Forum bei Thomas Mann
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Thema: Friedrich Nietzsche und die europäische Decadence
 
Ledio
Nietzsches Einfluß auf Thomas Mann
Erstellt am 30.06.2005 13:39
Ich würde eine kurze Erläuterung über denn Einfluß Friedrich Nietzsches auf die mittlere Schaffensperiode des Thomas Mann mit großer Genugtuung entgegennehmen.

Mir scheint, und ich kann dieses mit großer Sicherheit behaupten, Thomas Mann stünde eher in der Tradition des Ästhetizismus und der europäischen Decadence als in der, des von u.a. Th. Fontane, vielleicht auch Tolstoi gepregten Realismus des 19. Jhrs.

Anscheinend wird das Reale nur als Oberfläche bnutzt. Der "Verfall" wirkt durchaus prägender.

Was bleibt also zum Verfallspsychologen Nietzsche zu sagen?
 
rolf
nietzsche
Erstellt am 06.07.2005 23:16
hallo - lassen sie mich nur so viel (unvollkommenes) sagen: nietzsche beherrschte das lebenswerk thomas manns - von den buddenbrooks bis hin zum dr. faustus.

das seltsame ist: nihilismus, decadence, ästhetizismus interessierten ihn wenig. sonst wäre er - viellecht - ein deutscher oscar wilde geworden. seine wurzeln liegen in der tat im 19. jahrhundert - bei schopenhauer, nietzsche, tolstoi und wagner. es ist wirklich seltsam, dass er die literarischen strömungen seiner eigenen zeit (ich spreche hier vor allem von 1900 - 1914) für sich ausgeklammert hat.

er war darin ganz gewiss ein traditionalist, mehr aber doch noch ein konservativer - vielleicht mit einem besonderen sensorium dafür, was bestand haben könnte - und was nicht. jugendstilig-maniriertes wird man in seinem frühwerk nicht entdecken. aber die grossen, bahnbrechenden strömungen seiner zeit hat er sofort gesehen und verarbeitet. dazu gehört nietzsche - aber auch s. freud!

beste grüsse!

rolf
 
ledio
Thomas Mann und Friedrich Nietzsche
Erstellt am 08.07.2005 12:04
Vielen Dank für ihren anregenden Kommentar.

Die Ungewöhnlichkeit hat ihn stets angezogen. Für das üblich ablaufende Leben, das Bürgerliche, das stets Unkünstliche und Schönheit nicht als Hauptbegriff führende hegte der Künstler Thomas Mann keine großen Sympathien.

Dass er der Schule, dieser äußerst bürgerlichen Einrichtung, und der üblichen Thematik des aufgehenden 19. Jahrhunderts nicht besonders angetan war, spricht eigentlich für die aufgestellte Vermutung.

Ich glaube zu wissen dass Zeitgenossen und andere Schriftsteller, ich
denke da an Brecht, Döblin, Musil und nicht zuletzt an seinen Bruder Heinrich
Mann, ihn gerade um diese Besonderheit die ihm eigen war neideten und wie
ich meine heimlich haßten.

Vielleicht wissen sie mehr darüber doch ich glaube der junge Thomas Mann
wandelte mit einer gewissen Einsamkeit durchs Leben. Man könnte auch
vermuten, oft habe ich dieses von Kritikern hören müssen, dass Thomas Mann
den "Verfall" nicht nur in seinem Werk sondern auch in seinem Leben behandelte.

Wenn man sich all dieses vor Augen führt könnte man sich einen menschlichen
Grund für Thomas Manns vorliebe für das Werk des einsamen Genies Friedrich Nietzsche denken.

Verzeihen Sie mir vorhandene Denkfehler doch ich bin noch jung und willig neues zu lernen.
 
Antonius Reyntjes
Nietzsche - Verfallspsychologe
Erstellt am 13.07.2005 07:56
Verfallspsychologe…Nietszche?
Verfallspsychologe Nietzsche - was heißt das?

Bei F.N. heißt es analytisch-humanistisch:
„Die Empörung über das Unglück des anderen ist der männlichere Bruder des Mitleidens.“ (Nietzsche).

In einer Kladde mit Texten, die ich jederzeit bei mir trage, befindet sich auch dieses Friedrich Nietzsche-Gedicht:

F. N.:
Trost für Anfänger

Seht das Kind umgrunzt von Schweinen,
Hülflos, mit verkrümmten Zeh’n!
Weinen kann es, nicht als weinen -
Lernt es jemals stehn und gehn?
Unverzagt! Bald, sollt’ ich meinen,
Könnt das Kind ihr tanzen sehn!
Steht es erst auf beiden Beinen,
Wird’s auch auf dem Kopfe stehn.
*

Hätte T. M. mehr von Nietzsches Analyse des Christentums und der Politik des Militärismus und Nationalismus verstanden - er hätte 30 Jahre früher die demokratischen Möglichkeiten und Chancen erkennen können (übrigens wie seine Kinder es ihm beibrachten...) - und er hätte seinen fast allen psychisch gescheiterten Kindern die fatalen Ursachen und Folgen seiner egozentrischen Herren-Erziehung ersparen können.
(Und dass er F r e u d verstanden hätte, ist ein Witz; er hat Sigismund F. chick Briefkes geschrieben, um mondän und spektakulär zu sein. Aber begriffen hat er von sich selbst als Autokrator (der sich wohlgefällig "Zauberer" nennen ließ) nichts - und von dem gottverdammt-"deutschen" Zeitalter erst nach 1930 etwas geahnt, als es um Leben und Tod ging, nicht nur persönlich-männisch ("kordial"), sondern weltmäßig politisch und kulturell ("mondial").
 
ledio
Thomas Mann und seine egozentrische Herren-Erziehung
Erstellt am 13.07.2005 12:09
Ich verstehe Ihre Absichten nicht recht mein Herr.
Hegen sie das abschäuliche Vorhaben Thomas Mann zu Degradieren, ihm mangelndes Gespür für Nietzsches Werk zu unterstellen oder glauben Sie wirklich die Briefe an Freud entstanden nur aus einem Bedürfnis Thomas Manns zum "Mondänen und Spektakuleren", wie Sie mein Herr es nennen?
Es ehrt Sie, dass in den mitgetragenen Texten stets das hübsche Nietzsche Gedicht zu finden ist, um so weniger allerdings ihr Verständnis zu Thomas Mann.
Lesen Sie, falls noch nicht vollbracht, Thomas Manns Versuche über Freud, Nietzsche oder die "30 Jahre später" verstandene Demokratie.
Ich hoffe ein Funke der Begeisterung sorgt dafür dass Sie auch des "Zauberers" Magie mit Wohlgeschmack interpretieren.

Herzlichst L.v C.
 
Antonius Reyntjes
Mann - Genie und Wissenschaftler
Erstellt am 14.07.2005 17:18
Was für eine niedliche, putzige Zurechtweisung, in imitiertem Deutsch.
Ich soll also T. M. lesen nach I h r e n Vorstellungen - was und wie "SIE" ihn verstehen - und mir nicht von seiner psychologischen Unbedarftheit und von Urhebern Freud bis Einstein erklären lassen, was T. M. nun verstanden hat oder nicht - von den wichtigsten Theorien seines Jahrhunderts...? Nein, T.M. hat so gelebt, wie es ihm am besten und vortrefflichsten, am auctorialsten gefiel und er sich immer selber bestätigen und bestätigen lassen konnte, mal national-unwissend, mal antisemitisch, mal antidemokratisch, mal anti-Heinrichisch (da ist H. M. gemeint, bis sein Frau Katia "einschritt" gegen sein Beleidigtsein!) - immer ganz herrschaftlich und ungehemmt durch Eigenanalyse und Veränderungsmöglichkeiten ... - und vom Mut- und Stilwillen des Bürgertums getragen.


 
Antonius Reyntjes
Mann - Genie und Wissenschaftler
Erstellt am 14.07.2005 17:18
Was für eine niedliche, putzige Zurechtweisung, in imitiertem Deutsch.
Ich soll also T. M. lesen nach I h r e n Vorstellungen - was und wie "SIE" ihn verstehen - und mir nicht von seiner psychologischen Unbedarftheit und von Urhebern Freud bis Einstein erklären lassen, was T. M. nun verstanden hat oder nicht - von den wichtigsten Theorien seines Jahrhunderts...? Nein, T.M. hat so gelebt, wie es ihm am besten und vortrefflichsten, am auctorialsten gefiel und er sich immer selber bestätigen und bestätigen lassen konnte, mal national-unwissend, mal antisemitisch, mal antidemokratisch, mal anti-Heinrichisch (da ist H. M. gemeint, bis sein Frau Katia "einschritt" gegen sein Beleidigtsein!) - immer ganz herrschaftlich und ungehemmt durch Eigenanalyse und Veränderungsmöglichkeiten ... - und vom Mut- und Stilwillen des Bürgertums getragen.


 
Simon
Dekadenz und Apokalypse
Erstellt am 28.08.2005 08:04
Leider kann ich mich selbst nicht an der Debatte beteiligen, aber in den beiden Büchern von G. Rohrmoser ("Deutschlands Tragödie - Der geistige Weg in den Nationalsozialismus" und "Dekadenz und Apokalypse - Thomas Mann als Diagnostiker des deutschen Bürgertums") wird das Verhältnis Thomas Manns zu Nietzsche und Schopenhauer beleuchtet.
Simon
 
Anna
Decádence
Erstellt am 28.09.2005 00:09
Die Decádence ist als Gegenkraft zu Charakter und Werten der Bürgerlichkeit zu verstehen. (Bürgerliche Werte sind: Fleiß, Sparsamkeit, Ordnungsliebe, Naivität, Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Tugend, Pflichterfüllung, Geschäftssinn und natürlichkeit. Die dekadenten Gegenkräfte sind: Schauspielerei, Faulheit, Verschwendung, Liederlichkeit, Lebensgenuss, Müßiggang,Skrupel, Untüchtigkeit, Unnatürlichkeit, Durchschauen)
Nach Nietzsches Dekadenzverständnis besteht eine Gegensätzlichkeit zwischen Geist und Leben. In diesem Zusammenhang geht es Thomas Mann um „die Psychologie ermüdenden Lebens, die seelischen Verfeinerungen und ästhetischen Verklärungen (…) welche den biologischen Niedergang begleiten.“ Diese Psychologie des Verfalls trägt den „Gedanke(n) einer reziproken Doppelbewegung – Niedergang der Lebenskräfte, Aufstieg intellektueller Differenziertheit und künstlerischer Begabung.“ Hierin sieht Nietzsche, und mit ihm Thomas Mann, einen Abfall von der ‚goldenen Natur’.