Forum bei Thomas Mann
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Thema: Thomas Mann hier und heute
 
Wulf Rehder
Nur noch Nachruhm?
Erstellt am 20.09.2009 03:52
Zum 50. Todestag TMs, im August 2005, wurden in Lübeck Vorträege gehalten, die TMs Werk würdigten und ihn selbst als eine beherrschende Figur der Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts darstellten – Zeitform: Vergangenheit. „Vom Nachruhm“ ist denn auch der Titel der im 27. Band der TM-Studien abgedruckten Feierlichkeit. Man legt den Band aus der Hand und fragt: „Na und?“ Sollten inzwischen nicht die geistigen Urenkel TMs versucht haben, die von Reich-Ranicki gepriesene „makellose Gepflegtheit“ und die „elegante Umständlichekeit und Überlegenheit“ des Wort-Zauberer gegen den Strich zu bürsten, die politischen Standpunkte, Irrungen und Wendungen mit dem Mikroskop zu untersuchen, die Opium-Wirkung seiner Romane gegen den nüchternen Wahrheitsgehalt seiner Aufsätze abzuwägen?

Es gibt Ansätze von jüngeren Wissenschaftlern. Friedhelm Marx zum Beispiel; aber dann bleibt es doch bei Gemeinsamkeiten, Parallelen, Einfluss, Spurensuche: Hilbigs „Ich“ vs. TMs „Beim Propheten“, Menasses „Selige Zeiten, brüchice Welt“ vs. „Doktor Faustus“. Jan Assmanns „TM und Ägypten: Mythos und Monotheismus in den Josephsromanen“ ist originell und wichtig; aber hier wird TM zum Anthropologen und Religionswissenschaftler gemacht nicht um seiner selbst willen (oder gar als Ergebnis eines Gegen-den-Strich-Bürstens), sondern als Beweis für Assmanns Entwurf des „mythischen Selbst“ und als Zeuge für das Verhältnis von Mythos und Monotheismus. Es werden also immer noch gute Artikel und Bücher über TM geschrieben. Wo aber sind die Essays (i.e. riskanten Versuche) der Urenkel, die mutig zeigen, wie die Beschäftigung mit TM immer wieder auf- und anregend ist, zum Widerspruch reizt, uns betroffen, klüger, menschlicher macht wie die Werke von Shakespeare, Auden, Bach, Donne?

Wulf Rehder
 
Femme
Thomas Mann hier und heute
Erstellt am 12.10.2009 18:55
Sehr geehrter Herr Rehder,
vor ca. 8 Jahren hatte ich das Vergnügen und den Genuss, einige Vorlesungen über Thomas Manns "Zauberberg" und "Doktor Faustus" in Stuttgart zu hören.
Prof. Günter Rohrmoser ließ Personen wie Adrian Leverkühn, Hans Castorp oder Wendell Kretzschmar so lebendig erscheinen, dass sie bildlich vor Augen standen und interpretierte damit unsere Gegenwart.
An den Gesprächen von Settembrini und Naphta wurde die Auseinandersetzung und Gleichgültigkeit des europäischen/deutschen Bürgertums mit den totalitären Ideologien deutlich.
Auszüge aus diesen unvergleichen Auslegungen sind veröffentlicht in:

Günter Rohrmoser
Dekadenz und Apokalypse
Thomas Mann als Diagnostiker des deutschen Bürgertums
Verlag Gesellschaft für Kulturwissenschaften, Bietigheim/Baden 2005 243 Seiten
http://www.gfk-web.de/inhalt/buecher/dekadenz-und-apokalypse.html

Mit freundlichem Gruß
S.
 
Wolfgang Stadlmueller-Woltmershausen
Allgemeineres "Problem"
Erstellt am 07.03.2010 19:10
Um es offen zu sagen: Ich verstehe nicht ganz, worüber hier diskutiert wird. Thomas Mann ist notwendigerweise, wie jede geschichtliche Persönlichkeit, mit Vergangenheitscharakter beladen. Aber, wie ich finde, keinesfalls überladen.
Worin ich einzig und allein zustimme ist, dass viele Betrachtungen über Thomas Mann sich nur in in den Spuren geleisteter Forschungsarbeit bewegen, immer wieder einzelne Anekdoten reformulieren und selten wirklich Neues hervorbringen; oftmals ordnen sie das Gewusste "nur" in neue Kontexte ein.
Doch das ist ein allgemeineres Problem der Forschungsmentalität und stellt keineswegs die Aktualität Thomas Manns (oder anderer Einzelpersonen von gleichem Rang) in Frage.
Ich halte es zudem für gerade falsch, Thomas Mann gezielt und beabsichtigt ins Heute übersetzen zu wollen bzw. nach Aktualität dort zu fragen, wo ursprünglich schlicht kein Zusammenhang besteht: Das ist oftmals wirklich "an den Haaren herbeigezogen". Auch das ist aber kein Einzelproblem, das insbesondere mit Thomas Mann verbunden wäre.
Danach zu fragen, welche Rolle Thomas Mann heute (immer noch) spielt, ist für mich eine völlig falsche. Es ist nach der Rolle zu fragen, die er heute und immerdar gespielt hat - natürlich unter Berücksichtigung des Wandels der Zeit und von Denkweisen und wissenschaftlicher Methodik.

Ich bin der Ansicht, dass in diesem Zusammenhang festzustellen ist, dass gerade die Frage, ob Thomas Manns Rolle nur noch aus "Nachruhm" bestehe, falsch ist. Denn damit wird darauf abgezielt einen "neuen Ruhm" aufzubauen oder anzustreben - doch Ruhm an sich kann niemals das Ziel sein. Allenfalls ergibt er sich aus einer fundierten, breiten Diskussion - als Gefühlsergebnis, aber nich als Forschungsansatz.


Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Stadlmüller-Woltmershausen