Forum bei Thomas Mann
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Thema: Biographie und Werk
 
Jens
Wie T.M.s Leben sein Werk beeinflußte
Erstellt am 05.10.2011 09:22
Für eine Arbeit über den Einfluß von Thomas Manns Leben auf sein Werk benötige ich möglichst viel (auto-) biographisches Material. Ich habe Kurzkes Biographie gelesen, auch Thomas Manns autobiographische Skizzen (z. B. On myself), würde aber gerne etwas tiefer schürfen und wäre für Literaturhinweise dankbar.
 
Dr. Evgueni Berkovitch
Biografien
Erstellt am 08.10.2011 13:35
Hallo,

ich würde die folgenden Biografien Thomas Manns nennen, die ich selber sehr oft benutzt habe:

1) Mendelssohn Peter de. Der Zauberer. Das Leben des deutschen Schriftstellers Thomas Mann. Band 1-3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1997
2) Kurzke Hermann. Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk. Eine Biografie. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt a.M. 2001
3) Kurzke Hermann. Thomas Mann. Ein Portret für seine Leser. Verlag C.H.Beck. München. 2009
4) Harpprecht Klaus. Thomas Mann. Eine Biographie. Rowohlt, Hamburg 1995.
5) Karst Roman. Thomas Mann. Eine Biographie. Diderichs, Kreuzlingen/München 2006
6) Schirnding Albert von. Die 101 wichtigsten Fragen. Thomas Mann. Verlag C.H. Beck, Nördlingen 2008
7) Krüll Marianne. Im Netz der Zauberer. Eine andere Geschichte der Familie Mann. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt a.M. 2010.


Viel Erfolg!

Dr. Evgueni Berkovitch
 
Wulf Rehder
Biographien I
Erstellt am 09.10.2011 18:53
In den folgenden FORUM-Beiträgen möchte ich eine unsystematische und natürlich auch unvollständige Liste von TM-Biographien vorschlagen, die Jens helfen und die auch andere Besucher des Forums zum Einstieg in die Lektüre von TMs Werken verführen sollen. In einigen dieser Bücher, zum Beispiel in der Biographie von Hermann Kurzke, gibt es ausdrückliche Hinweise, wie TMs Leben sich in seinem Werk widerspiegelt.

I. Zwei Unvollendete

1. Arthur Eloesser: „Thomas Mann – Sein Leben und sein Werk“, S. Fischer, 1925.
Neu verlegt bei SEVERUS Verlag, 2011.

Diese frühe Biographie zu Lebzeiten gelangte nur bis zum Zauberberg. Eloesser lebte von 1870 bis 1938, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Eloesser. Er war Journalist bei der Vossischen Zeitung und der Weltbühne. Thomas Mann hat dieses Buch gelesen. Eloesser kommt mehrfach bei de Mendelssohn vor, siehe den Index im 3. Band von de Mendelssohns „Der Zauberer“).

2. Peter de Mendelssohn: „Der Zauberer. Das Leben des deutschen Schriftstellers Thomas Mann“, in drei Bänden, S. Fischer 1975. Neu herausgegeben und überarbeitet 1996.

Unvollständig geblieben: Band 1: 1875 – 1905. Band 2: 1905 – 1918. Band 3: 1919 und 1933. Obwohl die meisten Rezensenten bemängelt haben, dass diese Biographie allzu bewundernd und detailliert sei, dabei noch altväterlich geschrieben und ohne übergreifendes Konzept, diente es doch viele nachfolgenden Biographen, vor allem den englischsprachigen, als Quelle für amüsante Anekdoten und Privatissima aus der Familie Mann. Die Tagebücher, deren Herausgabe Mendelssohn 1975 begann, wurden hier noch nicht ausgewertet.

Siehe die Rezensionen von Thomas Sprecher: http://www.tma.ethz.ch/assets/Uploads/Ueber-uns/Thomas-Sprecher/Dokumente/TSMendelssohnZauberer.pdf und Peter Wapnewski:
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41521069.html
 
Wulf Rehder
Biographien II
Erstellt am 09.10.2011 18:56
II. Kunstwerk und Passion

3. Hermann Kurzke, „Thomas Mann: Das Leben als Kunstwerk“, geb. Ausgabe C.H. Beck 1999; 4. Aufl. Fischer Tb 2005.

TMs Ziel war es, wie er 1951 in einem Brief an Eberhard Hilscher schrieb, ein "in sich geschlossenes Lebenskunstwerk" zu erschaffen. Kurzke macht daraus den Untertitel „Das Leben als Kunstwerk“ und folgt einer biographischen Lesart seiner Werke. In der Danksagung am Schluss des Buches räumt er ein: „Dass es verboten sei, Fiktionen als biographische Tatsachen zu nehmen, lernt man im germanistischen Proseminar. Es geschieht trotzdem in diesem Buch, das das dichterische Werk als die am reichsten sprudelnde biographische Quelle betrachtet, und hofft auf Plausibilität. Wo diese sich nicht einstellt, geben die detaillierten Quellenangaben dem misstrauischen Leser die Möglichkeit, den eingeschlagenen Weg zu überprüfen.“ Das Ergebnis is spannend und unterhaltsam, mit behutsam eingestreuter Kritik (z.B. wie TM seine Öffentlichkeit manipuliert und nur in den Tagebüchern die Wahrheit sagt). Die Werkanalysen sind gekonnt und machen dem Literaturprofessor alle Ehre (de Mendelssohn hatte sich auf „Werkberichte“ beschränkt). Eine der positiven Rezensionen: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=170

4. Edo Reents: „Biografische Passionen: Thomas Mann“, Classen 2001.

Edo Reents war Redakteur bei der SZ, jetzt bei der FAZ, und ist auch ein Kenner von pop music. Hier ist eine Rezension von Julia Schöll, die eine Dissertation über Exil und Identität geschrieben hat („Joseph im Exil: Zur Identitätskonstruktion in Thomas Manns Exil-Tagebüchern und –Briefen sowie im Roman Joseph und seine Brüder“): http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=4558).
 
Wulf Rehder
Biographien III
Erstellt am 09.10.2011 18:59
III. Gelehrter und Professor

5. Martin Meyer: „Tagebuch und spätes Leid“, Hanser 1999.

Aus den Tagebüchern ein wahreres Porträt destillieren – das ist die Idee dieses buchlangen Essays. Leider führt der Autor seine Gelehrtheit in gewundenen, mit prätentiösen Vokabeln gespickten Sätzen vor, die sich wie ein Nebel über seine oft scharfsinnigen Einsichten legen. In der Reents-Rezension (s.o.) schreibt Julia Schöll: „Reents Kollege Martin Meyer von der NZZ hat vor kurzem in seinem Buch über Thomas Manns Tagebücher die Behauptung aufgestellt (…), Thomas Mann hätte leicht ein Mitspieler im faschistischen System werden können, wenn die Nazis ihn nur ausreichend hofiert hätten.“ Siehe auch Thomas Wirtz’ metaphernreiche Rezension in der FAZ (“Hier heben die Widrigkeiten des Alltags - der böige Wind und die erotische Flaute - zum vielstrophigen Klagegesang an, hier zeichnet sich der Meister der großen Form als Leidender am Detail. Der Maßanzug des Werks entsteht unter den Nadelstichen des Alltags.“):
http://www.buecher.de/shop/buecher/tagebuch-und-spaetes-leid/meyer-martin/products_products/detail/prod_id/24271555/

6. Hans Mayer: „Thomas Mann. Essays, Interpretationen. Erinnerungen.“ Suhrkamp 1980.

Dieser Band ist keine Biographie, enthält aber „Erinnerungen“ von Professor Hans Mayer, der Thomas Mann noch persönlich begegnet ist. Das Buch beginnt mit der Schiller Rede 1955 in Weimar, bei der Hans Mayer, Ernst Bloch und Georg Lukács im Parkett sassen und zuhörten. Lesenswert sind auch der Essay „Zur politischen Entwicklung eines Unpolitischen“ und am Ende des Buches eine Kurzdarstellung der Tagebücher. Hans Mayers Rolle bei der Thomas Mann Ausgabe des Aufbau Verlages in der damaliger DDR wird bei Harpprecht beschrieben. Siehe auch im SPIEGEL von 1952 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-21977160.html
 
Wulf Rehder
Biographien IV
Erstellt am 09.10.2011 19:02
IV. Mann als schwieriges Kind

7. Klaus Harpprecht: „Thomas Mann: Eine Biographie.“ Rowohlt 1995. (2253 Seiten!)

Dieses prachtvolle Buchmassiv eines souveränen Journalisten ist für mich die beste Lebensbeschreibung des Menschen Thomas Mann. Es ist keine Werk-Biographie, wie Harpprecht selbst einräumt; über TMs Werke haben Wysling, Vaget, Kurzke und andere Wichtigeres geschrieben. Stattdessen werden wir in vielen Lesestunden Zeugen einer Auseinandersetzung von Harpprechts weltgewandter, politischer Intelligenz mit den Worten und Taten, dem Leben und Denken eines Mannes, der trotz vieler Reisen die Welt vor allem in sich selbst erlebt hat und der lebenslang, trotz einer Unmenge „politischer“ Äusserungen, ein Unpolitischer blieb. Manchmal scheint es, als spreche hier ein verständiger Erwachsener über ein hochbegabtes, aber sehr schwieriges und verwöhntes Kind. In seiner Besprechung in der FAZ: http://www.buecher.de/shop/mann-thomas/thomas-mann/harpprecht-klaus/products_products/detail/prod_id/05689272/,
bemängelt Eckart Heftrich die „Egozentrik des Biographen“ und wünscht sich, dass als Ausgleich zur Erwähnung von Manns Taktlosigkeit, Eitelkeit und Gefühlslosigkeit gerechterweise auch solche Stellen hätten zitiert werden müssen, die den „menschenfreundlichen Mann“ zeigen. Glücklicherweise ist Harpprecht kein Apologet; und wenn man im Tagebuch und in den Briefen liest, wie verächtlich und rüde TM sich z. B. über seine grosszügige Gönnerin Agnes Meyer geaüssert hat (von der er sich gleichzeitig immer mehr Geld erbettelte und Geschenke erwartete), dann trägt es kaum zur „Gerechtigkeit“ bei zu erwähnen, dass er sich auch stets artig für das Geld bedankt habe.

Fair scheint mir auch Harpprechts Gesamturteil: in seinem langen Leben sei Thomas Mann „die äusserste Annäherung ans Geniale geglückt, die sich seiner Natur abzwingen liess.“
 
Wulf Rehder
Biographien V
Erstellt am 09.10.2011 19:05
V. Opulent vs. nüchtern

8. Hans Wysling & Yvonne Schmidlin (Hrsg): „Thomas Mann – Ein Leben in Bildern“, Artemis & Winkler, 1994.

Diese eindrucksvolle Bildbiographie hat fast 500 Seiten und etwa 700 Photographien, dazu Erläuterungen aus den Briefen Thomas Manns, seinen Werken und Zeugnissen der Zeitgenossen. Hans Wyslings bündige Einleitung „Das Leben als Werk – das Werk als Leben“ nimmt im wesentlichen den Untertitel „Das Leben als Kunstwerk“ von Hermann Kurzkes Biographie vorweg. Es ist wohl richtig, was der Klappentext dieses opulenten Bildbandes sagt: „Irgendwann hat der Leser den Wunsch, das Gesicht des Autors zu sehen, seine Schrift, seinen Schreibtisch, das Haus, in dem er wohnt, seine Stadt. (…). Es war der Ehrgeiz der Herausgeber, im Raster der Lebensepochen nicht nur Bekanntes festzuhalten, sondern auch Unbekanntes und kaum Bekanntes: Porträts, Familienbilder; Figuren und Stätten, die im Werk eine Rolle spielen. Hans Hansen, Tadzio, Pribislav Hippe … Wer waren denn «eigentlich» diese von ferne Geliebten? Oder Imma Spölmann, Clawdia Chauchat, Mme Houpflé – was hat es mit ihnen auf sich?“

Im nüchternen Gegensatz zu diesem luxuriösen Bildband stehen die folgenden beiden Nachschlagewerke, die auf ihre eigene sparsame Art Thomas Manns Leben beschreiben:

9. Heinz J. Armbrust & Gert Heine „Wer ist wer im Leben von Thomas Mann?“ Klostermann 2008.

10. Gert Heine & Paul Schommer: „Thomas Mann Chronik“, Klostermann 2004.
 
Wulf Rehder
Biographien VI
Erstellt am 09.10.2011 19:08
VI: Biographien auf Englisch

11. Richard Winston: „Thomas Mann. The Making of an Artist. 1875 – 1911“, Knopf 1981. Ins Deutsche übersetzt und 1987 bei Ullstein erschienen als „Der junge Thomas Mann: Das Werden eines Künstlers, 1875 – 1911“.

Richard und Clara Winston haben viele Briefe Thomas Manns ins Englische übersetzt. Hier ist eine kurze Rezension der Biographie von Peter Gay aus der New York Times vom 3. Januar 1982. http://www.nytimes.com/books/97/09/21/reviews/mann-makingartist.html

12. Donald A. Prater: "Thomas Mann - Deutscher und Weltbürger". Hanser 1995. Ziemlich gradliniger Lebenslauf. Verlässt sich viel auf de Mendelssohn und andere. Detailliert und etwas langweilig.

13. Ronald Hayman: „Thomas Mann: A Biography.“ Bloomsbury 1997. Hier und da erfolglos psychologisierend.

14. Anthony Heilbut: “Thomas Mann: Eros and Literature“. University of California Press 1997.

Heilbuts ungewöhnliche Biographie gelangt leider nur bis zum Zauberberg. Die Jahre danach werden schneller zusammengefasst. Trotzdem: Dieses Buch ist sehr einfühlsam und verständnisvoll, wenngleich kontrovers für einige Leser wegen des Fokus auf den Eros und Homosexualität als Explikation für Werk und Leben. Es handelt sich hier eher um einen langen, brillant geschriebenen Essay als um eine Biographie. Von den drei englischen Biographien ist dies bei weitem die interessanteste, mit viel (Sprach-) Witz und klarem Verstand geschrieben. Sie wurde leider nie ins Deutsche übersetzt. In Amerika bekam Heilbut ausgesprochen positive Reviews. Siehe z.B. Alex Ross: http://www.therestisnoise.com/2004/05/thomas_mann.html
 
Wulf Rehder
Biographien VII
Erstellt am 09.10.2011 19:10
VII. Kleinere biographische Arbeiten (auch die weitere Familie Mann betreffend):

15. Franz Leppmann: „Thomas Mann“, Berlin 1916.

Diese frühe Teilbiographie wurde abgeschlossen, als Thomas Mann 40 Jahre alt war und mit den Buddenbrooks und dem Tod in Venedig die beiden Werke geschaffen hatte, die hier im Mittelpunkt stehen. Am Ende bekennt sich Leppmann euphorisch, wie es dem Zeitgeist entsprach, zum Krieg und zu TMs Essay „Gedanken im Kriege“, dessen implizite Gleichung Künstler = Soldat TM später eher peinlich war. Es wird oft übersehen (aber nicht von Leppmann), dass diese Gleichung schon im „Tod in Venedig“ angelegt ist, wenn nämlich von dem Künstler Aschenbach gesagt wird: „Auch er hatte gedient, auch er war Soldat und Kriegsmann gewesen (...) – denn die Kunst war ein Krieg, ein aufreibender Kampf, für welchen man nicht lange taugte.“

16. Klaus Schröter: „Thomas Mann“, rororo monographie, 1967, 2005.

Erwähnt werden sollte auch Klaus Schröters oft zitiertes Buch „Thomas Mann im Urteil seiner Zeit“, Christian Wegner, 1969.

17. Hans Wisskirchen: „Die Familie Mann“, rororo monographie, 1999.

18. Helmut Koopmann: „Thomas Mann – Heinrich Mann: Die ungleichen Brüder“, Beck 2005.

19. Marianne Krüll: „Im Netz der Zauberer. Eine andere Geschichte der Familie Mann.“ Fischer Tb , korrigierte Ausgabe 1993.

20. Andrea Wüstner: „Ich war immer verärgert, wenn ich ein Mädchen bekam: Die Eltern Katia und Thomas Mann.“ Piper 2010, Tb 2011.
 
Wulf Rehder
Biographien VIII
Erstellt am 09.10.2011 19:13
VIII. Sonstiges

21. „Die Manns“ war die Titelgeschichte im SPIEGEL #51, 2001: http://www.spiegel.de/spiegel/print/index-2001-51.html Dieser Artikel enthält auch ein Interview mit Marianne Krüll, Autorin des Buches „Im Netz der Zauberer: Eine andere Geschichte der Familie Mann“, Fischer Tb, 1993.

22. Christian Liederer & Axel Thielmann: Thomas Mann: Leben und Werk, Wissenschaftliche Buchgesellschaft CD (=Hörbuch).

23. Marcel Reich-Ranicki: „Thomas Mann und die Seinen.“ Fischer Tb, 2007. Leicht lesbare Sammlung von Aufsätzen und biographischen Skizzen. MR-R ist ein grosser Verehrer TMs. Er hat sogar den Thomas-Mann- Preis für 1987 erhalten. MR-Rs Buch gehört, wie die meisten seiner Artikel und Rezensionen, in den Qualitätsbereich des „middlebrow“ (Virginia Woolfs Definition, s. http://en.wikipedia.org/wiki/Middlebrow). Er kann nur gutheissen, was ihm gefällt. Seine Kritik an der unvollendeten TM-Biographie von de Mendelssohn ist arrogant, besonders gemessen an dem, was Reich-Ranicki selbst geschrieben hat. Er ist kein Vordenker, sondern, in TMs Ausdruck, ein „nachhinkender Kritiker“ mit Gespür für den show business Effekt populärer Literatur.