Forum bei Thomas Mann
Autor
Thema: Thomas Manns Essays – ein neues Genre?
 
Wulf Rehder
TMs Essays
Erstellt am 24.10.2011 09:44
In Diskussionen über TMs Essays stehen Fragen über ihren Inhalt, nicht ihre Form oder Funktionsweise als „Genre“ im Mittelpunkt.

Wenn Rolf Renner im Thomas-Mann-Handbuch über TMs Essayistik schreibt, bedient er sich einer Gliederung in literarästhetische, kulturkritische, autobiographische und identifikatorische Essays. Beispielsweise gehören in die identifikatorische Kategorie Essays über TMs imitatio Goethes. Es lässt sich ebenfalls innerhalb dieses Schemas zeigen, wie sich TMs Selbstreflexion in seinen autobiographischen Skizzen vom „Im Spiegel“ (1907) bis „On Myself“ (1940) wandelt oder wie sich sein künstlerisches Selbstverständnis in „Bilse und ich“ (1906) ganz anders zeigt als im Essay „Der Künstler und die Gesellschaft“ (1952). Es ist bekannt, dass die (diskursiven) Essays die Thematik der (fiktionalen) Werke begleiten, manchmal vorwegnehmen, was dann in einem Roman andersartig verarbeitet wird (wie bei den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ und dem Zauberberg-Roman).

Dabei wird übersehen, dass TMs Essays von anderer Machart sind und anders „funktionieren“ als die klassischen Essays von Montaigne, Orwell, Benjamin oder Adorno (siehe auch dessen „Der Essay als Form“). Zum Beispiel wirft ein Essay normalerweise eine Frage oder ein Problem auf, dem sich der Autor in dialektischer oder analytischer, wenngleich subjektiver Weise nähert und dabei in engagierter, nicht selten einseitiger Manier vorgeht, ohne dass am Ende ein definitives Resultat stehen muss.

TM dagegen geht nicht analytisch vor: er vergleicht und schafft Synthesen. Er umkreist ein weitgefasstes Thema und attackiert kein spezifisches Problem. Er ist fast nie ein engagierter Advokat, sondern ein Erzähler, der sich selbst gern in dem gewählten Thema spiegelt.

Gibt es hierüber Ideen, Aufsätze, Dissertationen?
 
Herbert Lehnert
Eine Norm fuer das Essay
Erstellt am 02.11.2011 03:20
Thomas Manns Essays, wenn sie nicht Besprechungen sind wie "Der alte Fontane" und "Der Taugenichts" sind ueberwiegend Auftragsarbeiten, Antworten auf Rundfragen, oder Vortraege. Sie sind vielfach mit seinem Werk und mit seiner Person verbunden, antworten auf Herausforderungen wie "Bilse und ich". Ich wuerde an seine Essays keine Norm anwenden: sie sind Aeusserungen eines Schriftstellers, der sich im Umfeld der Bildungsbuerger behaupten wollte, obwohl er keine formale Bildung besass. Thomas Manns autodidaktische Bildung ist erstaunlich und seine Essays beweisen das, sollten es auch beweisen.