Forum bei Thomas Mann
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Thema: Wieso kehrt T.M. nicht nach Deutschland zurück ?
 
Laura
Eröffnungseintrag
Erstellt am 03.08.2011 10:38
Hallo,
vor mir liegt der Brief : Wieso ich nicht nach Deutschland zurückkehre von Thomas Mann (1945)...
Obwohl er sich als Deutscher fühlt, möchte er nicht zurück, weil das Deutschland für ihn verpestet sind. Sehe ich das richtig ? Ich denke, dass da noch viel mehr dahinter steckt. Kann mir da jemand helfen ?

LG Laura
 
Wulf Rehder
TMs Brief an Deutschland
Erstellt am 06.08.2011 21:50
TM hat nach 1945 Deutschland mehrmals besucht, zum Beispiel Frankfurt, Stuttgart, Weimar und Lübeck. 1952 verließ er die USA endgültig und wählte seinen Wohnsitz in der Schweiz, nicht in Deutschland. Warum?

Äußerer Anlaß für TMs »Brief an Deutscland«, jetzt meist unter dem Titel »Warum ich nicht nach Deutschland zurückkehre« zitiert, war ein offener Brief des Schriftstellers Walter von Molo, der TM aufforderte, nach Deutschland zurückzukehren: „Bitte, kommen Sie bald, [...] sehen Sie das unsagbare Leid in den Augen der vielen, [...] die nicht die Heimat verlassen konnten, [...] geben Sie den zertretenen Herzen Trost durch Menschlichkeit ... Bitte kommen sie bald und zeigen Sie, dass der Mensch die Pflicht hat, an die Mitmenschheit zu glauben. [...] Kommen Sie bald wie ein guter Arzt ...“

TM wollte nicht als Tröster in die Pflicht genommen werden und so tun, als wären die Verbrechen der Nazi-Zeit nur eine vorübergehende Schnupfen-Krankheit gewesen. Er glaubte nicht an die Entschuldigung, es habe auch unter den Daheimgebliebenen viele gute, unschuldige Menschen gegeben, nämlich die „inneren Eimigranten“. Im Gegenteil, es ging ihm um die tiefe Schuld, die jeder Deutsche auf sich geladen hatte. Er erwähnte auch das ihm persönlich widerfahrene Unrecht, die „analphabetische und mörderische Radio- und Pressehetze, die [...] mich erst recht begreifen ließ, dass mir die Rückkehr abgeschnitten sei.“ In Nazi-Deutschland erschienene Buecher sollten am besten verbrannt werden.

Für eine differenziertere Diskussion siehe Hans Vagets „Thomas Mann, der Amerikaner,“ ab Seite 479, und Hermann Kurzkes „Thomas Mann“, Kapitel XVIII: Pein und Glanz.

Wulf Rehder
 
Wulf Rehder
Brief und Radio
Erstellt am 15.08.2011 06:49
Ein freundlicher E-Mail Schreiber (Conrad F.) hat zwei Berichtigungen geschickt: Der Brief TMs ist nach, nicht an, Deutschland gerichtet. Und: TM hat empfohlen, die in der NS-Zeit geschriebenen Bücher einzustampfen, nicht, sie zu verbrennen: „Es mag Aberglaube sein, aber in meinen Augen sind Bücher, die von 1933 bis 1945 in Deutschland überhaupt gedruckt werden konnten, weniger als wertlos und nicht gut in die Hand zu nehmen. Ein Geruch von Blut und Schande haftet ihnen an; sie sollten alle eingestampft werden.“

Angemerkt sei, daß die ersten beiden Bände der Joseph-Romane 1933 und 1934 noch in Deutschland gedruckt wurden. Der Kommentarband zu Essays VI bemerkt: „sie sollen alle eingestampft werden] Dieser Urteilsspruch wurde in Deutschland zumeist ohne den Kontext dieses Absatzes rezipiert und zitiert. Der Absatz als ganzer läßt Thomas Manns emotionalen Konflikt erkennen.“

Ende 1945 nahm TM das Angebot der BBC an, sich noch einmal in einer Rundfunksendung „Deutsche Hörer!“ zu seinem „Brief nach Deutschland“ zu äußern. Unmittelbar nach der Sendung ließ der nordwestdeutsche Rundfunk den Schriftsteller Frank Thieß, der sich ausdrücklich als Vertreter der „Inneren Emigration“ verstand, zu Wort kommen. Seine zum Teil infame Antwort machte bei TM das Maß endgültig voll und bekräftigte nochmals seinen Entschluß, seinen Wohnsitz nie wieder nach Deutschland zu verlegen. Hermann Kurzke in seiner TM-Biographie: „Vielleicht wäre er trotzdem gekommen“, hätte TM sich nicht von Thieß’ Anwürfen und Anmaßungen beleidigt gefühlt.

Fünf Radiosendungen „Deutsche Hörer!“ gibt es bei YouTube, eine CD bei Hörverlag und alle (gedruckten) Sendungen als Fischer Taschenbuch.

Wulf Rehder