Forum bei Thomas Mann
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Thema: Die Betrogene- Exzerpte, Quellen
 
Kasia
Eröffnungseintrag
Erstellt am 19.04.2011 15:15
Hallo,
Ich moechte gern wissen, aus welchen Quellen hat Thomas Mann die Ezxerpte fuer "Die Betrogene" genommen? Mir geht um Exzerpte betreffs medizinischer Details der Krankheit, der Botanik u.s.w. Koennte mir jemand helfen? Gruesse, Kasia
 
Wulf Rehder
Quellen fuer "Die Betrogene"
Erstellt am 24.04.2011 22:54
TM hatte sicherlich eine Menge Notizen über Bäume und Pflanzen zur Hand. Der Krokus blüht schon früher bei ihm vor (z.B. im Zauberberg), Bäume spielen im Joseph eine Rolle, der schwüle Jasmingeruch kommt auch im Kleinen Herrn Friedemann vor. Für die Botanik in Herr und Hund hatte ihm sein Nachbar, Biologiedozent Karl Gruber, Hilfestellung geleistet. Dort heisst es beispielsweise: „Es gibt da Schluchten, ganz angefüllt mit Holunder-, Liguster-, Jasmin- und Faulbaumgebüsch, so dass an qualmigen Junitagen die Brust den Duft kaum zu bergen weiss.“ Die Betrogene weiss von einer Schlucht, „auf ihrem Grunde dicht bewachsen mit Jasmin- und Faulbaumgesträuch, von dem an feucht-warmen, zum Gewitter neigenden Junitagen ganze Schwaden, Wolken erwärmten Wohlgeruchs beinahe betäubend emporquollen.“ Yahya Elsaghe: „Vom blinden Genuss betäubender Düfte,“ http://www.aurora-magazin.at/medien_kultur/sinn_elsaghe_frm.htm gibt als weitere Quelle Johann Jakob Bachofen an.

Die medizinische Quellenvorlage, die TM in seiner Manier des „Höheren Abschreibens“ benutzte, war “Zur Physiologie und Pathologie der Eierstöcke im Zusammenhang mit Erscheinungen in den Wechseljahren“, das Dr. F. Rosenthal ihm zugesandt hatte. Arnaldo Benini zitiert daraus in seinem Artikel „Die skandalöse Parabel. Thomas Mann Erzählung Die Betrogene.“ (In „Liebe und Tod in Venedig – und anderswo,“ Thomas-Mann-Studien, Band 33, hrsg. Thomas Sprecher (2005) – einen Teil kann man als Google-Buch lesen). Weitere Zitate und fachmännische Kommentare bietet Professor Dr. med. J. Dietl: http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=31105

Der wikipedia Artikel „Die Betrogene“ und Hans Vagets Beitrag im „Thomas Mann Handbuch“ S. 610-618 sind sehr informativ. Sehr ausführlich Yahya Elsaghes „Krankheit und Matriarchat. Thomas Manns Betrogene im Kontext“, de Gruyter, 2010.

Wulf Rehder
 
Ingo
Meinung
Erstellt am 29.04.2011 07:54
Kasia und Wulf,

was ist eure subjektive Meinung zu Die Betrogene? Thomas Mann selbst hat diese Novelle flau genannt. Und was sagen die Literaturprofessoren in den Unis?

Neugierig, Ingo
 
Wulf Rehder
Meinung Teil I
Erstellt am 02.05.2011 03:16
I.
Thomas Mann hielt Die Betrogene für “sehr kritisierbar, aber vieler Rede nicht wert. Was man eben mit 78 noch so zu bieten hat.“ Er nannte sie ein „Nachspiel“, das er „nicht sehr hoch halte“. Fast 60 Jahre später ist das „problematische Produkt“ nicht weniger kritisierbar. „Vollweiblichkeit“ durch die Menstruation zu bestimmen, war schon zwischen den Weltkriegen passé und in den 50er Jahren beleidigend und peinlich. Und ob die üblen Streiche, die die „liebe Natur“ uns spielt, am besten illustriert werden, indem sich ein blutendes Krebsgeschwür als Anzeichen von Verliebtheit verstellt, ist fraglich. Dass die Frau der Natur verzeiht, ist dramatisch schwach: die Heimsuchung verpufft.

Für mich ist jedoch Die Betrogene vor allem sprachlich mangelhaft und reizlos; TM ist hier sein eigener Epigone.

Schon früh wird man an die Erzählung Gefallen erinnert. Im Detail gibt’s dann alte Tricks und wiederaufgewärmte Wendungen. Gleich zu Anfang erinnert „in bequemen, wenn auch nicht üppigen Verhältnissen“ an „aus feinbürgerlichem, wenn auch liederlichem Hause“ des Hochstaplers, an dem TM zur selben Zeit arbeitete. Rosalies leitmotivische „Neigung zur Nasenröte“ hat viele Vorgänger, etwa das Kopfzittern von Lotte in Weimar. Ken Keaton erinnert mit seinem „harmlos freundlichen Jungengesicht“ an die Jungmänner-Galerie mit Hermes-Beinen, vor allem aber an Klaus Heuser, dem hier wohl ein fragwürdiges Denkmal gesetzt werden sollte. Die „Erschütterung gar“, die Rosalie zwei Seiten später erfährt, als sie Kens blosse Arme sieht, „sehr ansehnliche, runde, kräftige, weisse junge Arme“, gemahnt an die glaubhaftigere Erschütterung Aschenbachs.

Wulf Rehder
 
Wulf Rehder
Meinung Teil II
Erstellt am 02.05.2011 03:17
II.
Immerfort taucht schon Gehabtes wieder auf. „Grosser Gott, ich liebe ihn ja, liebe ihn“ ist purer Paul Ehrenberg, dem TM im Tagebuch vom 6. Mai 1934 noch einmal nachruft: „Ich liebe dich – mein Gott, – ich liebe dich.“ Der rothaarige Schiffer mit den Ohrringen erinnert an Aschenbachs Venedigfahrt, und die schwarzen Schwäne sind nicht sehr subtile Todesboten. Bisweilen verfällt TM in einen lyrischen Rhythmus: „Wackerer Alter, kannst Du’s ohne Rührung ...“, poliert Flaues durch ein Schiller-Zitat aus Kabale und Liebe auf, und veredelt das Geschehen mit einem Hinweis auf Amor und Psyche. Der Dialog zwischen Rosalie und ihrer Tochter ist stilisiert, klassizistisch, unrealistisch, angeblich um „dem Peinlich-Vertraulichen Form und eine gewisse ästhetische Höhe“ zu verleihen (sagt TM). Aber eigentlich wirkt die Höhe bloss wie luftleerer Kitsch, der auch durch ein mundartliches „Da is wat am kommen“ nicht parodiert oder humorvoller wird. Der Schluss erinnert nochmals an den Tod in Venedig. „Rosalie starb einen milden Tod, betrauert von allen, die sie kannten.“ Aschenbach stirbt in vornehmerer Sprache: „Und noch desselben Tages empfing eine respektvoll erschütterte Welt die Nachricht von seinem Tode.“

Was die Gelehrten sagen: Vaget ist in seinen „Erklärungen“ ausführlich und fair. Kurzke sagt lieber (fast) nichts in seiner Biographie und in „Epoche – Werk – Wirkung“. Alan D. Latta hat zwei Artikel über die populäre und akademische Rezeption der Novelle: „The Reception of Thomas Mann’s Die Betrogene.“ Werner Wienand diskutiert die Novelle im Verhältnis zur Gnade in „Grösse und Gnade: Grundlagen und Entfaltung des Gnadenbegriffs bei TM.“

Wulf Rehder