Forum bei Thomas Mann
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Thema: Charakterisierung zu Siegmund aus Wälsungenblut
 
simona
wälsungenblut
Erstellt am 29.06.2005 14:52
wir nehmen gerade in der schule wälsungenblut durch und ich interessiere mich für die figur siegmund. da ich meinen interpretationskünsten nicht unbedingt traue und im internet leider nicht zu diesem thema finden kann würde ich mich über etwas hilfe freuen.
mfg simona
 
rolf
intertretation
Erstellt am 29.06.2005 17:27
hallo - ich denke, dieses forum ist keines, um schülern oder studenten die arbeit abzunehmen. vielleicht stellst du deine interpretation hier mal in stichworten vor - wer weiss, vielleicht ist jemand bereit, das mit dir dann zu besprechen. aber so - wie auch die anfrage zum "wunderkind" machts keinen spass!

gruss und viel erfolg

rolf
 
Ledio
Interpretation
Erstellt am 29.06.2005 21:01
ein wenig melancholie, vielleicht auch sehnsucht nach etwas verborgenem lassen sich in der höchst rätselhaften seele erblicken. erwähne dann noch die eitelkeit welche auch seinem erzeuger eigen war wie ich meine -es soll keine kritik am großen künstler sein-. die beziehung zu seiner schwester solltest du in jedem falle zum zentrum deiner interpretation machen. bei nicht geheucheltem interesse solltest du die oper besuchen, vermutlich erfährst du dort mehr.
übrigens finde ich rolfs einwände im höchsten maße berechtigt.

Viel Glück
 
simona
interpretation
Erstellt am 30.06.2005 15:25
zuerst mal glaube ich, dass meine frage hier lieder etwas falsch verstanden wurde.also, das sind so meine ideen zu einer interpretation:ich denke, dass thomas mann die kranke, decadente gesselschaft abbilden wollte. bei der mutter ist es der äußere niedergang, der vater "beschmutzt" das familienblut, da er von niederem stande ist, das ist zumindest die meinung, seiner kinder.die zwillinge schotten sich ab, leben sozusagen in einer eigenen welt und schlafen miteinander um die blutslinie reinzuhalten und das wälsungenblut wieder zum blühen zu bringen. siegmund geniest seinen stand, lässt sich z.b. bücher binden, was großer luxus war.er hat keine pflichten, ein schlechtes ansehen von außen und lebt die faulheit mit gepflegt mit Stilgeniesen. er ist faul, egoistisch, der stand verdirbt seinen charakter, er ir in seinem eigenen reichtum verrotten. das sind die haupthesen, die ich mir überlegt habe. wenn jemand noch andere vorschläge hat, oder ich etwas falsch interpretiert habe kann derjenige mir ja dann helfen.....
 
ursel
siegmund
Erstellt am 30.06.2005 15:45
liebe simona!
ich denke ich verstehe dein problem, da ich weiß, wie schwer es sein kann, das nachzuvollziehen und zu verstehen, worüber andere, meist auch weitaus gelehrtere und in diesem gebiet besser bewanderte, sich schon den kopf zerbrochen haben. ich erinner mich noch gut daran, wie ich vor jeder klausur sämtliche lektürenschlüssel geradezu verschlungen habe, um mich noch mehr auf die jeweilige lektüre einzulassen und mich besser mit den personen hineinfühlen zu können.
die interpretationsansätze, die in deinem zweiten beitrag geschildert hast, scheinen gut durchdacht zu sein und sicherlich wirst du noch viel aus ihnen herausholen können. ich persönlich empfehle dir wärmstens "den kleiderschrank" zu lesen, meiner meinung nach ein weiteres, von den meisten mann-liebhabern doch zu schnell abgetanes meisterwerk. also, ich wünsche dir viel erfolg bei deiner interpretation und hoffe, dass du sie mir vielleicht einmal per e-mail zusendest. mit herzlichen grüßen, ursel
 
Antonius Reyntjes
"Wälsungenblut"
Erstellt am 13.07.2005 09:09
T.M. selbst zu "Wälsugnenblut":

„Einmal habe ich eine ganze Judengeschichte geschrieben, desselben Sinnes, - die Novelle eines wild verzweifelten Zwillingspaares und seiner Gefühlsverwirrung aus Üppigkeit, Einsamkeit und Haß …’Wälsungenblut’!
Es kommt darin die anspielungsreiche Beschreibung einer Aufführung von Wagners ‚Walküre’ vor, und wenn gelegentlich von dem ‚verhaßten, respektlosen und gotterwählten Geschlecht’ die Rede ist, das im Schoß des geretteten Weibes »zähe fortkeimt«, und aus welchem ein Zwillingspaar, den plump-regelrechten Gatten betrügend, »seine Not und sein Leid zu so freier Wonne vereint«, - so ist auch das Verwirrung: des Lesers nämlich, der nicht mehr weiß, von welchem Geschlechte denn eigentlich die Rede ist. Thomas Theodor Heine hat das Buch illustriert, - eine Verbindung, die man in Weimar als bedeutungsvoll notiert haben wird. Aber, du großer Gott, was kommen denn auch in meinem Leben nicht alles für Verbindungen vor! Denn ein andermal wieder bin ich anläßlich des jüdischen Motivs ja sogar in Verse verfallen.

Wie in Venedig zuerst, in Traumgenügen und Wonne,
So noch einmal wallte das Herz mir, zehn Jahre später - - - - - - - -
Märchenosten! Traum von Morgenland! Damals, mein Schützling,
Als ich, jugendlich willig zum Rausch, auf der süßen Gestalt ließ
Ruhen mein Auge, da fiel Dir das Los, es rief Dich die Stimme
In die Zeit…"
[Forts. des Textes folgt.]
*
(Angaben zu Entstehung und Veröffentlichung s. i. d. Fortsetzungen.)
 
Antonius Reyntjes
T.M.s "Briefartikel" zu "Wälsungenblut"
Erstellt am 13.07.2005 09:15
Forts. 1:
[...]
"(...) wäre es unwahrhaftig, nähme ich die Gelegenheit nicht wahr, zu erklären, daß die kulturelle Reaktion, in der wir stehen, und von der der Hakenkreuz-Unfug ein plump populärer Ausdruck ist, meinen Bedürfnissen wenig entgegenkommt. Einer solchen Reaktion haben unsere ententegläubigen Kriegssaboteurs sich von einem deutschen Waffensiege versehen, aber nach dem triumphalsten noch hätte Roheit nicht ärger ins Kraut schießen können, als sie es unter gegenteiligen Umständen getan, und wenn es jedenfalls so kommen mußte, so hätten wir doch lieber gleich siegen sollen!
Niemand hat unter dem moralischen Zusammenbrach von 1918, dem schaurigradikalen Irrewerden des Deutschtums an sich selbst, der allgemeinen Waffenstreckung vor der Lügenideologie dies westlichen Rhetor-Bourgeois qualvoller gelitten, als ich. Mein, ganzes Herz gehört der Jugend, die heute, entschlossen, weder ‚Rom’ noch ‚Moskau’ als ihre Wahrheit und Wirklichkeit anzuerkennen, zwischen Ost und West das Deutsche sucht. Wenn es aber wahr ist, daß Münchner Studenten Gastvorlesungen eines großen Gelehrten, des ‚neuen Newton’, wie englische Liberalität ihm genannt hat, hintertrieben haben, weil dieser Mann erstens ein Jude ist und weil er zweitens, beheimatet in Sphären höchster und reinster Abstraktion, den pazifistischen Ausgleich der Völker befürwortet hat, - so ist das eine entsetzliche Schande, und ich begehre, wie es beim alten Claudius heißt, »nicht schuld daran zu sein«.
*
[Angaben zu dem Text nach der nächsten Forts.]
 
Antonius Reyntjes
"Wälsungenblut"
Erstellt am 13.07.2005 09:21
T.M. zu "Wälsungenblut"
(Hier, als Forts. 2:]

Die Juden haben, wie Goethe [*]sagt, als Volk »nie viel getaugt«, was schon die liebe Not beweist, die ihre Propheten beständig mit ihnen hatten. Ihr typischer Charakter hat seine Unannehmlichkeiten, er hat sogar seine Gefährlichkeit, - welcher Volkscharakter wiese übrigens nicht dergleichen auf? Jedes einzelne der europäischen Völker ist auf seine besondere Art dem Erdteil zum Verhängnis geworden. Die Juden aber zeichnet eines aus, was sie, man muß es sagen, unter Deutschen ‚artfremder’ erscheinen läßt, als ihre Nase: Es ist ihre eingeborene Liebe zum Geist, - diese Liebe, die sie gewiß nicht selten zu Führern auf dem Sündenwege der Menschheit gemacht hat, die ihnen aber die nicht Gang-und-gäben, die Leidend-Hochbedürftigen, die Künstler, die Dichter und Schriftsteller, immer zu Schuldnern und Freunden machen wird.
Von Dostojewski sagt Strachoff, sein Biograph: »Denn er liebte die Literatur, und diese Liebe war der wichtigste Grund, weshalb er nicht sogleich zu den Slawophilen überging. Er empfand doch lebhaft die Feindseligkeit, mit der sich dieselben von jeher ihren Prinzipien gemäß zur zeitgenössischen Literatur verhielten.« Muß Konservatismus immer die Sache der Höhlenmenschen, der geistfeindlichen Roheit sein? Oft denkt man, es wäre nicht nötig. In mir ist vieles, was mich zum erhaltenden Deutschtum zieht…
*
[Forts. folgt.]
Zum Goethe-Zitat "taugen nicht...": [*] Diese Formulierung bei Gothe kenne ich nicht; er war – wie auch gegen kreuz-stämmige Christen sehr kritisch gegen idealistische Erhebenheiten und Verfehlungen.

J.W.G.: "Wer keine Liebe fühlt, muß schmeicheln lernen, sonst kommt er nicht aus, bemerkte Goethe, als vom Charakter der Juden die Rede war." nach Friedrich Wilhelm Riemer (1774 - 1845) aus: "Mitteilungen über Goethe". Juli 1811. (Artemis. Bd. 22, 643)
 
Antonius Reyntjes
T.M. zu "Wälsungenblut" und "Jüdisches" in ihm..
Erstellt am 13.07.2005 09:33
Forts. 3:
T. M. in: "Zur jüdischen Frage" (wo er den Zusammenhang zwichen Dekadenz und Judentum in der Familie in "Wälsungenblut" dartellt:

"Ihre [als Anrede an den Briefempfänger und Dichter Efraim Frisch] Liebe zum Geist, ihre habituelle Freundwilligkeit für alles Zarte, Kühne, Feine und Freie wird mich den Juden immer verbinden.

Da habe ich wieder einmal ‚Rede und Antwort’ gestanden. Darf ich mich setzen? Ihr sehr ergebener Thomas Mann

*
(Geschrieben 1921; auf Anregung Efraim Frischs, des Mitherausgebers der Zeitschrift „Der Neue Merkur“. T. M. zog aber seinen „Brief-Artikel“ eilig zurück, mit der schalen, fein-feigen Ausrede:
„Er [der Briefartikel] ist einerseits leichtfertig und andererseits von jenem autobiographischem Radikalismus, zu dem ich neige und der manchmal meine Stärke sein mag, in so einem Aufsatz aber fehl am Ort ist und Anstoß erregen möchte.“
*
Veröffentlicht wurde der interessante Text erst, mh, äh, erst 1966; ja, als alle diese nationalen und religiösen oder philosophischen Fragen ... weitgehend geklärt waren, jfls. öffentlich diskutiert werden konnten - und nicht mehr gefährlich-gefährdend für den Autor waren.
(Höchstens noch - nur - für T.M.-Adepten oder -Fans, die sich als "Lehrer" aufspielen müssen.)
(In: T. M. Autobiographisches. 1966. S. 52ff: „Die jüdische Frage“)
*
Ich habe hier diese Zitate eingefügt, ohne mich an der o. Diskusison zu beteiligen. - Ich hoffe, es gibt jetzt einige Anregungen zu den Interpretationen, zu besseren, fundierteren Äußerungen, aufgrund von einem erstaunlich liberalen, freisinnigen T.M. selbst, der sich bis zu seinem erzwungenen, großartigen Aufruf gegen die Nazis - aus der sicheren Schweiz heraus - öffentlich nicht so freimütig äußern wollte: "Wo ich bin, ist deutsche Kultur". (Frei zitiert.)

 
Antonius Reyntjes
Stil und Wahres - in "Wälsungenblut"
Erstellt am 17.07.2005 09:42
Ich habe in einem längeren Beitrag einiges über Stil und Moral, Kunst und Wirklichkeit – Werk und Leben bei T.M. - anlässlich von „Wälsungenblut“ geschrieben, das hier fürs Forum zu lange ist und nicht in einer Eingabe aufgenommen wird.

[url]http://www.schoolwork.de/forum/beitrag_4592.html#4592[/url]
Dort, im zweiten und dritten Beitrag mein Texte.