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Thema: Kapitalismus eine Form der Dekadenz?
 
Angelique zboralski
Examensarbeit
Erstellt am 10.05.2009 12:41
Hallo,
ich schreibe zur zeit meine examensarbeit in neurer deutscher literatur und mein thema ist: Kapitalismuskritik in Thomas Manns Buddenbrooks.
eigentlich wollte ich mit der max weber-theorie argumentieren, aber meine prüferin hat mir nun alles über den haufen geworfen und ich muss von vorne anfangen. ich habe von thomas mann ein zitat gefunden, in dem er den kapitalismus als eine form der dekadenz bezeichnet. dies sei der fehler von marx, der die dekadenz als eine form des kapitalismus sieht.
kann mir jemand weiterhelfen? wie muss man das zitat von mann verstehen? ich bekomme den gedanken nicht zu fassen und denke aber, dass dieses zitat genau das ist, welches mein thema untermauern könnte. denn in wiefern kritisiert thomas mann mit dem roman buddenbrooks den kapitalismus? in der literaturwissenschaft ist man sich einig, dass die dekadenz, also der verfall und die geistige verfeinerung im vordergrund stehen, aber ich muss nun herleiten, wie diese dekadenz als kapitalismuskritik interpretiert werden kann.
hat jemand einen oder auch mehrere tipps? sei es literatur oder etwas anderes.
 
Wulf Rehder
Kapitalismus und Buddenbrooks?
Erstellt am 11.05.2009 08:20
Das Zitat, auf das Sie wahrscheinlich anspielen, lautet woertlich: „Der Grundfehler, den der Marxismus und Marx selbst begeht, besteht darin, die Dekadenz als eine Form des Kapitalismus, statt den Kapitalismus als eine Form der Dekadenz zu betrachten.“ Allerdings ist es nicht von Thomas Mann, sondern aus dem Buch ‚Karl Marx und sein Verhaeltnis zu Staat und Wirtschaft’ von Hugo Fischer (1897-1975). Dieser war ein deutscher Philosoph und Soziologe, von dem viele „linke“ Schriftsteller (e.g., Benjamin) gelernt haben. Das genannte Buch wurde 1932 veroeffentlicht. Das Zitat steht auf Seite 31.

Thomas Manns Dekadenz-Verstaendnis beginnt mit Nietzsche, den er den „unvergleichlich groessten und erfahrendsten Psychologen der Dekadenz“ nennt; aber dann macht TM etwas Eigenes daraus, s. auch W. Rasch: ‚Die literarische Décadence um 1900,’ und Inge Diersen, ‚Untersuchungen zu Thomas Mann,’ Berlin 1960. „Kommunismus“ kommt (natuerlich) in den ‚Buddenbrooks’ nicht vor, und ausdruecklich spricht TM davon erst nach 1917 (s. Zitate in H. Kurzkes Biographie (4. Aufl., 2005), S. 283-50), und spaeter beim Asket-Kommunisten Naphta im ‚Zauberberg’.

Es scheint einem Laien (wie mir) gewagt, eine Kommunismuskritik in den Buddenbrooks nachweisen zu wollen. Das Kommunistische Manifest wurde 1848 veroeffentlicht, also als Thomas Buddenbrook 22 Jahre alt war. Geben die Ereignisse um Tony, Christian, oder Clara Hinweise auf eine Kommunismuskritik? Den Verfall der Familie als den Hinweis auf einen Klassenkampfe zu sehen, scheint gewagt, ja unmoeglich, weil gleichzeitig die buergerlichen Familien Hagenstroem und Huneus erfolgreich werden.
 
Wulf Rehder
Kapitalismus, nicht Kommunismus!
Erstellt am 11.05.2009 23:42
Berichtigung:

Mea culpa, mea culpa: Eine famose Fehlleistung hat mich „Kommunismuskritik“ statt „Kapitalismuskritik“ im Titel der vorgesehenen Hausarbeit lesen lassen – man radiere also am besten den letzten Absatz meiner Antwort aus und vergesse sie.

Die Woerter Kapital, Betriebskapital, Kapitalzufluss, und Kapitalentziehung kommen sehr wohl in den ‚Buddenbrooks’ vor, auch die Boerse, Konkurrenz, Zinsen, Gewinn und Wucherprofit sind vertreten. Dagegen sieht man nirgends explizit das Wort Dekadenz, und Verfall sowie verfallen sind im Text sehr selten, wie zum Beispiel hier: „... man fand, dass Thomas Buddenbrook verfallen aussah - ja, dies war trotz der nachgerade ein wenig komisch wirkenden Eitelkeit, mit der er sich zurechtstutzte, das einzig richtige Wort fuer ihn -, waehrend Gerda sich in diesen achtzehn Jahren fast gar nicht veraendert hatte.“
 
Thomas
Kapitalismus und Dekadenz
Erstellt am 08.06.2009 23:22
Wo soll denn das bei Thomas Mann stehen, dass der Kapitalismus als dekadent gilt? Es gibt einige Andeutungen über die Nachteile und das Unvermögen im Kommunismus (so im Krull-Gespräch in Lissabon). Die offensichtlich pejorative Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus erscheint mir am Werk nicht nachweisbar. Die Probleme stellen sich in Manns Figuren eher als persönliche, tief psychologische Lebensunfähigkeiten dar, die sich in Besonderheit einer Person zeigen. Diese wird dann nicht ausschließlich durch die Umstände geprägt, sondern durch Eigenschaften, die ihre Entrücktheit von der Welt bedingen. So auch bei Thomas Buddenbrook und vor allem Hanno. Hier anzunehmen, Thomas Mann exemplifiziere die Kehrseiten und Abgründe des Kapitalismus, ginge vollständig fehl. Allein schon deshalb, weil sich die Kaufmannsfamilie auf den Strukturen des Kapitalismus gründet und alle Familienmitglieder diese auch als Notwendigkeit gesellschaftlicher Teilhabe und Stellung ansehen. Inwiefern die Lebensvorstellung nun divergieren und Hanno beispielsweise ausbrechen will (und wohl auch kann, nämlich als Folge der Lebensunfähigkeit durch den Tod), hat mit Kapitalismus wenig zu tun.
Diese Arbeit und Forschung als Beweis des Gegenteils würde ich gern lesen!
 
Wulf Rehder
Mehr zur Kapitalismuskritik
Erstellt am 10.06.2009 02:46
Ich stimme Thomas bei, dass es schwierig sein wird, eine Kapitalismuskritik aus den ‚Buddenbrooks’ herauszulesen, und mehr noch, eine solche auf „Dekadenz“ (ein weitgefasster Begriff um 1900) zu gruenden. Aber vielleicht ist nicht alles verloren. Es gibt da einen interessanten Artikel von Manfred Dierks:

Manfred Dierks: „,Arbeite! – Wenn ich aber nicht kann?’ Thomas Manns Buddenbrooks und die kapitalistische Moderne.“ In: Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr. 1, 2008, S. 105 – 111.

Auch in ‚Thomas-Mann-Studien’ Band 39, (hg. on Thomas Sprecher) als „,Buddenbrooks’ und die kapitalistische Moderne.“

Via Google Books ist es moeglich, wenigstens einen Teil dieses Aufsatzes, der auf Seite 111 der ‚Thomas-Mann-Studien’ beginnt, zu lesen: http://books.google.com/books?id=JXk_MB3SXsgC&pg=PA110&lpg=PA110&dq=Dierks+%22Buddenbrooks%E2%80%99+und+die+kapitalistische+Moderne%22&source=bl&ots=32UfMgFixa&sig=tV1Xy_t6513NcvobFbASfWaALlQ&hl=en&ei=9uUuSry5NoTEtAOS8qnDCA&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=6#PPA111,M1

Im Mittelpunkt der Diskussion steht hier allerdings nicht die Dekadenz, sondern die Neurasthenie (reizbare Nervenschwaeche) als Krankheit des Selbst, die Erbkrankheit der Buddenbrooks.

Es mag der Prueferin nicht genehm sein, aber so ganz falsch liegt man bei Max Weber nicht. Zwar kam seine entscheidende Schrift erst 1904/05 heraus; aber man kann argumentieren, dass TM ihn in gewissem Sinne (als persoenliche Erfahrung seiner Romanfiguren, als „Gefuehlseinsicht“) vorweggenommen hat (s. das Paper von Dierks).
 
Simon
Dekadenz
Erstellt am 14.07.2009 23:50
Dekadenzproblematik
Zitat:
"Verfallsstudien aus Deutschland
Günter Rohrmoser analysiert das Werk Thomas Manns in seiner Eigenschaft als "Diagnostiker des deutschen Bürgertums"
Friedrich Romig

Thomas Mann ist wohl der einzige "Großschriftsteller", der sein Gesamtwerk einem einzigen Thema widmet, dem Verfall und Untergang der deutschen Kultur und Gesellschaft, die er vorhersah, geistig miterlebte und bis ins Physische hinein miterlitt.
...
Was für Rohrmoser das Werk von Thomas Mann auszeichnet, ist nicht allein die künstlerische Form, sondern das tiefe Eindringen in die theologisch-religiösen, philosophisch-weltanschaulichen, künstlerisch-musikalischen, medizinisch-biologischen, psychologischen und politischen Strömungen, die das ganze 20. und auch noch das 21. Jahrhundert so unheilvoll bewegten und nicht nur uns Deutsche und die Juden, sondern die ganze Welt an den Rand der Katastrophe gebracht haben. Den Grund und die Genesis dieser Kulturkatastrophe sieht Günter Rohrmoser zusammen mit Thomas Mann "in der Emanzipation von der Religion", durch die noch "jede Kultur (...) in der Sterilität endet, von der Dekadenz überwältigt wird, oder zerstörerische Mächte freisetzt, durch die sie dann vernichtet wird". Hitler und seine verbrecherische Form des Faschismus mögen als die Vollstrecker des deutschen Schicksals in die Geschichte eingehen, zerstören konnten sie nur, was innerlich bereits tot war: "Die bürgerliche Kultur selbst ist der Herd, die Keim- und die Quellstätte, aus der die Zerstörung und die zerstörenden Kräfte und Mächte gekommen sind."

Günter Rohrmoser: Dekadenz und Apokalypse. Thomas Mann als Diagnostiker des deutschen Bürgertums. Verlag Gesellschaft für Kulturwissenschaften, Bietigheim/Baden 2005, 243 Seiten, broschiert
http://www.gfk-web.de/inhalt/buecher/dekadenz-und-apokalypse.html