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Thema: Was ist ein Zwippel?
 
Christian
Was ist ein Zwippel?
Erstellt am 03.04.2005 00:09
Nachdem der jüngere Johann Buddenbrook im gleichnamigen Roman gestorben ist, hält seine Frau Elisabeth die Religiosität im Hause Buddenbrook aufrecht und lädt fromme und fromm scheinende Freunde des Hauses zum Aufsagen von religiösen Texten ein. Auf S. 278 wird dabei ein Gesang mit folgenden Versen vollführt:
"Ich bin ein rechtes Rabenaas,
Ein wahrer Sündenkrüppel,
Der seine Sünden in sich fraß,
Als wie der Rost den Zwippel."

Nachweislich stammt dieses Lied aus keinem kirchlichen Gesangsbuch (wo sowas ja auch nicht hingehört), sondern aus seiner eigenen Feder. Nun meine Frage an alle: Weiß irgendjemand, was ein Zwippel ist? Ich suche schon seit längerer Zeit, aber Wörterbücher u.ä. interessieren sich für so etwas nicht. Vielen Dank im Voraus.
 
Jan Haag
Zwippel
Erstellt am 05.04.2005 11:18
Diese Version soll von einem gewissen Wilhelm Wolff stammen. Das heißt, daß ThM nur variiert hat:

Ich bin ein rechtes Rabenaas,
Ein wahrer Sündenkrüppel,
Der seine Sünden in sich fraß,
Als wie der Russ' die Zwippel.
Herr Jesu, nimm mich Hund beim Ohr,
Wirf mir den Gnadenknochen vor,
Und schmeiß mich Sündenlümmel
In deinen Gnadenhimmel.
 
Christian
Zwippel
Erstellt am 08.04.2005 13:27
Ja vielen Dank für den Hinweis; jedoch ist noch immer nicht geklärt, was denn nun ein Zwippel ist. Vergleicht man die beiden oben stehenden Strophen, so kommt man darauf, dass ein Zwippel etwas ist, das rostet aber gleichzeitig von Russen gegessen wird. Machen die sowas?
Anscheinend ist dies nicht der richtige Ansatz, um die Bedeutung des Zwippels herauszuarbeiten.
 
Jan Haag
Zwippel
Erstellt am 11.04.2005 09:42
Leider ist der Begriff "Zwippel" nicht im Grimmschen Wörterbuch zu finden. Auch ältere Ausgaben von Konversationslexika helfen nicht weiter.
Könnte es sich vielleicht um eine mundartliche Variante von Zwiebel handeln?
 
N. Ruge
Zwippel
Erstellt am 11.04.2005 11:55
Eine Suche in der digitalen Version des DWB (XVI, Sp. 1129) untermauert die Vermutung des Vorredners: Zwippel ist eine dialektale (niederdeutsche, aber auch schlesische, obsächsische, nordböhmische; es ist ja ausdrücklich ein "fremder Prediger", der den Gesang initiiert) Variante zu Zwiebel, regionale Genusschwankungen (hier masculinum statt femininum) sind bei Tier- und Pflanzenbezeichnungen an der Tagesordnung. Die Übertragung von Rost zur Bezeichnung von Pflanzenkrankheiten, insbesondere Getreidebrand ist ebenfalls im DWB belegt (VIII, Sp. 1281)
 
Christoph Nitsche
Zwippel
Erstellt am 15.04.2005 11:38
Thomas Vormbaum klärt uns in seinem Aufsatz aus dem aktuellen Thomas-Mann-Jahrbuch darüber auf. Nachzulesen auch bei Axel Hacke in seiner Glosse „Das Beste aus meinem Leben“ in der heutigen Ausgabe des Magazins der Süddeutschen Zeitung (15.04.2005).

Der von einem Autor namens Wilhelm Wolff verfaßte Text lautet indes:

Ich bin ein rechtes Rabenaas,
Ein wahrer Sündenkrüppel,
Der seine Sünden in sich fraß,
Als wie der Russ‘ die Zwippel.

Laut Vormbaum geht es also um die vermeintliche Vorliebe der Russen für Zwiebeln.
 
Commodore
Zwippel
Erstellt am 19.04.2005 09:25
Liebe Zwiebelfreunde,

bitte werft doch mal einen Blick in das Thomas Mann Jahrbuch 2004, S. 223-225. Dort erklärt Thomas Vormbaum dieses Buddenbrooks-Phänomen - vielleicht sogar erschöpfend.
 
G Kords
Zwippel
Erstellt am 23.04.2005 00:33
Laut meiner Kenntnis hat Thomas Mann als Vorlage dieses Gedicht gedient. Es stammt angeblich aus dem Bergischen und ist dort ebenso angeblich in einem Erbauungsbüchlein mit dem Titel "Geistliches Klistierprützlein für alle in Chriso verstopfte Seelen" veröffentlicht worden:
O Herr, ich armes Rabenaas,
Ich armer Sündenknüppel,
Der seine Sünden in sich fraß,
Als wie der Jud die Zwiebel.
O Jesu, nimm mich Hund beim Ohr
Wirf mir den Gnadenknochen vor
Und zeug mich Sündenlümmel
In deinen Gnadenhimmel.

Ich nehme mal an, dass das auch im Jahrbuchsteht.
Jetzt stellt sich die nächste Frage: Was ist ein Prützlein?

MfG
GKords

PS:Ich weiß, das der Text antisemitisch ist, er spiegelt selbstverständlich nicht im Entferntesten meine Meinung wieder.
 
Antonius Reyntjes
...sprützlein"
Erstellt am 28.04.2005 18:21
Es ist natürlich eine (Klistier-) Spritze, ein "Spritzlein"; "-sprützlein" ist eine infantile, beruhigende Lautbildung, hier eine satirische Wortbildung.