Forum bei Thomas Mann
Autor
Thema: Fortsetzungen des 'Felix Krull'
 
Wulf Rehder
Ergaenzungen
Erstellt am 27.05.2009 09:08
Im Juli 2006 gab’s im FORUM eine kurze Diskussion ueber Fortsetzungen des ‚Felix Krull’: http://www.thomasmann.de/thomasmann/forum/thread/853549.
Hier sind ein paar Ergaenzungen:

1. Die erste Fortsetzung ‚War ich wirklich ein Hochstapler?’ wurde 1958 bei Herbig veroeffentlicht. Der Autor war „Hans Peter Dorn“, Pseudonym fuer Walter Thomas, der noch einen zweiten Kuenstlernamen fuehrte: W. Th. Andermann. Man kann ueber seine Karriere bei Wikipedia nachlesen: http://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Thomas . Das Buch, das vom SPIEGEL als „literarisch anspruchslos“ bezeichnet wurde, ist ueber Amazon erhaeltlich. Der Fischer Verlag zwang den Herbig-Verlag zur Ausmerzung aller direkten ‚Krull’-Anklaenge.

2. Die bekannteste „Fortsetzung“ mit dem Titel ‚Olympia’ (1961) war keine direkte Fortsetzung, sondern ein Roman um Krulls literarische Schwester Olympia. Der Verfasser, Robert Neumann, hatte sich mit seinen literarischen Parodien ‚Mit fremden Federn’ einen Namen gemacht, einem zweibaendigen Werk, das Thomas Mann ausdruecklich gelobt hat. Der Fischer-Verlag, zusammen mit Tochter Erika und Witwe Katia, prozessierten lange mit Neumann. Einige Saetze wurden am Ende in der zweiten Auflage getilgt. Mehr ueber den Plagiatsstreit bei http://de.wikipedia.org/wiki/Olympia_(Roman) und http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=43160620&top=SPIEGEL

3. Erich Maletzke, http://www.maletzke.com/?page=buecher, veroeffentlichte 1987 eine Fortsetzung unter dem Titel ‚Ich kannte Felix K’. Der Fischer Verlag hatte nichts einzuwenden, nur durfte der Name „Krull“ nicht im Titel erscheinen (im Buch selbst kommt Felix Krull vor, auch Thomas Mann wird erwaehnt).

In den ‚TM Studien, Bd. V’ hat Hans Wysling die Notizen dokumentiert, die TM selbst zum ‚Krull’ und seiner Fortsetzung gemacht hatte. Diese Notizen hat Wysling auch in einem Essay benutzt: „TMs Plaene zur Fortsetzung des ‚Krull’.“ (TM Studien Bd III)
 
Wulf Rehder
Thomas Mann als Romanfigur
Erstellt am 10.06.2009 02:49
In diesen Zusammenhang, aus der Fiktion eine „wahre“ Geschichte zu machen, gehoert vielleicht auch Manfred Dierks Buch ‘Der Wahn und die Träume. Eine fast wahre Erzählung aus dem Leben Thomas Manns.’ (Artemis & Winkler, 1997), in dem TMs Leben von 1894 bis 1911 kreativ nacherzaehlt wird. Siehe auch http://www.manfred-dierks.de/ .
 
Braunschweiger Literat
Zu Walter Thomas: War ich wirklich ein Hochstapler?
Erstellt am 11.08.2009 16:36
Ich habe die Krull-Fortsetzung von Hans Peter Dorn (d. i. Walter Thomas) gelesen. Der Roman übernimmt in abgewandelter Weise viele Motive aus dem Krull. Dem Werk fehlt es an Tiefe, Symbolik und das typische Mannschen "Augenzwinkern". Thomas versucht den Schreibstil in jeder Hinsicht zu imitieren, doch hat er diesen niemals auf den Punkt getroffen und treffend parodiert.
Auf der anderen Seite finde ich die Geschichte äußerst flüssig und kurzweilig erzählt. Die amourösen Abenteuer überwiegen sehr, doch im Gegensatz zu aktuellen Werken wird der Bildungshorizont des Lesers ziemlich gefordert: Antike Anspielungen, musiktheoretische Erörterungen, Abschweifungen in Literatur und Drama, englische und französische Dialoge finden sich hier in geballter Form.
Der Autor versucht sich zwar in einer Imitation des Mannschen Stils, doch gelingen ihm in einigen Fällen auch schöne und kunstvolle Formulierungen. Ich finde das Buch geschickt und routiniert geschrieben. Dieser Roman ist einfach handwerklich gute Unterhaltungsliteratur, die man heutzutage in dieser Form nicht mehr findet. Walter Thomas hätte sich an eine Krull-Fortsetzung nicht wagen sollen, da die Schwierigkeiten auch damals ansehar waren.
 
Brauschweig_MD
Dorn:War ich wirklich ein Hochstapler?
Erstellt am 11.08.2009 17:12
Ich habe die Krull-Fortsetzung von Hans Peter Dorn (d. i. Walter Thomas) gelesen. Der Roman übernimmt in abgewandelter Weise viele Motive aus dem Felix Krull. Dem Werk fehlt es an Tiefe und Symbolik sowie das typische Mannsche "Augenzwinkern". Thomas versucht den Schreibstil in jeder Hinsicht zu imitieren, doch hat er diesen niemals auf den Punkt getroffen und treffend parodiert.
Auf der anderen Seite finde ich die Geschichte äußerst flüssig und kurzweilig erzählt. Die amourösen Abenteuer überwiegen sehr, doch im Gegensatz zu aktuellen Werken wird der Bildungshorizont des Lesers ziemlich gefordert: Antike Anspielungen, musiktheoretische Erörterungen, Abschweifungen in Literatur und Drama, englische und französische Dialoge finden sich hier in geballter Form.
Der Autor versucht sich zwar in einer Imitation des Mannschen Stils, doch gelingen ihm in einigen Fällen auch eigenständige kunstvolle Formulierungen. Dieser Roman ist einfach handwerklich gute Unterhaltungsliteratur, die man heutzutage in dieser Form nicht mehr findet. Walter Thomas hätte sich an eine Krull-Fortsetzung nicht wagen sollen, da die anstehenden Schwierigkeiten mit dem S. Fischer Verlag absehbar waren. Sein Roman "War ich wirklich ein Hochstapler?" war sein letzter Versuch, sich als Romanautor zu etablieren.