Forum bei Thomas Mann
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Thema: Pölchen
 
Dr. Evgueni Berkovitch
Pölchen
Erstellt am 01.05.2011 12:51
Im Brief an Peter Pringsheim von 06.11.1917 hat Thomas Mann geschrieben: "Die obere Diele ist mit den Tölzer Eßzimmer-Möbeln eingerichtet und das als Fremdenzimmer Gedachte im II. Stock wollen wir mit Katja's Ahorn-Sachen zu einer Art Pölchen gestalten". Im Kommentar sieht man, dass Mann über einen kleinen Privatsalon der Frau Hedwig Pringsheim redet, die eine leidenschaftliche Verehrerin von Napoleon I war. Aber was bedeutet das Wort "Pölchen"? Woher ist es gekommen?
Danke im Voraus.
Dr. Evgueni Berkovitch
 
Wulf Rehder
Pölchen ist der kleine Napoleon
Erstellt am 06.05.2011 04:51
Hier erlaubt sich TM einen privaten Sprachscherz mit dem Namen Na-pol-eon. Die Nachsilbe –chen wird ja oft zur Verkleinerung oder bei Kosenamen gebraucht: Lottchen ist die kleine Lieselotte. Und beim langen o tritt dann oft der Umlaut ö auf: der kleine Mond ist das Möndchen und der kleine Sohn das Söhnchen. Wenn man die erste Silbe Na- und die letzten drei Buchstaben –eon auslässt, dann weist also Pölchen auf den „kleinen Napoleon“. Einem (kleinen) Zimmer einen Personennamen wie Pölchen zu geben, ist vielleicht nicht sonderbarer, als einen barocken Prunkstuhl aus dem 17. Jahrhundert einen „Louis XIV“ zu nennen.

Dies ist in der Tat auch die Erklärung von Peter de Mendelssohn im zweiten Band seiner Biographie „Der Zauberer“, S. Fischer, 1996, Seite 1808. Dort heisst es lapidar: „Die ‚Ahorn-Sachen’ waren die Möbel des Tölzer Salons; ‚Pölchen’ hingegen bedeutete Frau Hedwig Pringsheims ‚Napoleon’ und bezog sich auf ihren Privatsalon in der Arcis-Strasse“. In ihren Briefanmerkungen macht Erika Mann dies nicht so deutlich.

Die andere gebräuchliche Form der Verkleinerung ist bekanntlich –lein, wie in Kindlein oder beim Kosenamen Mielein, wie Katia Mann im Familienkreis und in Briefen oft hiess. Vor allem bei Klaus, der Eissi oder Aissi genannt wurde. TM selbst war Pielein, meist aber der Zauberer oder einfach Z. Erika (Eri oder Erikind) war besonders begabt dafür, kuriose Spitznamen auszuteilen, zum Beispiel „Kuzimuzi“ für Bruno und Elsa Walter, s. „Erika Mann – Einblicke in ihr Leben“, Dissertation von Anja Maria Dohrmann.

Wulf Rehder
 
Dr. Evgueni Berkovitch
Babüschlein
Erstellt am 12.05.2011 12:19
Vielen Dank, sehr geehrter Herr Rehder! Mit "Pölchen" ist alles klar! Könnten Sie mir bitte auch erklären, was bedeutet der Kosename "Babüschlein" von Peter Pringsheim? Ist hier eine Verbindung mit dem russischen Wort "Babuschka" (Großmutter)? Oder liegt im Grund "Baby"?

Danke im voraus!
Dr. Evgueni Berkovitch

P.S. Einige russische Wörter hat Thomas Mann in seinen Werken benutzt, z.B. "Batuschka" in "Tonio Kröger":"»Nun, Gott mit ihm, Batuschka«, sagte Lisaweta".
 
Wulf Rehder
»Babüschlein« Phantasien
Erstellt am 13.05.2011 02:52
Wenn sogar de Mendelssohn, der jedes Detail über die Familien Pringsheim und Mann kannte, hier die Segel strich und in seiner Zauberer-Biographie schrieb, es sei „unbekannt, warum Peter Pringsheim im Familienkreis von Kindheit an »Babüschlein« genannt wurde“, dann müssen wir Amateure erst recht gestehen: „Keine Ahnung, warum er sogar noch als 70-jähriger Onkel Babüschlein hiess.“ (In einem Brief von Thomas Mann.)

Aber ich möchte trotzdem spekulieren. Es ist nicht ungewöhnlich, dass eine so intellektuelle und sprachgewitzte Familie wie die Pringsheims im engsten Kreis der linguistischen Albernheit die Zügel schiessen liess. So hiess die sonst eher strenge Hedwig Dohm, Katias Oma mütterlicherseits, in der Familie Miemchen. Katias Großeltern väterlicherseits waren Mumme und Pumme. Und Fink und Fey waren Hedwig und Professor Alfred Pringsheim, Katias Eltern.

»Babüschlein« könnte eine Variante von Büblein sein, dem kleinen Buben – auf Münchnerisch „kloana Bua“, „Büabal“, „Büberl“ oder „Bürli“. Oder verwandt sein mit „Bürschlein“, dem kleinen Burschen (auch „Butschi“); aber das ist unwahrscheinlicher, es klingt zu norddeutsch (Bursche kommt z.B. in den Buddenbrooks vor). Möglich wäre eine Herkunft von „babbeln“ = undeutlich, unverständlich, lallend sprechen wie ein Baby. Jedoch scheint das „babbele“ eher in Hessen zu Hause als in Bayern.

Hier noch zwei exotische Moeglichkeiten:

1. Babu-ji ist in Teilen Indiens eine Ehrenbezeichnung wie „hoher Herr“.

2. Meyers Konversations-Lexikon aus TMs Zeit hat ausserdem Babusch = Pabudsch: eine weiche tuerkische Pantoffel. Manchmal auch: Baboschen, Babuschen, Pampuschen, oder Puschen (Norddeutschland). Franz. Babouche. http://de.wikipedia.org/wiki/Pantoffel

Wahrscheinlich aber ist »Babüschlein« nichts anderes als eine lautmalerische verbale Zärtlichkeit wie Schnuckiputzi.

Wulf Rehder