Blick ins Tagebuch
Geburtstag am D-Day
06.06.1944
Pacif. Palis., Dienstag den 6. Juni 1944. Invasion Frankreichs
Mein 69. Geburtstag. Stand ½ 9 auf. Es war neblig-aufklärend. Wurde von K. und der Schwarzen, die sang, empfangen. Während K. mir ihre Geschenke zeigte (Armstuhl fürs Schlafzimmer, Schlafrock, Platten, Ledernützlichkeiten, Seife, Süßigkeiten) rief Mrs. Meyer aus Washington an, von der ich, bevor ich die Zeitungen gesehen, erfuhr, dass die Invasion Frankreichs bei Caen, Calais, Le Havre begonnen hat. Eigentümliches Zusammentreffen. Beim Frühstück die Zeitungsnachrichten. Die Meyer erklärte, befriedigende direkte Nachrichten aus dem Kriegsministerium zu haben. Spannung auf coordinierte Aktionen der Russen. Telephon mit Franks. Man erwartet eine weitere Ansprache des Präsidenten. – Schrieb am Schluss des XVII. Kapitels. Besuch von Revy mit altem Goethe-Bändchen. Mittags auf der Promenade. Viel Post, Briefe von Kahler, Auerheimer. Nach Tische Gottlieb und Guggenheim mit Cigarren. Zum Thee Neumanns, ebenfalls mit Blumen und den rar gewordenen Cigarren. Telephon mit Heinrich. Blumen-Arrangements von der Meyer. 7 Uhr Werfels und Franks mit französ. Champagner, großer Ascheschale, Abendessen zu sechsen mit Champagner. Nach dem Kaffee auf Werfels Wunsch Vorlesung aus dem Roman: da Schleppfuß fehlte, das Kapitel mit Adrians Brief. Gespräch über die Welt des Buches. Nach Wefels Weggang liest Frank die für mich geschriebene Kino-Novelle. Gut gemacht. – Hörten 11 Uhr ausführliche Invasionsnachrichten aus Hollywood und London. – Blumentelegramme von Oprechts-Giese, Bermanns.
 
Wenige Tage vor seinem Geburtstag hatte Thomas Mann einen seiner Radiovorträge „Deutsche Hörer“ beendet. Tags zuvor schloss er einen Geburtstagsgruß an Chaim Waizmann, dem Präsidenten der zionistischen Bewegung, ab, der in der Festgabe zu dessen 70. Geburtstag erschien: „The Enduring People“, für den Mann Hannah Arendts Essay „The Jew as Paria“ heranzog. Thomas Mann war also mit Politischem beschäftigt, als der eigene Geburtstag ins Haus stand. Er maß der Koinzidenz des Tages eine große Bedeutung bei, nämlich dass die Befreiung Frankreichs und mit ihr ein entscheidender Schritt auf der Niederwerfung des Hitlerregimes auf seinen Geburtstag fiel. Wiederholt sprach er in Briefen vom „hoch dramatisch akzentuierten Tag“. Die Invasionsnachricht vermerkte er im Tagebuch mit roten Lettern und lateinischen Buchstaben – einer historischen Inschrift gleich.

Die Nachricht platzte in die intime morgendliche Geschenkzeremonie herein, die Katia ihrem Mann bereitete. Bestens informiert in Washingtoner Kreisen kündigte Agnes Meyer, Manns amerikanische Mäzenin und Gattin einflussreichen des Herausgebers der Washington Post, den Schicksalstag an. Freilich ohne zu versäumen, dass ihre Insiderinformationen aus Regierungskreisen stammte, berichtete sie vom guten Verlauf der Landeoperation der Infanterie. Diese war in aller Frühe begonnenen worden, erste Nachrichten lagen aufgrund der Zeitverschiebung vor. Den ganzen Tag ist bei Thomas Mann die Spannung über den Verlauf der Operation präsent, auch bei der Rede von Roosevelt: Sein „D-Day Prayer“, mit dem er sich an seine „Fellow Americans“ wandte, also auch die wenig später naturalisierten Manns, die eine weitere Ansprache mit Ergebnissen des Schicksalstages erwartet haben. Erst nach den abendlichen Feierlichkeiten hatte Mann Zeit, sich ausführlich zu informieren, sogar bei britischen Sendern. Der Geburtstag lag hinter ihm, die verheißungsvolle Befreiung Europas stand noch bevor.

Ein 69. Geburtstag kann nur Verlegenheit bringen. Thomas Mann hat eine größere Feier vermieden. Die Familie war nicht anwesend, die meisten der Kinder waren im Kriegseinsatz, zumindest alle weit weg. Selbst mit dem auf der Nachbarschaft lebenden Heinrich Mann wurde nur telefoniert – Zeichen der merkwürdig distanzierten Beziehung zum Bruder, der in Kalifornien nur im Schatten des jüngeren Bruders existieren konnte und auf ihn angewiesen war. Stattdessen trafen Verehrer aus der deutschen Kolonie ein und machten ihre Aufwartung: der Regisseur Richard Revy, der eine Faust-Ausgabe aus dem Jahr 1828 schenkte; dann nach Mittag Felix Guggenheim, der nicht zur gleichnamigen finanzkräftigen US-Familie zählt, sondern der Geschäftsführer der Deutschen Buchgemeinschaft mit seinem Freund, dem Fotographen und Musikforscher Ernst Gottlieb, mit dem er „Pacific Press“ gründete, eine Exilzeitschrift. Zum „Thee“ trafen Alfred und Kitty Neumann, Tochter des Münchner Verlegers Müller ein, die zu den Nachbarn der Manns in Pacific Palisades gehörten und als engere Freunde zu bezeichnen sind. Abends dann der engere Kreis: Der Schriftsteller Franz Werfel mit seiner legendären "femme fatale" Alma Mahler-Werfel und dem Ehepaar Bruno und Lisl Frank. Der Schriftsteller arbeitete beim Film in Hollywood.

Aus der Abendgesellschaft kam denn auch der Vorschlag, dem Geburtstagskind eine Freunde zu machen und ihm eine Lesung abzufordern. Thomas Mann ließ sich sicher nicht lange bitten, las jedoch nicht aus dem Kapitel, das wohl noch in Überarbeitung war, sondern den Brief Adrian Leverkühns von seinem Studienort über seine Beschäftigung mit dem Kontrapunkt, „was zwischen mir und dem Satan vorgeht“ und Theologen Eberhard Schleppfuß, der Leverkühn auf andere Gedanken bringt, und seine Entdeckung Chopins. Selbst am Geburtstag schrieb Thomas Mann diszipliniert am folgenden XVIII. Kapitel weiter, in dem der Erzähler Zeitblohm resümiert, „dass er dis dato kein Weib berührt hatte, war und ist mir eine Unumstößliche Gewissheit. Die „Lusthölle“ erlebt Leverkühn noch als theologischen Terminus.

Dass der Tagebuchautor auch Buchhalter ist, wird bei der stolzen Aufzählung der Präsente deutlich: Blumentelegramme, an die er sich zuletzt noch erinnert, eine Schale, die Geburtstagspost. Katia Mann fuhr groß auf: Von der Erleichterung fürs Ankleiden im Schlafzimmer bis hin zu Süßigkeiten wird alles erwähnt – ein geradezu fürstlicher Geschenkereigen. Bemerkenswert ist, dass Mann sowohl französischen Champagner als auch Zigarren als eine Besonderheit erwähnt – nicht weil sie Luxusprodukte waren, sie wurden vielmehr auch im gut versorgten Kalifornien im letzten Kriegsjahr rar. Auch in diesem Detail steckt die Hoffnung auf ein Ende des Krieges, das Thomas Mann mit seiner Biographie koinzidieren sah. Die Befreiung der Champagne ließ nicht lange auf sich warten.
 
Thomas Mann: Tagebücher 1944-1946. Herausgegeben von Inge Jens. Frankfurt a. Main 1986, S. 63.
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