Forum bei Thomas Mann
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Thema: Richard Wagner im Doktor Faustus
 
Dominic Winkler
Leverkühn und Wagner
Erstellt am 24.06.2009 14:58
Hallo allerseits,

Ich befasse mich im Deutsch-Unterricht soeben mit dem Doktor Faustus von Thomas Mann, und wollte mich erkundigen, ob folgende These richtig oder zumindest plausibel ist: Dass die musikalischen Errungenschaften Leverkühns vordergründig zwar auf Arnold Schoenberg zurückzuführen sind, in ihrem metaphysischen Zusammenhang und wie Mann sie schildert, jedoch eher mit dem romantischen Charakter Wagner´scher Werke Ähnlichkeit haben.

Nachdem Mann das Buch als seine Lebensbeichte bezeichnete, und der Lebenslauf Leverkühns ja zahlreiche Parallelen mit jenem von Friedrich Nietzsche aufweist, dachte ich, dass sich darin ja auch Bezüge auf Wagner und Schopenhauer finden lassen könnten.

Des Weiteren würde es mich noch interessieren, ob jemand eine Stelle in einer Wagner´schen Oper kennt, an welcher man überhaupt das ganze Lebensgefühl Leverkühns bzw. seiner Musik gut veranschaulichen könnte...ich würde nämlich mein Referat gerne mit einem kurzen Auszug aus einer Wagner-Oper auflockern.

Vielen Dank schon einmal
Dominic Winkler

 
Wulf Rehder
Wagner im Faustus
Erstellt am 30.06.2009 00:46
Wenn Sie genuegend Zeit haben, duerfte Ihnen die leicht lesbare Dissertation von Thomas Schneider behilflich sein. Sie koennen Sie kostenlos im pdf-Format bei der Deutschen National Bibliothek einsehen: http://deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?idn=971886636 , s. dort u.a. im Kapitel 6, besonders 6.5.2. Am Schluss gibt Schneider die folgenden Namen von historischen Personen an, die nach seinen Recherchen in die Figur (oder das „Portraet“) des Leverkuehn eingegangen sind: Nietzsche, Wagner, Duerer, Webern, Berg, Wolf, Schoenberg (ganz besonders), Thomas Mann selbst, und Duerers „Schmerzensmann“. Die Thematik von Wagnerschem Leitmotiv vs. Zwoelftonmusik Schoenbergs wird auch angesprochen; s.auch die in der Dissertation angegebenen Literaturhinweise ueber Wagners Einfluss auf den ‚Doktor Faustus’ im allgemeinen und Leverkuehn im besonderen.
 
Wulf Rehder
Mehr zu Wagner im 'Faustus'
Erstellt am 30.06.2009 07:13
Mehr ueber Wagner im ‚Faustus’:

„Mann und Wagner“ ist zwar ein zu weitlaeufiges Thema fuer ein FORUM, aber man darf, glaube ich, sagen, dass TM mit Leverkuehn Wagner ueberwinden wollte und dass ihm die Erfindung der 12-Ton Musik Schoenbergs, vermittelt durch Adorno, dazu die Moeglichkeit gab. Kurzke beschreibt dies in seiner TM-Biographie:

TM habe zwar Kenntnisse ueber die Musik des 19. Jahrhunderts gehabt, sein Musikgeschmack sei aber „ueber das Werk Richard Wagners nicht hinausgekommen.“ Diese Begrenztheit TMs und Befangenheit Adrians wird nun durch die Paktleistung Adrians mit dem Teufel ueberwunden: der Rausch der Inspiration und schoepferischen Euphorie wird ihm moeglich durch die Syphilis, das „Aphrodisiacum des Hirns“, welche die alte laehmende Verstandeskontrolle beseitigt. Wie allerdings solche nachwagnerischen Kompositionen wie das Oratorium „Apocalipsis cum figuris“ aussehen koennten, wusste TM nicht. Hier kam dann Adornos zum Auftritt. (S. den Abschnitt „Der Ratgeber“ in Kurzkes Buch und das 34. Faustus-Kapitel.)

TM hatte schon 1933 in seinem (z.T. missverstandenen) Aufsatz „Leiden und Groesse Richard Wagners“ gewisse „reaktionaere Zuege“ festgestellt. Im ‚Faustus’ selbst gibt’s dann Passagen vom „Widerspiel zur nationalistisch-wagnerisch-romantischen Reaktion“ und ueber „Muenchen mit seiner stehengebliebenen Wagnerei.“