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Thema: Settembrini und Naphta
 
Dennis U.
Hilfe
Erstellt am 05.03.2006 23:33
Weiß jemand ein Buch, das einem das Denken Settembrinis und Naphtas erläutert ? Gibt es z.B. eine Studie , die einem da helfen kann und die vielen Widersprüche der beiden aufklären hilft ?
 
Nico
Settembrini und Naphta
Erstellt am 06.03.2006 10:26
Um eine ähnlich sinnvolle Antwort zu geben, wie man sie hier immer wieder (insb. durch best. Teilnehmer) zu lesen vermag (siehe http://www.thomasmann.de/thomasmann/forum/thread/530647)

"Ich glaube es gibt keine bessere Möglichkeit, etwas über" Settembrinis und Naphtas Denken "zu erfahren, als einfach" den >Zauberberg< "zu lesen... Nach der Lektüre ist eigentlich alles beantwortet."
 
Dennis Ulbrich
Entschuldigung . .
Erstellt am 23.03.2006 23:23
Ich möchte gerne ein Missverständnis klären: Ja, es ist richtig: Auf die Frage, wie denn das Verhältnis Thomas Manns zu seinem Vater war, habe ich etwas undeutlich und oberflächlich geantwortet, man möge doch einfach die "Buddenbrooks" lesen und so auf die Antwort kommen. Da konnte ein falscher Eindruck entstehen. Ich meinte das keineswegs überheblich oder sogar abwertend. Ich war nur einfach der Überzeugung, dass die Kühle, Geschäftigkeit - und überhaupt eigenartige Familiensituation bei den Buddenbrooks als anschaulichstes Beispiel und "Beichte" Thomas Manns gelten könnte. Eine andere, präzisere Formulierung meinerseits hätte das Missverständnis vielleicht nicht aufkommen lassen. Ich entschuldige mich gerne dafür.
Liebe Grüße.-
 
Simon
Settembrini und Naphta
Erstellt am 25.03.2006 11:48
Hallo Dennis,
nachfolgend ein Auszug aus meinem Referat:


Gruß Simon
 
Simon
Settembrini und Naphta
Erstellt am 25.03.2006 11:50
1"... Das individuelle Schicksal von Hans Castorp verbindet sich in diesem Roman mit dem geschichtlich kollektiven der Epoche. Er ist nicht nur ein Individuum, das aus der Rolle fällt, sondern er trägt gleichzeitig das Schicksal seiner Epoche aus. Die bestimmenden Ideen dieser Epoche, der Weimarer Republik, die innere geistige Verfassung der Deutschen nach dem ersten Weltkrieg bringt Thomas Mann in diesen Roman hinein. Die Art wie das im Roman geschieht ist das Gespräch zweier unterschiedlicher Personen, Settembrini und Naphta. Wenn man diese Diskurse liest erscheinen sie einem öfters überflüssig und langweilig, aber das entscheidende daran ist, dass ein Kampf der Ideen stattfindet. Sie kämpfen aber nicht, wie man vermuten könne um den Nachweis darüber, wer denn nun recht hat, sondern sie kämpfen um den Geist und die Seele von Hans Castorp. Wem gelingt es, den Geist und die Seele von Hans Castorp mit seinen Ideen zu erobern und ihn dafür zu stimulieren und zu inspirieren?

 
Simon
Settembrini und Naphta
Erstellt am 25.03.2006 11:51
2 Worum geht es in der Debatte? Settembrini steht für das Prinzip Fortschritt, Naphta für die Reaktion. Settembrini ist der Humanist, der daran glaubt, dass sich der Mensch vervollkommnen und verbessern kann durch das schöne litararische Wort. Nichts verbessert und veredelt den Menschen mehr als das schöne literarische Wort. Er bekennt sich zu den Mächten des Fortschritts, d.h. zu dem Glauben an die vorraussetzungslose Wissenschaft, die uns zu immer neuen Erkenntnissen führt. Die unendliche Vereinigungsfähigkeit des Menschen führt dann dazu, dass am Ende aller dieser Anstrengungen eine liberale Weltrepublik steht, die alle Nationen, Völker und Kulturen transzendiert. Sinn und Zweck all dieser Anstrengungen ist der Kampf gegen die Krankheit und das Leiden, mit dem Ziel dieses auszulöschen. Der Mensch soll nicht mehr leiden. Settenbrini kämpft dafür, dass ein Zustand hergestellt wird, in welchem der Mensch gesund und ohne Leiden die ganze Schönheit und Fülle auch seiner leiblich-sinnlichen Natur genießt und sich mit allen Menschen in der Welt zur großen Einheit der Weltrepublik vereinigt, in der Gewalt, Krieg und Aggression verschwunden sein werden. Das ist seine Position.

 
Simon
Settembrini und Naphta
Erstellt am 25.03.2006 11:52
3Wofür steht nun Naphta? Es heißt Naphta steht für die Reaktion. Die Zielsetzung ist eigentlich die Gleiche, unterschiedlich sind die Prämissen und Methoden, die ganz anders sind wie sie dem Humanisten Settembrini vorschweben. Auch Naphta meint, dass am Schluss die ganze Menschheit vereinigt sein wird, aber nicht in sinnlicher Pracht und Herrlichkeit und zwangloser Brüderlichkeit, sondern beherrscht durch das Prinzip Autorität und organisiert durch das Prinzip Hierarchie. Und die Prämisse ist nicht, dass der Mensch an sich gut ist (humanistische Position), sondern böse und deshalb ist dieses Endziel, dieser Endzustand nur zu erreichen durch Terror. Der Terror wird der einzig mögliche Weg sein, um die Menschen dort hinzubringen, wo sie hinkommen müssen, nämlich zu einem großen Menschheitsvereinigenden Staat. Naphta sieht, dass nach den Erfahrungen des ersten Weltkrieges und der Zeit danach das Ende des Zeitalters gekommen ist, das durch Individualismus und Freiheit geprägt war. Die Neuzeit geht zu Ende, und man erlebt die Wiederkehr von Strukturen und Formen und typisch für das Mittelalter gewesen sind und die man für längst überwunden glaubte. Naphta hat auch überhaupt kein Problem die ganze Gleichheitsideologie des Kommunismus in seine Theorien mit zu integrieren.
 
Simon
Settembrini und Naphta
Erstellt am 25.03.2006 11:55
Wer gewinnt nun diesen geistigen Kampf? Genau genommen gewinnt ihn keiner, sondern das, was hier stattfindet, ist ein Experiment. Die Ideen kämpfen miteinander um die Seele und den Geist des jungen Mannes. Hans Castorp hört skeptisch zu, stimmt einmal Settembrini, dann wieder Naphta zu und gibt zu, dass sie nicht Unrecht haben. Aber er entscheidet sich nicht zwischen Fortschritt und Reaktion. Er sagt weder, dass beides richtig ist, noch behauptet er, dass beides falsch ist sondern es lässt sich beides anhören. Aber er entscheidet sich nicht. Sondern was herauskommt und das stellt Thomas Mann sehr präzise dar, sind die beiden Grundkategorien, in denen die, in denen die innere und äußere Lage der ihrem Untergang entgegendrängenden Weimarer Republik zur Sprache kommen. Zum einen ist das als Ergebnis dieser endlosen Diskussionen zwischen Settembrini und Naphta die große Konfusion. Originalzitat von Castorp: --- „die Konfusion war groß, die herauskam bei ihren Reden“. Die große Konfusion ist die Verirrung und Verwirrung einer Zeit, die sich auf gemeinsame Begriffe, und sei es nur darum, um ihre eigene Lage zu beurteilen, nicht mehr verständigen kann, anders ausgedrückt, Konfusion ist die Folge scheiternder Verständigung. Auch Lösungsansätze wie: „es gibt für alles eine Lösung, wenn wir miteinander sprechen“ helfen nicht weiter. Dieser geistige Zustand, um den es in diesem Roman geht, wo Ideenansätze miteinander und gegeneinander ringen, die sich wie Wasser und Feuer zueinander verhalten lässt keinen Kompromiss zu. Es gibt eben kein bisschen Terror und es gibt auch keinen Humanismus, der den Menschen von der Krankheit erlösen und befreien kann, sondern der Mensch wird immer wieder auf seine Gebrechlichkeit zurückgeworfen. Da gibt es keine Vermittlung und keine Versöhnung, sondern das steht unvereinbar und unversöhnbar nebeneinander und stellt sich dar als die große Konfusion..."
 
Simon
Settembrini und Naphta
Erstellt am 25.03.2006 11:56
Für mein Referat habe ich neben dem Roman noch verwendet (und vieles geklaut) das Buch "Dekadenz und Apokalypse - Thomas Mann als Diagnostiker des Deutschen Bürgertums von Günter Rohrmoser" (http://www.gfk-web.de/)

Gruß Simon
 
Gordon
RE: Settembrini und Naphta
Erstellt am 13.04.2006 18:02
@Simon

"Naphta sieht, dass nach den Erfahrungen des ersten Weltkrieges und der Zeit danach das Ende des Zeitalters gekommen ist, das durch Individualismus und Freiheit geprägt war."

Die "Erfahrungen des ersten Weltkrieges und der Zeit danach" konnte Naphta nicht verarbeiten, da er da schon tot war ...
Der Roman endet mit Beginn des ersten Weltkriegs.
 
Simon
Settembrini & Naphta
Erstellt am 15.04.2006 22:00
@Gordon: danke für den Hinweis.
@Dennis: nein, ich habe keinen Werbevertrag, wäre aber für Hinweise dankbar, wo es das gibt.
Ich halte es aber für fair und seriös, dass ich die Quellen meiner Arbeit nenne, außerdem bin ich von dem von mir genannten Buch (er heißt Rohrmoser) sehr fasziniert. Auf diese Zusammenhänge wäre ich selber niemals gekommen.