Forum bei Thomas Mann
Autor
Thema: Thomas Manns Chronologie der Schöpfung
 
H.-P.Haack
Eröffnungseintrag
Erstellt am 10.07.2006 21:08

Das Eisenbahnkapitel in „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ enthält die Vorstellungen des 78-jährigen Thomas Mann zur Kosmogonie. Es habe nicht eine, sondern drei „Urzeugungen“ gegeben: Die Entstehung des Seins aus dem Nichts, die Erweckung des Lebens aus dem Sein und das Hinzukommen von einem Dritten: Das Wissen von Anfang und Ende. Dieses, nur dem Homo sapiens gegebene Wissen, unterscheide ihn von aller Natur, der organischen und dem bloßen Sein. Nach dem gegenwärtigen Stand der paläologisch-anthropologischen Forschung erfährt die Fähigkeit zum abstrakten Denken vor 40.000 Jahren einen sprunghaften und entscheidenden Zuwachs.

Das Postulat der Entstehung von Materie, Leben und Geist in drei Schritten ist sowohl mit religiösem Empfinden als auch mit einer naturwissenschaftlichen Weltsicht vereinbar. Thomas Mann legt diese Philosophie dem mitteilungsbedürftigen Professor Kuckuck in den Mund, dem er Schopenhauers „Sternenaugen“ verliehen hat. Ein Jahr zuvor hatte Th. Mann dieses Weltbild bereits unter eigenem Namen vorgestellt [Potempa G. 1119]. Die Begriffe „Geist“ und „abstraktes Denken“ vermeidet Th. Mann aus künstlerischem Kalkül, umschreibt sie aber unverwechselbar.

Es handelt sich hierbei wohl um eine Anleihe bei Schopenhauer. Nietzsches ´ewige Wiederkehr´ wird verdeutlicht mit der vergleichenden Anatomie der Wirbeltierskelette.

H.-P.Haack, Leipzig