Forum bei Thomas Mann
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Thema: TMs Aphorismus im "Tod in Venedig"
 
Wulf Rehder
TMs Logik
Erstellt am 24.05.2011 11:28
I.
Gegen Ende des vierten Kapitels des „Tod in Venedig“ verfertigte TM einen tiefschürfend klingenden Aphorismus, der „logisch“ scheint, aber mE in der Gesamtkomposition nicht paßt: „Denn der Mensch liebt und ehrt den Menschen, solange er ihn nicht zu beurteilen vermag, und die Sehnsucht ist ein Erzeugnis mangelhafter Erkenntnis.“ Auf den ersten Blick logisch – ein Fazit des Umstandes, daß Aschenbach und Tadzio sich dauernd sehen, Aschenbach über Tadzio phantasiert, aber eine „Erfüllung“ seiner Sehnsucht nicht nur unmöglich ist, sondern die Spannung zwischen Aschenbachs apollinischer Haltung und seiner neuen dionysischem Haltlosigkeit zerstören würde: Die Novelle wäre zuende. So ähnlich auch Kurzke in „Thomas Mann: Epoche, Werk, Wirkung“, S. 127: „Die Sehnsucht beruht auf einer Illusion, auf einem Erkenntnisverzicht. Aschenbachs Liebe ist deshalb nicht auf Erfüllung angelegt, weil jede Erfüllung die Erkenntnis des Partners mit sich bringt, das erkennende Durchschauen aber die Liebe zerstört. Der Mensch liebt nur, solange er nicht weiß – so die Logik des Texts.“

Logik? Oberflächlich vielleicht, wenn „erkennen“ hier im biblischen Sinne gemeint ist. „Erkennen“ entspannt die Liebenden, wer weiß das nicht? Aber etwas stimmt nicht: TM sagt ja auch „... der Mensch (...) ehrt den Menschen, solange er ihn nicht zu beurteilen vermag.“ Also Respekt nur, wenn wir nicht urteilen können? Eine banale Erwiderung wäre: „Nur wenn man sich respektiert, kann man sich ehren (und vielleicht sogar lieben).“ Das könnte auch TM gesagt haben. Trotzdem noch etwas: Warum „mangelhafter“ Erkenntnis? Welches Manko muss die Erkenntnis, vor allem die körperlich-biblische, haben, um als Sehnsucht zu gelten?

II. folgt.
 
Wulf Rehder
TMs Lektor
Erstellt am 31.05.2011 19:29
II.
Wenn Kurzkes Interpretation richtig ist, dann muss man TM nur ein paar schmuddelige Formulierungen ankreiden: „... und ehrt“? „mangelhafte Erkenntnis“? Das hochtrabende „ ... nicht zu beurteilen vermag“ statt „nicht beurteilen kann“. Muß „und die Sehnsucht ...“ nicht besser „denn die Sehnsucht ...“ heißen?

Es gibt aber eine schwerwiegendere Unstimmigkeit.

Unmittelbar vor dem Aphorismus-Paragraphen hat Aschenbach zwei traumhafte Visionen: Einen mit griechischen Mythen hymnisch gespickten Sonnenaufgang, und einen lyrischen Tagtraum, in dem Zephyr den schönen Hyakinthos aus Eifersucht tötet. Dieser gefühlsgeladenen Szene, die gehoben endet: „ die Blume, dem süßen Blute entsprossen, trug die Inschrift seiner unendlichen Klage . . .“, folgt plötzlich jene prosaische Erörterung des sorgfältigen Abstands zwischen Aschenbach und Tadzio. Dass dies nicht ein kunstvoller Kontrast ist, sondern nicht paßt, wird klar dadurch, daß sich unmittelbar nach jener Erörterung die Begegnung ereignet, in der Aschenbach sich zu noch höherer ästhetischer Bewunderung aufschwingt: „Er war schöner, als es sich sagen läßt, und Aschenbach empfand wie schon oftmals mit Schmerzen, daß das Wort die sinnliche Schönheit nur zu preisen, nicht wiederzugeben vermag.” Und dann geschah es „daß Tadzio lächelte: ihn anlächelte, sprechend, vertraut, liebreizend und unverhohlen, mit Lippen, die sich im Lächeln erst langsam öffneten ...,“ wonach Aschenbach dionysisch heimgesucht wird: „ ... überwältigt und mehrfach von Schauern überlaufen, flüsterte er die stehende Formel der Sehnsucht, – unmöglich hier, absurd, verworfen, lächerlich und heilig doch, ehrwürdig auch hier noch:
»Ich liebe dich!«”

TMs Lektor hätte den Aphorismus und das Drumherum durchstreichen sollen.

Was meint das FORUM?

Wulf Rehder