Forum bei Thomas Mann
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Thema: Bedeutung des Dr. Faustus
 
kai
Eröffnungseintrag
Erstellt am 25.10.2005 16:33
Liebe Thomas Mann-Freunde,

da Ich der bedauerliche war, der diese hitzige Diskussion über das wesen und die Zukunft dieses Forums entzündet habe, will Ich, um eine Alternative auszuprobieren, einfach mal in die Runde fragen, was denn der "Dr. Faustus" für uns noch darstellt, darzustellen hat, darstellen kann.

 
Rudolf Grundeken
Dr. Faustus
Erstellt am 28.10.2005 23:40
Hoffentlich kann Ihre Frage in der Tat dem Forum die Funktion (zurück)geben die es im Grunde verdient. Zur Bewältigung von allerhand Hausaufgaben gibt es doch andere Seiten.
Die Frage nach der Bedeutung des Romans Dr. Faustus ließe sich auch erweitern: was hat das Werk Thomas Manns uns, Lesern des 21. Jahrhunderts, noch zu sagen? Meine Antwort wäre: vieles. Sowohl in literär-historischem Sinne (als Spiegel der damaligen Zeit) wie auch im Sinne der persönlichen Auseinandersetzung. Ich meine damit die Bereicherung die das Lesen literarischer Werke dir als Leser bringt. Die Werke Thomas Manns fesseln mich immer noch, vor allem als persönliche Lesebegegnung. Dr. Faustus bildet da eine gewisse Ausnahme, weil ich das erste Mal, das ich den Roman las, ständig das Gefühl hatte, es stünde etwas zwischen mir und dem Werk. Bei wiederholter Lektüre, und nachdem ich auch die Tagebücher aus jener Periode gelesen hatte, gelang es mir allmählich den Sinn des Werkes zu erfassen. Noch immer bin ich davon überzeugt, dass noch vieles im Roman mir entgangen ist. Mehr als in anderen Werken wird angedeutet und nicht gesagt was geschrieben wird. Die musiktheoretischen Auseinandersetzungen hätten meines Erachtens auch kürzer gefasst werden können. Da liest man mehr Adorno als Mann. Die Beschreibung des Streichquartetts ist brillant und zeigt Thomas Manns erzählerisches Können auf höchstem Niveau. Wo jedoch die Apokalypse den Lesern vorgeführt wird, verliert Thomas Mann sich in eine detaillierte Abhandlung, die mich nicht zu fesseln vermag.
 
Simplicius
RE: Bedeutung des Dr. Faustus
Erstellt am 29.10.2005 12:06
Ein wunderbarer Impuls, an dem sich hoffentlich viele Thomas Mann Freunde, denen diese Diskurs am herzen liegt, anschließen.

Für mich ist der "Dr.Faustus" wohl das Werk schlechthin, was Mann und das 20.Jahrhundert anbelangt. Man kann hier wirklich gesellschaftlich, oberflächlich politisch, aber auch allgemein menschlich in der so tiefsinnigen Prägnanz des Autors viel, wahnsinnig viel lernen.

Trotzdem, natürlcih würde alles andere dem Thema widersprechen, habe ich meine Probleme mit Adrian Leverkühn. Wie soll der Leser mit ihm umgehen. Einerseits fasziniert er, lädt ein zur Identifikation, andererseits, rational betrachtet, ist er aber das Schreckgespenst eines Menschen schlechthin?

Wie geht ihr damit um? Ich freu mich auf differenzierte Antworten!

 
G.v.C.
Der Doktor Faustus
Erstellt am 29.10.2005 22:30
Wie klingen mir doch die Worte des Mephisto, der getarnt als Faust dem Schüler seine satanischen Ratschläge zu übergeben versucht und wie klingt mir Faust der ermattet von der tragischen Erkenntnis dass wir doch nichts wissen können sich der Magie ergeben hat und umgeben von Mauern mit seinen Geistern fabuliert.
Unglückseelig sollte man den bezeichnen der sich nach Goethe, unsern Meister, sich an an den Dr. Faustus versucht und durchaus glaublich sollte es gewesen sein dass diejenigen sich den Hals brechen werden welche doch danach trachten. Hat es Thomas Mann geschadet? Hat ihm der Versuch geschadet Faust neu zu entwerfen?
Menschen! Dort wo jeder zerbrochen wäre ist Thomas Mann ein Werk gelungen dass sich freilich nicht mit dem Goethes messen lässt jedoch unbestreitbar zu den Klassikern der Weltliteratur gezählt werden kann...
Nun gut, nun gut! Was bedeutet den der Dr. Faustus für uns? Für die Meisten sicherlich nicht viel da man es pflegt Bücher solchen Geistesguts oft als Rattengift zu verspotten. Für uns aber - die Hungrigen und Hungernden - ist er, nicht nur weil wir von den Fehlern des alten Faust lernen sollten, ein Heiliger.
Es erwischt immer die Hungernden, bei ihnen erscheint immer ein fahrender Scholast der sie zu verführen sucht und ganz brilliant zieht Mann hier den Vergleich zwischen Leverkühn und Hitler-Deutschland...
Eins verstehe ich jedoch nicht, warum nämlich Thomas Mann - Schoppenhauer steht im zwar nahe aber ein Pessimist ist er doch nicht oder? - den einzigen Charakter der den Versuch unternimmt der bürgerlichen Dekadenz zu entweichen scheitern lässt. Bei Goethe ist er gerettet und stellt euch doch vor am Ende seines Lebens besiegt ein Mannscher Rollenspieler den Verfall, wahrlich eine literarische Höchstleistung.
Meiner Meinung eine Schwäche dieses Buches...

G.v.C.
 
Kai
RE: Bedeutung des Dr. Faustus
Erstellt am 30.10.2005 13:28
Würde das Gelingen eines Geistes wie der Adrian Leverkühns nicht Thomas Mann, oder das, um es mit Heine zu sagen, ingenium schlechthin in Frage stellen?
Was wäre das ingenium, wenn es siegen würde im unsrigen Sinne?
Was wäre uns ein Hölderlin, wenn er normativ nicht gescheitert wäre, um die Wahrheit, das Ideal selbst zu erringen?
Ist es mit Leverkühn nicht ähnlich? Ist es nicht eigentlich ein Sieg über die Materie, die Menschlichkeit? eine im Schopenhauer schen Sinne positive Erlösung in Wille und Vorstellung?
Der Sieg des geistigen, der Idee, des absoluten Ideals über körperliche Hüllen und Gesten. Das ist das absolute Genie! Und warum schlecht? Wenn man mal die Paralelle zu Deutschland hinten anstellt, mal vom oberflächlich politischen absieht und ins rein menschliche kommt. Ist Adrian da nicht das Ideal vom Übermenschen, der, weil er eben die Menschlichkeit, die "tierische" Liebe besiegt
hat, zu einer freien, geistigen Existenz gelangt ist?

Das vielleicht Erstrebenswerteste überhaupt!

Ein Versuch...
 
G.v.C.
Übermensch
Erstellt am 30.10.2005 19:57
Bravo guter Freund, vorzüglich und ausgezeichnet!

Doch diese Sprache ist nicht geschaffen für des Menschen Gehör, wer will denn was von Übermenschen wissen..?
Und sollen wir nun die Askese umarmen oder erbarmungslosen Willen zeigen in der Hoffnung ihn zu erschaffen...?

Leverkühn ist ganz gewiss kein Ideal schließlich ist er bis zum Ende verfallend und dekadent doch gerade nach diesem Ideealismus und dieser Erkenntnis strebend sei die Frage erlaubt ob wir uns in vernichtender Unmenschlichkeit ergötzen sollten um diesem Ideeal näher zukommen ihn womöglich zu erreichen? Wenn Sie das meinen dann sollten wir Hitler als antimateriellen und unmenschlichen auch die Ehre gäben als Ideeal zu gelten...

Wenn Sie klug antworten und meine Adresse immer noch möchten werde ich mich dazu überreden können.

Ach, der Menge gefällt, was auf dem Marktplatz taugt,
Und es ehret der Knecht nur den Gewaltsamen;
An das Göttliche glauben
Die allein, die es selber sind.

Im übrigen ist mir dieses Gedicht eingefallen, vielleicht bekannt?

G.v.C.

 
Kai
I
Erstellt am 01.11.2005 20:34
Ein Ideal konkret zu manifestieren, es in vernichtender Unmenschlichkeit verwirklicht sehen zu können, zeugt nur von der Idealslosigkeit einer solchen Idee.
Ideal ist etwas Absolutes, wenn man schon deutsche Idealisten zitiert, Göttliches.
Das Absolute selbst zu relativieren, relativierend über Ideale zu sprechen, sie gar aus einer aufzgezwungenen Logik heraus zu dogmatisieren.
Das muss scheitern.

Wenn Leverkühn die "tierische" Liebe besiegt, so besiegt er damit die Emotion, das Sinnliche selbst.
Ein Adolf Hitler, der sich selbst an vernichtender Unmenschlichkeit ergötzt, hat nicht das Ideal der Befreiung des Körperlichen, des Sinnlichen errungen, sondern
er war in seiner Unmenschlichkeit menschlich genug, zu hassen, "tierisch" zu fühlen, wenn man so will auf negative Art und Weise "tierisch" zu lieben. Zu menschlich, zu konkret also, um ein Ideal in meinem Sinne erfüllen zu können.

 
Kai
II
Erstellt am 01.11.2005 20:35
So kann auch das Ideal, von dem ich spreche, keinesfalls konkretisiert und in relativ trivialen Dingen realisiert werden. Dieses Ideal kann dem Menschen, solange er in seinen Hüllen wandelt, keinen konkreten Auftrag oder Anleitung erteilen. Ein Ideal, das den Menschen dazu treibt, die Askese zu umarmen und erbarmungslosen Willen in Hoffnung auf ihn selbst zu zeigen, ein solches "Ideal" ist nicht das meinige und auch nicht das Hölderlins.
Hölderlin geht über das Konkrete hinaus, für ihn zählt nur das Absolute, auf Erden wirklich nicht zu realisierende. Da ist er seinen Zeitgenossen weit voraus. Hölderlin geht es nicht um Politik oder Lebensführung, nein, solch eine Metaphysik kann nur gelingen, wenn "das herz schon geheiligt ist". Der Große ist da schon unserer Welt entrückt, schwebt in einer Sphäre, die ein Thor als Utopie und wahnsinn bezeichnete, ein Verständiger als Erstrebenswertestes.

Auch Hölderlin hat die "tierische" Liebe, die Emotion bereits überwunden. Ihm liegt es nicht mehr an Susette, Wilhelmine oder wie sie sonst alle geheißen haben. Er "wandelt droben im Licht" im absoluten Ideal der unendlichen Liebe. Diotima!


"Einig zu sein, ist göttlich und gut;"

Nicht Klugheit und Überredungskunst...
 
kai
RE: Bedeutung des Dr. Faustus
Erstellt am 15.11.2005 21:19
Ich bin hier gerade auf ganz interessante Sekundärliteratur gestoßen, die ich der sich bestimmt fortsetzenden Diskussion nicht vorenthalten möchte:

"Verfall ist für Thomas Mann, wobei seine Geschichtsvorstellung nicht ohne Biologismen auskommt, auch die Voraussetzung für neue Lebensformen, Verfall ist Differenzierung und Steigerung der geistigen und ästhetischen Empfindungsfähigkeit, und "ohne den décadent, den kleinen Hanno, waren Menschheit und Gesellschaft seit diluvialen Zeiten keinen Schritt vorwärtsgekommen. Es ist die Lebensuntauglichkeit, welche das Leben steigert, denn sie ist dem Gast verbunden."

Bietet sich nicht auch beim Dr. Faustus eine solche Interpretationsmöglichkeit an?
 
H.-P. Haack
Faustus, verspäteter Nachtrag
Erstellt am 09.07.2006 23:24
Ein später Nachtrag:

In dem Altersroman - T.M. nahm an, dass er sein letztes Werk würde [Sprecher 1997] - ist die Vielschichtigkeit der Bedeutungsebenen in bis dahin unerreichte Höhe getrieben. Vordergründig ein Künstlerroman, finden sich weitere Romangattungen bzw. Facetten: Ein zutiefst religiöses Buch. - Eine Lebensbeichte [25.06.1948 an Peter Suhrkamp]. - Ein Epochen-Roman über Deutschland [15.12.1947 an Erich von Kahler]. - Eine Fassung des Faustmythos. - Ein Gesellschaftsroman [11.10.1944 an Agnes Meyer]. - Ein Kunstessay, in Diskursen und Sentenzen über den gesamten Roman verstreut. - Ein Roman der Musik [01.05.1948 an Jonas Lesser]. - Der dichertrische Versuch, Musik durch Sprache wiederzugeben [14.07.1948 an Friedrich Sell]. - Eine Paraphrase auf Nietzsches Biographie und Krankheit. - Dazu novellistische Einschübe und Binnenerzählungen, die ohne störende Zäsuren in die Romanhandlung eingebunden sind.

H.-P.Haack, Leipzig