Forum bei Thomas Mann
Autor
Thema: ortografi...?
 
Antonius Reyntjes
T.M. über die "Recht"-schreibung
Erstellt am 20.06.2005 18:43
T.M. und die Rechtschreibung heute...?
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Originaltext:
T.M.: DIE NEUE „ORTOGRAFI“ (1954)
- Auf eine Feuilleton-Umfrage der “Weltwoche“. Zürich -

Da Sie meine Stimme hören wollen, beeile ich mich, zu erklären, daß ich mich auf die Seite der Opponenten gegen die geplante Verarmung, Verhäßlichung und Verundeutlichung des deutschen Schriftbildes stelle. Im Englischen, dessen Rechtschreibung weit verwickelter, für Kinder schwerer erlernbar und scheinbar unlogisch ist, läßt sich eine solche Reform immer noch leichter vertreten, als im Deutschen, und tatsächlich gibt es heute in Amerika schon Leute, die tho statt though und einfach u statt you schreiben. Schön ist das freilich nicht, und für mein Gefühl sollte man auch dort mit Behutsamkeit und Pietät vorgehen. Gewiß ist es nicht mein Wunsch, den Herren Elementar-Lehrern ihre Aufgabe zu erschweren, aber ich glaube nicht, daß die gegenwärtige, schon in vielen Fällen hinlänglich vereinfachte Rechtschreibung eimem normalen Kind solche Schwie­rigkeiten bereiten kann, daß man zu Mißbildungen, wie ‚rükkker’ und ‚fuks’ greifen müßte. Mich stößt die Brutalität ah, die darin liegt, über die etymologische Geschichte der Worte rücksichtslos hinwegzugehen, und außerdem haben die verpönten Zeichen doch ihre Funktion, indem sie dem Kind die richtige Aussprache anschaulich machen.
Es wäre natürlich noch viel über den Gegenstand zu sagen, aber ich darf mich nicht zu weit führen lassen.
(In: Weltwoche. Zürich. 25. Juni 1954; aus: T. M: Stockholmer Ausgabe der Werke von Thomas Mann. Nachlese. Prosa 1951 - 1955. Frankfurt/M. 1956. S. Fischer Verlag. 203f.)
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<Bn gspantt uf Reaktionen us demm hoitign "off" zu T.M.s Meynung übba di "ortografi" (1954). A.Rey.>
 
Sulpiz Delhaye
Mann konnte nicht schreiben
Erstellt am 30.07.2005 21:00
8.000 Fehler im "Zauberberg"
Ab Montag gilt die Rechtschreibreform

Waakirchen (ddp). Mit dem 1. August erhöht sich die Zahl der Rechtschreibfehler in Thomas Manns Roman «Der Zauberberg» von annähernd null auf etwa 8000. Schreibweisen, die seit mehr als 100 Jahren für die meisten Menschen selbstverständlich sind, seien es für die Behörden nicht mehr, teilte die Forschungsgruppe Deutsche Sprache (FDS) am Samstag in Waakirchen mit. Lehrer seien mit der verbindlichen Einführung vermeintlich unstrittiger Teile der Rechtschreibreform für Schulen und Behörden in 14 von 16 Bundesländern ab Montag gezwungen, sie vom 1. August an nicht nur als unüblich oder veraltet, sondern auch als falsch zu kennzeichnen.

Ausgerechnet im Unterrichtsfach Deutsch treffe diese Darstellung aber nicht zu. «In der deutschsprachigen und in der ins Deutsche übersetzten Literatur sind diese Schreibweisen die einzig üblichen», so die FDS. Es gebe weder vom «Zauberberg» noch von sonst einem Werk Thomas Manns Ausgaben in reformierter Rechtschreibung, und genauso wenig gebe es sie von Werken der Nobelpreisträger Böll, Canetti, Grass, Jelinek, Hesse oder Mommsen. Es gebe solche Ausgaben auch nicht von Übersetzungen der Klassiker der Weltliteratur.(ddp)