Forum bei Thomas Mann
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Thema: Thomas Manns politische Schriften
 
Olga Timmermann
Literaturhinweise
Erstellt am 21.07.2011 07:10
Für eine Arbeit über den politischen Journalismus im 1. und 2. Weltkrieg (und die Vorgeschichten und Folgen) will ich auch Thomas Manns politische Schriften heranziehen. Wo finde ich einen guten Überblick, einzelne Artikel, Würdigungen?

Vielen Dank!
 
Wulf Rehder
TM als politischer Schriftsteller
Erstellt am 22.07.2011 02:23
I: Primärliteratur.

Folgende fünf Schriftstücke werden oft angegeben als die wichtigsten politischen Äusserungen TMs:

1. „Gedanken im Kriege“, 1914. TM begrüsst den Ersten Weltkrieg enthusiastisch: „Krieg! Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden, und eine ungeheure Hoffnung.“ Der Soldat wird schwärmerisch mit dem Künstler verglichen. Die deutsche Seele sei die tiefste, der Sieg „unbezweifelbar“. Dieser Aufsatz hat ihm die Gegnerschaft seines Bruders und anderer „Demokraten“ und „Zivilisationsliteraten“ eingebracht.

2. „Von deutscher Republik“ ist eine Rede, die er 1922 in Berlin in Anwesenheit von Friedrich Ebert und Gerhard Hauptmann hielt. Abkehr von den „Gedanken im Kriege“ und den „Betrachtungen eines Unpolitischen“, obwohl TM in einem sonderbaren Vorwort eine bruchlose Line zwischen dieser Rede und den „Betrachtungen“ postuliert: der Verfasser sei „derselbe geblieben, einig in seinem Wesen und Sinn.“

3. „Neujahrsbrief“ vom 1. Januar 1937 an den Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn, die ihm seinen Ehrendoktortitel abgesprochen hatte. TM sagt den kommenden Krieg voraus und stellt sich zum ersten Mal öffentlich und kompromisslos gegen Hitler und Nazi-Deutschland. Im nächsten Jahr verlässt er die Schweiz und geht ins amerikanische Exil.

4. Der Vortrag „Deutschland und die Deutschen“ wurde im Februar/März 1945 während der Arbeit am „Doktor Faustus“ geschrieben, als der Krieg für Deutschland so gut wie verloren war. Es geht um Schuld und Verantwortung Deutschlands.

5. Der „Versuch über Schiller“ (1955) ist eigentlich kein politischer Essay, kann aber als eine Art politisches Vermächtnis gelesen werden: Meinungen zum geteilten Deutschland, den Kalten Krieg, die Zukunft Europas.

Teil II folgt.

Wulf Rehder
 
Wulf Rehder
Sekundärliteratur zu TM als "politischem Schriftsteller"
Erstellt am 25.07.2011 22:41
II. Sekundärliteratur

Ein (persönliche) kleine Auswahl:

Hermann Kurzkes Beitrag „Thomas Manns politische Essayistik“ im TM Handbuch. Dort auch eine kurze Zusammenfassung von „Der Künstler und die Gesellschaft“, TMs Selbstkritik seiner öffentlichen Rolle.

Peter de Mendelssohns Biographie „Der Zauberer“, Bd 2, Kapitel IX über „Gedanken im Kriege.“ Mehr beschreibend und zitierend als kritisch analytisch.

Hans Mayer: „Thomas Mann“ (1980). Darin der Aufsatz: „Zur politischen Entwicklung eines Unpolitischen“.

Max Rychner: „Thomas Mann und die Politik,“ eine faszinierende Analyse, vor allem über die Betrachtungen, wiederabgedruckt in „Aufsaetze zur Literatur“ (1966). Dazu auch Roman Bucheli: „Max Rychner und Thomas Mann“, im Thomas-Mann-Jahrbuch 14/2001.

Mehrere Bücher und Aufsätze vertreten die Meinung, dass TM kein wirklich politischer Schriftsteller war. Eher sei er naiv, unbedarft, ahnungslos und „nur“ ein Ästhet gewesen. In diese Reihe gehören Joachim Fest: „Die unwissenden Magier. Über Thomas Mann und Heinrich Mann“ (1985); Aleida Assmann/Ute Frevert: „Geschichtsvergessenheit, Geschichtsversessenheit“ (1999); Manfred Görtemaker: „Thomas Mann und die Politik“ (2005). Mayers und Rychners Aufsätze koennten hier auch mitgezählt werden.

Dagegen: Hans R. Vaget: „Ein unwissender Magier? Noch einmal der politische Thomas Mann.“ In „Thomas-Mann-Studien“ Bd. 37. Siehe auch ders. in „Thomas Mann, der Amerikaner“ (2011), S. 479 – 502. Ein Klassiker in dieser Debatte ist Kurt Sontheimers „Thomas Mann und die Deutschen“ (1965), ein exzellentes Buch. Siehe auch seinen früheren Aufsatz: „Thomas Mann als politischer Schriftsteller“, den man kostenlos online lesen kann, siehe
http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1958_1.pdf

Wulf Rehder
 
Olga Timmermann
Betrachtungen
Erstellt am 03.08.2011 08:40
Vielen herzlichen Dank – das war mehr, als ich erwartet hatte! Mir war von meinem Professor nur von den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ einiges mitgeteilt worden, mit Rychners Aufsatz und Kurzkes Kommentar in der GKFA als Sekundärliteratur. Die Lektüre der Betrachtungen selbst war aber sehr mühsam (für mich). Inzwischen habe ich auch Beispiele seiner Rundfunksendungen gelesen, die mehr in meinen „journalistischen“ Ansatz fallen als die monumentalen Betrachtungen.