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Thema: "Weihnacht"
 
Stefan
Gedicht "Weihnacht"
Erstellt am 01.08.2011 10:57
Kann mir jemand sagen, wann, wie, wofür das bekannte Gedicht "Weihnacht" (O, festlich Sternenzelt! / Du breitest dich ob meiner Einsamkeit...) Thomas Manns entstanden ist? - und: wo ist dieses ggf. zum ersten Mal im Druck erschienen??
Für jeden Hinweis bin ich dankbar!!!
 
Wulf Rehder
TMs Weihnachtsgedicht
Erstellt am 02.08.2011 23:53
Das Gedicht »Weihnacht« entstand im Dezember 1898 und erschien im Simplicissimus 4, Nr. 39, vom 24.12.1899. In seinem »Lebensabriß« von 1930 schreibt TM über das „außerordentliche Witzblatt“ Simplicissimus: „Mehrere meiner kurzen Novellen, »Der Weg zum Friedhof« etwa, auch solche, die ich nicht in meine Gesammelten Schriften aufgenommen habe, erschienen dort zuerst, sogar ein Weihnachtsgedicht.“

O festlich Sternenzelt!
Du breitest dich ob meiner Einsamkeit
Und schirmest weithin die gesühnte Welt.

Sanft glitzerndes Gefild!
Dein Friedenszauber füllt mein ganzes Herz,
Daß es von Rührung und Beschämung schwillt:

O weiße Weihenacht!
In mildem Leuchten liegt ein heilig Kind,
Des Lächeln alles Leid zur Glorie macht!

In der F.A.Z. hat Sandra Kirschbaumer eine Interpretation dieses Gedichts versucht:
http://www.faz.net/artikel/C30000/sandra-kerschbaumer-eine-vision-von-versoehnung-30227240.html

Bekannter ist natürlich die Beschreibung von Weihnachten bei den Buddenbrooks aus Kapitel 8 vom Achten Teil des Romans. Obwohl zur gleichen Zeit wie das obige Gedicht geschrieben, herrscht hier kein kitschig-sentimentaler Ton. Zum Beispiel:

„Die Konsulin sprach mit herzlichem Ausdruck das hergebrachte Tischgebet:

»Komme, Herr Jesus, sei unser Gast
Und segne, was Du uns bescheret hast.«

Woran sie, wie an diesem Abend ebenfalls üblich, eine kleine, mahnende Ansprache schloß, die hauptsächlich aufforderte, Aller Derer zu gedenken, die es an diesem heiligen Abend nicht so gut hätten wie die Familie Buddenbrook ... Und als dies erledigt war, setzte man sich mit gutem Gewissen zu einer nachhaltigen Mahlzeit nieder, die alsbald mit Karpfen in aufgelöster Butter und mit altem Rheinwein ihren Anfang nahm.“

(Große Kommentierte Frankfurter Ausgabe, S. Fischer, 2. Auflage, 2002, Seite 597.)

Wulf Rehder