Forum bei Thomas Mann
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Thema: Adrian Leverkühns Kollegen
 
Wulf Rehder
Johannes Kreisler und Vinteuil
Erstellt am 09.12.2011 04:42
FORUM-Leser und Bach-Kenner Dr. Daniel Solter hat angefragt, ob es auch Erben oder Nachahmer des Doktor Faustus gebe. Hier soll diese Frage erst eimal umgangen werden. Stattdessen will ich einige von Adrian Leverkühns Kollegen vorstellen, fiktive Musiker und Komponisten, die in der Welt der Literatur zu einigem Ansehen gekommen sind.

1. Der Kapellmeister Johannes Kreisler ist E.T.A. Hoffmanns Schöpfung. Am bekanntesten sind seine „Beethoveniana“ (5. und 6. Symphonie, C-Dur Messe, u.a.m.). Kreisler taucht aber auch anderswo auf, zum Beispiel beim „Kater Murr“. Leider lebte Hoffmann nicht lange genug, um Kreisler auch über Beethovens letzte Klaviersonate, #32 in c-Moll, opus 111, schreiben zu lassen. Hierüber doziert bekanntlich Theodor Adornos Alter Ego Wendell Kretzschmar im Kapitel VIII, einem der Bravourstücke des „Doktor Faustus“. Als Inbegriff romantischer Musik erscheinen die „Kreisleriana“ wieder im Klavierzyklus op. 16 von Robert Schumann, siehe hier: http://www.geocities.jp/imyfujita/kreisleriana/index.htm. Und in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts unterzeichnete der junge Brahms seine Briefe mit „Joh. Kreisler, Jun.“ und schrieb sogar Musik unter diesem Pseudonym. Gustav Mahler wurde von vielen Kritikern und Biographen (Paul Stefan) als Wiederaufstehung des Kapellmeisters Kreisler gesehen.

Man kann ETAHs musikalischen Schriften hier http://www.archive.org/details/musikalischeschr00hoffuoft gratis lesen oder sogar herunterladen und speichern.

2. Der fiktive Komponist Vinteuil erscheint mehrmals in Prousts „Auf der Suche nach der verlorenenen Zeit“. Man ist sich nicht einig, ob die Vinteuil Sonata von César Franck oder Gabriel Fauré inspiriert wurde. Musikkritiker Alex Roos vom „New Yorker“ plädiert in seinem Podcast für Fauré: http://www.newyorker.com/online/2009/08/24/090824on_audio_ross.

Fortsetzung folgt.
 
Wulf Rehder
Hesses Musikmeister, Balzacs Gambara, Millers Simon Silber
Erstellt am 12.12.2011 09:22
3. Als Thomas Mann noch an seinem “Doktor Faustus” schrieb, hatte Hermann Hesse gerade sein magnum opus “Das Glasperlenspiel” beendet. Darin kommt ein Musikmeister vor, der den Romanhelden, Joseph Knecht, als Prüfer und Mentor begleitet. Dieser weise Meister ist nach Expertenmeinung dem Pietisten Friedrich Christoph Oetinger (1702-1782) nachgebildet. Es gibt aber auch einen direkten Bezug zu Thomas Mann: Knechts Vorgänger als Magister Ludi trägt den Namen Thomas von der Trave. Als Thomas Mann Hesses Roman las, war er über die Ähnlichkeit mit dem „Doktor Faustus“ erschrocken. In einem Brief an Hesse vom 8. April, 1945, schreibt TM: „Bestürzung war auch unter den Gefühle, mit denen ich das Werk las, - über eine Nähe und Verwandtschaft, die mich nicht zum ersten Mal beeindruckt.“ Daraufhin erwähnt er seine Arbeit am „Doktor Faustus“ und unterschreibt den Brief mit „Ihr Thomas von der Trave“.

4. Honoré de Balzac veröffentlichte 1837 seine Novelle „Gambara“ über einen Komponisten, Instrumentenmacher und Musikologen, dessen Musik allerdings nur dann ungewöhnlich schön klang, wenn er betrunken war. Musik ist für Paolo Gambara (und für Balzac) gleichermassen Kunst und Wissenschaft. Die Kunst kommt aus der Inspiration (verstärkt durch den Alkohol), die beteiligten Wissenschaften sind Mathematik und Physik.

5. Exzentrisch ist auch der Musiker Simon Silber in Christopher Millers Roman „Sudden Noises from Inanimate Objects“. Dieses bemerkenswerte Buch besteht aus nichts anderem als Liner Notes (Begleittexten) zur Musik von Simon Silber, den man sich zusammengesetzt aus den drei Musikern Kaikhosru Sorabj, Glenn Gould und Adrian Leverkühn vorstellen darf.

Fortsetzung folgt.
 
Wulf Rehder
Gottfried Knosperl Rosenbaum
Erstellt am 14.12.2011 06:32
6. Einer der originellsten Kollegen Adrian Leverkühns hat den schönen deutschen Namen Gottfried Rosenbaum, dessen Mittelname überdies Knosperl ist. Er spielt einen Musikprofessor in Randall Jarrells Roman „Pictures from an Institution“, was natürlich an Modest Mussorgskis Klavierzyklus „Pictures at an Exhibition / Bilder einer Ausstellung“ erinnern soll.

Jarrell beschreibt Rosenbaums Musik. Der letzte Satz ist ein parodistischer Verweis auf Doktor Faustus:

He loved hitherto-unthought-of, thereafter unthinkable combinations of instruments. When some extraordinary array of players filed half-proudly, half-sheepishly on to the stage, looking like the Bremen Town Musicians — if those were, as I think they were, a rooster, a cat, a dog, and a donkey — you could guess beforehand that it was to be one of Gottfried's compositions. His Joyous Celebration of the Memory of the Master Johann Sebastian Bach had a tone-row composed of the notes B, A, C, and H (in the German notation), of these inverted, and of these transposed; and there were four movements, the first played on instruments beginning with the letter b, the second on instruments beginning with the letter a, and so on. After the magnificent group that ushered in the piece (bugle, bass-viol, bassoon, basset-horn, bombardon, bass-drum, bagpipe, baritone, and a violinist with only his bow) it was sad to see an Alp horn and an accordion come in to play the second movement. Gottfried himself said about the first group: "Vot a bunch!" When I asked him how he thought of it, he said placidly: "De devil soldt me his soul."
 
Wulf Rehder
Moderne Kollegen Leverkühns
Erstellt am 18.12.2011 23:39
Hans Werner Henze: 3. Violinkonzert: Drei Porträts aus dem Roman Doktor Faustus von Thomas Mann. 1. Esmeralda – 2. Echo – Rudi S. (1996, revidiert 2002)
http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Werner_Henze

Henry Pousseur: Votre Faust (161-1968) http://en.wikipedia.org/wiki/Henri_Pousseur

Peter Maxwell Davies: Resurrection (1987) http://www.maxopus.com/index.aspx

Poul Ruders: Corpus cum figures (1985) http://www.poulruders.net/

Bengt Hambraeus: Apocalipsis cum figuris secundum Dürer (1987) http://home.wanadoo.nl/eli.ichie/hambraeus.html

Alfred Schnittke: Historia von D. Johann Fausten (folgt allerdings dem alten Volksbuch von Johann Spies, nicht Thomas Manns „Doktor Faustus“. Vergleiche aber Alex Ross’ Interview mit Schnitttke hier:
http://www.therestisnoise.com/2006/07/schnittke_inter.html. Daraus ein Ausschnitt:

Might it be possible that Mr. Schnittke's music has been inspired by the eclectic, parodistic, fundamentally grave and serious compositions of Adrian Leverkun, the fictional hero of Thomas Mann's novel "Doktor Faustus"? "Yes, the book had an incredible influence on me," said Mr. Schnittke, becoming slightly more passionate than he had been for most of the interrogation. "I read it in the 50's when I was still a young man. I thought about it my whole life, but unfortunately never wrote anything connected with it."
There is, however, the "Faust Cantata," based on the same 16th-century source that the fictional Leverkühn employs for his valedictory work. It has been expanded into a three-act opera, with a libretto drawing from various "Faust" sources; the Hamburg Opera will give the premiere in 1995. "Faust was a man both good and bad," Mr. Schnittke said of this 20-year-old project, "and that ambivalence draws me to the story."

Mehr: http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Schnittke und http://www.schnittke.de/
 
Wulf Rehder
Vorgänger Leverkühns: Jean Christophe und Hector Berlioz
Erstellt am 02.01.2012 05:29
In die Reihe der Musikeromane mit fiktivem Musikergenie als Helden gehört auch Romain Rollands „Jean Christophe“ (1904-12). Die erste deutsche Übersetzung stammt von Otto und Erna Grautoff: „Johann Christof“, bei dtv 1977 in drei Dünndruckbänden wieder abgedruckt. (Otto Grautoff war bekanntlich der wichtigste Jugendfreund Thomas Manns, der ihn in Hannos Freund Kai porträtiert hat.)

Wikipedia: „Titelheld ist der (fiktive) deutsche Komponist Johann-Christoph Krafft, der als junger Mann nach Frankreich gelangt, sich dort mit Hilfe eines französischen Freundes assimiliert und so in seiner Musik quasi die ihm angeborene „deutsche Energie“ mit „französischen Geist“ verbinden und veredeln kann. Der „Jean-Christophe“ war ein großer Erfolg und wurde nach 1918 auch von den gar nicht so wenigen frankophilen Deutschen geschätzt, die das Gerede von der deutsch-französischen Erbfeindschaft satt hatten und auf Verständigung zwischen beiden Völkern setzten. Der Stoff diente 1978 als Vorlage für die gleichnamige Fernsehserie des französischen Regisseurs François Villiers.“

Sogar fiktive Musik kann Musikologen anregen. Über frühe Abhandlungen zur Musik im „Doktor Faustus“ informiert in aller Kürze der Kommentarband der GKFA des Romans, S. 163 – 166.

Ausführlicher ist Hans Vagets Buch „Seelenzauber. Thomas Mann und die Musik“, das gerade (Dezember 2011) als Taschenbuch herausgekommen ist.

Ein freundlicher E-Mail-Schreiber, Herr Baukal, hat auf „La damnation de Faust“ (1846) von Hector Berlioz hingewiesen. Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/La_damnation_de_Faust

Ich habe Fausts Verdamnis nicht schon vorher erwähnt, weil Berlioz Goethes Faust als Vorlage benutzt (und von Thomas Manns Doktor Faustus natürlich nichts wissen konnte). An Berlioz’ Faust Interessierte sollten sich unbedingt das Goethezeitportal ansehen: http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=4393