Forum bei Thomas Mann
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Thema: Thomas Manns „kleiner Humor“
 
Wulf Rehder
Komisch im Kontext
Erstellt am 21.12.2011 08:03
Thomas Manns Werke sind nicht Beispiele herausprustender Lustigkeit. Ihnen wird, allzu oft, (nur) das Prädikat „ironisch“ zugesprochen. Dagegen stellte Thomas Mann das „herzaufquellende Lachen“ über die Ironie. Käte Hamburger hat TMs Humor auf Harald Hoeffdings Begriff des „grossen Humors“ bezogen, womit ein umfassendes Lebensgefühl gemeint sei – in TMs Worten: eine „höhere Heiterkeit“, wo Scherze „mit staunendem Respekt gemischt“ seien.

Daneben gibt es Thomas Manns „kleinen Humor“ des Schmunzelns. Dazu gehören Sprachscherze, die eine groteske oder komische Situationen beschreiben. Der Humor ist dabei oft in wenigen Wörtern konzentriert, und der Witz liegt in der „plötzlichen Wahrnehmung einer Inkongruenz“ (Schopenhauer) von Wort und Kontext.

Beispiele:

„Nun, sie war gutmütiger als Sie und ich, sie wusste kaum, dass sie ‚von’ hiess, sie ass Mettwurst und sprach von ihren Kühen ... “ (Tony über Armgard von Schilling: ‚von’ im Kontext von Mettwurst und Kühen)

„Mit frisch frisierten Favoris und einem Gesicht, das um diese Morgenstunde besonders rosig erschien, sass [Grünlich], den Rücken dem Salon zugewandt, fertig angekleidet, in schwarzem Rock und hellen, grosskarierten Beinkleidern, und verspeiste nach englischer Sitte ein leichtgebratenes Kotelett. Seine Gattin [Tony] fand dies zwar vornehm, ausserdem aber auch in so hohem Grade widerlich, dass sie sich niemals hatte entschliessen können, ihr gewohntes Brot- und Eifrühstück dagegen einzutauschen.“

Konsul Hagenströms „Eifer in öffentlichen Angelegenheiten, die frappierende Schnelligkeit, mit der die Firma 'Strunk & Hagenström' emporgeblüht war und sich entfaltet hatte, des Konsuls luxuriöse Lebensführung, das Haus, das er führte, und die Gänseleberpastete, die er frühstückte, verfehlten nicht, ihren Eindruck zu machen.“
 
Wulf Rehder
Witz als Inkongruenz
Erstellt am 22.12.2011 07:36
Komik als „inkongruentes“ Auftreten von ungewöhnlichen, überraschenden Wörtern in einem sonst gewöhnlichen Kontext findet sich häufig bei Thomas Mann.

Hässlichkeit, Roastbeef und Tristan:

Der Protagonist in der Erzählung „Gerächt“ beschreibt ein Treffen mit einer jungen Frau, Dunja Stegemann: „Noch niemals hatte ich bei einer Frau eine so unzweideutige und resolute Hässlichkeit gesehen. Beim Roastbeef kamen wir in ein Gespräch über Wagner im allgemeinen und den »Tristan« im besonderen.“

Der Spiritus eines lächerlichen Kochapparates ist letztlich für die Tragödie des kleinen Herrn Friedemann verantwortlich:

Die Erzählung „Der kleine Herr Friedemann“ beginnt mit einer naturalistischen Beschreibung der trinksüchtigen Amme: „Was half es, dass sie [Friedemanns Mutter] ihr [der Amme] außer dem nahrhaften Bier ein Glas Rotwein täglich verabreichte? Es stellte sich plötzlich heraus, dass dieses Mädchen sich herbeiließ, auch noch den Spiritus zu trinken, der für den Kochapparat verwendet werden sollte, und ehe Ersatz für sie eingetroffen war, ehe man sie hatte fortschicken können, war das Unglück geschehen.“

Felix’ „inkongruente“ Antwort auf Professor Kuckucks Belehrung:

Kuckuck: „Was aber den vollschlanken Frauenarm angeht, so sollte man bei dieser Gliedmaße sich gegenwärtig halten, dass sie nichts anderes ist als der Krallenflügel des Urvogels und die Brustflosse des Fisches.“
Felix: "Gut, gut, ich werde in Zukunft daran denken.“

Dr. Müller und die Hoffnungslosen aus der Erzählung „Tristan“:

„Übrigens ist [...] noch ein zweiter Arzt vorhanden, für die leichten Fälle und die Hoffnungslosen. Aber er heißt Müller und ist überhaupt nicht der Rede wert.“

Weitere Beispiele, die FORUM-Lesern aufgefallen sind?
 
Wulf Rehder
Mehr kleiner „Inkongruenz“-Humor bei TM
Erstellt am 27.12.2011 02:31
(1) Ein netter, kindlicher Anarchist:

Ein „halbwüchsiger Chasseur“, der dem neuangekommenen Felix Krull den Schlafraum im Hotel St. James and Albany zeigen soll, erklärt: „Wir sind alle sehr schlecht untergebracht. Auch die Verpflegung ist schlecht, sowie die Bezahlung. Aber an Strike ist nicht zu denken. Zu viele sind bereit, an unsere Stelle zu treten. Man sollte diesen ganzen ausbeuterischen Kasten in Asche legen. Ich bin Anarchist, müssen Sie wissen, voilà ce que je suis.“

Felix kommentiert: „Er war ein sehr netter, kindlicher Junge.“


(2) Der zerstreute epileptische Anfall:

Nachdem Felix seinen an Tollwut und Teufelsbesessenheit gemahnenden simulierten epileptischen Anfall vor der Musterungskommission beendet, sich vom Stuhl wieder erhoben und eine militärische Haltung anzunehmen versucht hatte, hören wir den Stabsarzt:

„Sind Sie bei Sinnen,“ fragte er mit einer Mischung von Ärgerlichkeit und Teilnahme in der Stimme ...

„Zu Befehl, Herr Kriegsrat,“ erwiderte ich in dienstfertigem Tone.

„Und bewahren Sie eine Erinnerung an das eben Durchlebte?“

„Ich bitte,“ war meine Erwiderung, „gehorsamst um Vergebung. Ich war etwas zerstreut.“


(3) „Affenschwanz“: herzstärkend, und Kommunismus.

In „Das Eisenbahnunglück“ berichtet der Erzähler, wie ein Herr in Gamaschen im benachbarten Abteil den Schlafwagenkondukteur „furchtbar zornig“ anschreit: „Lassen Sie mich in Ruhe – Affenschwanz!!“

und kommentiert:

„Er gebrauchte den Ausdruck »Affenschwanz«, - ein Herrenausdruck, ein Reiter- und Kavaliersausdruck, herzstärkend anzuhören.“

Nach dem Unglück werden alle Fahrgäste in einem vollgestopften Ersatzzug verstaut. Dort versucht jener Herr, „sich aufzulehnen gegen den Kommunismus“, gegen den „Ausgleich vor der Majestät des Unglücks“. Ihm wird geantwortet: „San S’ froh, dass Sie sitzen!“
 
Wulf Rehder
Kleiner Humor: Komischer Kitsch
Erstellt am 27.12.2011 02:34
1. Hinreißendes Idol wäscht sich nicht

In der kurzen Erzählung „Anekdote“ wird die „himmlische kleine Angela Becker“ vorgestellt, deren „süsser Mund“, „köstliche Grübchen“ und „hinreissende Lieblichkeit“ sie zum Idol der kleinen Stadt gemacht hat. Bei einer Gesellschaft, in der sie wieder einmal als herrliche Frau gepriesen wird, erhebt sich plötzlich ihr Ehemann, ein „Mitdirektot der Hypothekenbank“, und eröffnet den Gästen, wie schrecklich launisch, grausam und faul sie tagsüber sei, dass sie ihn vielfach „zum Hahnrei gemacht habe“, und dann ruft er:

„Sie wäscht sich ja nicht einmal! Sie ist zu träge dazu! Sie ist schmutzig unter ihrer Spitzenwäsche.“

Die „Anekdote“ ist nicht eine der besten Erzählungen Thomas Manns.


2. Zwischen schönen Hermesbeinen und männlicher Hässlichkeit: Siegmund

Schöne schlanke Hermesbeine kommen bei Thomas Mann öfter vor, und sie werden mit genauso grosser Aufmerksamkeit gewürdigt wie die drei nackten Knaben in Ludwig von Hofmanns Gemälde „Die Quelle“, das jahrelang an der Wand gegenüber seinem Schreibtisch hing. Es gibt aber auch gruselig realistische Bilder männlicher Hässlichkeit, deren Ekel einem den Schlaf rauben kann: zum Beispiel die ausführlich dargebotene Beschreibung des schwitzend nassen, von eiternden Pickeln übersäten Rücken des Operettenstars Müller-Rosés im Felix-Krull Roman.

Und dazu der Auftritt von Siegmund aus „Wälsungenblut“:

„Er stand jetzt vor seinem grossen, weissgerahmten Empire-Spiegel, tauchte den Puderquast in die getriebene Büchse und puderte sich Kinn und Wangen, die frisch rasiert waren ; [...] Er stand dort ein wenig bunt: in rosaseidenen Unterbeinkleidern und Socken, roten Saffian-Pantoffeln und einer dunkel gemusterten wattierten Hausjacke mit hellgrauen Pelzaufschlägen.“
 
Wulf Rehder
Kleiner Humor der Überlegenheit: Auslachen, Verhöhnen, Schadenfreude
Erstellt am 13.01.2012 09:30
Bei Thomas Mann findet sich neben humoriger „Inkongurenz“ ein Humor der Überlegenheit. Dieser kann ironisch sein, aber auch hämisch; das ist die Schadenfreude.

Das Ur-Beispiel ist die hübsche Thrakerin, die den Philosophes Thales auslacht, der, den Himmel und nicht sie betrachtend, kopfüber in den Brunnen fällt.

Grausamer ist das Lachen der Brüder, die den blutenden, gefesselten Joseph zum Brunnen schleppen, um ihn hineinzuwerfen:

„So ging’s zur Grube mit Joseph mit Hoihupp und Hoihe, denn eine Art von Lustigkeit ergriff die Brüder bei dieser Fahrt, der taube Übermut vieler bei gemeinsamem Werk, so dass sie lachten und juxten und einander Blödes zuriefen, wie etwa: sie schleppten eine Garbe, wohl gebunden, die solle sich neigen ins Loch, in den Brunnen, in die Teufe hinab.“

Die „dumme Frau Stöhr“ im Zauberberg wird eher diskret verlacht wegen ihrer missglückten Wortbildungen wie „kosmische Anstalt“, „Geld-Magnet“, und „fluchtartig das Panier ergreifen“. Joachim ist das eher peinlich. Von Castorp wird vermeldet: „Zweimal oder dreimal ward seine Brust von innerem Lachen erschüttert über die schauderhafte Bezeichnung, deren Frau Stöhr sich in ihrer Unbildung bedient hatte.“

Als in „Wälsungenblut“ Herr Aarenhold „sich anheischig“ machte, ein philosophisches Problem zu erklären, erlitt er „ein vollkommenes Fiasko. Die Kinder lachten ihn aus.“

Vom harmlosen Auslachen zum Spott:

Der Aarenhold-Sohn Kunz erwähnt die Unwissenheit eines, der „zum Five o’clock tea im Smoking erschienen sei.“

»Nachmittags im Smoking?« sagte Sieglinde und verzog ihre Lippen ... »Das tun doch sonst nur die Tiere.«
Von Beckenrath lachte eifrig ...

Der Spott galt auch dem Lachenden.