Forum bei Thomas Mann
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Thema: Deutschlehrerin übt Kritik
 
Dagmar
politische Richtung von T. Mann
Erstellt am 20.12.2010 21:22
guten Abend,
Der Sohn einer Bekannten musste ein Referat über die Buddenbrooks halten. Er erwähnte, dass Thomas Mann in seiner politschen Gesinnung gegen Rechts gewesen sei.
Die Lehrerin hat an dieser Aussage etwas auszusetzen gehabt ( hat gesagt, dieser Fakt nicht stimme) und hat dem Jungen statt einer 2 als Note eine 3 gegeben. Ich frage nun nach eurer Meinung. Vielen Dank!
 
Wulf Rehder
Links oder Rechts?
Erstellt am 23.12.2010 07:27
Ungleich reizvoller, als einem wehrlosen Roman oder seinem toten Autor ein Markenetikett „rechts“ oder „links“ aufzukleben, ist es, von „oben“ nach „unten“, von der Oberfläche der Wörter in die darunterliegenden Schichten hinabzusteigen, wo sich der Schreibwitz verbirgt.

Beispielsweise tritt Morten Schwarzkopf als radikaler Burschenschaftler auf, der alle Adligen für Idioten hält. Aber wenn er sich „links“ ereifert, lässt der Autor ihn aus Scham erröten und zeigt uns damit, dass Mortens Radikalität künstlich ist, aber auch, dass er ehrlich ist (im Gegensatz zu Grünlich, dem es trotz Liebesschwafelei nur um die Mitgift geht). Gegen die Kapitalisten mit ihrem Wucherprofit spricht sich ausgerechnet der Dilettant Christian Buddenbrook aus, dem der Leser zustimmen mag, ohne ihn als „Linken“ ganz ernst zu nehmen. Doch dann sinnt der „rechte“ Thomas Buddenbrook seinerseits ernsthaft über dessen „linke“ Einschätzung nach, die ja auch auf ihn zutreffen könnte.

Thomas Mann hat sich nie in eine ideologische Ecke drängen lassen. Zwar sagt er später (1952), der Faschismus habe ihn „auf die linke Seite der Gesellschaftsphilosophie getrieben“; aber „den Kommunisten abzugeben, bin ich sehr schlecht ausgestattet“. Vor 1914 war er „weder Monarchist noch Republikaner“, sondern „unpolitisch.“ In den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ stellt er sich als konservativer „Ironiker“ dem „Radikalisten“ (wie seinem Bruder Heinrich) gegenüber. Dass viele politische Äusserungen Thomas Manns ambivalent sind, hat Hans Mayer in seinem Aufsatz „Thomas Mann. Zur politischen Entwicklung eines Unpolitischen“ erörtert.

Es ist also besser, Thomas Mann nicht beim Wort zu nehmen, ob er nun durch seine Romanfiguren spricht oder in eigener Sache.

Wulf Rehder