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Thema: Thomas Manns literarische Erben
 
Wulf Rehder
Keine Erben?
Erstellt am 30.11.2011 04:18
Thomas Mann hat, wie fast alle Schriftsteller, Ideen bei anderen ausgeborgt (Adorno, Nietzsche). Manchmal wurde er von aussen angeregt (Bruder Heinrich, Schopenhauer, Bibel), und hier und da hat er auch imitiert (Goethe). Andererseits schrieb Walter Jens 1975 in der FAZ über TM: „Dieser Schriftsteller ist ohne Erben geblieben.“

Inzwischen sind 36 Jahre vergangen, und wenn man genau hinsieht, gibt es nun doch literarische „Erben“ – nicht direkte Nachfolger oder Schüler, sondern eher versteckte Huldigungen und Anspielungen.

Friedhelm Marx hat in seiner Antrittsvorlesung im Dezember 2004 (und in den Thomas-Mann-Studien Band 37 „Vom Nachruhm“) schon auf Gemeinsamkeiten von Wolfgang Hilbigs Roman Ich (1993) mit der Erzählung „Beim Propheten“ hingewiesen, und in Robert Menasses Romasn Selige Zeiten, brüchige Welt (1991) deutliche Parallelen zum Doktor Faustus festgestellt.

Hier ist eine kurzgefasste Liste von 10 jüngeren Erben.

1. Da ist zuerst Uwe Tellkamps Der Turm, in dem auf beinahe tausend Seiten von den gutbürgerlichen Familien Rohde und Hoffmann (und anderen) erzählt wird, die im Turmstrassenviertels von Dresden wohnen, von 1982 bis 1989, der Endzeit der DDR. Die Länge des Romans, die Sprachkunst (obwohl eine ganz andere, gebrochenere, variablere als bei Thomas Mann), sowie das endzeitliche Panorama erinnern manchen Leser und Rezensenten an die Buddenbrooks.

2. Achtzig Jahre früher, 1904, begegnen wir in Danzig dem Studenten des Schiffbaus, Hans Castorp, dem bescheidenen Helden des gleichnamigen Buches von Hawel Huelle. Von Clawdia Chauchat natürlich noch keine Spur. Hans verliebt sich in ein Polenmädchen, Wanda Pielecka.
 
Wulf Rehder
Mehr Erben
Erstellt am 01.12.2011 18:50
3. Die beiden Bestseller, Korrekturen und Freiheit von Jonathan Franzen, sind mit den Buddenbrooks verglichen wurden. Franzen hat das gerne gehört und in einem Interview gesagt: „Als ich sehr jung war, habe ich Thomas Mann erst einmal abgelehnt. Manches an ihm hat mich zu stark an mich selber erinnert (lacht). Heute wächst meine Anerkennung für ihn ständig.” In seinem Erinnerungsbuch The Discomfort Zone, dessen Titel sehr unglücklich mit Die Unruhezone übersetzt worden ist (Un-Behagen wäre besser gewesen), rhapsodiert Franzen allerdings sehr oberflächlich über Castorp, und er schiesst einen phantastischen Bock, wenn er ernsthaft meint, der Romantitel Zauberberg habe seinen geheimen Ursprung in Clawdia Chauchats mons veneris.

4. Philip Roth, von den hiergenannten Autoren wohl derjeneige, der Thomas Mann an Ruf und Bedeutung am wenigsten nachsteht, erwähnt in seinem Roman Der menschliche Makel mehrfach die Novelle “Der Tod in Vendig” und macht in Die Anatomiestunde die Antithese zwischen dem „gottverdammten Geschäft“ der Literatur und dem wahren Leben „im Rohzustand“ zum Thema. Er ist auch in noch subtilerer Weise Thomas Mann verbunden, nicht in Diktion und Stil (Roth liebt starke Verben und ist explizit mit dem Thema Sex), wohl aber in der psychologischen Doppelbödigkeit.

Fortsetzung folgt.
 
Wulf Rehder
Noch mehr Erben
Erstellt am 01.12.2011 18:51
5. Richard Powers, dessen Bücher Schattenflucht, Galatea 2.2, Der Klang der Zeit, und Das Echo der Erinnerung auch in Deutschland Erfolg hatten, schreibt, wie Roth, ganz anders als Thomas Mann. Was ihn mit Thomas Mann verbindet, ist eher das Ansammeln von Fakten, Theorien und Phantasien, die sich um ein aktuelles Thema ranken – aus der Musik, der natürlichen Intelligenz, dem DNA des Glücks. Ein riesiger Schatz an Rohmaterial wird so zusammengetragen, ganz so wie Thomas Mann seine Notizbücher mit Bruchstücken, Exzerpten, und Skizzen füllte, die er dann wieder in ein geschlossenes Ganzes zusammen komponierte und “beseelte”. Der grosse John Updike war es, der im New Yorker geschrieben hat: “Richard Powers Erfindungsreichtum und enzyklopädisches Wissen erinnern an den späten Thomas Mann und den frühen Thomas Pynchon ... Absolut brillant.”

6. Walter Kempowskis Roman Hundstage erinnert immer wieder an den Zauberberg. Kempowski hat 2005 den Thomas-Mann-Preis erhalten, mit der Begründung, er sei „ein detailbesessener Beobachter und gewissenhafter Zeitschriftsteller in der Tradition Thomas Manns“.

7. Leider weniger bekannt ist Thorsten Becker mit seinen beiden Romanen Fritz (Friedrich der Grosse, über den TM ein Buch schreiben wollte, was er dann aber Gustav Aschenbach überlassen hat) und Der Untertan steigt auf den Zauberberg. Man kann erraten, dass hier beide Brüder, Thomas und Heinrich, eine Rolle spielen. Becker imitiert einen Briefwechsel zwischen ihnen ganz gekonnt. Siehe Rezensionen beim Perlentaucher http://www.perlentaucher.de/buch/7671.html. Über Thorsten Becker mehr hier: : http://www.literaturfestival.com/teilnehmer/autoren/2007/thorsten-becker.

Fortsetzung folgt.
 
Wulf Rehder
Und noch drei Erben
Erstellt am 01.12.2011 18:52
8. Andrej Dmitriew: "Die Flußbiegung". Erzählung. Aus dem Russischen übersetzt von Tatiana Frickhinger-Garanin. Sabine Döring überschreibt ihre Rezension mit „Rast auf dem Zauberberg“: http://www.buecher.de/shop/buecher/die-flussbiegung/dmitriew-andrej/products_products/content/prod_id/08557026/.

9. Den Anfang von „Der Tod in Venedig“ wird adaptiert (parodiert?) in Geoff Dyers Roman Jeff in Venice. Death in Varanasi. (Soweit ich weiss, noch nicht ins Deutsche übersetzt.) Der Titel ist vielversprechend. Allerdings ist jener Jeff des Titels kein Aschenbach, sondern ein freiberuflicher desillusionierter Journalist, und statt eines von ferne bewunderten Tadzio gibt es hier die attraktive Laura, die Jeff von sehr nahe kennenlernt.

10. Als letzter Erbe sei Michael Cunningham erwähnt, den Leser (und Filmbesucher) vor allem von seinem populären Buch Die Stunden kennen. In einem Interview im “Paris Review” verrät er, dass Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ die Keimzelle seines neuesten Buch In die Nacht hinein war: Ein gebildeter Mann, Peter Harris, ein moderner Aschenbach, wird überrascht und erschüttert von der jugendlichen Schönheit seines jungen Schwagers Mizzy (der Tadzio dieses Buches). Cunningham hat die Einleitung zu einer Neuausgabe von „Death in Venice“ geschrieben, von Michael Henry Heim hervorragend ins Englische übersetzt.
 
Wulf Rehder
„Der Tod in Rom“ versus „Der Tod in Venedig“
Erstellt am 05.12.2011 08:57
Nicht nur im Titel „Der Tod in Rom“ spielt der Roman von Wolfgang Koeppen auf Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ an. Koeppens Roman ist eine komplexe Umarbeitung und Umwertung des TiV, was sich schon dadurch andeutet, dass der berühmte letzte, an Mahler gemahnende Satz des TiV: „Und noch desselben Tages empfing eine respektvoll erschütterte Welt die Nachricht von seinem Tode“ ein Motto des TiR ist, dessen letzter Satz dann aber lautet: „Die Zeitungen meldeten noch am Abend Judejahns Tod, der durch die Umstände eine Weltnachricht geworden war, die aber niemand erschütterte“. Der Schriftsteller Gustav Aschenbach, der in Tadzio „das Schöne selbst“ liebt, hat sein unbürgerliches Gegenüber im homosexuellen Musiker Siegfried Pfaffrath, Tonsetzer wie Leverkühn im Doktor Faustus und Aschenbach in Visconis Film. Siegfried vermeint ein Double Tadzios zu sehen, lässt sich dann aber mit einem hässlichen Strichjungen ein. Aschenbach kann sich kaum Vorwürfe machen, findet Trost bei Platon und träumt lediglich vom dionysischen Rausch. Siegfried dagegen: „Ich hasste mich. Der Ekel war mit mir allein in der Zelle ... Es war Lust und Vergangenheit, die ich empfand, es war Erinnerung und Schmerz, und ich hasste mich“.

Es lassen sich leicht noch mehr Anspielungen und Kontraste finden.

In „Die Beschwörung der Liebe“ (zuerst in FAZ, 2. Juli 1980, veröffentlicht) widerspricht Koeppen Thomas Mann direkt: „Kein Platon, kein Streben nach der Welt der Idee, kein Phaidros mehr. Realität!“ (S. auch Wolfgang Koeppen: „Die elenden Scribenten. Aufsätze”, 1981, und Literaturangaben bei http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Tod_in_Rom.)
 
Wulf Rehder
Liebestod auf Long Island
Erstellt am 06.12.2011 19:05
Vor einigen Jahren wurde ein Roman des britischen Autors Gilbert Adair ins Deutsche übersetzt: „Der Tod des Autors“. Autoren leiden bekanntlich unter dem Wahn, Leser finden es interessant, wenn Autoren über Autoren schreiben. Dieser Roman ist aber pfiffig gemacht und enthält eine Anspielung auf den Tod des Literaturtheoretikers Paul de Man, dessen Dekonstruktivismus den Tod „des Autors“ (jedes Autors) zum Thema und Ziel hatte.

Danach veröffentlichte Adair seinen Roman „Liebestod auf Long Island“, schon im Titel eine offensichtliche Anspielung auf den „Tod in Venedig“. Gustav Aschenbach ist hier Giles de’Ath, was zwei Fliegen mit einer Klappe totschlägt: Einerseits haben beide die Initialen G. A. (wie übrigens der Autor Gilbert Adair auch), und andererseits kann man den unwahrscheinlichen Namen „de’Ath“ auch als „Death“ lesen. Winke mit dem Zaunenpfahl. Giles de’Ath ist ein britischer Literat, hat in Cambridge studiert, ist reich, und seine vier Bücher sind in der Reihe „Modern Classics“ erschienen. Man denke an Aschenbachs vier Hauptwerke: „Prosa-Epopöe vom Leben Friedrichs von Preussen“, „Maja“, „Ein Elender“, und „Geist und Kunst“. Als Giles statt des gewünschten Films „Room with a View“ von E. M. Forster irrtümlich in einen Teenager Flick gerät, geschieht das für die weitere Handlung Erforderliche: er verliebt sich in den jungen Hauptdarsteller Ronnie Bostock (seinen Tadzio).

Das erscheint alles allzu nachgemacht und unecht. Trotzdem: Der Roman hat sprachliche Glanzmomente und viele Leser und manche Kritiker waren angetan, siehe hier: http://www.epoca.ch/backlist.html?cHash=4723faf2bd&books%5Btitle%5D%5B0%5D=13

Das Buch ist unter dem Titel „Love and Death in Long Island“ recht gut verfilmt worden.
 
Wulf Rehder
Die nächste Generation: am Beispiel Daniel Kehlmann
Erstellt am 13.12.2011 05:16
Aussen den Erben, die sich zum Nachahmen haben inspirieren lassen, denen, die angeregt wurden, ein Thema Thomas Manns zu imitieren oder zu parodieren, und ausser denen, die wie Peter Handke Thomas Manns Schreibe ganz einfach nicht ausstehen können, gibt es in der nächsten Generation Schriftsteller wie Daniel Kehlmann, der sich immer wieder auf Thomas Mann bezieht, mit einer Mischung aus Respekt, Unbehagen und Begeisterung. Roland Spahr, lector extraordinaire beim S. Fischer Verlag, hat mich auf die Dankesrede hingewiesen, die Kehlmann im Oktober 2008 anlässlich der Verleihung des Thomas-Mann-Preises gehalten hat. Dort heisst es zum Beispiel:

„Wie Aschenbach vor seiner schicksalhaften Begegnung mit dem geisterhaften Herrn im Münchner Park, so gibt sich auch der Romancier Thomas Mann als einer, der mit der wilden Seite des Lebens nichts zu tun haben will. In Wahrheit aber ist genau diese sein Thema, und von immer neuen Blickwinkeln aus setzt er in Szene, wie die Ordnungen scheitern und das Verdrängen versagt - darin eben liegt sein großes Täuschungsmanöver und der Grund, dass seine immer wieder verblüffende Gefühlsintensität nicht zu haben ist ohne den Habitus des kühlen Gelehrten, der am Schreibtisch Krawatte trug und dessen Anblick, sei es auf Fotos, sei es an der kalt schimmernden Oberfläche seiner Prosa, uns befremdet und verstört.“

Seit den späten siebziger Jahren sind auch TMs intime Tagebücher bekannt. Auch dort das Täuschungsmanöver: inmitten der „erhabenen Langeweile seiner Tagebücher“ finden wir „die schärfste Aufmerksamkeit für die Regungen des Triebes, zugleich dessen rigorose Unterdrückung“.

Die Rede ist in der FAZ abgedruckt: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/thomas-mann-dionysos-und-der-buchhalter-1714350.html