Forum bei Thomas Mann
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Thema: "Wunderkind" und "der kleine Herr Friedemann"
 
Anna Tschochonelidse
Mich interessiert, was ist das Problem des Kuenstlers in den Erzaehlugen "Wunderkind" und "Der kleine Herr Friedemann" . Ich wuerde Ihnen sehr dankbaк sein .
Erstellt am 20.03.2009 19:47
Ich moechte wissen , was ist das Problem des Kenstlers in diesen Erzaehlungen und auch ueberhaupt in der deutschen Literatur. Koennen Sie mir bitte helfen?
 
Wulf Rehder
Kuenstlerbild
Erstellt am 25.03.2009 00:13
Zum ‚Wunderkind’ gibt es auf dieser Seite thomasmann.de unter WISSENSCHAFT UND LITERATURKRITIK eine 15-seitige Interpretation von Tobias Kurwinkel: „Positives Aussenseitertum: Thomas Manns Wunderkind als Geliebter Apolls.“ Der Kritiker in der Erzaehlung fasst das hier am jungen Bibi Saccellaphylaccas dargestellte Kuenstlerbild so zusammen: „Als Einzelwesen hat er noch ein Ende zu wachsen, aber als Typus ist er ganz fertig, als Typus des Kuenstlers. Er hat in sich des Kuenstlers Hoheit und seine Wuerdelosigkeit, seine Charlatanerie und seinen heiligen Funken, seine Verachtung und seinen heiligen Rausch.“ Mehr ueber den Autor (und Quellen zu Thomas Mann und Nietzsche) bei www.kurwinkel.de. Die Erzaehlung ‚Der kleine Herr Friedemann’ ist fuer das Kuenstlerbild Thomas Manns nicht sehr ergiebig. Friedemann ist allenfalls Dilettant auf der Geige, besucht alle Konzerte in der Stadt, und er geht gerne ins Theater. Thomas Mann nennt ihn einen Geniesser, einen „Epikureer“. Allerdings fuehrt ihn eine Auffuehrung des ‚Lohengin’ im Stadttheater tiefer in sein Verderben: Er sieht bei der Auffuehrung den nackten „runden, mattweissen Arm“ der Frau von Rinnlingen auf dem „roten Sammet der Bruestung“ der Loge liegen (wovor spaeter Professor Kuckuck auch den jungen Felix Krull warnt!). Ergiebiger waere ein Vergleich mit ‚Die Hungernden’ und Detlefs Seufzer: „Du darfst nicht sein, du sollst schauen; du darfst nicht leben, du sollst schaffen; du darfst nicht lieben, du sollst wissen!“ Siehe auch auf dieser Seite unter WERK und GKFA den Auszug mit Kommentar zu ‚Die Hungernden’.
 
Wulf Rehder
Kuenstler-Problem
Erstellt am 26.03.2009 05:34
Hinweise zu Thomas Manns Stellung zur Kunst und zum Kuenstler: Schon 1897, im ‚Bajazzo’, versucht Thomas Mann, den wahren Kuenstler vom Amateur und „Dilettanten“ zu unterscheiden. Danach, in ‚Das Wunderkind’, ‚Die Hungernden’, ‚Tonio Kroeger’ (alle drei 1903), wird mehr ueber den Kuenstler als ueber die Kunst gesprochen. Der Kuenstler ist der Aussenseiter, der im Widerspruch zwischen dem „gewoehnlichen“ Leben und den „Gereiztheiten und kalten Ekstasen unseres artistischen Nervensystems“ lebt, der sich aber trotzdem nach den „Wonnen der Gewoehnlichkeit“ sehnt. Auch in den spaeteren Werken bleibt die Kunst, wenn nicht fragwuerdig, so doch zweideutig. Wie vorher Natur und Geist, so fallen jetzt das Aesthetische und das Ethische auseinander – siehe die Gespraechen zwischen Castorp und Settembrini im ‚Zauberberg’ (1924): nun nicht mehr ueber Literatur wie im ‚Tonio Kroeger’, sondern ueber Musik. Im ‚Doktor Faustus’ (1947) wird der Ausnahmezustand der ‚Krankheit’, die im ‚Zauberberg’ (und ‚Tristan’) noch vielerlei Rollen spielt (als „Form der Liederlichkeit“, als „verwandelte Liebe“, als Mittel zur „Vergeistigung des Menschen“), fuer die Kunst in Anspruch genommen, besser: Todeskrankheit als Preis fuer geniale Kunst. Leverkuehn verspricht sich eine „Genialisierung durch Krankheit“ und, infiziert mit Syphilis, schreibt seine Meisterwerke. Vorausgegangen war der Pakt mit dem Teufel, dem Leverkuehn seine Seele vermachen und auf Liebe verzichten muss: „Liebe ist dir verboten, insofern sie waermt. Dein Leben soll kalt sein -“ So aehnlich hatte schon Tonio Kroeger geredet: „Die Begabung zu Stil, Form und Ausdruck setzt bereits dies kuehle und waehlerische Verhaeltnis zum Menschlichen, ja, eine gewisse menschliche Verarmung und Veroedung voraus.“