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Thema: Fremdsprachen im Erwählten
 
Mark
Der Erwählte
Erstellt am 06.03.2009 14:28
Hallo. Ich sitze gerade an einer Hausarbeit zu Thomas Manns "Der Erwälte" und dem Fremdsprachengebrauch im Werk, insbesondere die lateinischen und altfranzösischen Passagen.
Die einzigen Hinweise auf deren Verwendung, die ich bisher finden konnte, deuten darauf hin, dass sie lediglich als mittelalterliches Kolorit gelten sollten. Andererseits hat Mann sich gerade zum Gebrauch der Sprache in dem Werk öfter geäußert, leider mit der kryptischen Aussage :"Die Sprache steht über den Sprachen."

Ich würde mich freuen, hier eventuell die eine oder andere Idee dazu oder evtl Literaturhinweise hierzu zu finden.

Gruß,
Mark
 
Wulf Rehder
Sprache im 'Erwaehlten'
Erstellt am 25.03.2009 00:22
Zwei (allerdings umstrittene) Rollen lassen sich fuer die ungewohnte Sprache im ‚Erwaehlten’ nachweisen. Einmal handele es sich um einen „Sprach-Jux“, wie Thomas Mann selbst seine Sprachvermischung in einem Brief an Hermann Hesse genannt hat. Die Literaturkritik hat dann vielfach den Jux als „Sprachverhunzung“ bezeichnet, waehrend Thomas Mann den Jux eher ironisch gemeint hat, denn es war ihm mit seinen „Sprachscherzen“ ernst, so wie Goethe bei seinem ‚Faust’ von ernsten Spaessen gesprochen hat. Fuer Thomas Mann wurde es im Laufe der Zeit wichtiger, beim Leser nicht nur mit Ironie und Parodie aufzuwarten, sondern er wollte seine Hoerer lachen sehen, wie bei der Musterungsepisode im ‚Felix Krull’. Im Selbstkommentar schreibt Mann, dass ‚Der Erwaehlte’ „viel gescholten worden sei,“ und zwar „hauptsaechlich wegen der Spaesse, die ich mir darin mit dem Fromm-Legendaeren erlaube.“ Aber ein nachdenklicher Mensch „verkennt nicht den verschaemten Ernst, mit dem diese spaete und gewiss letzte Version der oft erzaehlten Geschichte die Idee von Schuld und Gnade in aller Humoristik rein bewahrt.“

Zum zweiten haben einige Kommentatoren vermutet, man koenne den ‚Erwaehlten’ auch als Exilroman auffassen und darin Verarbeitungen von Gefuehlen der Heimatlosigkeit, Isolierung und Sprachverwirrung sehen, die, wie Gregorius im Roman, auch Thomas Mann erfahren habe. Mann selbst hat diesen autobiographischen Aspekt von sich gewiesen: „Die Sprachscherze haben mit meinem Exulanten-Schicksal nichts zu tun (...). Ich konnte mir das uebernationale Mittelalter, das ich da improvisierte, einfach nicht anders als sprachlich buntscheckig vorstellen. (...) Es ist eine humoristische Idee, ueber die sich nur aergert, wer ueberhaupt keinen Spass versteht.“