Blick ins Tagebuch
Reizklima in Europa
11.07.1939
Nordwijk, Dienstag den 11. VII.39
Mangelhaft geschlafen, früh auf, heiß gebadet, die Nacht war sehr kalt, und ich schlief in drei wollenen Decken. Lange in der Hütte gearbeitet. Mittags Ankunft Oprecht. Mit ihm viel über die Zeitschrift, Lion [1], Golo, der durch Bonnet das franz. Visum für ein Jahr bekommen hat [2]. Das Wetter wurde vollkommen schön und sonnig. Vor dem Lunch Vertrag mit Bermann auf drei Jahre. Wermut. Nachher auf der Terrasse Kaffee und fernere Unterredung mit Oprecht. Blieb zur Ruhe im Stuhl mit Sonnendach. Musik und laute Gäste. Von Oprecht außer Medikamenten, das „Psychoanalytische Volksbuch“ und ein Bilderwerk über Zürich. Von Bermann neue „Ausblicke“. Von de Lange Roths „Trinker“. Br. Franks Broschüren-Manuskript. – Thee mit den drei [3] Gästen auf der Terrasse (Strandkorb gegen die Sonne). Nach der Verabschiedung von ihnen Strandspaziergang mit K. Vorm Diner Lektüre eingegangener Briefe, aber zu müde für Korrespondenz [4]. Nach Tische angesichts des sehr schönen leicht rollenden Sonnenuntergangsmeeres auf dem Balkon. – Die politische Lage sieht nach Détente und Schwindel aus. Defaitistische Stimmen in Frankreich. „Wegen Danzig“. Erika rief aus Paris an, im Begriff nach Zürich zu fahren. Schiffskartenbestellung fallen gelassen. Vorgesehen ist eine Rückreise von Schweden, wo der Vortrag „Das Problem der Freiheit“ zu halten. – Erste Teile des 7. Lotte-Kapitels an Oprecht für „M.u.W“ –
 
Thomas Mann hatte sich auf die Sommerreise nach Europa gefreut. Schon die Überfahrt bescheerte ihm jedoch „leidende Tage, tiefe Nervendepressionen, Thränen und Pein“. Das Wetter, das ihn in Southampton erwartete, war „kalt und verfroren“. Auch aus der Reise nach Zürich wurde nichts, wollten die Manns doch die Ausreise der Schwiegereltern Pringsheim nicht durch ihre Präsenz in der Schweiz gefährden. Stattdessen beschloss das Ehepaar, in den Niederlanden einen Strandurlaub zu verbringen – in Warteposition. Rückblickend schrieb Thomas Mann: „Es hatte keinen Sinn die Schweiz aufzuschieben“. Vom 15. Juni bis 5. August schlug Thomas Mann nolens volens in Noordwijk aan Zee im „Huis ter Duin“ sein Quartier auf. Ein kühler und verregneter Sommer an der Nordsee: Thomas Mann litt den ganzen Aufenthalt über unter den kühlen Nächten und konnte sich einfach nicht akklimatisieren. Noordwijk ist für sein Reizklima bekannt.

Überschattet war die Sommerreise 1939 von den politischen Entwicklungen, die sich auch diesmal ins Private auswirkten. Angesichts der sich spürbar zuspitzenden Lage im deutschen Reich drängten Katia und Thomas Mann auf eine Ausreise der Pringsheims aus München, die das Ehepaar – einst zu den ersten Adressen im Gesellschaftsleben Münchens zählend – teuer bezahlten: mit 75 % Reichsfluchtsteuer. Erika sogte für eine Versteigerung der weltberühmten Majolikasammlung in London, aus deren Erlös die Übersiedlung nach Zürich erkauft wurde. Das Ehepaar Mann wollte die Emigration, der im August von den Nazibehörden stattgegeben wurde, nicht durch eine demonstrative Präsenz in der Schweiz behindern. Die politische Großwetterlage verdüsterte sich zusehends: Die Franzosen seien pessimistisch und mutlos, die Friedensbekundungen des Deutschen Reiches erschienen als Mogelpackung. Bereits auf der Münchner Konferenz vom Vorjahr dominierten die faulen Kompromisse. Das Deutsche Reich ließ sich in seinem Aggressionsduktus nicht stoppen – und Danzig, das noch unter Völkerbundsmandat stand, sollte als erstes „heim ins Reich“ geholt werden.

Die holländische Sommerfrische war geprägt von Geschäftigkeit und Müßiggang. Von Erholung ist jedoch wenig zu merken: schlechter Schlaf, Müdigkeit, laute Musik und lärmende Gäste, die Thomas Mann beim nachmittäglichen Nickerchen auf der Terrasse störten. Immer wieder Beschwerden über Kälte – „Diarrhoe“. Allein lange Strandspaziergänge mit Katia und der Ausblick auf das „Sonnenuntergangsmeer“ entschädigten für die Unannehmlichkeiten. Das „Huis ter Duin“ wurde in diesen Tagen zu Thomas Manns Europahauptquartier: Er empfing Journalisten, den niederländischen Autor Menno ter Braak und auffällig viele Freunde aus dem Verlegermilieu: Fritz Landshoff, Emanuel Querido, Gottfried Bermann Fischer, Emil Oprecht und Alfred Knopf. Im Exilverlag Querido erschienen zahlreiche Bücher Thomas Manns, Landshoff war der Lektor dieses Hauses. Es ging ums Geschäft, um langfristige Verträge – für die englischsprachige Welt mit Knopf, für Europa mit Bermann Fischer, dessen Verlage in Berlin und Wien in Auflösung begriffen waren. Das freie Stockholm wurde neuer Verlagssitz. Am 11. Juli besiegelte Thomas Mann einen Dreijahresvertrag mit Fischer mit Wermut. Beraten wurde er vom befreundeten Zürcher Verleger Oprecht, der die Exilzeitschrift „Mass und Wert“ publizierte, die Thomas Mann mitherausgab. Dem Periodikum drohte das finanzielle Aus. Oprecht fragte um Rat und erhoffte sich bei Thomas Mann erneut Unterstützung. Für Qualität sollte eine Schriftleitung durch Golo Mann sorgen.

Kein Wunder, dass die versammelten Verleger um Thomas Manns Aufmerksamkeit mit Neuerscheinungen buhlten: mit dem „Ärztlichen Volksbuch“ des Basler Psychoanalytikers Heinrich Meng, der „Legende vom Trinker“ von Joseph Roth, die im in de Lange Verlag in Amsterdam erschien, sowie Bruno Franks „Botschaft an Deutschland“, ein Beitrag zur aktuellen politischen Lage. Auch die Schriftenreihe „Ausblicke“ stellte im aktuellen Heft die Frage: „Ist der Krieg vermeidbar?“ Aldous Huxley, Eugen Gürster und Arthur Schnitzler antworteten.

Selbst an solch einem geschäftigen Tag unter schlechten gesundheitlichen Vorzeichen arbeitete Thomas Mann in einer Strandhütte des Dünenhotels – den ganzen Vormittag über. Wir wissen, dass er im Strandkorb das Gespräch zwischen Vater und Sohn fortsetzte; hierzu brauchte es keine Bücher als Quellen. Dennoch flossen Thomas Mann die Sätze nicht leicht von der Hand, seine literarische Produktion war spürbar beeinträchtigt. Als Emil Oprecht abreiste, konnte er ihm den Anfang des 7. Kapitels seines neuen Romans „Lotte in Weimar“ zum Vorabdruck in „Maß und Wert“ mitgeben, um den sich auch die Verlegerverhandlungen drehten. Es handelt sich um die berühmte Morgenszene des aufwachenden Goethe, dem die Geschäfte des Tages genauso durch den Kopf schießen wie ästhetische Fragen zum Zeitgeschmack. Bei der Lektüre dieses nervösen Bewusstseinsstroms mag sich der Leser an das holländische Reizklima erinnert fühlen. Das siebente Kapitel markiert eine Schaffenskrise im Entstehungsprozess von „Lotte“ – erst am 24. Juli 1939 schloss er es nach neun Monaten Arbeit ab.

Ruhe fand Thomas Mann erst in seinem gebliebten Zürich, ein „Besuch mit nostalgischem Charakter“ und mit Einkehr im Grand Hotel Dolder oberhalb des Zürichsees. Als Thomas Mann wenige Tage später ausgerechnet zum Thema „The Problem of Freedom“ beim PEN-Club in Stockholm sprechen sollte, musste die Veranstaltung aufgrund der sich zuspitzenden politischen Lage verschoben werden. Der Krieg hatte am 1. September noch vor der Rückfahrt Manns in die USA Einzug nach Europa gehalten. Der Sommer verhieß bereits nichts Gutes.
 
Thomas Mann. Tagebücher 1937-1939. Herausgegeben von Peter de Mendelssohn. Frankfurt a. Main: S. Fischer 1980, S. 433f.
[1] Ferdinand Lion (1883-1968) emigrierte 1933 in die Schweiz und betätigte sich als Journalist. Er war Redakteur von „Maß und Wert“, zuvor bei Fischers „Neuer Rundschau“. Seine Freundschaft mit Thomas Mann geht auf das Jahr 1917 zurück.
[2] Französischer Diplomat, der Golo Mann half.
[3] Wer die drei Gäste waren, ist nicht ganz klar: Bermann Fischer, de Lange und Oprecht?
[4] In diesen Tagen schrieb Thomas Mann Briefe an Hermann Hesse, Heinrich Mann, Julius Hirsch, Wolfgang Sauerländer und einen langen Brief an Ferdinand Lion wegen „Mass und Wert“.
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