Forum bei Thomas Mann
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Thema: kunst und leben
 
MadameV
kunst und leben
Erstellt am 10.01.2006 23:11
Hallo,
ich möchte wissen, wie ihr das Verhältnis von Kunst und Leben seht. Seid ihr auch der Meinung, dass sich die beiden ausschließen, wie Thomas Mann in seiner Novelle Tonio Kröger andeutet oder seht ihr diesen absoluten Anspruch auf eine Trennung der beiden Sphären aufgrund des Wesens des Künstlers an sich auch kritisch. Ich kann mich damit nicht anfreunden, da ich die Argumentation Manns nicht nachvollziehen kann, dass ein Künstler nur dann Kunst und nicht Kitsch schaffen kann, wenn er sich wie ein Asket vom Leben zurückzieht, oder besser formuliert automatisch in seiner Begabung als Künstler von eben diesem "normalen" Leben ausgeschlossen wird. Freu mich auf Meinungen!
 
Jan Haag
Kunst und Leben
Erstellt am 12.01.2006 11:21
Das ist ja nicht so klar abzugrenzen. Man muss sich das eher wie einen lebenslangen Kampf vorstellen, in dem mal die eine Seite die Oberhand hat, mal die andere. Es geht um die berühmten "zwei Seelen in der Brust". (M.E. sind es oft noch mehr!).
Viele Schriftsteller oder auch andere Künstler setzen sich mit dieser Problematik auseinander, ja die Existenz dieser Frage ist oft die Voraussetzung für die Kunstwerke. Bei Hesse finden wir z. B. das Ganze als den Kampf zwischen Kreatur und Mensch, zwischen animalischen Trieb und menschlicher Kultur.
Ist dieser Zwiespalt, den wohl die meisten Menschen in irgendeiner Form empfinden, nicht einer der Hauptantrieb für menschliches Handeln überhaupt?
 
rolf
leben - kunst
Erstellt am 28.01.2006 14:10
das von thomas mann postulierte spannungsverhältnis (mehr noch: anatgonismus!) von kunst und leben - besser noch künstlertum - bürgertum hat seinen ursprung in der philosophie von nietzsche, der sich thomas mann besonders verbunden fühlte. dieses verhältnis wird in fast allen seinen romanen thematisiert. es ist darüber hinaus ein biografisches lebensproblem thomas manns. so wie es thomas mann seinerzeit formulierte, ist das verhältnis zwischen kunst und leben wohl nicht mehr ganz nachzuvollziehen, weswegen es für uns heutige auch ein bisserl konstruiert erscheint. ich verkürze unzulässig, wenn ich den gedanken von thomas mann aufgreife, dass nur aus der distanz und ironie heraus soetwas wie kunst entstehen kann. man kann unter diesem gesichtspunkt gern einmal den "zauberberg" lesen, der genau dieses thema verarbeitet.

zum anderen: dem künstler, wie ihn thomas mann versteht, wohnt immer auch der aussenseiter und narr inne, der einer gesellschaft den spiegel vorhält und ... unter ihr leidet.

thomas mann wollte - gerade auch mit seiner eheschliessung - genau das verhindern: zum aussenseiter zu werden. er bemühte sich zeitlebens künster- und (gross)bürgertum miteinander zu verbinden. eigentlich etwas seltsam für jemanden, der den antagonimsus so sonnenklar dargelegt hat.

gruss rolf
 
Kai
RE: kunst und leben
Erstellt am 31.01.2006 14:18
Hier sei aber ausdrücklich darauf hingewiesen, dass jener Antagonismus nicht als klare Sache zu verstehen ist, sondern als eine lebenslängliche Antinomie, deren Auflösung schon aus dem Wesen der beiden Extreme nicht vollbracht werden kann. die Bemerkung, Manns selbstständige Integration ins Bürgertum sei merkwürdig- sie ist ganzheitlich gesehen schlicht irrelevant.
Wir als Rezipienten, vor allem aber Thomas Mann erleben das Sein doch als ambivalentes, komplexer gesagt, polyvalentes Phänomen. Eine Entscheidung für eines der beiden Extrema kann nicht stattfinden, vielmehr ist es im Sinne Heraklits gedacht, wenn Thomas Mann die beiden Seinspole als Gegensätze versteht , die sich bedingen und Harmonie, Kunst schaffen.
Und nebenbei, ohne alle Metaphysik bemerkt: Thomas Mann wurde nicht vom Bürgertum besiegt. Konnte es gar nicht.
 
Michael MultiVista
Kunst bei den Manns
Erstellt am 23.03.2009 15:38
Thomas Mann wurde nicht vom Bürgertum besiegt.
Konnte es gar nicht.

MultiVista meint:
Ja, im Gegenteil, er war ja selbst ein "tragender" Teil des Bürgertums, in dem Sinne, dass er ihr - bspw. mit Buddenbr./Zauberb. - einen Spiegel vorhielt... und damit die Gesellschaft, das Bürgertum nicht verachtete, sondern zu "heilen" versuchte...

Wie hätte wohl Thomas Mann (und auch Heinrich) wohl geantwortet, wenn man sie als Mitglieder, ja Repräsentanten des Bürgertums gesehen hätte?

aus: http://209.85.129.132/search?q=cache:7bljvjc1A-oJ:www.thomasmann.de/thomasmann/forum/thread/493853+Mann+Thomas+Kunst&cd=1&hl=de&ct=clnk&gl=de&ie=UTF-8
 
Michael MultiVista
Kunst und Leben bei den MANNs
Erstellt am 23.03.2009 15:50
Und sein Bruder, der Antagonist im falle der Auffassung von "Kunst":

http://www.dhm.de/lemo/html/kaiserreich/kunst/unrat/index.html

"In seinen seit 1900 veröffentlichten Romanen hatte Heinrich Mann die bürgerliche Gesellschaft vorwiegend an ihrem ästhetischen Erscheinungsbild gemessen und - über eine Kritik décadence - ihren spätzeitlichen Verfallszustand analysiert. Das in dem Roman "Die Jagd nach Liebe" zentrale Problem von Kunst und Leben behandelte er nach 1903 in einer Reihe von Novellen (Pippo Spano, 1905). Mit dem 1904 verfaßten "Professor Unrat", dessen Niederschrift nach Aussage des Autors "nur wenige Monate" in Anspruch nahm, wandte er sich - die großstädtische, kosmopolitische und bohemienhafte Weitläufigkeit der früheren Werke preisgebend - unmittelbar der deutschen Provinz zu."

Meine Frage wäre noch, wie hätten sich Thomas und Heinrich - und IHR - entschieden, wenn es um diese vermeintliche Alternative geht:

"Das Leben diene der Kunst"

und/oder:

"Die Kunst diene dem Leben"

Gruss
MultiVista,
Frankfurt

 
Michael Multivista
Das Leben bedarf der Kunst
Erstellt am 27.03.2009 12:11
"Da der Mensch von Natur aus Vernunft besitzt,
ist die Kunst kein Gegensatz zur Natur,
sondern Vollendung der Natur."
(Ovid)

Meine Überlegungen dazu:

http://www.literaturforum.de/forum/politik-gesellschaft/3966-das-leben-diene-der-kunst.html

http://www.literaturforum.de/forum/showthread.php?p=87226#post87226