Forum bei Thomas Mann
Autor
Thema: Kitsch oder Kunst?
 
Wulf Rehder
Ton vs. Stil
Erstellt am 22.09.2009 05:22
In seinem Nabokov-Buch „The Magician’s Doubt“ skizziert Michael Wood den Unterschied zwischen „signature“ und „style“, also zwischen den typischen, unverkennbaren Merkmalen eines Textes, seinen Markenzeichen, die zuverlässig den „Ton“ des Autor wiedergeben; und dem Stil: der Art und Weise, wie ein Text wirkt aufgrund seiner einmalig gelungenen Syntax, seiner überraschenden Wortwahl, Phrasierung und Bilder, wobei der Autor mit seinem Handwerk zurücktritt. Zur „signature“ gehören Manierismen wie leitmotivische Wiederholungen (bei TM das „Zittern ihres Kopfes“ der Weimarer Lotte), kitschige und sentimentale Sätze („Ein Glück“; Teile von „Königliche Hoheit“), wie auch idyllische, komische, altertümelnde Schreib-Vergnügungen (Anfang von „Herr und Hund“, „Felix Krull“, Zeitbloms „ich bitte wieder ansetzen zu dürfen“) – siehe „Thomas Manns Sprache“ im TM Handbuch.

Stil ist schwieriger zu definieren. Da wird mehr gesagt als explizit ausgedrückt, mehr getarnt oder verschwiegen, ohne dass der Leser deswegen ärmer dran ist. Man empfindet eine seltene Einheit von Sprache und Gemeintem, eine Stimmigkeit, die befriedigt und manchmal bestürzt.

Der Stil kann dabei ganz bescheiden sein, der typische Ton dagegen ist oft ein blendendes Feürwerk; keiner von beiden ist notwendigerweise besser. Ton ist imitierbar, Stil nicht.

Beispiele: Der erste Abschnitt des 2. Kapitels vom „Tod in Venedig“ ist purer TM Originalton: „Der Autor der klaren und mächtigen Prosa-Epopöe vom Leben Friedrichs von Preussen ...“, während der zweitletzte Abschnitt des letzten Kapitels TMs Stil zelebriert: „Am Rande der Flut verweilte er sich, gesenkten Hauptes, mit einer Fussspitze Figuren in den Sand zeichnend, und ging dann in die seichte Vorsee ... “

Andere, bessere Beispiele?

(Wulf Rehder)
 
Wulf Rehder
Stil versus Ton
Erstellt am 09.10.2009 05:26
Ein kenntnisreicher Philologe hat per direkter Email auf die obenstehende Unterscheidung von typischem Originalton einerseits (den immer wieder auftretenden sprachlichen Markenzeichen, Manierismen, Routine-Tricks, usw.) und dem tieferliegenden, stilleren „Stil“ eines Autors andererseits, geantwortet, dass eben beides, Ton und Stil, die sprachliche Qualität eines Autors beschreibe und eine Unterscheidung nutzlos (und unmöglich) sei und deshalb auch von den im TM Handbuch genannten Literaturwissenschaftlern nicht gemacht werde.

Dagegen liesse sich einwenden, dass zum Beispiel Walter Jens in seinem Sprach-Profil Thomas Manns als ein tieferliegendes Stilmittel (Jens spricht von poetologischem Prinzip) die „Inkongruenz“, die Unangemessenheit von res und verbum, heraushebt, die zu einer gewollten, oft komischen Verfremdung beim Leser führt, zum Beispiel, wenn Felix Krull so gelehrt wie Professor Kuckuck spricht, oder Prinz Johann Albrecht sich über amniotische Fäden ergeht. Der grössere theoretische Rahmen hier ist die aristotelische Doktrin des aptum oder prepon, die TM „auf den Kopf“ stelle. (Siehe Walter Jens: „Von deutscher Rede“)

Michael Wood geht dagegen allgemeiner von den vier Kriterien aus, mit denen nach dem Vorbild des Hieronymus heilige Texte „autorisiert“, nämlich einem bestimmten Autor zugeschrieben werden können: 1. Qualitätsstandard, 2. Stimmigkeit (mit dem, was wir von diesem Autor erwarten), 3. sprachliche Einheit, 4. historische Glaubwürdigkeit. Nach Foucault sehen wir auch heute noch einen Autor als ein Konstrukt aus diesen vier Komponenten, und eine kreative Magisterarbeit könnte aus 1. und 3., zusammen mit konkreten Prinzipien wie der „Inkongruenz“ bei Jens, eine Abgrenzung von Ton und Stil herausarbeiten.

Wulf Rehder