Blick ins Tagebuch
Sommerliche Frühlingstage in Küsnacht
15.05.1936
Schönster Früh-Sommertag. Freude an dieser Jahreszeit, die schon die meiner Geburt.-Geschäfte, Korrespondenz. Den Vortrag mit Bermann. Haarwaschung. Mit K. um den Weiher. Russische Bücher [1] kamen, die Emigrantenzeitschriften und das interessante Buch eines Ex-Hitlermannes und erbitterten Wegbereiters: "Ich kann nicht schweigen". Nachmittags geschlafen. An Reisiger, Fiedler [2] u.a. geschrieben Endlose Briefdiktate u.a. an Knopf und v. Pick (Budapest) [3] in der Frage unserer Wohnung (Hatvanyi). - Exposee von Golo über die Humaniora [4] für Budapest [5]durchgearbeitet. - Bibi bestand mit Auszeichnung sein Lehrexamen, geigerisch; in den theoretischen Nebenfächern schnitt er schlecht ab. Abends keines Fest für ihn in Gegenwart des jungen Kayser, mit Champagner-Getränk. Hörten wieder die "Symphonie in blue", begabtes Stück von 1920, nach dem nichts mehr kam. Müde. Spät zu Bette.
 
Mit zwei Tagebuchnotaten aus dem Mai 1936 beginnt unsere neue Rubrik "Aus dem Tagebuch". Ihr Ziel ist es, die im Schatten des dichterischen Werkes stehenden Tagebücher einem breiten Publikum vorzustellen und zu erläutern.
Thomas Mann war ein wacher Beobachter des Zeitgeists wie seiner selbst, ein "blogger" in eigener Sache, dessen Tagebücher jedoch nicht für eine unmittelbare Öffentlichkeit kokettieren, die jedoch im Bewusstsein um den eigenen Stellenwert geschrieben wurden. In unregelmäßiger Folge erscheinen hier Notate mit einer Einordnung. Dadurch sollen besonders typische Züge Thomas Manns verdeutlicht und neue Verbindungen aufzeigen werden, die über die von Inge Jens herausgegebene Tagebuchausgabe in zehn Bänden hinausgehen. Sie sollen nicht in erster Linie den Dichter Thomas Mann vorstellen, sondern den fühlenden und denkenden Menschen in seinem Alltag und seiner Selbstwahrnehmung. Viel Vergnügen beim Lesen!

Warum ist uns das Wetter so wichtig? Wir notieren seinen Verlauf, weil unsere Psyche und unser Befinden auf die Jahreszeiten und Wetterläufte bezogen sind. Strahlend waren die prächtigen Sommertage, die Mann beschreibt. Die Erwähnung des nahenden Geburtstags zeugt von seinem Bewusstsein von dieser Verbindung zwischen dem eigenem Schicksal und den Zufällen des Wetters. Dass er zu dieser strahlenden Jahreszeit und fast zur Goethe'schen Mittagsstunde geboren wurde, erfüllt Thomas Mann mit Stolz.

Das Prominieren, der Kontakt zur Natur, ob allein oder in Begleitung, war für Thomas Mann keine Laune, sondern bestimmte den Tagesablauf. Der Weiher an der oberen Schiedhaldenstraße in Küstnacht am Zürichsee oder das Wäldchen ganz in der Nähe, das mit Hund Toby durchstreift wird, sind Erholungsziele, die im Tagebuch häufiger auftauchen. Drei Jahre nach der Flucht vor den Nationalsozialisten haben die Manns 1936 ein Haus an der Zürcher "Goldküste" gemietet, noch korrespondiert er mit dem Vermieter Bewegung an der frischen Luft bildet den Gegenpol zur dominierenden Tätigkeit: dem Lesen, Schreiben und Diktieren.

In diesen Maitagen war Thomas Mann gedanklich sehr mit Nazideutschland beschäftigt. Obwohl Emigrant forderten ihn nicht zuletzt seine Kinder auf, sich klarer von diesem Deutschland abzugrenzen, ja mit ihm ausdrücklich zu brechen - was jene bereits engagiert getan hatten. Sein erwähnter Verleger Gottfried Bermann Fischer bestand noch auf einer Veröffentlichung seiner Bücher im Deutschen Reich. Anlässlich eines Vortrags wollte Mann hierzu klare Worte finden. Tacheles sprach offenbar Walter Korrodi in seinem anonym bei dem Thomas Mann befreundeten Verleger Oprecht in Zürich erschienenen
autobiographischen Enthüllungsbuch "Ich kann nicht schweigen". Er berichtet detailliert von Machtergreifung, Reichstagsbrand und Röhm-Putsch, dessen Opfer der in die Schweiz emigrierte Korrodi um ein Haar auch geworden wäre. Denn er war ein aus der Freikorpsbewegung stammender glühender
Nationalsozialist, der jedoch auf der Liste stand und in seinem Buch auspackte. "Welch ein Maß an Schurkerei", so Thomas Mann, bei dem kein Zweifel über die Bestialität des Regimes bestanden hat.

Dann die Familie: Golo, der geschätzte Gesprächspartner und Redakteur, mit
dem er zahlreiche Texte durchsprach und der zu dieser Zeit fast als Sekretär des Vaters fungierte. Frau Katia half beim Briefdiktat, sei es an den amerikanischen Verleger Knopf, an den engen Freund, den Übersetzer und Erzähler Hans Reisinger. Der eigentliche Höhepunkt des Tages wird spät erwähnt: das bestandene Examen des 17-jähigen jüngsten Sohnes Michael am Konservatorium. Er hatte die Geigenklasse besucht und sollte als Konzert Violinist und -Bratschist reüssieren. Wie so häufig bei Thomas Mann ist gegenüber dem Sohn ein abschätziger Duktus zu erkennen: in der Kritik an dessen Intellekt beispielsweise.

Interessant zu wissen, dass auch im Hause Mann Champagner kein Alltagsgetränk war, sondern Festtagen vorbehalten blieb. Auf Michaels kleiner Party hat ein Junge besonders Eindruck auf den Hausvater gemacht: der Sohn von Rudolf Kayser, Kant-Biograph und Redakteur der "Neuen
Rundschau", für die Mann häufig schrieb. Und auch ein letztes Grundmotiv des Lebens von Thomas Mann scheint in dem kurzen Notat auf: die Musik. Dass Mann mit dem Titel patzt, ist kein Zufall, handelt es sich doch wohl um den symphonischen Jazz George Gershwins, die berühmte "Rhapsody in Blue" von 1924 - Musik, die eher wohl selten auf dem väterlichen Grammophon gespielt wurde. Auch der schönste sommerliche Frühlingstag geht einmal zu Ende und die Geschäftigkeiten kommen zum Erliegen: "Müde. Spät zu Bette."
 
Thomas Mann: Tagebücher 1935-1936. Herausgegeben von Peter de Mendelssohn. Frankfurt: S. Fischer Verlag 1978, S. 302
[1] Bei den russischen Büchern wird es sich wohl nicht um sowjetische Literatur gehandelt haben, sondern vielmehr um Klassiker russischer Literatur des 19. Jahrhunderts, die Mann liebte und teilweise in der Münchner Villa hatte zurücklassen müssen: Tschechow, Turgenjew, Tolstoi, Puschkin, Dostojewski.
[2] Kuno Fiedler war ein streitbarer evangelischer Theologe und Pädagoge, der seit der Zeit des Ersten Weltkriegs in Austausch mit Mann stand und die jüngste Tochter Elisabeth taufte. Fiedler emigrierte nach Graubünden, wo er als Seelsorger arbeitete.
[3] Bei dieser Person handelt es sich eventuell um Otto Pick, den Redakteur der "Prager Presse", die genaue Identität ist nicht geklärt.
[4] Der Vortrag hatte die Geisteswissenschaften zum Inhalt.
[5] Es handelt sich nicht um einen Vortrag Golo Manns, sondern um eine Ausarbeitung, die Thomas Mann in Budapest vorstellen wollte.
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