Blick ins Tagebuch
Wald, Lektüre und ein zurückgekehrter Lenbach
16.05.1936
Sonnabend den 16.V.36
Prächtiger Sommertag, Ostwind, üppige Wiesen, Bläue und Sonne, die noch nicht allzu schwer. Nahm die Arbeit am Roman wieder auf (Potiphar-Dudu). Ging allein mit Toby durch den Wald. Las nach Tische in dem Buche „Ich kann nicht schweigen“. Vorsatz, Stifter wieder zu lesen. – Rückkunft von Erikas Bild und K.’s Lenbach-Portrait, letzteres aufgefrischt und gerahmt. – Nach dem Thee Korrespondenz. Besuch des jungen österreichischen Schriftstellers Eggarter. Anschließend Briefdiktate, u.a. an die deutsche Freiheitsbücherei, Paris. – Abendessen mit K. allein. Nachher Lektüre in dem deutschen Buch. Welch ein Maß an Schurkerei! Das Buch ist gut für die Welt.
 
Der boshafte Zwerg Dudu spinnt Intrigen gegen den Patriarchen Potiphar, der ihn dafür hart bestraft und vor Gericht stellt. Thomas Mann schrieb Mitte Mai am 7. Hauptstück des dritten Buches seiner „Joseph-Tetralogie“, nachdem er einige Tage mit anderen Geschäften zugebracht hatte. Wie immer nutzte Thomas Mann die Morgenstunden zum Schreiben, dann fesselt ihn wieder eine Buchlektüre, die ihn auch dazu inspiriert haben mag, wieder einmal Adalbert Stifter zu lesen. Auch am Abend kommt er wieder auf das Anti-Nazi-Buch zurück, das er so eindrücklich empfiehlt. Tags darauf besucht er eine Martinee zugunsten von in KZ inhaftierten Menschen.

Kritiker haben Thomas Mann immer wieder vorgeworfen, er lebe wie ein Monarch mit Tagesprotokoll, Audienzen und Staatsgeschäften – und einer „Theestunde“. Audienz erhält in der Tat der Nachwuchsschriftsteller Fred Eggarter, der zu dieser Zeit vielversprechend produktiv war: zwei Romane und Erzählungen mit Zeichnungen von Alfred Kubin, der auch für Manns Texte illustriert hatte, konnte er vorweisen. Sonderlich Eindruck scheint der ambitionierte junge Mann nicht gemacht zu haben, dafür wird er allzu protokollartig abgefertigt. Andererseits werden auch größte Berühmtheiten, die Mann schätzte nicht porträtiert - im Tagebuch zählt eben das Akzidentielle.

Die deutsche Freiheitsbücherei in Paris stand unter dem Vorsitz von Bruder Heinrich Mann. Der Markt für Exilzeitschriften blühte. Tags zuvor erreichten Thomas Mann bereits einige Emigrantenzeitschriften. Er selbst verantwortete in Zürich die Zeitschrift „Mass und Wert“ mit, dessen Redakteur sein Sohn Golo war. Thomas Mann verbrachte viel Zeit mit Absagen und Überlegungen darüber, mit welchen Beiträgen er wessen Sache unterstützen wollte – die Emigrantenszene war geradezu sektiererisch partikular. Mann versuchte eine zu enge Zuordnung zu vermeiden, was bisweilen auch für die Publikationsprojekte seines Bruders galt.

Das Schicksal des aus der Münchner Villa am Herzogpark geretteten Lenbach-Porträts hat Thomas Mann nicht erahnen können. Das Erbstück des Ehepaars Mann fand nach dem Tod von Katia zunächst seinen Weg zu Golo und dessen Adoptivfamilie Beck-Mann in Leverkusen – Familienbesitz im weiteren Sinne also. Vor zwei Jahren tauchte das berühmte Bild, das für mehrere Buchcover als Vorlage dient, bei einem Arzt in Leverkusen auf, der es von seiner Patientin Ingrid Beck-Mann „geschenkt“ bekommen haben will. Ein sehr merkwürdiges Verständnis von Berufsethos. Nachdem die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" den Skandal aufgedeck hatte, wurde das Bild einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich: Vor kurzer Zeit wurde es erneut „aufgefrischt“ und fand einen neuen Platz – im Thomas Mann-Archiv der Eidgenössisch Technischen Hochschule Zürich, wo auch weite Teile des Nachlasses des Autors verwahrt werden. Dort begrüßt es nun den Besucher, der den zweiten Stock des Bodmer-Hauses betritt.
 
Thomas Mann: Tagebücher 1935-1936. Herausgegeben von Peter de Mendelssohn. Frankfurt: S. Fischer Verlag 1978, S. 302f.
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