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Thema: Thomas Manns beste Liebes-Szene
 
Conny Langton
Liebes-Szenen in Thomas Manns Werken
Erstellt am 30.03.2009 08:47
Was ist die beste (schoenste, ruehrendste, natuerlichste, witzigste, usw) Liebes-Szene, die Thomas Mann geschrieben hat - und warum?
 
Wulf Rehder
Liebes-Szenen in TM
Erstellt am 05.04.2009 06:13
Beste TM Liebes-Szenen I

1. Tony Buddenbrook und Morten Schwartzkopf (Buddenbrooks, 1901) Warum? Auf den wenigen Seiten, die diesen beiden nicht gerade aussergewoehnlichen jungen Leuten gewidmet sind, treten die sonst dominierenden Themen (die Unvertraeglichkeit von Lebenstuechtigkeit und Kuenstlerdasein, Verfall und Krankheit) zurueck, und die Sprache ist gradliniger und poetisch und fast gar nicht parodistisch, wenngleich Mortens liberal-rebellische Ernsthaftigkeit ironisiert wird. Hier einige Zeilen: „Sie sah ihn nicht einmal an, sie schob nur ganz leise ihren Oberkoerper am Sandberg ein wenig naeher zu ihm hin, und Morten kuesste sie langsam und umstaendlich auf den Mund. Dann sahen sie nach verschiedenen Richtungen in den Sand und schaemten sich ueber die Masse.“ Aehnlich bescheiden wird die ebenfalls unerfuellte, ebenfalls unvergessliche Liebe zwischen Thomas Buddenbrook und Anna dargstellt.

2. Rudolf Schwerdtfeger und Adrian Leverkuehn (Doktor Faustus 1947) Warum? Hier spiegelt sich vieles ueber TM selbst (Rudi vs. Paul Ehrenberg, Nepomuk vs. Frido Mann), seine stilistischen Allueren, Kuenstlertum (Kuehle, Verzicht, Krankheit als Voraussetzung zur Genialitaet),und natuerlich (wenigstens teilweise) ueber Manns alter-ego Doktor Faustus (Schaffen, Leistung, Streben nach Ruhm) und den Pakt, den Faustus mit dem Teufel geschlossen hat, oder schliessen musste: Genialitaet erkauft durch Verzicht auf Liebe, „insofern sie waermt“, und obwohl Rudi statt warmer Liebe ein kaltes Kunstwerk will, schickt Adrian ihn in den Tod, um den Pakt nicht zu brechen. Das alles ist sehr eindrucksvoll und gekonnt, aber, im Vergleich zu den leisen Naturtoenen bei Tony und Morten eine fast zu grossartig gewollte Programm-Musik.
 
Wulf Rehder
Liebes-Szenen in TM
Erstellt am 05.04.2009 06:14
Beste TM Liebes-Szenen II

3. Detlev Spinell und Gabriele Kloeterjahn (Tristan, 1902). Warum? Dies ist das vielleicht extremste Beispiel eines zentralen TM Themas: der Auseinandersetzung zwischen der Geistigkeit des Kuenstlertums a la TM, oder besser, eines amoralischen, dekadenten Aesthetizismus (Spinell) und der vitalen Koerperlichkeit des buergerlichen Lebens („wirklichkeitsgierig“ wie Kloeterjahn und sein Sohn Anton). Dieser Konflikt kulminiert in einer ungluecklichen Liebe, die zu Gabrieles Tod fuehrt. Der Konflikt ist allerdings von Anfang an abgekartet: Spinell ist erfolglos, langweilig, praetentioes – ein Versager, oder wie Kloeterjahn sagt, ein „Hanswurst“. Diese Episode ist ein Vorlaeufer fuer vieles, was im ‚Zauberberg’ weiter ausgebreitet wird (Hans Castorp, Clawdia Chauchat). Die typische Wiederholung von persoenlichen Attributen (karioese Zaehne, das blassblaue Aederchen ueber Gabrieles Auge), eine von TMs stilistischen Marotten (siehe das Kopfwackeln von Lotte in Weimar), erscheint hier fast wie eine Selbstparodie Manns.

4. Weniger kaprizioes wird die unglueckliche Liebe zwischen dem kleinen, kraenklichen Herrn Friedemann und der vornehmen, schoenen und robusten Gerda von Rinnlingen erzaehlt (1896). Warum bemerkenswert? Weil sich hier die sexualle Ambivalenz von TM zum ersten Mal „outed“, indem Gerda eine fast maennliche Rolle spielt (s. Andromache im ‚Felix Krull’), waehrend der kleine Herr Friedemann einer pathetischen Liebe heimgesucht wird und, von Gerda zunaechst ermutigt und dann grob wie ein Flittchen zurueckgestossen, Selbstmord begeht. Und „durch die lange Allee hinunter klang gedaempftes Lachen.“

5. Madame Diane Philibert (verh. Hupflé) und Felix Krull (1954). Warum? Dies ist ein erotisch-schriftstellerisches Meisterstueck des sechsundsiebzigjaehrigen TM, siehe z.B. wie „meine Maennlichkeit (...) in den bedraengendsten Aufstand geriet.“
 
H. Sondermann
"Beste" Liebesszene
Erstellt am 22.04.2009 22:26
Die für mich "beste" Liebesszene, sofern man davon überhaupt reden kann ohne anderen tollen Liebesszenen Unrecht anzutun, ist das französische Gespräch zwischen Hans Castorp und Clawdia Chauchat, gerade auch, weil das Französische so bewusst als Möglichkeit des "verantwortungslosen Redens" eingesetzt wird und die Szene dadurch so unheimlich mehrdeutig ist.
Für mich sind es vor allem die erfolglosen und eher einseitigen Liebesgeständnisse, die ich in Thomas Manns Werk besonders reizvoll finde und die zugleich rührend und eben immer auch ein Stück weit lächerlich und amüsant sind, weil sie so plötzlich, unangemessen und eben gerade daduch wieder ungemein glaubwürdig, weil unkontrolliert sind.

Ich habe es immer faszinierend gefunden, wie gerade Thomas Mann, dem man ja immer vorwarf, dass er "eiskalt" und rational orientiert sei, solche pure Leidenschaft aufs Papier brachte. Irgendwann habe ich dann begriffen, dass man auch nicht alle Klischees glauben sollte und dass es manchmal einfach ratsamer ist, selbst Erkundungen einzuholen.