen erspare“. Man erinnert sich auch des gutmütigen Ferge „und des Gelächters, das er im Abschnappen ausgestossen.“

Um Settembrinis Credo von der Vernünftigkeit des Menschen zu widerlegen, beschreibt Naphta seinen Besuch in der Irrenanstalt, dem „Unruhigen Hause“: „Dantische Szenen, groteske Bilder des Grauens und der Qual: die nackten Irren im Dauerbade hockend, in allen Posen der Seelenangst und des Entsetzensstupors, einige in lautem Jammer schreiend, andere mit erhobenen Armen und klaffenden Mündern ein Gelächter ausstossend, worin alle Ingredienzien der Hölle sich gemischt hatten ...“

Fortsetzung folgt.
 
Wulf Rehder
Das Lachen in Weimar
Erstellt am 08.02.2012 03:52
Gasthaus „Zum Elephanten“, Weimar, im September 1816.

Wir hören Adele Schopenhauer, Schwester des Philosophen, sagen, es sei der Ehrgeiz ernster Männer, ihre Zuhörer zum Lachen zu bringen. Sie wundert sich: „Ich habe oft darüber nachgedacht, was es bedeutet, wenn ein so ungeheuerer Mann, der so viel durchlebt und getragen und ausgeführt, die Menschen so gerne zu schallendem Gelächter bringt.“ Die Rede ist von Goethe. Lotte Kestner, geb. Buff, meint, er sei eben trotz seiner Grösse jung geblieben.

Als Lotte den 67-jährigen Dichter drei Tage später beim Mittagstisch am Frauenplan beobachtet, sieht sie, dass er nicht mehr der junge Werther ist. Sie ist ja auch schon 63, ihr Kopf zittert bisweilen. Wenn der berühmte Mann einen Witz macht, ertönt sehr wohl Beifallsgelächter, das aber aus Liebedienerei und Devotion etwas schallend und überlaut ausfällt, vielleicht weil sich in der Tafelrunde heimlich die Vermutung breitmacht, an dem (angeblich chinesischen) Sprichwort „Der grosse Mann ist ein öffentliches Unglück“ sei etwas Wahres. Durch Lottes Augen sehen wir: „Goethe lachte ebenfalls, ohne die Lippen zu trennen, vielleicht um seine Zähne nicht blicken zu lassen.“

Mit schlechten, kariösen Zähnen lacht sich’s nicht gut. Das kennen wir Leser von Thomas Buddenbrooks und Detlef Spinell. Auch der oft photographierte Thomas Mann zeigte nie seine Zähne. Starke weisse Zähne (Beispiel: Gerda Buddenbrook) gehören den lebensstarken und daher meist langweiligeren Menschen.

Coda: „Hpäöh“ lautet das Gelächtergeräusch des bekannten Kritikers Joachim Kaiser anlässlich einer Lesung des Goethe-Romans „Ein liebender Mann“ von Martin Walser.

Mehr über dieses „Hpäöh“ hier: http://lesesaal.faz.net/walser/article.php?aid=26&bl=%2Fwalser%2Farticle_list.php%3Ftxtgrp%3D7
Und:
http://lesesaal.faz.net/walser/article.php?aid=24&bl=%2Fwalser%2Farticle_list.php%3Ftxtgrp%3D7