Blick ins Tagebuch
„Und an Oswald Kirsten denkst Du garnicht mehr, Doktor?“
05.08.1919
Dienstag, den 5. VIII. Glücksburg.

Die Geselligkeit bei Schellongs gestern nach dem Abendessen verlief nicht weiter unangenehm. Außer Fischers und den Wirten waren das hübsche Kinderfräulein, Flake, Baron Schenk und Ex-Minister Breitscheid zugegen. Letzterer: Exterieur 1830, lang, etwas süffisant, aber nicht übel. Internationalismus der kapit. Bourgeoisie. In Oberschlesien sowohl wie im Rheinland optieren sie gegen das Deutschtum. Merkwürdige Thatsache: Die Amerikaner haben die kais. Werft in Wilhelmshafen angekauft, Deutschland wird eine Entreprise der anderen, eine Türkei. Es gab Blätterteig-Gebäck u. Theepunsch, der sich als bekömmliches Getränk erwies. Man besah Menzel’sche Farbskizzen [1], englische Kunstbücher, Farb-Reproduktionen nach Turner[2], deren zarter Impressionismus mich erfreute. Später zu Bette, von Fischer beständig tituliert. – Vom jungen Kirsten hatte ich gestern mehrfach unmittelbare Eindrücke. Er zeigte Photographien am Nachbartisch, wobei ich ihn sprechen hörte, mit ziemlich tiefer Stimme u. stark Hamburgerisch, und seine Hand sehen konnte. Bis auf die mißförmige Nase ist sein Gesicht schön und fein. Er scheint eine Neigung zur Absonderung und zum stillen Sitzen zu haben (am Tennisplatz). Wenn ich mich nicht irre, so hörte ich ihn Oswald nennen. Er hat mich, auch beim Passieren, noch niemals angesehen. Wie mir scheint, vermeidet er es aus Diskretion. Hier wäre denn also das „Nie veraltende“, das sich mit Glücksburg „eng verzweigen“ wird, der obligate „Lenz“, der sich nur halb – (halb?) – entfaltet. – Schlief ein wenig unruhig, phantastisch und wachte als Doctor auf. Karte von Mama [3]. Begann nach dem Frühstück zu packen.
 
Die Revolution brach im November 1918 an der deutschen Küste aus. Als Thomas Mann vom 15. Juli bis 6. August dort seine Sommerfrische verbrachte, waren die Auswirkungen dieses Erdbebens noch zu spüren. Er besuchte ein deutsches Torpedoboot mit Matrosen. In Flensburg spielte die Kapelle eines Kriegsschiffes und endete mit einem „Hoch“ auf Deutschland. Die Gäste verabschiedeten die Soldaten mit „Hurra“: „Widerspruchsvolle Zustände“, wie Mann feststellt. Auf der Abendgesellschaft des 5. August trifft Thomas Mann mit Rudolf Breitscheit zusammen. Der Sozialdemokrat wechselte 1917 zunächst zur USPD. In den tollen Novembertagen wurde er preußischer Innenminister – allerdings nur bis Januar 1919. Die junge Republik war noch wackelig. Im Gespräch mit diesem Gast ging es freilich um Politik: Über die internationale Bourgeoisie und die Seperatisten im Rheinland und in Schlesien, die sich von der Republik abspalten wollten, weil diese Recht und Ordnung im Land nur schwer durchsetzen konnte. Dann der Ausverkauf der deutschen Industrie und die Balkanisierung der Politik – Reizwort Türkei, der kranke Mann am Bosporus genannt. Vor wenigen Wochen hatte Thomas Mann die Lektüre von Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“ beendet – „das wichtigste Buch!“. Die Mischung von sozialistischen und nationalistischen Vorstellungen schwingt auch im Gespräch dieses Abends mit.

Dabei handelt es sich nicht um einen politischen Klub, sondern eine heitere Abendgesellschaft: Bestehend weiterhin aus dem ehemaligen Offizier zur See Schellong und seiner Frau – „ein G. Hauptmann-Typus [4]. Seine Frau spitz, norddeutsch, anämisch, etwas von Lula [5]“ –, dem Verleger Gottfried Bermann Fischer mit Gattin und der kleinen Hilde, dem „zweifellos etwas dummen, junggesellenhaften melancholischen“ Baron Schenk sowie dem Kinderfräulein, das ihm schon vorher als „hübsch, hamburgisch-überseeisch“ aufgefallen war. „Flake nicht schlimm“ hieß es über den Erzähler und Essayisten Otto Flake, Autor des S. Fischer Verlages und mit dem Verlegerpaar befreundet. Wenige Tage später hat Mann Gefallen an seinem Kollegen gefunden: „Lackel mit dem Gedankenbestande der literarischen Gegenwart“.

Thomas Mann scheint dem Abend gegenüber skeptisch gewesen zu sein und konnte sich tags zuvor wenig unter „Theepunsch“ vorstellen, der dann doch gemundet hat: „bekömmliches Getränk“. Man vertrieb sich die Zeit mit dem Betrachten von Reproduktionen von Menzel und Turner, dessen romantische Ader Thomas Mann genauso gefiel wie seine Urlaubslektüre: Eduard von Kayserling. Gemeinsam verbrachte die bunt zusammengwürfelte Urlaubsgesellschaft die Tage: Dampferfahrt nach Flensburg, Ausflüge nach Schloss Augustenburg, Appenrade und Gravenstein standen auf dem Programm. Man saß beim Roulett zusammen, spielte Domino und hörte Frau Fischer bei Gesangsimprovisationen zu, trank Schokolade und Grog, denn das Wetter war „wechselnd, immer feucht, durchgehend kühl, ja kalt“. Thomas Mann kümmerte sich in Anflügen väterlicher Gefühle um die kleine Hilla. Er selbst war allein in den Urlaub gefahren, sandte Katia Kakao und eine Torte, empfing Briefe der Kinder, insbesondere von Monika.

Bereits am 24. Juli fielen Thomas Mann die Söhne des Hamburger Reeders Kirsten auf: der eine habe einen Armin-Martens-Schädel. Er beobachtete „die beiden jungen Leute in ihrem Park Ball spielen“ mit „großer Neigung“. Tags darauf wächst diese sich zur Schilderung einer Tagebuchpassage aus: das Blonde, die tief beieinanderliegenden blauen Augen, der ganze Körperbau, den er detailliert schildert erinnert ihn an seinen Jugendfreund aus Lübecker Zeiten, an seine Jugendliebe „A.M.“: Armin Martens. Am 4. Juli beschreibt er „den ‚meinen’“ als zarter und feiner als seinen Bruder, der ganz ein „Schiffertypus“ sei. Nicht nur, dass im Tagebuch mehrfach vom „Tonio Kröger“ die Rede ist, in dem ein solches zartes Jungenverhältnis beschrieben wird – Thomas Mann hat sich wieder in die „Aschenbachpose“ begeben: Er beobachtet, genau, schildert und schwärmt: „Tonio Kröger, Tonio Kröger. Es ist jedesmal dasselbe und die Bewegung tief“.

Am 4. August war es dann soweit: „unmittelbare Eindrücke“ und er konnte dem Schwarm einen Namen geben – Oswald Kirsten. Thomas Mann hörte die Stimme, examinierte Hand, Gesicht und Nase. Er beobachtete das Verhalten des Jünglings auf dem Tennisplatz. Er weicht dem Blick des älteren aus. „So viel Gefühl für jemand, den er offenbar das erste Mal aus der Nähe sah!“, so Biograph Hermann Kurzke, der Thomas Mann für die Zeit nach der Revolution ein „zaghaftes Coming Out“ bescheinigt. Er hat auch die rätselhafte Formulierung vom „Nie-Veraltenden“ und vom „Lenz“ entschlüsselt – eine Anspielung auf ein Gedicht August von Platens, der in Venedig eine ähnliche Erfahrung machte. Wieder Venedig, wieder Strand und Meer, wieder das Gefallen an der Beobachtung.

Noch Wochen später erinnert sich Mann im Tagebuch der Schwärmerei, die mit seiner Abreise am Tag nach unserem Gesellschaftsabend vorbei sein wird: „Und an Oswald Kirsten denkst Du garnicht mehr, Doktor?“ Nach umruhigem Schlaf wachte Thomas Mann auch am 5. August als „Doctor“ auf – er hatte keinen Albtraum als Arzt. Am Tag zuvor hatte der Bonner Literatur- und Theaterwissenschaftler Berthold Litzmann auf Betreiben von Thomas Manns Freund Ernst Betram am 3. August eine unverhoffte Ehrenpromotion veranlasst. Dies bekannte er seinem Verleger Bermann Fischer, der dies mit Champagner feierte: „Vergnüglichkeit und Titulierung“. Auch am 5. August wurde er von Bermann Fischer „beständig tituliert“, halb zum Spott. 1936 sollte dieselbe Universität dem Emigranten den Ehrentitel aberkennen. Im Tagebuch für den kommenden Tag vermerkt er jedoch stolz, bei der Anmeldung im Berliner Hotel Excelsior habe er erstmals den Titel verwendet. Wie lange mag ihm der Schwarm Oswald Kirsten noch nachgegangen sein?
 
Thomas Mann: Tagebücher 1918-1921. Herausgegeben von Peter de Mendessohn. Frankfurt a. Main, S. Fischer 1979, S. 290.
[1] Adolf von Menzel (1815-1905) gilt als Hauptvertreter des Realismus. Der in Berlin lebende Maler galt als der Maler des Aufstiegs von Preußen. Reproduktionen seiner Bilder waren im deutschen Bürgertum sehr verbreitet.
[2] William Turner (1775-1851) ist der berühmteste Vertreter der Romantik in der europäischen Malerei. Er gilt als Vorläufer des Impressionismus.
[3] Thomas Manns Mutter, Julia Mann, geborene da Silva Bruhns, lebte bis zu ihrem Tod 1923 in Wessing bei München, wohin sie nach dem Tod ihres Mannes Lübeck verlassen hatte. Thomas Mann folgte ihr nach Bayern. Sie verkörpert wie das Kindermädchen der Schellongs aufgrund ihrer brasilianischen Herkunft hanseatische Internationalität.
[4] Der naturalistische Schriftsteller Gerhart Hauptmann (1862-1946) war Thomas Manns größter Konkurrent um literarischen Erfolg. Mann hat ihn häufig kritisiert und in seinen Werken („Das Wunderkind“) aufs Korn genommen.
[5] Thomas Manns Schwester Julia, Lula genannt, galt als aufstiegsorientiert und bürgerlich. Sie hatte den Münchner Bankier Löhr geheiratet. Thomas Mann hat die Schwester, in die Armin Martens verliebt war, „mein weibliches Neben-Ich“ genannt. 1927 nahm sich die Witwe das Leben.
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