Forum bei Thomas Mann
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Thema: Sex und Thomas Mann
 
Giselle
Text-Stellen?
Erstellt am 12.05.2011 10:51
Hat Thomas Mann sich irgendwo (außer in seinen Tagebüchern) einmal ausdrücklich über Sex geäußert? In Kommentaren liest man oft von Homoerotik, zum Beispiel im „Tod in Venedig“, aber richtiger Sex kommt nie vor, oder? Nicht einmal in der Sprache: Im „Zauberberg“ gibt es zwar unzweideutige Hinweise auf das laute russische Ehepaar im Nebenzimmer, ebenso auf den nächtlichen Besuch von Hans Castorp bei Clawdia Chauchat, von dem dann aber doch mehr verschwiegen als gesagt wird. Auch beim Doktor Faustus schreibt Thomas Mann ausführlicher von der Syphilis und dem musikalischen Motiv h-e-a-e-es (von „hetaera esmeralda“) als vom Treffen selbst – das ja stattgefunden haben muß.
 
Wulf Rehder
Sehr verliebt oder objektiv
Erstellt am 31.05.2011 19:38
„Der Zbg. Wird das Sinnlichste sein, was ich geschrieben haben werde, aber von kühlem Styl“ (Tagebuch vom 12.3.1920). Sinnlichkeit ist nicht Sex, sondern Sexualverdrängung, die sich in vielen Details zeigt, von Freudscher Symbolik (Bleistift) bis zu Parallelen zwischen Clawdia und Castorps Jugendliebe Hippe. Clawdia ist verführerisch, aber nicht als Frau, sondern weil sie jungenhaft ist. Nicht nur diese latente Homoerotik schwebt über dem ersten Teil des Romans, sondern auch TMs Theorie „Über die Ehe.“ Biographisch begründet in seiner eigenen problematischen Ehe, und philosophisch unterstützt von Kant, Nietzsche, Schopenhauer und Hegel – alle keine Frauenfreunde oder erfolgreichen Ehemänner – baut sich TM eine Theorie, die u.a. besagt, daß ein Künstler zum Ehemann gar nicht taugen könne. Ehe sei nämlich Pflicht und Vernunft, das Künstlerdasein dagegen orgiastische Freiheit und gesetzlose Leidenschaft, die den Künstler heimsuche. In seiner typisch antithetischen Begriffswelt muß damit zwangsläufig der Künstler homosexuell sein (Aschenbach) oder impotent (Spinell) oder am „Sex“ erkranken (Faustus). Castorp ist allerdings kein Künstler. Im zweiten Teil des Zauberbergs ist er neutral und weigert sich, „hahnenmäßig“ eifersüchtig zu sein auf Peeperkorn.

Anderswo zeigt sich diese Philosophie des unkünstlerischen Sex in Aphorismen, die uns lustig vorkommen. In den „Bekenntnissen“ schreibt er: „Maupassant, der kein Kostverächter war, nennt den Zeugungsakt einmal »unflätig und lächerlich« – »ordurier et ridicule«. Man muß eben sehr verliebt sein, um dem zu widersprechen.“ In seinem Aufsatz über Goethe und Tolstoi (dessen „geschlechtliche Lust“ im Gegensatz zu Goethes „humanistisch-antik“ akzentuierter Sexualität „russisch-kraftschwelgerisch“ war) zitiert er Maupassant wieder und statuiert: „Man kann nicht objektiver urteilen.“

Wulf Rehder