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Thema: Tonio Kröger
 
Yannik
Ist Tonio Krögers Problem heute noch aktuell und verbreitet?
Erstellt am 18.12.2005 19:40
Hallo

Meine Frage bezieht sich auf die Novelle "Tonio Kröger", wo eben dieser unter einer innerlichen Zerrissenheit leidet: Zum Einen spürt er in sich drängende Ambitionen eines Künstlers und tendiert dazu, seinen Leidenschaften freien Lauf zu lassen und sie zu kompensieren. Seine Angst, das dieses Verhalten eine gesellschaftliche Isolation zu Folge hat (Einsamkeit!) beschreibt seine zweite Seite: Seine gewöhnliche oder eher gewöhnlich sein wollende Identität, die zwar die "Wonnen der Gewöhnlichkeit" detailverliebt und künstlerisch betrachtet und beurteilt jedoch nicht selber erleben darf.
Künstlertum gegen "normale" Gesellschaft.

Ich finde dieses Problem hochinteressant, besonders weil ich dieses Gefühl der innerlichen Unentschiedenheit, der unerfüllten Kompensation nachvollziehen kann.

Das wollte ich mal zur Sprache bringen um zu wissen was andere Thomas-Mann-Interessierte darüber denken

Gruß

Yannik
 
Dennis Ulbrich
Stichwort "verirrter Bürger"
Erstellt am 23.03.2006 23:16
Ich kann mich Ihren Eindrücken nur absolut anschließen. Ich las den "Tonio" in tiefster Faszination und Ergriffenheit, stellte manche Bezüge zu anderen Werken Thomas Manns her und bin nie richtig davon losgekommen, geschweige denn wollte ich das. Das ist ein Buch, das einem bleibt und das einem vor allem auch bleiben soll. Das Erstaunliche für mich ist, dass hier eine ganz elementare Lebensproblematik beschrieben wird. Dies alles aber kurioserweise in einer gar nicht so vertrauten Art und Weise und Thematik. Es ist eigentlich ja sehr speziell, was da geschildert wird: Und dennoch ist es eine Formel für das Anderssein, Alleinesein und doch irgendwie Dazugehören - jeder versteht das und ist nicht selten auch so ein "verirrter Bürger".
Besonders kurios ist das alles umso mehr, wenn man Manns politisches Umfeld und seine ganze weitere Entwicklung (à la Betrachtungen eines Unpolitischen, etc.) dabei einmal bedenkt und sich vor Augen führt, wie politisch alles zu späteren Zeiten wird (man denke nur an den Zauberberg...). Hier ist ganz und gar Gefühl - was nicht heißen soll, dass es je daran gemangelt hat oder je daran mangeln wird bei Thomas Mann. Der Zauberberg ist zwar mein liebstes Werk von Mann, aber Tonio Kröger ist fürs Herz und die Seele, während der Zauberberg dann doch überwiegend für den reinen Verstand ist .
Ich könnte lange so weiterschreiben, Thomas Mann ist eine Figur, über die man schreiben und schreiben und schreiben kann.
Liebe Grüße.-
 
Yannik
Thomas Manns "Lieblingskind" Tonio Kröger
Erstellt am 29.09.2006 15:02
Lieber Dennis
Wenn du die verschiedenen Daten beachtest, wo die beiden Tonio-Kröger-Einträge geschrieben wurde, liegt da viiel Zeit zwischen. Ich habe gerade deine Antwort auf meine Frage gelesen und mich an meine total aufgewühlte Phase erinnert, nachdem ich das Buch gelesen hatte. Eine Phase, in der man ständig über das Leben lachen will, oder bei den winzigesten Details, seien sie schön und hässlich, weinen möchte. Man analysiert sich, die anderen, das Leben und verurteilt sich dafür, so wie es Tonio Kröger tut. Die Wirkung, die diese Geschichte auf mich hatte ist nun nicht allzu lange her, doch ich kann sagen dass ich zu dem ganzen Thema ein wenig Distanz gewonnen habe. Wie steht es mit dir? Von ganz-Loskommen kann natürlich keine Rede sein, Tonio zerbricht ja selbst noch mit 30 Jahren an seiner Jugendliebe... aber hast du eine andere Sicht auf deine Beziehung zu diesem Thema gewonnen?
Ich habe mich sehr stark mit dieser Figur identifiziert obwohl andere Leute sagen würden ich wäre ein vollkommen anderer. Vom äußerlichen, wie vom Verhalten her. Ich habe aber irgendwann gemerkt, dass ich wirklich anders bin. Und das tat gut.
Würde gerne noch viel mehr schreiben aber wie du sagst ist dieses Thema eines für das Herz und die Seele und daher unerschöflich.

Liebe Grüße,

Yannik