Forum bei Thomas Mann
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Thema: Konflikt: Zivilisation - Kultur heißt Th. Mann - Heinrich Mann oder auch Klaus Mann/Gottfried Benn
 
Tim
mdl. Abitur kommt immer näher
Erstellt am 05.06.2005 15:03
Hallo,

ich habe für mein mdl. Abitur in zwei Wochen den Konflikt zwischen Zivilisationsliterat/L'art pour l'art - Literart zu lernen. Weiß jemand ob es gut Bücher zum Thema gibt?
Danke im Voraus
 
rolf
gegensätze
Erstellt am 05.06.2005 16:03
hallo - das ist ein sehr komplexes thema, das du dir da gewählt hast. vielleicht ist eine rezension - als einstieg in die problematik - hilfreich, die in der WELT AM SONNTAG zum buch von koopmann erschien. das buch behandelt das verhältnis und die konflikte beider brüder, die ja vor allem weltanschaulicher natur - aber auch ganz lebenspraktischer art - waren.

hier die rezension:

http://www.wams.de/data/2005/05/15/718777.html?prx=1

vielleicht könnte man sich dem thema dadurch nähern, dass man einmal die begriffe distanz und ironie (thomas mann) zu den begriffen engagement und parteinahme (heinrich mann) in beziehung setzt.

gruss rolf
 
rolf
klaus mann - gottfried benn
Erstellt am 05.06.2005 22:28
hallo tim - bei nochmaligem lesen deiner überschrift haben sich dann doch verständnisschwierigkeiten eingestellt. in welcher beziehung zu deinem abiturthema stehen gottfried benn und klaus mann? ich meine, hier sind keine gegensätze zu konstruieren - vor allem nicht, was dein thema betrifft. allerdings wählte klaus mann das exil, während gottfried benn nach anfänglicher begeisterung für die nazis sich bald innerlich vom 3. reich abwandte und ein entschiedener kritiker wurde. allerdings bewog ihn das nicht zur emigration. alles in allem meine ich, dass es letztlich auch nicht um die frage geht, wer "da" blieb und wer ging. das sind dann - weiter gedacht - doch zu schlichte moralische beurteilungen. man sollte, was die emigration der familie thomas mann betrifft, nicht ausser acht lassen, dass da ein nobelpreisträger, ein eachteter und berühmter mann das land verliess - mit weniger materiellen sorgen als viele andere. schon die materielle situation seines bruders, heinrich mann, belehrt uns darüber, wie es menschen im exil erging. so ging es den meisten. nur wenigen gelang es, im exil eine einigermassen gesicherte existenz aufzubauen. diesen aspekt sollte man, so meine ich, immer mitbedenken. auch klaus mann lebte bis zum ende von den schecks seines vaters!

aber - meine frage war ja eine andere: die nach gottfried benn vers. klaus mann? was genau ist damit gemeint?

gruss rolf
 
Tim
Klaus Mann vs. Gottfried Benn
Erstellt am 06.06.2005 16:52
Hallo, erstmal danke für die ersten Beiträge. Werde die Rezension gleich angehen.
Zu der Frage bzgl. Klaus Mann und Gottfried Benn:
Auch hier lassen sich ideologische Differenzen was den Sinn der Literatur angeht herstellen. Vielleicht ist dies aus der Überschrift nicht sofort ersichtlich, doch geht es ja nicht nur um die Frage Zivilisation/Kultur sondern genauso um die literarische Frage l'art-pour-l'art vs. literature engagée. Während Klaus Mann klar auf der Seite der Zivilisationsliteraten (wie z.B. H. Mann) stand (man denke an "Mephisto"), war Gottfried Benn nicht derart engagiert was die politische Mitwirkung angeht. Diese Differenzen werden in dem Briefwechsel der beiden deutlich. Allerdings hat sich Gottfried Benn nachträglich - ebenso wie Th. Mann - besonnen. Soweit ich weiß aber trotz allem keine besonders politische Literatur verfasst. Liege ich da richtig, oder übersehe ich etwas?
Wäre sehr erfreut über weitere Antworten.
Danke und schönen Gruß

Tim
 
rolf
benn - klaus mann
Erstellt am 07.06.2005 11:58
hallo tim - es ist schon so: während klaus mann sich auch literarisch poltisch engagierte, vermied das gottfried benn. er hätte ja auch schlecht in deutschland zwischen 33 und 45 kritik üben können, ohne sich zu gefährden.

für thomas mann möchte ich den gegensatz so nicht stehen lassen. thomas mann hat sich vielfältig politisch geäussert. sein dr. faustus ist - wenn man ihn nur richtig liest - eine abrechnung mit den nazis. allerdings galt sein augenmerk immer dem "ganzen" und weniger der tagespolitik. vielleicht hatte er auch über seinen irrtum nachgedacht, als er den 1. weltkrieg so vehement begrüsste.

ihm ging es immer um die kulturell-politische einordnung deutschlands in den kulturellen rahmen eines aufgeklärten, humanistischen europas. in diesem sinne war seine arbeit durchaus politisch. wie aber auch sein nachkriegswirken zeigt, als er zb. seine schillerrede sowohl in weimar als auch in frankfurt a.m. hielt, ging es ihm darum, politisch zu einen - an die wurzeln und traditionen zu erinnern. einseitigkeiten lehnte er ab. ein so differenzierter geist konnte gar nicht anders handeln. sein sohn klaus dagegen war emotionaler, "erhitzter", leich zu begeistern und leicht zu enttäuschen. engagiert im besten sinne des wortes.

gruss rolf
 
Tim
Gottfried Benn
Erstellt am 10.06.2005 11:59
Hallo nochmal,

was Th. Mann angeht muss ich absolut zustimmen. Allerdings habe ich mich nochmals über Gottfried Benn erkundigt. Auch wenn er keine zum Nazi-System kritisch angelegte Literatur verfasste, kamen von ihm während 33-45 politische Schriften heraus ("Rede auf Marinetti"). Also trotzdem "Zivilisationsliterat"?
 
rolf
zivilisationsliterat
Erstellt am 10.06.2005 16:00
hallo tim! ich kann mit dem begriff "zivilisationsliterat" nicht viel anfangen. belassen wir es doch besser bei der unterscheidung zwischen schriftstellern, die ihr werk mehr oder weniger fernab ihrer zeit und der politik schrieben - und jenen, die ihre zeit - auch politisch - kritisch begleiten. zu den letzteren zähle ich z.b. erich kästner, der äusserst gesellschaftskritisch ("fabian") schrieb. auch klaus mann gehört in diese reihe - seine romane sind durchzogen von politischen anspielungen.

thomas mann suchte den direkten einfluss nicht. sein sohn, klaus mann, amüsierte sich einmal bei dem gedanken, sein vater könnte bundespräsident werden. das war eigentlich undenkbar, denn thomas mann hielt sich immer hübsch abseits von der tagespolitik.

und dann noch: "zivilisationsliterat" hat etwas abfälliges. der begriff könnte von thomas mann sein, um ironisch eine missglückte schriftstellerische existenz zu beschreiben.

gruss rolf
 
Ludwich Lupe
Zivilisationsliterat
Erstellt am 11.06.2005 10:21
Ersteinmal: Der Begrif "Zivilisationsliterat" ist von Thomas Mann (Betrachtungen eines Unpolitischen). In den "Betrachtungen" wird der Konflikt zwischen dem radikalen Zivilisationsliteraten und dem ironischen Ästhetizisten ausgetragen, der im Wesentlichen ein Konflikt zwischen Heinrich Mann und Thomas Mann ist (dazu lesenswert: Koopmann, Helmut: Thomas Mann – Heinrich Mann. Die ungleichen Brüder. München 2005.). Thomas Mann begründet den Gegensatz von Zivilisation und Kultur außerdem mit der Ironie als universelles Prinzip von Kunst (basiert auf Nietzsche sowie dem romantischen Begriff der Ironie, dem ironischen Vorbehalt). Indem die Ironie alles in Frage stellt, verändert sie das Leben nicht, sondern bewahrt es und vermittelt zwischen den Gegensätzen, ist also Konservativ. Der Radikalist (Zivilisationsliterat) will dagegen ins Leben eingreifen, es verändern, was Thomas Mann als Nihilistisch kritisiert.

Weitere Literatur zur Einführung: Koopmann, Helmut (Hrsg.): Thomas-Mann-Handbuch. Stuttgart 1995 und Kurzke, Hermann: Thomas Mann. Epoche - Werk - Wirkung. 3. überab. Aufl. München 1997.
 
Michael
Benn: Weinhaus Wolf
Erstellt am 22.08.2005 11:21
Zum Thema Gottfried Benn und Nationalsozialismus siehe:

Gottfried Benn: Weinhaus Wolf und andere Prosa...