Forum bei Thomas Mann
Autor
Thema: Felix Krull. Memoiren erster Teil oder doch eher Autobiografie erster Teil?
 
Christopher
Wie können Memoiren zu einer Autobiografie werden?
Erstellt am 12.03.2008 10:57
Hallo an alle erst ein Mal,
ich analysiere gerade die Form des Erzählens bei Felix Krull und bin dabei auf einen, meines Erachtens, Widerspruch gestoßen. Denn der volle Titel des berühmten Schelmenromans lautet: "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Der Memoiren erster Teil." Doch warum hat Thomas Mann diesen Titel gewählt? Denn eigentlich schildern Memoiren das Leben eines Individuums, in dem Falle das Leben von Felix Krull, als Träger einer sozialen Rolle, wie sie zum Beispiel der Präsident der Vereinigten Staaten hat. Eine Autobiografie, um die es sich hier offensichtlich handelt, da dem Leser gleich zu Beginn klar gemacht wird, dass die Hauptfigur Felix Krull eine Autobiographie schreiben will, wird hier gebraucht. Diese "Offenbarung" gegenüber dem Leser scheint auch sehr zutreffend, da eine Autobiografie das Leben eines noch nicht sozialisierten Menschen, die Geschichten seines Werdens und seiner Bildung und letztendlich seines Hineinwachsens in die Gesellschaft beschreibt. In der Regel führt diese bis zu einem Punkt, an dem der Erinnernde seinen Platz in der Gesellschaft eingenommen bzw. gefunden hat. Nur dieser Punkt stimmt nicht genau überein, da es ein abruptes Ende gibt und Felix Krull seinen Platz in der Gesellschaft gefunden hat. Aber Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel, vor allem, da der Autor verstorben ist und so den Roman nicht ganz vollenden konnte. Ich frage mich nun, wieso Thomas Mann dieses Titel "Memoiren erster Teil" gewählt hat, ohne dass dies zutrifft. Ich hoffe mir kann jemand weiterhelfen.

Gruß Christopher
 
H. Sondermann
...
Erstellt am 20.03.2008 19:06
Ebenso ließe sich fragen, wieso Thomas Mann seinen Goethe-Roman "Lotte in Weimar" nannte, obwohl dadurch die Schwere der Aussage zunächst abgemildert bzw. gewissermaßen zunächst im Verborgenen gehalten wird und der Schwerpunkt damit auf eine völlige Nebensächlichkeit (sei sie auch der Anlass des Ganzen) gelegt scheint. Jeder andere Titel und nicht weniger jede inhaltliche Schilderung eignete sich ebenso:
Der Grund dafür ist doch in der künstlerischen Absicht, im Ausdruck zu sehen und lässt sich nicht einfach mit dieser oder jenen Definition beantworten oder als eigentlicher Widerspruch hervorheben. Kunst und Philosophie sind unendlich vielgleisiger, sodass Widersprüche gestaltbar werden.
Was, wenn eben diese Widersprüchlichkeit eben beabsichtigt ist, wenn sie die immanente Bedeutung der Krull´schen Abenteuer und Masken andeuten soll? Es wäre doch naiv zu glauben, dass ein so durchkomponierter Roman - noch dazu, wenn sich darin so zahlreiche Parodien, Anspielungen und philosophische bzw. natur-philosophische Ebenen finden - den Kontext seines Genres oder Feldes unreflektiert lässt.
Zudem: Thomas Mann wird sich der haargenauen Bedeutungen von "Memoiren" oder "Autobiografie" sicherlich nicht so bewusst gewesen sein, die Art wie bestimmte Begrifflichkeiten und Theorien bei ihm zusammenfließen ist viel zu genial, als dass penible Lexikondefinition, die nie die komplexe Bedeutung eines Begriffs (sofern er eben auch existierte und nicht der künstlerischen Gestaltung entspränge) erfassen, dafür ausreichten.


 
kathi
Memoiren erster Teil
Erstellt am 10.04.2008 15:05
Also an sich hast du Recht nur, das Thomas Mann versucht hat mit diesem Roman die Autobiographie von Goethe "Dichtung und Wahrheit" zu parodieren ( siehe wikipedia oder ähnliche quellen!) da dies ein autobiographischer text ist versuchte er schon in äußerer gestalt parallelen zu ziehen, daher auch die Einteilung der Lebensabschnitte in Kapitel!